Innovationen

Höhenwind und Wellengang: Daran forscht die Windindustrie

An Land recken sich die Windkraftanlagen in immer luftigere Höhen, während Offshore-Plattformen schwimmen lernen. Ein Überblick über vielversprechende technische Konzepte für die Windenergie von morgen.
15.09.2026 | 6 Min.
Erschienen in: Ausgabe 09/2026
Baustelle: Unweit von Schipkau entsteht derzeit das höchste Windrad der Welt. Nabenhöhe: rund 300 Meter.
Baustelle: Unweit von Schipkau entsteht derzeit das höchste Windrad der Welt. Nabenhöhe: rund 300 Meter.
Foto: GICON

Knapp 165 Meter ragt der Gittermast im Windpark bei Schipkau, 30 Kilometer südwestlich von Cottbus, in die Höhe. Bereits in einigen Wochen soll die dann höchste Windkraftanlage der Welt Strom erzeugen. „Im November nehmen wir den Turm in Betrieb“, sagt Jochen Großmann, Geschäftsführer der Dresdener Gicon-Gruppe. Dann soll die mit einer 3,8-Megawatt-Turbine bestückte Anlage zwei Drittel mehr Strom erzeugen als ihre halb so hohen Nachbarn. Für die hohe Effizienz sorgt der starke, gleichmäßige Höhenwind ohne Windschatten.

Der Bau ist ambitioniert. Mit herkömmlicher Krantechnik lässt sich eine Nabenhöhe von 300 Metern kaum erreichen. Schon gar nicht zu vertretbaren Kosten. Daher setzen die Entwickler um Ingenieur Großmann auf eine Art Teleskopprinzip. Der Gittermast bietet in seinem Inneren Platz für ein zweites, schlankeres Turmsegment. Darauf werden zuerst Gondel und Rotorblätter installiert. „Dann schieben wir den inneren Turm mit Turbine und Flügeln nach oben“, so Großmann. Sicherheit sei dabei wichtiger als Tempo. „Wir gehen kein Risiko ein. Falls Herbststürme toben sollten, unterbrechen wir.“

Noch ist offen, ob der Sprung in bisher unerreichte Höhen der Onshore-Windkraft mehr Schwung verleihen wird. Großes Potenzial sieht die Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind) und fördert die Baukosten mit 25 Millionen Euro. „Wenn es sich rechnet, könnte es eine vielversprechende Geschichte werden“, sagt Andreas Reuter, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Windenergiesysteme (Iwes) in Bremerhaven.

Bis zu 1000 Höhenwindräder

„Mit unserem Prototyp sind wir noch nicht im Markt“, räumt Großmann ein. Er ist aber zuversichtlich, dass im Lauf des kommenden Jahrzehnts bis zu 1000 Höhenwindräder installiert werden könnten. Konkret fasst er zunächst fünf Anlagen der Acht-Megawatt-Klasse als Pilotwindpark sowie anschließend etwa 100 Anlagen ins Auge. Da sie in bereits bestehenden Windparks gebaut werden sollen, könnten sich eventuelle Probleme mit der Akzeptanz in Grenzen halten.

„Forschungsfreundlich sind wir hierzulande auf jeden Fall“, sagt Großmann. Doch beim Übergang in den Markt hinke man hinterher. Anders als Deutschland und Europa nutzten China und die USA ihre großen Binnenmärkte, um aus Prototypen schneller marktreife Anlagen zu entwickeln und dann in den Weltmarkt zu bringen. Dabei seien auch Fehler erlaubt.

