Der Sommer war heiß. Austrocknende Flüsse und brennende Wälder zeigten, auf welche Wetterlagen sich Europa einstellen muss. Trotzdem wird der Klimawandel nicht unbedingt das häufigste Gesprächsthema auf der Wind Energy Hamburg sein, der weltweiten Leitmesse der Windindustrie. Ebenso wichtig ist die Herausforderung, sich mit erneuerbaren Energien unabhängig zu machen von Gas und Öl. Stichwort: Straße von Hormus. „Der Ölpreis-Schock hat den erneuerbaren Energien wieder mächtig Auftrieb gegeben“, sagt Claus Ulrich Selbach, bei Hamburg Messe und Congress zuständig für die Wind Energy.
Damit Sonne und Wind die Rolle von Kohle und Öl übernehmen, müssen sie jederzeit verfügbar sein. Nicht nur diese Aufgabe übernehmen Batteriespeicher: Sie erlauben es gleichzeitig, die vorhandenen Stromnetze bestmöglich auszulasten. „Die Netzdienlichkeit gewinnt zunehmend an Bedeutung, und dabei spielen Batteriespeicher eine wichtige Rolle“, sagt Alexander Lennemann von der PNE Group, Projektentwickler und Betreiber von Onshore- und Offshore-Windparks. Deshalb werde die Co-Location von Speichern mit Wind- oder Solarparks wichtiger, sagt Felix Bitzer von Emsys VPP: „Durch die intelligente Kombination und Steuerung von Wind und Photovoltaik mit Batteriespeichern lassen sich Erzeugungsspitzen besser nutzen und Anlagen effizienter vermarkten.“
Furcht vor Cyberangriffen auf Windparks
Innovative Lösungen in der standardisierten industriellen Fertigung
Reagieren müssen deutsche und überhaupt europäische Unternehmen auch auf Konkurrenten aus Übersee. Sie sind für Annekatrin Strunz, Sales Manager beim Kettenhersteller RUD, einer der Gründe für die Fahrt nach Hamburg. Sie will sich anschauen, was die chinesischen Hersteller draufhaben: „Sind die technisch weiter als wir?“ Mehr als 70 Prozent der neuen Windenergieanlagen weltweit wurden im vergangenen Jahr von chinesischen Konzernen errichtet. Damit schrumpft der Markt für europäische Hersteller. Die denken darüber nach, was sie der chinesischen Dominanz entgegensetzen zu können, etwa durch die industrielle Serienfertigung von Komponenten. „Die Branche verzeichnet bedeutende technologische Fortschritte in Bereichen wie Turbinenleistung, Leichtbau und Haltbarkeit,“, sagt Ligia Bogdan, Global Energy Strategy & Business Development Leader beim Technologiekonzern 3M. Sie beobachtet einen Trend zu größeren und leistungsstärkeren Turbinen, leichtgewichtigen und kosteneffizienten Konstruktionen sowie einen verstärkten Fokus auf Zuverlässigkeit und Lebenszyklusoptimierung. „Angesichts des weiteren Wachstums der Windkraftbranche suchen Hersteller und Betreiber nach innovativen Lösungen, die dazu beitragen, die Leistung zu steigern, das Gewicht zu reduzieren und den Wert ihrer Anlagen langfristig zu maximieren.“
Nadelöhr der Energiewende: Netzanschlüsse
Mit Kooperationen lässt sich auch eine zentrale Herausforderung angehen: die Wirtschaftlichkeit. Nur wenn Windenergie ihren Strom verlässlicher und preiswerter als Kohle, Gas und Öl liefert, kann sie langfristig überzeugen. Genau bei diesem Argument wird es knifflig für den grünen Strom aus den Windparks: Bei der Produktion kann Windenergie problemlos mit der fossilen Konkurrenz mithalten, es hapert allerdings an den weiteren Schritten. In Deutschland ist ebenso wie in vielen anderen Ländern das Stromnetz nicht vorbereitet auf die Mengen, die es aufnehmen soll. Und das sorgt für diverse Folgeprobleme. „Das Thema Netzstabilität gewinnt zunehmend an Bedeutung“, sagt Stefan Häselbarth, Geschäftsführer vom Software-Anbieter Blindleister. Das zeige sich aktuell vor allem bei Redispatch- und Abregelungsmaßnahmen im Rahmen des neuen Netzmodells.
Damit steht er nicht allein. Auch Marc Wollschläger, Leiter für Vertrieb und Business Development beim Dienstleister BWTS, sorgt sich um die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen für den weiteren Ausbau der Windenergie. Und die Deutsche Windtechnik fährt „in diesen politischen herausfordernden Zeiten“ auch deshalb gern nach Hamburg, um bewusst „den politischen Druck zu erhöhen“. Hersteller Enercon formuliert dieses Anliegen diplomatischer: „Gerade in einer Zeit, in der die Energiewende weltweit an Dynamik gewinnt, bietet die Wind Energy Raum für neue Impulse, gemeinsame Lösungen und zukunftsweisende Gespräche.“