Windindustrie

Turbinenhersteller sortieren sich neu: Der Wettlauf um immer größere Anlagen ist vorbei

Nach Jahren des Rekordwachstums kämpfte die Windindustrie mit Qualitätsproblemen, Preisdruck und Verlusten. Nun setzen Hersteller wie GE Vernova, Nordex, Enercon und Vestas auf Standardisierung, Service und profitables Wachstum – während China und politische Entwicklungen den globalen Wettbewerb verschärfen.
Von:  Frank Lassak
13.07.2026 | 7 Min.
Erschienen in: Ausgabe 07/2026
Montage: Im Werk Salzbergen stellt GE Vernova seit rund 30 Jahren Maschinenhäuser und weitere Komponenten für Windenergieanlagen her und beliefert von dort Kunden in Europa, Asien und Australien.
Montage: Im Werk Salzbergen stellt GE Vernova seit rund 30 Jahren Maschinenhäuser und weitere Komponenten für Windenergieanlagen her und beliefert von dort Kunden in Europa, Asien und Australien.
Foto: GE Energy

Ende Mai gab es in Salzbergen Grund zu feiern: Seit 30 Jahren fertigt das Werk von GE Vernova dort Maschinenhäuser, Antriebsstränge, Naben und viele weitere Komponenten für Windenergieanlagen (WEA) und liefert sie an Betreiber in aller Welt. Eine Erfolgsgeschichte? Nun ja. Die Windsparte des US-Unternehmens schreibt Verluste. „Die aktuelle Situation haben wir selbst mitverursacht“, sagt Dimitri Schneider, Geschäftsführer des deutschen Windgeschäfts von GE Vernova, „weil wir viel zu schnell neue Plattformen auf den Markt gebracht und uns an einem ungesunden Wettrennen in der Branche beteiligt haben.“ Dadurch seien die Preise unter Druck geraten, worunter letztlich auch die Qualität gelitten habe.

Nicht nur GE Vernova, die gesamte Branche der Turbinenhersteller hat trotz des Ausbaubooms durchwachsene Jahre hinter sich. Das gilt auch für die vier anderen großen Hersteller Vestas, Nordex, Enercon und Siemens Gamesa. Die Gründe sind Lieferkettenprobleme, Preisverfall, Qualitätsmängel und zu schnelle Technologiesprünge.

In Salzbergen unweit von Rheine heißt die Antwort darauf: mehr Standardisierung, mehr Erfahrung aus dem laufenden Betrieb, bessere Modellpflege. Gemeint sind robuste, vielfach erprobte Plattformen, die das Unternehmen nicht bei jeder Ausschreibung grundlegend verändert, sondern schrittweise weiterentwickelt. Möglichst viele Komponenten sollen gleich bleiben, kundenspezifische Anpassungen erfolgen erst spät während der Fertigung. Lieferfähigkeit, Service und Finanzierungssicherheit rücken stärker in den Fokus. Rotordurchmesser und Nennleistung verlieren ihre Rolle als wichtigste Verkaufsargumente.

Die Turbinenhersteller-Branche sortiert sich neu

Ob diese Strategie aufgeht, ist nicht nur für GE Vernova wichtig. Das Unternehmen steht exemplarisch für eine Branche, die sich gerade neu sortiert. Einerseits sollen und wollen die Turbinenhersteller den Ausbau der Windenergie vorantreiben, andererseits müssen sie verlässlich liefern, über viele Jahre den Service sichern können und dabei profitabel arbeiten.

Der Spagat ist anstrengend. Jahrelang trieben Hersteller und Projektierer einander zu immer größeren Turbinen. Mehr Leistung pro Anlage sollte Flächen effizienter nutzen, Genehmigungen erleichtern und Stromgestehungskosten senken. Das Tempo war hoch, bisweilen zu hoch. Neue Plattformen kamen auf den Markt, bevor genug Betriebserfahrung vorlag. Zugleich schlossen Hersteller Verträge zu Preisen, die steigende Material-, Transport- und Finanzierungskosten kaum auffangen konnten. Als infolge geopolitischer Krisen die Lieferketten rissen, die Inflation die Kalkulationen veränderte und zudem Qualitätsprobleme auftraten, gerieten einige Hersteller unter Druck. Besonders hart traf es jene mit großen Offshore-Aufträgen und komplexen Plattformen. Seither klingt der Ton nüchterner: Nicht die nächste Rekordmaschine entscheidet über den wirtschaftlichen Erfolg, sondern die Fähigkeit, Technik, Fertigung, Logistik und Service beherrschbar zu halten.

