Interview

„Es geht um die Unabhängigkeit unserer Energieversorgung“

...erklärt Enercon-CEO Jürgen Zeschky angesichts der laufenden Debatten um resiliente europäische Lieferketten. Die Marktaussichten hält er „für noch nie so gut“, auch wenn die Fertigung des Windenergieanlagen-Herstellers aktuell noch nicht vollständig ausgelastet ist.
Interview: Jörg-Rainer Zimmermann
03.07.2023 | Aktualisierung: 03.07.2023 | 11 Min.

neue energie: Im vergangenen September hatten Sie in einem Interview mit der FAZ erklärt, dass der Aufschwung in der Windbranche noch lange nicht ankommt und die Lage für alle europäischen Hersteller angespannt sei. Hat sich seither etwas geändert?

Jürgen Zeschky: Die Entschlossenheit der Bundesregierung, das Thema Energiewende nachhaltig anzugehen, ist definitiv spürbar und wirkt sich positiv auf unser Geschäft aus. Unser Auftragseingang in Deutschland im ersten Halbjahr entspricht etwa dem des gesamten Vorjahres. Aber wir sind noch weit entfernt von den Zahlen, die es bräuchte, um die politischen Ausbauziele für Onshore-Wind zu erreichen. Trotz der Aufbruchstimmung, die der neue Kurs der Bundesregierung in der Branche ganz klar ausgelöst hat, kämpfen wir und die übrigen Hersteller aktuell noch mit einer zu geringen Auslastung. Der Aufschwung kommt bei uns erst ab Mitte 2024 in der Produktion an.

ne: Aus welchen Weltregionen erhält Enercon im Wesentlichen neuen Aufträge?

Zeschky: Neben Deutschland ist generell der EU-Raum zu nennen. Aber auch in Ländern wie der Türkei oder Chile, die sich ambitionierte Ausbau-Programme für erneuerbare Energien gegeben haben, zieht unser Geschäft an.

ne: Sie schätzen also mittelfristig die Situation für Onshore-Wind international wie auch global positiv ein?

Zeschky: Die mittel- und langfristigen Marktaussichten waren noch nie so vielversprechend. Es gibt ambitionierte Ausbauprogramme der Bundesregierung und in der EU. Sie kennen die Zahlen: Die EU-Ziele erfordern den Zubau von 36 Gigawatt pro Jahr. Die Bundesregierung gibt für 2023 ein Ausschreibungsvolumen von 12,8 Gigawatt und ab 2024 von zehn Gigawatt jährlich vor. Angesichts zunehmender Herausforderungen durch den Klimawandel und die Energiekrise infolge des russischen Überfalls auf die Ukraine ist der schnelle Ausbau der Erneuerbaren alternativlos. Onshore-Wind als günstigste Stromerzeugungsform spielt dabei eine tragende Rolle.

ne: Dennoch sind derzeit die Hersteller arg gebeutelt. Spüren Sie noch Nachwehen der Corona-bedingten Lieferketten-Krise?

Zeschky: Es ist uns gelungen, die Ab-Werk-Auslieferung weitgehend zu stabilisieren, nachdem die Corona-Zeit uns tatsächlich stark zu schaffen gemacht hatte. Momentan sind wir dabei, den Rückstand bei unseren Auslieferungen weiter abzuarbeiten und die Anlagen an unsere Kunden zu übergeben. Unser größter Engpass in Deutschland sind heute aber die fehlenden Transportgenehmigungen. Wenn es aktuell Verspätungen auf den Baustellen geben sollte, dann sind die zu 80 oder 90 Prozent diesem Thema geschuldet. Auch dabei spielen Genehmigungen eine Rolle, unsere Logistik wartet mitunter bis zu 14 Wochen auf die Antwort der jeweils zuständigen Behörden.

ne: Im zweiten Halbjahr 2022 war bei Enercon noch die Rede davon, dass 130 Anlagen nicht ausgeliefert werden konnten, aber für diese Anlagen bereits Kosten von rund 400 Millionen Euro entstanden waren. Wie hat sich der Bestand der Altaufträge mittlerweile verändert?

