Rotorblätter von Windenergieanlagen sind für den jahrzehntelangen Einsatz unter anspruchsvollen Bedingungen im Freien ausgelegt. Nach dem Rückbau stellt sich jedoch die Frage, was mit den großen Bauteilen geschieht. Das Unternehmen Blattwerk aus Hannover setzt auf eine stoffliche Weiterverwendung: Aus alten Rotorblättern entstehen Möbel, Leuchten, Hochbeete und urbane Elemente.
Die Idee kam auf, als Constantin Berhorst-Mund mit seinem ehemaligen Kommilitonen Tim Fricke vor Rotorblattresten stand, die beim Rückbau einer der Windkraftanlagen angefallen sind, die Frickes Firma im Bereich Service betreut hatte. „Wir fanden es einfach schade, dass das Material verbrannt oder anderweitig verschrottet wird“, erzählt Berhorst-Mund. Zusammen mit Kevin Faeser gründeten sie im Juni 2025 ihr Startup Blattwerk – mit der Vision, ausgediente Rotorblätter vor dem Schredder zu retten und zu Designmöbeln aufzubereiten.
Zweites Leben für einen widerstandsfähigen Werkstoff
Aus den witterungs- und UV-beständigen Bauteilen fertig Blattwerk in einer eigenen Werkstatt in Hannover Möbel und Elemente für die Stadtmöblierung. Die Form der einzelnen Rotorblattsegmente gibt dabei die weitere Nutzung vor. „Der S-Schwung am breitesten Teil der Flügel eignet sich zum Beispiel ideal als Gartenliege. Das Gegenstück bietet sich als Unterstand, beispielsweise für Fahrräder, an“, so der Blattwerk-Mitbegründer und Geschäftsführer. „Schmalere Segmente nutzen wir als Hochbeete oder Lampen. Die Spitze des Rotorblatts wird als besonderes Highlight für den Fuß eines Tisches eingesetzt.“ Blattwerk achtet dabei darauf, das Maximum aus einem alten Rotorblatt herauszuholen: „Aus den verbleibenden Resten machen wir zum Beispiel Alltagsgegenstände wie Flaschenöffner.“
13 Tonnen Material vor der Entsorgung bewahrt
Bisher konnte das Startup bereits 13 Tonnen Rotorblattmaterial vor der Entsorgung retten und daraus Möbel und Unterstände fertigen. Angenommen, dieses Material wäre – wie oft üblich – verbrannt worden, ergebe sich eine potenzielle CO2-Einsparung von etwa 12 Tonnen, rechnet Blattwerk vor. Das macht die Upcycling-Möbel doppelt nachhaltig: Bereits existierendes Material wird weiterverwertet und gleichzeitig sind die entstandenen Liegen, Leuchten und Bänke extrem beständig. Bei guter Pflege und intakter Versiegelung könnten die Möbel aus den aufbereiteten Rotorblättern ein langes zweites Leben führen: „Ausgelegt sind unsere Produkte für Jahrzehnte.“
Dadurch sind die Möbel nicht nur für Privatleute und gewerbliche Kunden interessant, sondern auch für den öffentlichen Sektor. „Gerade Kommunen, die ihre städtische Infrastruktur immer wieder erneuern müssen, weil sie verwittert oder beschädigt wird, sehen hier großes Potenzial“, sagt Berhorst-Mund. „Dem setzt zum Beispiel eine Bushaltestelle aus Rotorblattmaterial deutlich mehr entgegen.“
Upcycling: ein Produkt mit Geschichte
Das Startup erhebt aber nicht den Anspruch, die Lösung für die gesamte Rotorblattentsorgung zu liefern, denn die Verarbeitung der Rotorblätter als große Verbundbauteile ist technisch anspruchsvoll und in Handarbeit sehr aufwendig. „Unsere Produkte sind handgemachte Unikate und bleiben damit eine Nischenlösung“, so Berhorst-Mund. Dennoch verbindet Blattwerk zwei Ebenen der Kreislaufwirtschaft: die möglichst lange Nutzung eines Werkstoffs und die Entwicklung von Produkten, in denen seine Herkunft sichtbar bleibt. „Der eigentliche Wert entsteht durch die Kombination aus Material, Design, Verarbeitung und der Geschichte des Produkts.“
präsentiert sich auf der WindEnergy vom 22. bis 25. September 2026 in Hamburg. Das Startup ist in Halle A3 | 472 zu finden.