Mit KI gezielter abschalten: ProTecBird schützt Vögel im Windpark
Das junge Unternehmen ProTecBird will den Konflikt zwischen Windenergie und Vogelschutz technisch entschärfen: Wie Kameras und KI gefährdete Zielvögel erkennen, das Kollisionsrisiko bewerten und nur betroffene Anlagen bremsen, erklärt Hinrich Habeck, Leiter Strategische Geschäftsentwicklung.
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Mit KI erkannt: AVES Wind von ProTecBird identifiziert Vögel und schaltet nur bei Bedarf Windanlagen ab.
Foto: Manfred Stöver; Montage ProTecBird
Windenergieanlagen sollen möglichst viel erneuerbaren Strom erzeugen – und zugleich dürfen sie geschützte Vogelarten nicht gefährden. Für Betreiber kann dieser Zielkonflikt zu umfangreichen Abschaltauflagen führen, etwa zu bestimmten Tageszeiten, während der Brutmonate oder bei landwirtschaftlichen Aktivitäten wie der Mahd. Das 2021 in Husum gegründete Unternehmen ProTecBird will den Konflikt technisch lösen. „Wir wollten weg von pauschalen Maßnahmen und hin zu einem präzisen, ereignisbasierten Schutz“, sagt Hinrich Habeck, Leiter Strategische Geschäftsentwicklung. Die Idee dahinter: Eine Windenergieanlage soll nur dann reagieren und abschalten, wenn ein relevanter Zielvogel tatsächlich in einen kritischen Bereich einfliegt. So sollen gefährdete Arten geschützt und die Anlagen zugleich so lange wie möglich betrieben werden.
Nur die tatsächlich betroffenen Anlagen werden adressiert.“Hinrich Habeck, ProTecBird
Derzeit seien rund 36 Windparks mit insgesamt 315 Windenergieanlagen und 540 Kamerasystemen unter Vertrag. Mittlerweile erreichen das Husumer Unternehmen auch Anfragen aus dem europäischen Ausland. Die Konfiguration des Systems AVES Wind – zusammen mit Axis Communications entwickelt – wird dabei standort- und produktspezifisch vorgenommen. Bewegliche, hochauflösende Pan-Tilt-Zoom-Kameras (kurz PTZ-Kameras) überwachen den Luftraum rund um die Anlagen und liefern Bilddaten für die Echtzeit-Erfassung von Vögeln in der Umgebung. Wird ein relevantes Flugobjekt erkannt – ein sogenannter Zielvogel –, verfolgt die Software dessen Bewegung. Anschließend bewertet das System Art, Position, Flugrichtung, Geschwindigkeit, Höhe und Entfernung. Aus diesen Informationen entsteht die Grundlage für die Entscheidung, ob eine Anlage weiterlaufen kann oder vorübergehend reduziert werden muss. Dabei muss im Ernstfall nicht der gesamte Windpark abgeschaltet werden. „Stattdessen kann das System über die Integration in die Windpark- beziehungsweise SCADA-Infrastruktur bedarfsgerecht reagieren“, erklärt Habeck. „Nur die tatsächlich betroffenen Anlagen werden adressiert.“
Antikollisionssystem im Windpark: KI soll nicht nur sehen, sondern bewerten
Das System muss sehr schnell unterscheiden, ob es sich um einen relevanten Vogel handelt."Hinrich Habeck, ProTecBird
„Wir kommen nicht nur aus der Technologie, sondern auch aus dem Artenschutz“, so der Leiter Strategische Geschäftsentwicklung. „Unsere Wurzeln liegen mit BioConsult SH in einer der führenden ökologischen Beratungsgesellschaften Deutschlands.“ Zunächst hatte ProTecBird mit der Erkennung des Rotmilans begonnen. Später kamen Weißstorch und Rohrweihe hinzu. Mittlerweile kann das System 20 geschützte Vogelarten identifizieren und verfolgen. „Es reicht nicht, ein Objekt am Himmel zu erkennen“, erklärt Habeck von ProTecBird. „Das System muss sehr schnell unterscheiden, ob es sich um einen relevanten Vogel handelt, welche Art betroffen ist, wie sich der Vogel bewegt, ob er in einen kritischen Bereich einfliegt und ob tatsächlich eine Schutzreaktion erforderlich ist.“ Hier kommt künstliche Intelligenz (KI) zum Einsatz. Sie übernimmt Erkennung, Klassifizierung, Tracking und Entscheidungsunterstützung – und muss auch unter wechselnden Licht-, Wetter- und Sichtbedingungen robust arbeiten.