Zeschky: Verluste in Bestandsaufträgen waren in erster Linie durch die hohen Materialpreissteigerungen in den letzten Jahren entstanden. Der Stahlpreis hatte sich zeitweise verdreifacht, auch in der Logistik gab es enorme Preisanstiege. Bei Projekten mit einer Laufzeit von zwei bis drei Jahren führt das in vielen Fällen zu negativen Margen in der Schlussabrechnung. Diese Aufträge werden uns bis ins Jahr 2024 noch belasten. Voraussichtlich wird in diesem Jahr das Unternehmensergebnis auch noch negativ sein. Allerdings realisieren wir seit rund einem Jahr wieder positive Margen bei unseren Neuaufträgen. Und noch mal generell: Die Aussichten für die kommenden Jahre waren für unsere Branche noch nie so gut. Wir werden in den nächsten Jahren ein rasantes Marktwachstum mit zweistelligen Zuwachsraten erleben. Darauf bereiten wir uns vor. Wir werden in der Lage sein, ab 2025 mehr als 1000 Windturbinen pro Jahr auszuliefern.

ne: Wann aber werden die Hersteller in der Lage sein, jährlich Anlagen mit einer Gesamtleistung von zehn Gigawatt zu liefern – entsprechend dem Ziel der Bundesregierung?

Zeschky: Aller Wahrscheinlichkeit nach werden hierzulande in diesem Jahr Anlagen mit drei Gigawatt neu installiert. Wenn wir nun auf das Ziel von zehn Gigawatt jährlich blicken, dann schätze ich, dass zunächst die Hälfte davon, also fünf Gigawatt pro Jahr, mit den aktuell bestehenden Fertigungskapazitäten realisierbar sein werden. Wenn es sich dann in Richtung von zehn Gigawatt bewegt, werden wir Hersteller unsere Fertigungskapazitäten allerdings ausbauen müssen.

ne: Denken Sie, die deutsche Politik hat dafür bereits die richtigen Weichen gestellt?

Zeschky: Ambitionierte Ziele zu beschließen ist das eine und aus Herstellersicht absolut zu begrüßen, keine Frage. Diesbezüglich erleben wir, wie schon gesagt, bei der jetzigen Bundesregierung ein ganz anderes Engagement als bei den Vorgängerregierungen. Aber an der zügigen und konsequenten Umsetzung hapert es meiner Ansicht nach noch. Die Installationszahlen sind trotz Verbesserung gegenüber dem Vorjahr noch auf dramatisch niedrigem Niveau. Um das zu ändern, benötigen wir eine Beschleunigung der Genehmigungsverfahren und eine bessere Umsetzung der Prozesse auf lokaler Ebene.

ne: Sie hatten anfangs davon gesprochen, dass die Fertigung bei Enercon nicht ausgelastet ist. Die betriebswirtschaftliche Antwort darauf ist ja in der Regel der Abbau von Überkapazitäten, was aber im Widerspruch zur erhofften, mittelfristigen Marktentwicklung stehen würde. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

Zeschky: Völlig korrekt, Herr Zimmermann. Wenn ich wüsste, dass angesichts der Marktlage unser Umsatz auf dem heutigen Niveau bleibt, dann müssten wir Werke schließen und Mitarbeiter entlassen. Das tun wir aber nicht, weil wir sehen, dass der Markt anziehen wird. Es wäre völliger Unsinn, jetzt Kapazitäten abzubauen, um sie in ein oder zwei Jahren wieder aufzubauen. Also akzeptieren wir die Verluste, die dieses Vorgehen mit sich bringt. Wobei wir sämtliche flexiblen Instrumente nutzen, um die Situation gut zu meistern. Zudem investieren wir natürlich weiterhin in unsere Produktion. Zum Beispiel in Portugal in unsere Rotorblattfertigung, weil wir dort die Blätter für unsere neu entwickelte Anlage E-175 EP5 fertigen wollen. Investitionen in völlig neue Fertigungskapazitäten stehen bei uns aktuell aber natürlich noch nicht zur Diskussion.

ne: Enercon hatte nach notwendig gewordenen Entlassungen 2020 einen Turnaround gestartet. Wie ist der Stand?

Zeschky: Wir sind mittlerweile gut aufgestellt. Die Strukturen, die wir jetzt haben, mit denen gehen wir ins Rennen. Intern geht es darum, die neuen Prozesse zu stabilisieren und gut und effizient zusammenzuarbeiten. Mit rund 13.500 Mitarbeitern weltweit sehen wir uns gut aufgestellt. Bei unserer Personalplanung berücksichtigen wir bereits den erwarteten Aufschwung. Natürlich haben auch wir Schwierigkeiten, Personal zu finden. Der Fachkräftemangel wirkt sich auch auf unsere Branche aus. Aber wir improvisieren und setzen beispielsweise Servicekräfte aus Portugal zur Wartung von Anlagen in Deutschland ein.

ne: In den vergangenen Monaten wurden seitens des Bundeswirtschaftsministeriums viele Neuregelungen für die Windenergie erlassen. Welche halten Sie für besonders geeignet, um den Hochlauf der heimischen Industrie zu befördern?