Nordex setzt auf Preisdisziplin

Diese neue Nüchternheit übersetzt Nordex inzwischen in schwarze Zahlen. Der Hamburger Konzern hat sich komplett auf Onshore-Wind fokussiert und 2025 deutlich besser abgeschnitten als in den Jahren zuvor. Der Umsatz stieg stark auf 7,55 Milliarden Euro, die EBITDA-Marge verdoppelte sich auf 8,4 Prozent. Für dieses Jahr rechnet Nordex mit deutlich mehr als acht Milliarden Euro Umsatz und einer EBITDA-Marge von acht bis elf Prozent.

Innovation ist unverzichtbar, aber sie muss mit industrieller Reife und beherrschbaren Risiken einhergehen.“ José Luis Blanco, Nordex
Vorstandschef José Luis Blanco führt die Verbesserung vor allem auf eine interne Transformation zurück: mehr Effizienz, mehr Qualität, größere finanzielle Stabilität. „Parallel haben wir konsequent an unserer Preisdisziplin gearbeitet – von Einkauf über Produktion bis hin zur Projektabwicklung“, sagt Blanco. Auch er teilt die Kritik am Turbinenrennen: „Innovation ist unverzichtbar, aber sie muss mit industrieller Reife und beherrschbaren Risiken einhergehen.“ In Phasen starken Wettbewerbs bestehe die Gefahr, „dass neue Technologieansätze zu früh skaliert werden“, sagt er. Nordex setze deshalb auf eine Produktentwicklung auf Basis bestehender Plattformen. „Nicht Größe oder Leistung entscheiden über unseren Erfolg, sondern Wirtschaftlichkeit, Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit.“

Klarheit im Geschäftsmodell als wichtiger Baustein für stabile Margen

Der Onshore-Fokus hilft. Auf Basis von 40 Jahren Erfahrung in dem Sektor könne Nordex Produktentwicklung und Service gezielter vorantreiben, sagt Blanco. Diese Klarheit im Geschäftsmodell sei „ein wichtiger Baustein für stabile Margen“. Der deutsche Markt ist für ihn „ein Schlüsselmarkt, weil Volumen, technische Anforderungen und Repowering-Potenzial zusammenkommen“. Gefragt seien effiziente und zuverlässige Anlagen, zugleich würden in den kommenden Jahren viele ältere Standorte neu geplant.

„Repowering wird in Deutschland zweifellos eine zentrale Rolle spielen“, sagt Blanco. Damit verschiebt sich auch bei Nordex der Blick vom reinen Turbinenverkauf zum Lebenszyklus der Anlage. Kunden achteten stärker auf Verlässlichkeit, Ausführungsqualität, Service und langfristige Wirtschaftlichkeit. Ein neuer Rabattwettlauf lasse sich zwar nie vollständig ausschließen. Nordex wolle aber „sehr klar steuern“, wie das Unternehmen daran teilnehme: selektiv und mit Fokus auf nachhaltigen Wertzuwachs. Das Servicegeschäft gewinne dadurch spürbar an Gewicht.

Enercon weiterhin auf Wachstumskurs

Enercon aus Aurich meldete für 2025 ein Umsatzplus von rund 40 Prozent auf knapp sechs Milliarden Euro. Nach neu in Betrieb genommener Leistung kommt das Unternehmen in Deutschland auf 28,8 Prozent Marktanteil und liegt damit knapp hinter Nordex und Vestas. Nach Stückzahl führten die Auricher den hiesigen Markt mit 313 installierten Anlagen sogar an. Einen wesentlichen Anteil daran hat die Turbine E-175 EP5 E2 mit bis zu sieben Megawatt Leistung und 175 Meter Rotordurchmesser. Die für 2026 geplanten Liefermengen sind laut Unternehmensangaben bereits verkauft. Benjamin Seifert, Executive Vice President Business Unit Regions, sieht das Unternehmen „weiterhin auf Wachstumskurs“. Die aktuellen Auftragseingänge seien auch ein Ergebnis positiver politischer Weichenstellungen. Entscheidend sei nun, den regulatorischen Rahmen weiterzuentwickeln, „um die Ausbaudynamik nicht zu gefährden“.

Wir wollen die Stückzahlen kontinuierlich steigern, um sicherzustellen, dass wir alle Kunden pünktlich beliefern." Heiko Juritz, Enercon
Wie konkret der Hochlauf ist, zeigt sich in Magdeburg-Rothensee. Dort betreibt Enercon ein Kompetenzzentrum für Generatoren und fährt seit November 2025 die Serienproduktion der neuen E-175-Turbinen hoch. „Wir wollen die Stückzahlen kontinuierlich steigern, um sicherzustellen, dass wir alle Kunden pünktlich beliefern“, sagt COO Heiko Juritz. Der Standort ist für Sachsen-Anhalt kein beliebiges Industrieprojekt. Enercon beschäftigt dort rund 1000 Angestellte, insgesamt werden in dem Bundesland mehr als 26.000 Arbeitsplätze den erneuerbaren Energien zugerechnet. Doch der Ausbau von Enercons Fertigung fällt in eine Phase mit geringer Planungssicherheit. Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Falls dann die zurzeit in Umfragen weit vorn liegende AfD zum Zug kommt, droht der Branche und somit auch Enercon ein Genehmigungsstopp. Eine AfD-geführte Landesregierung solle, heißt es im Wahlprogramm der rechtsextremen Partei, „bis auf Weiteres keine neuen Genehmigungen für Windräder in Sachsen-Anhalt“ erteilen.