Schnelligkeit ist dabei ein entscheidender Faktor. Zwischen Detektion, Artklassifizierung, Risikobewertung, SCADA-Signal und der technischen Reaktion der Anlage müsse ausreichend Zeit bleiben. Software und KI arbeiten deshalb in Echtzeit, verfolgen Flugbahnen dreidimensional und können bei einem erkannten Kollisionsrisiko automatisch eine temporäre Anlagenreduktion einleiten. Erkennt das System eine potenzielle Kollisionsgefahr, versetzt es die betreffende Windenergieanlage temporär in den Trudelbetrieb. Die Rotorblätter werden dabei verlangsamt, damit Vögel die Gefahr rechtzeitig wahrnehmen und ausweichen können. „Entscheidend ist dabei die Balance aus hoher Erkennungsleistung, niedriger Fehlalarmrate, möglichst wenigen unnötigen Abschaltungen und einer robusten Betriebsfähigkeit im Feld.“
Foto: Björn Hake / ProTecBird
Vogel-Beobachtung: Reichweite bis zu 1.300 Metern möglich
Die Reichweite des KI-gestützten Antikollisionssystems hängt laut ProTecBird von der Größe der Zielvogelart, dem Standort, der Topografie, den Sichtbedingungen, der Kameraauslegung und dem jeweiligen Schutzkonzept ab. Je nach Zielvogelart seien Reichweiten von bis zu 1.300 Metern möglich. „Grenzen gibt es dort, wo Sichtbedingungen, sehr kleine Zielarten, extreme Entfernung, Verdeckung, Wetter oder unklare Silhouetten die sichere Klassifizierung erschweren“, so Habeck. Dennoch bleibe die Wirkung des Systems bei exakter Konfiguration groß. Für jeden Windpark, in dem das AVES-Wind-System zum Einsatz kommt, könne der wirtschaftliche Nutzen über projektspezifische Betriebsdaten, Abschaltprotokolle und Analytics-Auswertungen überprüft werden, so ProTecBird.
Antikollisionssystem als Maßnahme für den Artenschutz anerkannt
Für uns ist der richtige Weg: Wirksamkeit für den Artenschutz und mehr erneuerbarer Strom durch weniger Stillstände.“Hinrich Habeck, ProTecBird
Das System AVES Wind wurde kürzlich als erstes Antikollisionssystem vom TÜV Nord digital validiert. Gleichzeitig erkennen die ersten Bundesländer, wie Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Bayern und Brandenburg das System von ProTecBird als grundsätzlich wirksame Schutzmaßnahme gemäß Bundesnaturschutzgesetz an – weitere Bundesländer sollen folgen. „Für Betreiber ist das ein wichtiger Schritt, weil technische Antikollisionssysteme dadurch als belastbare Minderungsmaßnahme in Genehmigungs- und Auflagenkonzepten eingesetzt werden können“, sagt Habeck. In der Praxis bedeute das: eine präzisere Erfüllung der Artenschutzanforderungen und weniger pauschale Abschaltungen im Windpark. „Für uns ist das genau der richtige Weg: Wirksamkeit für den Artenschutz, Planungssicherheit für Betreiber und mehr erneuerbarer Strom durch weniger unnötige Stillstände.“
ProTecBird
präsentiert sich als Young Innovator auf der WindEnergy vom 22. bis 25. September 2026 in Hamburg. Das Unternehmen ist in Halle A3 | JIU.160 zu finden.
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Mit KI erkannt: AVES Wind von ProTecBird identifiziert Vögel und schaltet nur bei Bedarf Windanlagen ab.