Zeschky: Alle diese Initiativen sind aus Herstellersicht begrüßenswert und ich bin wirklich beeindruckt, dass die Bundesregierung das gesamte System betrachtet, von Anlagen über Netze bis zu Reservekraftwerken. Aber wie gesagt, damit wir als Hersteller von den Neuregelungen profitieren, kommt es auf die Umsetzung an. Und was wir da momentan erleben, ist noch kein „Deutschlandtempo“. Die auf Bundesebene beschlossenen Regelungen müssen außerdem auf lokaler Ebene ankommen. Bis sie dort verinnerlicht sind, braucht es sicherlich noch eine gewisse Zeit. Aber was mir außerdem wichtig ist, es braucht mehr Akzeptanz in der Bevölkerung. Bei dem Thema könnten wir vom Ausland lernen.

ne: An was denken Sie?

Zeschky: In Dänemark gibt es zum Beispiel eine Handy-App, mit der können Stromkunden ganz einfach sehen, wann viel Windstrom ins Netz eingespeist wird und dadurch der Strompreis fällt. Die Menschen bekommen damit einen ganz anderen Zugang zum Nutzen der Windenergie. Das wäre vielleicht ein Ansatz für die Energieversorger. Vielleicht könnte auch das Wirtschaftsministerium solch eine Kampagne unterstützen.

ne: Welche Rolle könnten die Bundesländer aus Ihrer Sicht spielen?

Zeschky: Die Bundesländer können ihrerseits dazu beitragen, dass der Aufschwung beim Onshore-Ausbau und bei der Energiewende schneller in Gang kommt. Niedersachsen, Schleswig-Holstein oder Nordrhein-Westfalen machen es ja mit einer klaren Agenda vor, sei es durch Neuprojekte oder Repowering, also dem Austausch von Alt- mit Neuanlagen. Andere Länder, speziell im Süden, haben hingegen noch viel Luft nach oben. Die Energiewende ist ein Gemeinschaftsthema, das nur im konstruktiven Zusammenspiel mit Bund, Ländern, Kommunen und den Akteuren im Projektgeschäft gelingt.

ne: Die Fertigungstiefe war bei Enercon lange Zeit sehr hoch. Was hat sich bei diesem Thema getan?

Zeschky: Wir nutzen inzwischen ein internationales Produktionsnetzwerk mit eigenen Werken in Deutschland und Europa sowie mit Auftragsfertigern und Zulieferern zum Beispiel in Indien. Mindestens genauso wichtig ist aber, dass wir mittlerweile viele Komponenten komplett einkaufen und nicht mehr nur einzelne Teile der Komponenten. Die neue E-Gondel hat dadurch zum Beispiel in der Stückliste 10.000 Einzelteile weniger.

ne: Welche Rolle spielen für Enercon Komponenten aus China?

Zeschky: Wir beziehen unsere Komponenten aus einem internationalen Produktionsnetzwerk. Bis auf die Türme werden alle Anlagen-Hauptkomponenten innerhalb der EU gefertigt. Es geht um das Maschinenhaus, den Generator, die Nabe, die Rotorblätter, die Elektrotechnik. Teils komplett wie bei unserer E-Gondel, teils zu signifikantem Anteil. Aufgrund der Wettbewerbssituation und den Marktanforderungen müssen auch wir Bauteile und Materialien aus Asien beziehungsweise China beziehen oder mit Lieferanten zusammenarbeiten, die Vorprodukte und Rohstoffe von dort erhalten.

ne: Können Sie etwas zur prozentualen Verteilung sagen, nach der sich Ihr Bezug von Komponenten aufschlüsselt?

Zeschky: Wenn wir die Türkei bei der europäischen Fertigung miteinrechnen, kommt der Europa-Anteil auf etwas über 60 Prozent. Europa bleibt also das Rückgrat unserer Produktion. Der Rest entfällt grob gesprochen in etwa zur Hälfte auf China und Indien. Das ist für uns ein vernünftiger Mix, der es uns ermöglicht, Anlagen „Made in Europe“ herzustellen.

ne: In welchen Bereichen ist Enercon komplett abhängig von China?

