Länderreport

Erneuerbare Energien in Indien: Wie Khavda zum größten Energiepark der Welt wird

Mitten in der Salzwüste von Gujarat entsteht das größte Erneuerbare-Energien-Projekt der Welt. Indien investiert Hunderte Milliarden Dollar in Solar- und Windkraft – nicht nur fürs Klima, sondern auch für mehr Energiesicherheit und wirtschaftliche Stärke.
Von:  Andrzej Rybak
19.06.2026 | 6 Min.
Erschienen in: Ausgabe 06/2026
Windräder an der Autobahn von Madurai nach Rameshwaram im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu.
Windräder an der Autobahn von Madurai nach Rameshwaram im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu.
Foto: iStock

Die Sonne brennt unbarmherzig, das Thermometer zeigt über 50 Grad Celsius. Kein Baum weit und breit spendet Schatten. Die Luft flimmert, immer wieder glaubt man, Wasser in der Ferne zu sehen. Stattdessen tauchen Solarpaneele auf; sie bilden kilometerlange Reihen, die bis an den Horizont reichen. Dazwischen ragen riesige Windräder in den Himmel, ihre Rotoren bewegen sich langsam mit einem leisen Summen.

Kein Trugbild. Am Rande der Salzwüste von Kutch, in der westlichsten Ecke Indiens an der Grenze zu Pakistan, entsteht der größte Erneuerbare-Energie-Park der Welt. Auf einer Fläche von 538 Quadratkilometern – so groß wie der Bodensee – werden Millionen von Solarkollektoren installiert und Tausende Windräder errichtet. Sie haben insgesamt eine Kapazität von 30 Gigawatt (GW) – damit ließe sich ganz Belgien versorgen. Der erste Abschnitt mit einer Leistung von 10 GW wurde gerade fertiggestellt. Bis 2030 soll der Khavda Hybrid Renewable Energy Park vollständig ausgebaut sein.

Die Gegend wurde perfekt gewählt. Am Rande der Salzwüste leben nur wenige Menschen, und der Boden eignet sich nicht für die Landwirtschaft. Man trifft hier vor allem Soldaten, sie sichern die Grenze zu Pakistan. Somit war es für den Staat nicht schwer, die für das Projekt notwendigen Flächen bereitzustellen.

Indiens Weg zur globalen Ökostrom-Macht

In Indien findet eine grüne Revolution statt: Das Land soll zum erneuerbaren Powerhouse der Welt werden. Nirgendwo, mit Ausnahme Chinas, wird mehr Geld in die grüne Transformation investiert. Schon jetzt verfügen Indiens Erneuerbare-Energie-Anlagen über etwa 250 GW Leistung, das ist etwa die Hälfte der gesamten installierten Stromerzeugungskapazität. Bis zum Jahr 2030 will die indische Regierung die grüne Leistung auf 500 GW verdoppeln und den Anteil der erneuerbaren Energien am Strommix auf 70 Prozent erhöhen. Indiens Ziel: Netto-Null-Emissionen bis 2070.

Der Klimawandel ist kein Problem der Zukunft, seine Auswirkungen sind hier und jetzt zu spüren.“ Indiens Ministerpräsident Narendra Modi

Treibende Kraft hinter der grünen Revolution ist Ministerpräsident Narendra Modi. Vor seinem Amtsantritt im Jahr 2014 gab es in Indien nur einige kleine Solarparks mit einer Leistung von insgesamt 3 GW; heute sind es bereits 135 GW. Während Indien anfangs fast alle Solarkollektoren aus China importieren musste, verfügt das Land inzwischen über eigene Fertigungskapazitäten und kann Paneele mit einer Leistung von 100 GW pro Jahr produzieren. Damit ist Indien selbst zum Exporteur der Technologie geworden.

Modi sieht die Gefahren des Klimawandels, die sein Land bereits heute zu spüren bekommt. „Der Klimawandel ist kein Problem der Zukunft, seine Auswirkungen sind hier und jetzt zu spüren“, sagt der Ministerpräsident. „Die Zeit zu handeln ist deshalb jetzt.“ Sie beginnt mit dem Ausstieg aus fossilen Energiequellen.

Erneuerbare machen unabhängig

Erneuerbare Energie ist nicht nur deutlich billiger und zuverlässiger. Für Indien, das Öl und Gas überwiegend importieren muss, bietet sie mehr Autonomie und Unabhängigkeit. Diese Vorteile werden gerade jetzt besonders deutlich: Die Blockade der Straße von Hormus führt in Indien nicht nur zu explodierenden Ölpreisen, sondern auch zu einem Mangel an Industriegas. Indien will solche geopolitischen Risiken künftig minimieren.

Der Bau solcher Anlagen wie Khavda ist trotz aller staatlichen Hilfen ein logistischer Kraftakt. Das gesamte Baumaterial und die Anlagen müssen in diese entlegene Ecke des Landes transportiert werden. Als Drehscheibe gilt dabei der Hafen von Mundra. Weiter im Landesinneren mussten neue Zufahrtsstraßen gebaut oder bestehende verbreitert werden. Tausende Arbeiter wurden in anderen Landesteilen rekrutiert und nach Khavda gebracht. Sie leben dort in einem Containercamp.

