- Die internationalen Windturbinenhersteller ziehen Konsequenzen aus den Krisenjahren: Statt eines Wettlaufs um immer größere Anlagen stehen heute Standardisierung, Qualität, Service und profitables Wachstum im Mittelpunkt.
- Nordex, Enercon und Vestas konnten ihre wirtschaftliche Lage 2025 deutlich verbessern. Siemens Gamesa kämpft dagegen weiterhin mit hohen Verlusten, insbesondere im Offshore-Geschäft, während GE Vernova seine Strategie grundlegend neu ausrichtet.
- Der globale Wettbewerb verschärft sich: Chinesische Hersteller profitieren von ihrem riesigen Heimatmarkt und bauen ihre Präsenz in Asien sowie zunehmend auch in Südamerika aus.
- Politische Rahmenbedingungen gewinnen an Bedeutung. Lokalisierungsvorgaben in Indien, die Offshore-Politik der US-Regierung und regulatorische Unsicherheiten in Europa beeinflussen Investitionen und Marktchancen erheblich.
- Für die Branche entscheidet künftig weniger die größte oder leistungsstärkste Turbine über den Erfolg als die Fähigkeit, Technologie, Fertigung, Lieferketten und Service wirtschaftlich und zuverlässig zu beherrschen.
Ende Mai gab es in Salzbergen Grund zu feiern: Seit 30 Jahren fertigt das Werk von GE Vernova dort Maschinenhäuser, Antriebsstränge, Naben und viele weitere Komponenten für Windenergieanlagen (WEA) und liefert sie an Betreiber in aller Welt. Eine Erfolgsgeschichte? Nun ja. Die Windsparte des US-Unternehmens schreibt Verluste. „Die aktuelle Situation haben wir selbst mitverursacht“, sagt Dimitri Schneider, Geschäftsführer des deutschen Windgeschäfts von GE Vernova, „weil wir viel zu schnell neue Plattformen auf den Markt gebracht und uns an einem ungesunden Wettrennen in der Branche beteiligt haben.“ Dadurch seien die Preise unter Druck geraten, worunter letztlich auch die Qualität gelitten habe.
In Salzbergen unweit von Rheine heißt die Antwort darauf: mehr Standardisierung, mehr Erfahrung aus dem laufenden Betrieb, bessere Modellpflege. Gemeint sind robuste, vielfach erprobte Plattformen, die das Unternehmen nicht bei jeder Ausschreibung grundlegend verändert, sondern schrittweise weiterentwickelt. Möglichst viele Komponenten sollen gleich bleiben, kundenspezifische Anpassungen erfolgen erst spät während der Fertigung. Lieferfähigkeit, Service und Finanzierungssicherheit rücken stärker in den Fokus. Rotordurchmesser und Nennleistung verlieren ihre Rolle als wichtigste Verkaufsargumente.
Die Turbinenhersteller-Branche sortiert sich neu
Ob diese Strategie aufgeht, ist nicht nur für GE Vernova wichtig. Das Unternehmen steht exemplarisch für eine Branche, die sich gerade neu sortiert. Einerseits sollen und wollen die Turbinenhersteller den Ausbau der Windenergie vorantreiben, andererseits müssen sie verlässlich liefern, über viele Jahre den Service sichern können und dabei profitabel arbeiten.
Der Spagat ist anstrengend. Jahrelang trieben Hersteller und Projektierer einander zu immer größeren Turbinen. Mehr Leistung pro Anlage sollte Flächen effizienter nutzen, Genehmigungen erleichtern und Stromgestehungskosten senken. Das Tempo war hoch, bisweilen zu hoch. Neue Plattformen kamen auf den Markt, bevor genug Betriebserfahrung vorlag. Zugleich schlossen Hersteller Verträge zu Preisen, die steigende Material-, Transport- und Finanzierungskosten kaum auffangen konnten. Als infolge geopolitischer Krisen die Lieferketten rissen, die Inflation die Kalkulationen veränderte und zudem Qualitätsprobleme auftraten, gerieten einige Hersteller unter Druck. Besonders hart traf es jene mit großen Offshore-Aufträgen und komplexen Plattformen. Seither klingt der Ton nüchterner: Nicht die nächste Rekordmaschine entscheidet über den wirtschaftlichen Erfolg, sondern die Fähigkeit, Technik, Fertigung, Logistik und Service beherrschbar zu halten.
