Warum schweißen, nuten oder löten? Kleben ist einfacher und preiswerter. Deshalb steckt Klebeband im Smartphone, im Autoschlüssel und in der Waschmaschine. In jedem Auto sind mehr als 100 Klebebänder verarbeitet, in Elektroautos noch deutlich mehr. Und wahrscheinlich stammt einiges von diesem Klebematerial von Tesa.
1,7 Milliarden Euro Umsatz machte die Beiersdorf-Tochter 2025, mehr als drei Viertel davon mit Industriekunden. Im größten Tesa-Werk in Hamburg-Hausbruch laufen Hochleistungsklebebänder für die Elektronik-, Auto-, Druck- und Papierindustrie vom Band. Sie können mehr als kleben – nämlich gleichzeitig Löcher auffüllen, Druck gleichmäßig verteilen oder Geräusche dämmen. Andere funktionieren als Wärmeleiter für den Brandschutz bei Elektrobatterien.
Power-to-Heat-Anlage plus Wärmespeicher für mehr Unabhängigkeit
So wichtig Klebebänder sind, so energieintensiv ist ihre Herstellung: Sie erfordert erhebliche Mengen an Prozesswärme und -dampf, bislang produziert durch Erdgas. An dieser Stelle kommt Thomas Erfurth ins Spiel. Der Manager Energy Transformation und sein Team haben ein innovatives Energieeffizienzkonzept für Hamburg-Hausbruch entwickelt.
Eine Power-to-Heat-Anlage mit einer Leistung von 10 Megawatt plus einem Wärmespeicher mit 40 Megawattstunden Speicherkapazität soll das Unternehmen unabhängiger von fossilen Rohstoffen machen. Und Geld sparen: Der Speicher erlaubt es, den Strombezug flexibel an Marktpreise, Wetter und Netzlast anzupassen. Eine KI-gestützte Steuerung verknüpft alle Komponenten zu einem intelligenten Gesamtsystem. Das Projekt ist Teil der unternehmensweiten Nachhaltigkeitsstrategie „we do“, in die Tesa über sämtliche Standorte hinweg 300 Millionen Euro investiert. Der Startschuss für die Power-to-Heat-Anlage fiel 2024. Damals holte Tesa das norwegische Unternehmen Energynest an Bord. Beiden Partnern ist klar: Um die Produktionssicherheit zu gewährleisten, braucht es Unabhängigkeit – sowohl von fossilen Brennstoffen als auch von Energiekonzernen allgemein.
Wartungsarmer Betrieb der grünen Wärmeanlage
Das Prinzip: Strom wird ausschließlich dann in Wärme umgewandelt, wenn er günstiger ist als Gas. Wärmeträger ist spezifisch angepasstes Thermalöl. Rohre aus Spezialbeton, der besondere Leitfähigkeit besitzt und die Wärme sehr gut hält, speichern die Wärme. Bei Bedarf wird sie bereitgestellt – für eine zuverlässige Versorgung, hohe Flexibilität und langfristig wettbewerbsfähige Kosten.
„Die Power-to-Heat-Anlage für Tesa wurde als schlüsselfertiges EPC-Projekt – Engineering, Procurement, Construction – konzipiert“, sagt Dennis Mayer, Projektverantwortlicher bei Energynest. Es funktioniert nach dem Plug-and-play-Prinzip: Die Komponenten werden vorgefertigt angeliefert und aufgebaut, an die Versorgung angeschlossen und sind sofort betriebsbereit. Eine spätere Erweiterung ist möglich. Der Betrieb sei wartungsarm, sagt Mayer, die Anlage „läuft praktisch autonom“.
Grüner Strom und grüner Wasserstoff für Tesa
Rund zwei Drittel des Dampfbedarfs in Hamburg-Hausbruch, schätzt der Tesa-Manager, werden mit der neuen Anlage klimaneutral gedeckt. Für das restliche Drittel soll schrittweise der grüne Wasserstoff sorgen. So will das Unternehmen die CO₂-Emissionen am Standort um rund 4600 Tonnen pro Jahr reduzieren – das wäre ein Minus von etwa 20 Prozent. Auch die Power-to-Heat-Anlage selbst trägt ihren Teil bei: Sie neutralisiert den durch ihre Herstellung entstandenen CO₂-Fußabdruck innerhalb von nur zwei Monaten Betriebsdauer.
Tesa und Energynest prüfen bereits die Ausweitung des Konzepts auf weitere Werke. Die Kosten für die Anlage in Hamburg-Hausbruch liegen bei einem einstelligen Millionenbetrag. Wie teuer die Anlage genau ist, will Erfurth zwar nicht verraten, „aber je höher die Erdgaspreise steigen, desto schneller amortisiert sie sich“.