Bauen auf schwierigem Terrain

Der Park soll die Naturkräfte möglichst effizient nutzen. Am Tag sollen Solarkollektoren mit einer Leistung von 20 GW den Großteil des Stroms erzeugen, in der Nacht – wenn eine steife Brise weht – sorgen die Windräder für grünen Strom. Zudem wird ein Batteriespeicher mit einer Kapazität von 1400 Megawatt (MW) gebaut, der den Sonnenstrom in den Abendstunden einspeisen soll. Das Projekt ist technisch anspruchsvoll. Der Boden ist instabil; nach starken Monsunregen kann er sich in einen Sumpf verwandeln. Tausende Pfeiler mussten in den Sand gerammt werden, um die 5,2-MW-Windräder zu stabilisieren. Die Türme sind 120 Meter hoch, die Rotorblätter länger als die Flügel eines Jumbojets.

Die Wüste weiß sich gegen das menschliche Wirken zu wehren. Die Gegend ist für ihre Sandstürme berüchtigt, die früher ganze Salzkarawanen in die Irre führten und heute die Solarkollektoren innerhalb von Minuten mit Sand bedecken können. Da Wasser in der Wüste knapp und sehr kostbar ist, mussten die Ingenieure ein automatisiertes System entwickeln, das die Kollektoren trocken reinigt.

Alles, was in Khavda installiert wird, entspricht dem neuesten Stand der Technik. Die doppelseitigen Solarkollektoren können auch das vom Boden reflektierte Licht nutzen und so zusätzliche Energie erzeugen. Und sie passen ihre Position je nach Sonneneinstrahlung an. Um den Strom aus Khavda ins nationale Netz einzuspeisen, mussten Hunderte Kilometer unterirdischer Kabel verlegt sowie neue Hochspannungsleitungen und Umspannwerke gebaut werden. Insgesamt soll Khavda 18 Milliarden Dollar kosten. Größter Investor und künftiger Betreiber ist die Adani-Gruppe, eine der größten indischen Wirtschaftsholdings.

Erneuerbare liefern günstige Energie

Indien hat sich nicht aus ideologischen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen für die Solarenergie entschieden.“ Kanika Chawla, Stabschefin der UN-Initiative Sustainable Energy for All

„Indien hat sich nicht aus ideologischen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen für die Solarenergie entschieden“, sagt Kanika Chawla, Stabschefin der UN-Initiative Sustainable Energy for All. „Die Transformation hin zu erneuerbaren Energien ist einfach gute Ökonomie.“ Anfangs gab es Zweifel und nur wenige private Investoren. Doch technologische Innovationen machten erneuerbare Energien – allen voran die Solarenergie – zu den günstigsten Energiequellen. „Heute wollen immer mehr Menschen in solche Projekte investieren.“

Für den bisherigen Ausbau hat Indien über 100 Milliarden Dollar investiert, schätzt Chawla. Dadurch wurden 300.000 Arbeitsplätze im Solarsektor geschaffen. Die Ergebnisse sind im Alltag spürbar: Häufige Stromausfälle, die Unternehmen große Probleme bereiteten, gehören zunehmend der Vergangenheit an. Auch Privathaushalte werden beim Ausbau von Solardachanlagen vom Staat unterstützt; hier ist die installierte Gesamtleistung inzwischen auf fast fünf GW gestiegen.

Schwimmende Solarparks als Antwort auf Flächenmangel

Um das ehrgeizige Ziel von 500 GW bis 2030 zu erreichen, müssen Investoren und Staat allerdings noch erhebliche Mittel aufbringen. Die indische Energiebehörde schätzt den Bedarf auf 450 bis 500 Milliarden Dollar. Da viele Projekte weit entfernt von urbanen Zentren liegen, müssen neben den Anlagen etwa 150.000 Kilometer an Stromleitungen gebaut werden.

Als größtes Problem nennen die Planer den Mangel an großen, zusammenhängenden Flächen. Bei einer Bevölkerung von 1,45 Milliarden Menschen ist das Land dicht besiedelt und stark landwirtschaftlich genutzt. Deshalb versuchen Ingenieure, neue Anlagen auch auf dem Wasser zu errichten. Es gibt bereits zwei schwimmende Solarparks in Telangana und Kerala mit jeweils 100 MW Leistung. Zurzeit wird auf einem Stausee in Madhya Pradesh ein schwimmender Park gebaut, der eine Kapazität von 600 MW haben soll. In Omkareshwar werden ebenfalls doppelseitige Kollektoren installiert, die reflektiertes Licht vom Wasser nutzen. Die Anlagen sind mit Seilen am Boden verankert. Das Wasser kühlt die Module, was deren Effizienz steigert und die höheren Baukosten kompensieren kann.

Abschied von der Kohle

Indiens grüne Revolution wird die Luftqualität in den Städten verbessern – noch werden fast 60 Prozent des Stroms aus Kohle gewonnen. Auch der Verkehr muss neu gedacht werden. In den vergangenen Jahren wurden in vielen Städten Metrolinien gebaut. Gleichzeitig steigt mit der wachsenden Mittelschicht die Zahl privater Fahrzeuge. Derzeit sind landesweit rund 50 Millionen Autos und Lastwagen sowie 300 Millionen Motorräder und Rikschas registriert. Viele davon erfüllen keine modernen Umweltstandards.

Auch deshalb verbieten manche Städte Benzin-Rikschas in Innenstädten und fördern so den Umstieg auf elektrische Modelle. Auch die Zahl der Neuzulassungen von Elektroautos steigt. Um sie zu versorgen, werden weitere große Erneuerbare-Energie-Parks notwendig sein.

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Windräder an der Autobahn von Madurai nach Rameshwaram im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu.
Foto: iStock