Vestas erklärt die Krise für beendet

Marktführer Vestas hat die Krise der Herstellerbranche womöglich bereits überwunden. Der dänische Konzern erzielte 2025 einen Umsatz von 18,8 Milliarden Euro und eine EBIT-Marge vor Sondereffekten von 5,7 Prozent. Der kombinierte Auftragsbestand aus Turbinengeschäft und Service wuchs auf 71,9 Milliarden Euro, davon entfielen 33,2 Milliarden Euro auf neue Anlagen und 38,7 Milliarden Euro auf Service. Vorstandschef Henrik Andersen sprach bei der Vorlage der Zahlen von einem soliden Ergebnis in einem volatilen globalen Geschäftsumfeld. Man habe den höchsten Umsatz der Unternehmensgeschichte erzielt, die Marge sei vor allem durch eine bessere Umsetzung im Onshore-Geschäft getragen worden.

Die Risiken bleiben erheblich. Andersen verweist auf geopolitische Unsicherheit, mögliche Veränderungen regulatorischer Rahmenbedingungen, Lieferkettenstörungen und fehlende Netzanschlüsse. Im Offshore-Markt haben zudem verschobene Ausschreibungen in Europa und der Kurswechsel der US-Regierung die Planung erschwert. Dennoch zeigt Vestas, wie es gelingt, nach den Krisenjahren wieder Tritt zu fassen: mit hohem Auftragsbestand, wachsendem Servicegeschäft und dem Anspruch, die Produktentwicklung finanziell berechenbarer zu machen.

Siemens Gamesa spezialisiert sich auf Offshore-Wind

Wie stark politische Entscheidungen, Netzanschlüsse und Projektverzögerungen auf die Hersteller zurückwirken, zeigt sich auch bei Siemens Gamesa. Kaum ein anderer europäischer Anbieter steht so sehr für die Chancen und Risiken von Offshore-Wind. Bei der Windenergie an Land spielt das Unternehmen in Deutschland inzwischen nur noch eine Nebenrolle. Auf See dagegen gehört Siemens Gamesa neben Vestas zu den wenigen Herstellern, ohne die Europas Offshore-Ausbau kaum vorstellbar wäre.

Offshore bleibt gleichwohl der riskanteste Teil des europäischen Turbinenmarkts. Die Projekte sind groß, kapitalintensiv und abhängig von Genehmigungen, Netzanschlüssen, Häfen, Spezialschiffen und politischen Entscheidungen. Siemens Gamesa spürt das besonders deutlich. Vinod Philip, der die Windsparte von Siemens Energy leitet, warnt vor möglichen Kapazitätskürzungen in Europa, falls der Offshore-Ausbau ins Stocken gerät. Die Werke seien zwar derzeit ausgelastet, fehlende Folgeaufträge könnten aber ab 2028 problematisch werden. „Noch wollen wir nicht von einer existenziellen Krise sprechen, es ist jedoch nicht auszuschließen, dass wir in eine hineingeraten“, sagt Philip.

Allein in Deutschland gelten Offshore-Projekte mit einer Leistung von 16 Gigawatt als gefährdet. Die EU liegt rund 40 Gigawatt hinter ihrem Offshore-Ziel von 120 Gigawatt installierter Leistung bis zum Jahr 2030 zurück. Die Zahlen zeigen, wie volatil das Offshore-Geschäft derzeit ist. Entsprechend hoch ist der Sanierungsdruck bei Siemens Gamesa. Im Geschäftsjahr 2025 erzielte die Sparte 10,4 Milliarden Euro Umsatz, schrieb aber ein Ergebnis vor Sondereffekten von minus 1,36 Milliarden Euro. Die Marge lag bei minus 13,1 Prozent. Der Mutterkonzern Siemens Energy erwartet, dass die Sparte 2026 die Gewinnschwelle erreicht. Siemens-Energy-Chef Christian Bruch will jedenfalls am Windgeschäft festhalten. „Wir glauben fest daran“, so Bruch, „dass die Windenergiesparte mittelfristig profitabel wird und eine zweistellige Marge erreicht.“

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Montage: Im Werk Salzbergen stellt GE Vernova seit rund 30 Jahren Maschinenhäuser und weitere Komponenten für Windenergieanlagen her und beliefert von dort Kunden in Europa, Asien und Australien.
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