Nordex setzt auf Preisdisziplin
Diese neue Nüchternheit übersetzt Nordex inzwischen in schwarze Zahlen. Der Hamburger Konzern hat sich komplett auf Onshore-Wind fokussiert und 2025 deutlich besser abgeschnitten als in den Jahren zuvor. Der Umsatz stieg stark auf 7,55 Milliarden Euro, die EBITDA-Marge verdoppelte sich auf 8,4 Prozent. Für dieses Jahr rechnet Nordex mit deutlich mehr als acht Milliarden Euro Umsatz und einer EBITDA-Marge von acht bis elf Prozent.
Klarheit im Geschäftsmodell als wichtiger Baustein für stabile Margen
Der Onshore-Fokus hilft. Auf Basis von 40 Jahren Erfahrung in dem Sektor könne Nordex Produktentwicklung und Service gezielter vorantreiben, sagt Blanco. Diese Klarheit im Geschäftsmodell sei „ein wichtiger Baustein für stabile Margen“. Der deutsche Markt ist für ihn „ein Schlüsselmarkt, weil Volumen, technische Anforderungen und Repowering-Potenzial zusammenkommen“. Gefragt seien effiziente und zuverlässige Anlagen, zugleich würden in den kommenden Jahren viele ältere Standorte neu geplant.
Enercon weiterhin auf Wachstumskurs
Enercon aus Aurich meldete für 2025 ein Umsatzplus von rund 40 Prozent auf knapp sechs Milliarden Euro. Nach neu in Betrieb genommener Leistung kommt das Unternehmen in Deutschland auf 28,8 Prozent Marktanteil und liegt damit knapp hinter Nordex und Vestas. Nach Stückzahl führten die Auricher den hiesigen Markt mit 313 installierten Anlagen sogar an. Einen wesentlichen Anteil daran hat die Turbine E-175 EP5 E2 mit bis zu sieben Megawatt Leistung und 175 Meter Rotordurchmesser. Die für 2026 geplanten Liefermengen sind laut Unternehmensangaben bereits verkauft. Benjamin Seifert, Executive Vice President Business Unit Regions, sieht das Unternehmen „weiterhin auf Wachstumskurs“. Die aktuellen Auftragseingänge seien auch ein Ergebnis positiver politischer Weichenstellungen. Entscheidend sei nun, den regulatorischen Rahmen weiterzuentwickeln, „um die Ausbaudynamik nicht zu gefährden“.
Außerhalb Europas folgt der Wettbewerb der Windturbinenhersteller keiner einheitlichen Logik. Klar ist: Der wichtigste Markt bleibt China. Dort wurde 2025 der mit weitem Abstand größte Teil des weltweiten Zubaus notiert. Herstellern wie Goldwind, Envision, Mingyang und Sany erlaubt der Heimatmarkt eine Skalierung, die westliche Anbieter kaum erreichen. Die chinesischen Unternehmen bauen große Serien, entwickeln eigene Lieferketten und sammeln Referenzen in einer Größenordnung, die europäischen und US-amerikanischen Herstellern fehlt.
Indien zählt zu den wichtigsten Wachstumsmärkten, verlangt ausländischen Herstellern allerdings erhebliche Anpassungen ab. Neue Regeln schreiben lokale Beschaffung zentraler Komponenten vor, darunter Rotorblätter, Türme, Generatoren, Getriebe und Lager. Betriebsdaten müssen im Land gespeichert werden, Echtzeit-Datenübertragungen ins Ausland sind eingeschränkt. Davon profitieren heimische Hersteller wie Suzlon, Inox Wind oder Adani Wind.
Siemens Gamesa zog Konsequenzen aus der Entwicklung: Das Unternehmen hat 90 Prozent seines Windgeschäfts in Indien und Sri Lanka an eine Investorengruppe um die US-Beteiligungsgesellschaft TPG verkauft. Seit Dezember 2025 firmiert das Geschäft als Vayona Energy.
