Die Energiewende gilt als das zentrale Menschheitsprojekt des 21. Jahrhunderts – und sie steht an einem Wendepunkt. Solar- und Windkraft sind integrale Bestandteile der Stromversorgung, doch sie allein werden nicht genügen, um in den kommenden Jahrzehnten den weltweiten Energiehunger klimaneutral zu stillen. In den Laboren von Forschungsinstituten, Konzernen und Startups ebenso wie bei den führenden Weltraumorganisationen arbeitet eine neue Generation von Ingenieurinnen, Physikern und Materialforschern an der nächsten Welle fossilfreier Technologien. Sie entwickeln Methoden, die noch vor Kurzem wie Science-Fiction geklungen hätten:
- Solarenergie, die aus dem Orbit per Mikrowelle zur Erde gestrahlt wird
- Windkraftwerke, die in den Höhenströmen der Atmosphäre schweben
- Beton, der Strom speichert
- Geothermie, die Energie aus der Tiefe holt und Treibhausgase bindet
Getrieben wird diese Entwicklung nicht nur von den Klimazielen, sondern auch von geopolitischen Realitäten – im Fokus dabei vor allem Europas Abhängigkeit von Energieimporten, der Druck wachsender Schwellenländer sowie der Wettlauf um grüne Industrien. Politisch kippt der Diskurs dabei von der bloßen Dekarbonisierung hin zu Themen wie Energieautonomie und Rohstoffsouveränität. Über allem steht die Frage: Wie lässt sich Energie künftig überall, jederzeit und ohne fossile Grundlage erzeugen und speichern? Welche Ideen derzeit an der Schwelle vom Labor zur Anwendung stehen und welche Verfahren womöglich das Rückgrat der kommenden Energiewende bilden, zeigt der folgende Überblick über den Stand der Forschung und Entwicklung.
Weltraumgestützte Solarkraft: teuer aber effektiv
Verschriftlicht hat den Traum von orbitaler Solarkraft erstmals der US-Autor Isaac Asimov im Jahr 1941 – in seiner Science-Fiction-Kurzgeschichte „Reason“. Darin versorgt eine Raumstation die Erde über Mikrowellen mit Sonnenenergie. Seit Anfang der 2000er Jahre arbeiten die führenden Raumfahrtnationen, allen voran die USA, China und Japan, tatsächlich an konkreten Forschungen zu weltraumgestützter Solarkraft.
Rund die Hälfte der Sonnenenergie geht auf ihrem Weg durch die Erdatmosphäre verloren, weil ein Teil des Lichts reflektiert oder absorbiert wird. Weltraumbasierte Solarkraftwerke könnten dieses Defizit umgehen: Sie fangen das Sonnenlicht mit Solarpaneelen jenseits der Atmosphäre ein, wandeln es dort in Mikrowellen um und senden die Energie gebündelt an Empfangsstationen auf der Erde. So ließen sich sowohl atmosphärische Verluste als auch die tageszeitlichen Schwankungen durch die Erdrotation vermeiden. Der Preis dafür wäre laut aktuellen Studien der US-Weltraumbehörde Nasa allerdings enorm hoch – Aufbau und Betrieb solcher geostationären Solarsatelliten würden Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe erfordern.
Erste Pilotprojekte gibt es bereits: Das U.S. Naval Research Laboratory startete 2023 einen Satelliten, der mit einem Laser etwa 1,5 Watt übertrug – allerdings legte der Strahl weniger als zwei Meter zurück, und das System hatte einen Wirkungsgrad von lediglich elf Prozent. Ein Team am California Institute of Technology, besser bekannt als Caltech, schloss Anfang 2024 eine Mission ab, bei der ein Satellit im erdnahen Orbit zum Testen von Dünnschicht-Solarzellen, flexiblen Mikrowellen-Stromkreisen und einem kleinen zusammenklappbaren Entfaltungsmechanismus eingesetzt wurde. Und die Europäische Weltraumorganisation (ESA) stellte 2022 ein eigenes weltraumgestütztes Solarenergieprogramm namens Solaris vor. Das Ziel des Programms bestehe jedoch nicht darin, ein Kraftwerk für den Weltraum zu entwickeln, betont der Direktor des Programms, Sanjay Vijendran. Mit dem rund 60 Millionen Euro teuren Programm solle erst einmal herausgefunden werden, „ob Solarzellen, Gleichstrom-Hochfrequenz-Wandler, Montageroboter, strahlungssteuernde Antennen und andere unverzichtbare Technik in den kommenden zehn bis 20 Jahren so weit verbessert werden können, dass Solarenergie im Weltraum realisierbar und wettbewerbsfähig wird“.
Geothermische Energie: saubere, konstante und erneuerbare Elektrizität und Wärme
Neben der Sonne ist das Erdinnere eine naheliegende Energiequelle, mit beinahe unendlichem Potenzial: Geothermische Energiesysteme nutzen das Erdwärmepotenzial in tiefen, normalerweise nicht durchlässigen Gesteinsschichten – etwa durch hydraulische oder chemische Stimulation. Bislang war die Nutzung geothermischer Energie auf Standorte mit ausreichender Untergrundwärme und Flüssigkeitsströmung beschränkt. Verbesserte geothermische Systeme (Enhanced Geothermal Systems, EGS) ermöglichen die Nutzung von Geothermie in vielen weiteren Gebieten, indem sie die Durchlässigkeit des Untergrunds verbessern und die Fließkraft der unterirdischen Wasseradern erhöhen, aus denen die Wärmeenergie gewonnen wird.
Gezeiten- und Wellenenergie: günstiger Strom ab 2030
Zementbasierte Elektroden: alternative Speicher
Am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston wurden Experimente mit leitfähigem Beton jüngst erfolgreich abgeschlossen. Forschende nutzten eine Form von pulverförmigem Kohlenstoff – bekannt als Carbon Black –, der seit der Antike als schwarzes Pigment verwendet wird. Dieses Material ist billig, weltweit verfügbar und zudem hochleitfähig. In der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences rechnete das MIT-Forschungsteam in der Folge aus, dass mit einem Betonvolumen von 45 Kubikmetern Carbon-Black-Zement – etwa die Menge, die für das Fundament eines durchschnittlichen Wohnhauses benötigt wird – rund zehn Kilowattstunden Energie gespeichert werden könnte. Das entspräche dem Strombedarf eines typischen Haushalts für einen Tag.
Eisen-Luft-Batterie: Strom aus Rost
Forschende am Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (Umsicht) und an der Hochschule Ruhr West arbeiten im Projekt Elustat an der Weiterentwicklung dieser Batterietechnik. Sie stellen kohlenstofffreie Luftelektroden auf Nickelbasis her, die nicht korrodieren, und untersuchen Elektrolytzusätze, die eine unerwünschte Wasserstoffbildung beim Laden vermeiden sollen. Zudem prüfen sie, ob sich recycelte eisenhaltige Industrieabfälle für die Elektrodenfertigung nutzen lassen. Ziel: eine kostengünstige, ressourcenschonende und langlebige Alternative zu Lithium-Ionen-Speichern – „eine Batterie, die buchstäblich aus Rost Energie gewinnt“, wie Marvin Kosin aus der Abteilung Elektrochemische Energiespeicher bei Fraunhofer Umsicht betont.