Schwimmenden Plattformen für größere Wassertiefen aus China

Eine ähnliche Strategie verfolgte China bereits bei der Entwicklung und Fertigung von Solarmodulen. Parallelen finden sich heute bei Offshore-Windkraftanlagen mit 20 Megawatt Leistung und mehr. Von Goldwind über Dongfang Electric bis Ming Yang Smart Energy erproben chinesische Unternehmen ihre Offshore-Riesen unter realen Bedingungen auf dem Meer. In Europa ist lediglich Siemens Gamesa in dieser Leistungsklasse vertreten. Seinen 21,5-Megawatt-Prototyp SG 21-276 DD mit 276 Meter Rotordurchmesser testet das Unternehmen derzeit im dänischen Østerild. Aber man wolle erst zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden, ob es zu einem wirtschaftlichen Produkt weiterentwickelt werden könne. Besonders spektakulär klinkte sich Ming Yang Smart Energy vor zwei Jahren in den Offshore-Sektor mit schwimmenden Plattformen für größere Wassertiefen ein.

Multirotor-Anlagen haben eine extrem komplexe Strukturdynamik.“ Andreas Reuter, Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme
Der Prototyp Ocean X kombiniert zwei 8,3-Megawatt-Turbinen – in V-Form angeordnet – auf einer Plattform. Das Konzept hat seinen Ursprung allerdings nicht in China, sondern in Büdelsdorf bei Aerodyn Engineering. Nezzy² nannte sich ein erster, etwa neunmal kleinerer Prototyp, der die Stabilität und Seetauglichkeit der V-Konstruktion belegte und 2014 vorgestellt wurde. Aktuelle Betriebsdaten zum Ocean-X-Testbetrieb verrät Ming Yang nicht. Klar ist indes: „Solche Multirotor-Anlagen haben eine extrem komplexe Strukturdynamik“, sagt Iwes-Experte Reuter. Denn beide Rotoren beeinflussen sich wechselseitig über die Plattform. „Ich kann mir vorstellen, dass dabei große Probleme auftreten“, so Reuter. Das hält das chinesische Unternehmen freilich nicht davon ab, bereits die nächste Ocean-X-Version anzukündigen. Zwei 25-Megawatt-Turbinen sollen zu einer 50-Megawatt-Plattform vereint werden. Noch ist unklar, wann eine solche Anlage erstmals gebaut wird.

Einen völlig anderen Ansatz für schwimmende Windkraftanlagen verfolgt das von der EU geförderte Projekt Verti-Go. Die Anlage mit senkrechter Drehachse nutzt Wind aus allen Richtungen. Mit gerade einmal zwei Megawatt Leistung soll sie ab 2029 auf offener See unter Federführung des schwedischen Unternehmens Sea Twirl und des University College Cork in Irland erprobt werden. Die Entwickler erwarten dank eines tief liegenden Schwerpunkts eine höhere Seefestigkeit mit einem leichten und zugleich günstigeren Schwimmkörper. Kostenvorteile könnten zudem in einem geringen Wartungsaufwand liegen, denn Offshore-Reparatureinsätze sind sehr kostspielig.

Windenergie erfindet Elektrotechnik quasi neu

So sticht die Floating-Technik – Offshore-Windkraft auf schwimmenden Fundamenten – derzeit mit den ungewöhnlichsten Entwicklungen heraus. Lässt dagegen auf den etablierten Windkraftsektoren – an Land und auf dem Meer – die Innovationsfreude nach? „Ganz und gar nicht“, sagt Reuter. Eine besonders starke Dynamik sieht er in der Regelungstechnik von Windkraftanlagen. Je mehr sie leisten, desto anspruchsvoller ist die Kontrolle über die fluktuierenden Stromflüsse. So muss bei der Einspeisung die Stabilität des Stromnetzes garantiert und die Frequenz möglichst exakt bei 50 Hertz gehalten werden. „Dazu wird gerade unter hohem Zeitdruck entwickelt“, sagt Reuter. Oft müssen zwei bis drei Jahre Vorlauf ausreichen, bis die optimierten Prozesse eingesetzt werden sollen. Damit das zuverlässig funktioniere, werde die Elektrotechnik quasi neu erfunden.