Südkorea und Japan sind vor allem für Offshore-Wind interessant. Südkorea versucht, den Ausbau großer Offshore-Windparks mit lokaler Industriepolitik zu verbinden. Vestas erhielt Ende 2025 seinen ersten Offshore-Auftrag in Südkorea: Für das Projekt Shinan-Ui liefert der dänische Hersteller 26 Turbinen des Typs V236, mit zusammen 390 Megawatt Leistung. Zum Auftrag gehört ein Servicevertrag über 20 Jahre. Der kommerzielle Betrieb ist ab 2028 geplant. Entwickelt wird das Projekt von einem Konsortium um Hanwha Ocean, SK Eternix, Komipo, Future Energy Fund sowie Hyundai Engineering & Construction. Auch Siemens Gamesa arbeitet in Südkorea an Lokalisierung, unter anderem mit Doosan Enerbility. Chinesische Hersteller sind in dem Land zwar präsent, treffen aber auf Fragen nach Cybersicherheit, Datenzugriff und Kontrolle kritischer Infrastruktur.
Australien gilt als Kernmarkt für westliche Hersteller wie GE Vernova. Dimitri Schneider, Geschäftsführer am Standort Salzbergen, ordnet den Markt ausdrücklich der Asien-Pazifik-Strategie des Unternehmens zu: „Wenn wir über den asiatischen Markt sprechen, müssen wir Australien dazunehmen. Dort spielen wir eine signifikante Rolle und liefern sehr viele Anlagen.“ Für GE Vernova zeigt Australien, dass standardisierte Plattformen über mehrere Fertigungsstandorte hinweg funktionieren können.
Vestas erklärt die Krise für beendet
Marktführer Vestas hat die Krise der Herstellerbranche womöglich bereits überwunden. Der dänische Konzern erzielte 2025 einen Umsatz von 18,8 Milliarden Euro und eine EBIT-Marge vor Sondereffekten von 5,7 Prozent. Der kombinierte Auftragsbestand aus Turbinengeschäft und Service wuchs auf 71,9 Milliarden Euro, davon entfielen 33,2 Milliarden Euro auf neue Anlagen und 38,7 Milliarden Euro auf Service. Vorstandschef Henrik Andersen sprach bei der Vorlage der Zahlen von einem soliden Ergebnis in einem volatilen globalen Geschäftsumfeld. Man habe den höchsten Umsatz der Unternehmensgeschichte erzielt, die Marge sei vor allem durch eine bessere Umsetzung im Onshore-Geschäft getragen worden.
Die Risiken bleiben erheblich. Andersen verweist auf geopolitische Unsicherheit, mögliche Veränderungen regulatorischer Rahmenbedingungen, Lieferkettenstörungen und fehlende Netzanschlüsse. Im Offshore-Markt haben zudem verschobene Ausschreibungen in Europa und der Kurswechsel der US-Regierung die Planung erschwert. Dennoch zeigt Vestas, wie es gelingt, nach den Krisenjahren wieder Tritt zu fassen: mit hohem Auftragsbestand, wachsendem Servicegeschäft und dem Anspruch, die Produktentwicklung finanziell berechenbarer zu machen.
Siemens Gamesa spezialisiert sich auf Offshore-Wind
Offshore bleibt gleichwohl der riskanteste Teil des europäischen Turbinenmarkts. Die Projekte sind groß, kapitalintensiv und abhängig von Genehmigungen, Netzanschlüssen, Häfen, Spezialschiffen und politischen Entscheidungen. Siemens Gamesa spürt das besonders deutlich. Vinod Philip, der die Windsparte von Siemens Energy leitet, warnt vor möglichen Kapazitätskürzungen in Europa, falls der Offshore-Ausbau ins Stocken gerät. Die Werke seien zwar derzeit ausgelastet, fehlende Folgeaufträge könnten aber ab 2028 problematisch werden. „Noch wollen wir nicht von einer existenziellen Krise sprechen, es ist jedoch nicht auszuschließen, dass wir in eine hineingeraten“, sagt Philip.
