neue energie: Nach gut 100 Tagen schwarz-roter Koalition wird es Zeit für ein erstes Fazit. Welche Schulnote würden Sie der neuen Bundesregierung geben?
Johannes Overbeck: Die derzeitige Regierung hat sich klar zu den erneuerbaren Energien und den bestehenden Ausbauzielen bekannt – das ist ein positives Zeichen. Gleichzeitig halte ich es für essenziell, dass die Politik auch in Zukunft für Kontinuität und Stabilität sorgt. Genau das hat den deutschen Markt in der Vergangenheit stark gemacht. Für die Industrie ist diese Verlässlichkeit von zentraler Bedeutung. Sie zu bewahren, ist entscheidend für die kommenden Jahre. Und auch im internationalen Vergleich stehen wir mit dem, was wir als Land tun und bereits getan haben, gar nicht so schlecht da.
ne: Im internationalen Vergleich kommt der Erneuerbaren-Ausbau in Deutschland also gut voran?
Dennoch sind wir bei Qualitas Energy davon überzeugt, dass sich die Erneuerbaren nicht allein aus politischen Gründen durchsetzen, sondern weil sie wettbewerbsfähig sind und es auch bleiben werden. Sie sind aus dem globalen Stromangebot nicht mehr wegzudenken. Diesen Trend beobachten wir in vielen Märkten. Die Erneuerbaren stehen inzwischen auf eigenen Beinen.
ne: In Deutschland projektieren Sie aktuell mehr als 100 Windparks. Was sind die Schlüsselfaktoren für Ihren Erfolg?
Overbeck: Für uns sind das im Wesentlichen zwei Punkte. Zum einen haben wir eine Art Hybridstruktur: Wir bringen die Kapitalstärke eigener Fonds mit, mit dem Vorteil einer großen Finanzkraft, die wir in unsere Projekte investieren. Gleichzeitig agieren wir als ganzheitlicher Projektentwickler mit einem eingespielten Expertenteam, das sämtliche Kompetenzen entlang der gesamten Wertschöpfungskette vereint – von der Akquise über Entwicklung, Genehmigung, Bau und Betrieb bis hin zum Energy Management und RepoweringAustausch älterer EE-Anlagen durch moderne Anlagen zur Leistungssteigerung am gleichen Standort.. Diese Kombination aus finanziellen und internen Ressourcen ist für uns und für die Anzahl unserer Projekte auf dem Markt von entscheidender Bedeutung.
Der zweite Punkt ist unsere starke regionale Aufstellung. Wir haben zwar unseren deutschen Hauptsitz in Berlin, arbeiten aber nicht nur von dort aus. Mit sechs Büros in ganz Deutschland versuchen wir, tief in die jeweiligen Gemeinden und Projektstandorte einzutauchen und die Menschen vor Ort aktiv einzubeziehen. Denn wir sind fest davon überzeugt, dass die Energiewende nur mit der Akzeptanz vor Ort erfolgreich sein kann.
ne: Merken Sie denn, dass sich die Akzeptanz der Menschen vor Ort zum Positiven verändert?
Overbeck: Ja, schon. Das merken wir bei RepoweringAustausch älterer EE-Anlagen durch moderne Anlagen zur Leistungssteigerung am gleichen Standort.-Projekten. Wo die Menschen schon positive Erfahrungen mit Windenergie haben, sind sie tendenziell aufgeschlossener für neue Parks. Aber wir glauben, dass wir mit authentischer Arbeit vor Ort alle Menschen mitnehmen können.
ne: Abgesehen von der Akzeptanz: Wo liegen aktuell aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen beim Ausbau der Windenergie?
Overbeck: Die bürokratischen Hürden sind nach wie vor hoch. Genehmigungsverfahren dauern viel zu lange. Wir bräuchten dringend digitale Prozesse und schnellere Entscheidungen. Das würde dem ganzen System zugutekommen und, ohne viel zu kosten, die Beschleunigung der Energiewende erheblich vorantreiben. Ein weiteres Thema ist die Flächenverfügbarkeit. Das Zwei-Prozent-Ziel ist noch nicht flächendeckend umgesetzt. Es bestehen immer noch Konflikte zwischen verschiedenen Interessen wie Landwirtschaft, dem Natur- und Artenschutz und der Windenergie. Zusätzlich gibt es, bedingt durch die gestiegene Projektanzahl, natürlich Druck auf die Lieferketten. Und nach wie vor haben wir das Problem des Fachkräftemangels. Für uns ist es daher weiterhin ein wichtiger Vorteil, ein so großes und kompetentes Team zu haben. Denn der Markt ist umkämpft, und es ist alles andere als leicht, gute Leute zu finden.
ne: Welche Weichen muss die Politik jetzt stellen, um diese Herausforderungen angehen zu können?
Overbeck: Die aktuellen Ausschreibungsergebnisse sind ein großer Erfolg, nicht nur für die Branche, sondern auch für die Politik. Doch wenn man sich die Zahlen für den nötigen Ausbau ansieht – nämlich nahezu eine Verdopplung der Kapazität – wird klar, dass das noch ein sehr großes und ambitioniertes Unterfangen ist. Die Ausbauziele sind so ehrgeizig, dass wir uns keine Experimente erlauben können. Daher ist es entscheidend, dass wir das Tempo beibehalten und den eingeschlagenen Weg konsequent weiterverfolgen.
Momentan läuft es gut und im Sinne des Systems, aber wir dürfen das nicht als selbstverständlich ansehen. Es braucht weiterhin die Bereitschaft, große Summen zu investieren. Um dieses Kapital für den deutschen Markt zu gewinnen, ist eine frühzeitige und langfristige Planungssicherheit das A und O. Wir treffen unsere Investitionsentscheidungen schon jetzt für mehrere Jahre im Voraus. Und dafür ist ein verlässlicher Rahmen, den die Politik setzt, unverzichtbar.
ne: Welche Top-3-Trendthemen sehen Sie dieses Jahr auf der Messe Husum Wind?
Overbeck: Ausschreibungen sind ein wichtiges Thema im aktuellen Umfeld. Dann die Lieferketten, aber auch neue Technologien im Bereich Batteriespeicher. Es bleibt sicherlich spannend, wie es da weitergeht. KI wird erwartungsgemäß eine große Rolle in allen Bereichen spielen. Die Erneuerbaren machen da keine Ausnahme. Die Möglichkeiten für den Einsatz sind schon da, nicht nur bei der Betriebsführung.