Berechnungen und Simulationen am Computer reichen für die immer ausgefeiltere Regelungstechnik nicht aus. Testläufe in riesigen Prüfhallen sind nötig, um etwa Offshore-Windparks mit standardisierten Prozessen an eine Hochspannungsgleichstromübertragungsleitung (HGÜ) anschließen zu können. In Bremerhaven entsteht dazu im Projekt Engel (Emulated Nacelle Grid Testing Laboratory) ein weltweit einmaliges Testlabor, um zukünftige Anlagen mit bis zu 30 Megawatt Leistung ins Stromnetz integrieren zu können. „Das haben selbst die Chinesen nicht. Da sind wir weltweit Spitzenreiter“, so Reuter.

Ein weiteres Beispiel im Iwes-Portfolio ist das Projekt Next Gen, in dem ein neuer Generatortyp für Windkraftanlagen mit direkt angetriebenem Rotor entwickelt wird. Die ausgeklügelte Anordnung der elektromagnetischen Komponenten ermöglicht leichtere Generatoren bei zugleich höheren Wirkungsgraden. Mit bis zu 90 Prozent weniger Material als in aktuellen Maschinen mit Direktantrieb ließen sich Größe und Gewicht der Generatoren deutlich reduzieren.

Hoffnung auf grünen Offshore-Wasserstoff

Noch vor wenigen Jahren herrschten große Hoffnungen auf günstigem, grünem Wasserstoff aus Offshore-Windstrom. Doch Unsicherheiten bei Nachfrage und Regulatorik, hohe Preise sowie fehlende Investitionen haben die Entwicklung stark ausgebremst. Immerhin konnte das deutsche Leitprojekt H2 Mare Ende 2025 erfolgreich abgeschlossen werden.

Die Pilotanlage auf einer Plattform vor Helgoland kombinierte Windräder mit einem Elektrolyseur, nutzte eine Anlage zur Meerwasserentsalzung und produzierte aus Kohlendioxid klimafreundliche Flüssigtreibstoffe: sogenannte E-FuelsSynthetische Kraftstoffe (daher auch Synfuels genannt), die mithilfe von Strom aus Wasser und CO2 erzeugt werden.Synthetische Kraftstoffe (daher auch Synfuels genannt), die mithilfe von Strom aus Wasser und CO2 erzeugt werden.. Das Ergebnis: die Kombination aus Wind und Elektrolyse ist technisch machbar. Doch in diesem Sommer wurde die Anlage in ihre Komponenten zerlegt und wieder nach Bremerhaven verschifft. Dagegen hat die niederländische Pilotanlage des Projekts Poshydon – 13 Kilometer vor der Küste – im Juli 2026 ihren Betrieb aufgenommen. Mit Strom aus einem benachbarten Offshore-Windpark wird Meerwasser entsalzen und mit einer Ein-Megawatt-Elektrolyse Wasserstoff erzeugt. Wie viel dieser grüne Wasserstoff kostet, wird der Testbetrieb in den kommenden Monaten zeigen.

Die zusätzliche Meerwasserentsalzung und deren Wartung fielen damit komplett weg.“ Mirjam Perner, Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung
Eine Prognose, wann grüner Wasserstoff aus Offshore-Windstrom wettbewerbsfähig wird, ist aus heutiger Sicht kaum möglich. „Dafür brauchen wir viel Geduld“, sagt Iwes-Experte Reuter. Diese Zeit will Mirjam Perner vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel nutzen. Mit ihrem Team sucht sie im Meerwasser und in Sedimenten nach Mikroben, um mit ihnen die Elektrolyse zu optimieren. Die Idee: Mit Unterstützung der Mikroorganismen nutzt ein Elektrolyseur Salzwasser zur Gewinnung von Wasserstoff. „Die zusätzliche Meerwasserentsalzung und deren Wartung fielen damit komplett weg“, erläutert Perner. Bis 2028 soll im Rahmen des Projekts Salysase ein erster, noch sehr kleiner Demonstrator entstehen. Aus heutiger Sicht liegt die biokatalytische Salzwasser-Elektrolyse noch in ferner Zukunft. „Doch falls wir die passende Mischung an Mikroben entdecken“, gibt sich Perner zuversichtlich, „kann es auch ganz schnell gehen.“

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