Allein in Deutschland gelten Offshore-Projekte mit einer Leistung von 16 Gigawatt als gefährdet. Die EU liegt rund 40 Gigawatt hinter ihrem Offshore-Ziel von 120 Gigawatt installierter Leistung bis zum Jahr 2030 zurück. Die Zahlen zeigen, wie volatil das Offshore-Geschäft derzeit ist. Entsprechend hoch ist der Sanierungsdruck bei Siemens Gamesa. Im Geschäftsjahr 2025 erzielte die Sparte 10,4 Milliarden Euro Umsatz, schrieb aber ein Ergebnis vor Sondereffekten von minus 1,36 Milliarden Euro. Die Marge lag bei minus 13,1 Prozent. Der Mutterkonzern Siemens Energy erwartet, dass die Sparte 2026 die Gewinnschwelle erreicht. Siemens-Energy-Chef Christian Bruch will jedenfalls am Windgeschäft festhalten. „Wir glauben fest daran“, so Bruch, „dass die Windenergiesparte mittelfristig profitabel wird und eine zweistellige Marge erreicht.“
In den USA bleibt Windenergie an Land ein Kernfeld westlicher Hersteller. GE Vernova und Vestas dominierten 2025 den Zubau, während chinesische Anbieter wegen politischer und regulatorischer Hürden bislang kaum eine Rolle spielen. Vestas verweist in seinem jüngsten Geschäftsbericht auf einen Onshore-Auftragsbestand von 6,8 Gigawatt und auf einen stark wachsenden Strombedarf, unter anderem infolge des Baubooms bei Rechenzentren für die KI-Branche.
Zugleich warten Projektierer weiterhin auf Klarheit bei Gesetzgebung und Zöllen. Für das Offshore-Segment hat die US-Regierung die Lage massiv verschärft. Bereits am ersten Tag seiner zweiten Amtszeit stoppte Präsident Donald Trump neue Offshore-Leasingverfahren und ordnete eine Überprüfung bestehender Genehmigungen an. Etliche Zubauprojekte wurden auf Eis gelegt, und der Offshore-Markt, der lange Zeit als Wachstumshoffnung westlicher Hersteller galt, büßte an Planungssicherheit ein.
In Südamerika verschiebt sich der Wettbewerb. Für chinesische Hersteller bieten die Staaten, allen voran Brasilien, ein geeignetes Expansionsfeld. Die politischen Hürden sind niedriger als in Europa und lokale Finanzierungen können über die Produktion im Land erschlossen werden. Lange Serviceverträge helfen, Zweifel an der Zuverlässigkeit der Anbieter aus Fernost abzubauen.
Dazu passend schließt die GE-Vernova-Tochter LM Wind Power ihr Rotorblattwerk in Suape, Siemens Gamesa hatte seine Turbinenfertigung in Bahia bereits 2023 beendet. Zugleich bauen chinesische Anbieter ihre Präsenz aus: Goldwind übernahm 2024 in Camaçari im Bundesstaat Bahia seine erste Turbinenfabrik außerhalb Chinas. Das Werk soll lokale Finanzierungsanforderungen erfüllen: Turbinen aus heimischer Fertigung erleichtern den Zugang zu Krediten der Entwicklungsbank BNDES und der Banco do Nordeste. Ende 2025 meldete Goldwind einen Auftrag über mehr als 470 Megawatt in Brasilien, darunter 76 lokal gefertigte Turbinen.
Auch Envision nutzt Brasilien als Einstieg in den südamerikanischen Markt. Anfang des Jahres vereinbarte das chinesische Unternehmen mit Casa dos Ventos die Lieferung von 630 Megawatt Windleistung sowie einen Servicevertrag über 30 Jahre. Casa-dos-Ventos-Manager Lucas Araripe begründete die Wahl mit Envisions Technologie, KI-Kompetenz und langfristigem Engagement in Brasilien. Envision selbst beschreibt die Partnerschaft als mehr als ein Turbinengeschäft: Sie könne perspektivisch auch digitale Betriebsführung, Rechenzentren, grünen Wasserstoff, Ammoniak und Speicherlösungen umfassen.
Chile ist ein weiterer Markt, in dem chinesische Anbieter Punkte sammeln. Goldwind liefert für das Pemuco-Projekt von Engie Chile 22 Turbinen mit zusammen 165 Megawatt. Zuvor hatte das Unternehmen 57 Turbinen für den Windpark Lomas de Taltal in der Atacama-Wüste installiert. Goldwind verweist inzwischen auf Aktivitäten in acht südamerikanischen Ländern, mehr als 1,8 Gigawatt installierte Leistung und rund 1,37 Gigawatt unter Betrieb und Wartung. Sany ist ebenfalls in Chile präsent. Der südamerikanische Markt bleibt somit kleiner und volatiler als China, Europa oder die USA. Für chinesische Hersteller bietet er dennoch ein geeignetes Expansionsfeld.