Zeschky: Als wesentliches Glied der globalen Lieferkette ist China aktuell für viele Wirtschaftsunternehmen tatsächlich unverzichtbar. Das gilt für die meisten Branchen, auch für die europäische Windindustrie und ihre Zulieferpartner. China hat in bestimmten Produktbereichen eine Alleinstellung, beispielsweise bei den Seltenen Erden. Zudem dominieren chinesische Lieferanten den Weltmarkt durch erhebliche Kostenvorteile. Die direkte Abhängigkeit beschränkt sich für uns auf Seltene Erden für Magnete, die wir für unsere Generatoren benötigen. Wir arbeiten daran, uns für diese Komponenten zusätzliche Quellen aus anderen Regionen zu erschließen, um die Abhängigkeiten zu verringern.

ne: Sie haben beschrieben, dass sämtliche europäischen Hersteller unter Druck sind und die Maßnahmen der Politik noch nicht greifen. Teilen Sie die Einschätzung des europäischen Windverbands Wind Europe, dass die Gefahr besteht, dass die europäischen Ausbauziele am Ende mit Anlagen von chinesischen Herstellern realisiert werden müssen, wenn der Zeitplan der EU-Kommission gehalten werden soll?

Zeschky: Ich hatte die Relationen für Deutschland beschrieben. Bezogen auf Europa sieht es ähnlich aus. Die Ziele erscheinen mir prinzipiell für europäische Hersteller erreichbar zu sein. Aber es sind Investitionen nötig, dazu müssen die Unternehmen finanziell in der Lage sein. Das ist klar. Es geht ja darum, die Windindustrie in Europa zu halten. Was nicht geschehen darf, ist, wie es bei der Solarindustrie der Fall war, sie an andere Länder zu verlieren. Im Rahmen des Inflation Reduction Act subventionieren die USA die Windturbinen-Herstellung mit 160.000 Dollar je Megawatt. Gemessen am Marktpreis, der aktuell zwischen 900.000 bis einer Million Euro je Megawatt liegt, ist das eine sehr relevante Summe. Wenn uns europäische Lieferketten etwas wert sind, dann muss der Mehrwert einer europäischen Produktion gegenüber subventionierten Windturbinen aus Asien und den USA anerkannt werden. Es geht in Europa um 300.000 Arbeitsplätze. Und um die Unabhängigkeit unserer Energieversorgung.

ne: Mit dem Ziel, europäische Produktion resilienter zu machen, wird derzeit in Europa viel über Non-Price Criteria diskutiert. Damit sollen in künftigen Auktionsrunden Kriterien eine Rolle spielen, die nicht mehr nur der Kostendeckung dienen. Was sagen Sie dazu?

Zeschky: Wir favorisieren den Vorschlag, „Made in Europe“ in den Ausschreibungen zu honorieren. Es geht ja darum, die Fertigungskapazitäten in Europa abzusichern, gerade wenn es zu geopolitischen Spannungen kommt. Natürlich können auch Aspekte wie Nachhaltigkeit, soziales Engagement oder die Akzeptanz der Menschen bewertet werden, die in der direkten Nähe der Windparks leben. Am Ende sollten aber Non-Price Criteria der Wertschöpfung in Europa helfen und zur Realisierung der europäischen Fertigungskapazitäten beitragen, um jährlich 36 Gigawatt Onshore-Wind aufzustellen. Um ehrlich zu sein, kenne ich aber noch keine abschließende Lösung für das Thema.

ne: Auch chinesische Hersteller könnten ja ein Kriterium wie Nachhaltigkeit bald erfüllen…

Zeschky: Absolut. Deshalb denke ich ja, dass mit solchen Aspekten die Frage nach unserer Unabhängigkeit nicht gelöst wird. Sie können lediglich Präqualifikationskriterien für die Teilnahme an europäischen Ausschreibungen sein. Es geht aber darum, strategische Autonomie und Resilienz zu gewährleisten. Es muss Europa deshalb etwas wert sein, die Versorgung mit Cleantech-Komponenten heimisch zu organisieren und nachhaltig zu sichern. Für alle strategischen Wirtschaftsbereiche muss die Antwort lauten: „Made in Europe“. Die nachhaltige und günstige Kilowattstunde aus heimischen Erneuerbaren bildet die Grundlage für jedwede weitere Wertschöpfung in allen Industrien. Die Politik muss zudem die dauerhafte Abnahme von europäischen Produkten garantieren und damit die Sichtbarkeit und Planungssicherheit für langfristige Investitionen ermöglichen.

Dieses Interview ist erschienen in Ausgabe 07/2023 von neue energie.


Jürgen Zeschky
ist seit Januar 2022 CEO des Windenergieanlagen-Herstellers Enercon. Zuvor war Zeschky in gleicher Funktion bei der Hoerbiger-Holding und der Nordex-Gruppe tätig.

 

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