Chemieindustrie

Zwischen Klimazielen und Kostendruck: Kann grüne Chemie in Europa noch wettbewerbsfähig sein?

Schafft die deutsche Chemieindustrie die grüne Transformation? Hohe Energiekosten, Dumpingkonkurrenz aus China und strenge Regulierung machen die Dekarbonisierung zur Zerreißprobe. Was die Chemieagenda 2045 bringt und welche Rolle grüner Wasserstoff spielt.
Von:  Frank Lassak
16.06.2026 | 6 Min.
Erschienen in: Ausgabe 06/2026
200 Produktionsanlagen: Auf einer Fläche von zehn Quadratkilometern befindet sich in Ludwigshafen das Hauptwerk von BASF. Es gilt als das weltweit größte zusammenhängende Chemieproduktionsareal.
200 Produktionsanlagen: Auf einer Fläche von zehn Quadratkilometern befindet sich in Ludwigshafen das Hauptwerk von BASF. Es gilt als das weltweit größte zusammenhängende Chemieproduktionsareal.
Foto: BASF

Der Preisschock bei Öl und Gas infolge des Irankriegs hat den Druck auf die Chemieindustrie spürbar erhöht. Die Branche soll zugleich klimaneutral werden, die fossile Rohstoffbasis aufgeben und dennoch weiterhin Kleb- und Kunststoffe, Düngemittel, Arzneimittel und Batterien liefern – Produkte, ohne die große Teile der industriellen Wertschöpfung nicht funktionieren.

„Die chemische Industrie funkt derzeit SOS“, sagt Markus Steilemann, Präsident des Verbands der Chemischen Industrie (VCI). Gerade erst hatte der Verband in der Studie Deutschland 2045 ins Feld und der Politik vor Augen geführt, dass Chemie, Pharma und Biotech als Motor für Innovation und Nachhaltigkeit das Zusammenspiel von Energie, Rohstoffen, Infrastruktur, Regulierung und Märkten brauchen. Und dass die Ausgangslage durchaus anspruchsvoll ist: Im vergangenen Jahr verbrauchte die chemisch-pharmazeutische Industrie nach VCI-Angaben 635 Petajoule Energie, umgerechnet 176 Terawattstunden. Erdgas war mit 41,4 Prozent der wichtigste Energieträger, erneuerbare Energien tauchen in der Statistik gerade einmal mit 1,2 Prozent auf. „Für die chemische Industrie steht zurzeit nicht genügend Energie aus erneuerbaren Quellen zu bezahlbaren Preisen zur Verfügung“, umreißt Thorsten Dreier, CTO beim Werkstoffhersteller Covestro in Leverkusen, die Lage. Immerhin bezieht das Antwerpener CovestroWerk seit diesem Jahr dank eines Power Purchase Agreements (PPASteht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.Steht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.) mit RWE 60 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen.

Chemiekonzerne schließen PPAs für grünen Strom

Immer mehr Chemiekonzerne sichern sich langfristig grünen Strom. BASF hat ein PPASteht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.Steht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik. mit dem Energieversorger Engie abgeschlossen und beteiligt sich zudem an den Offshore-Windprojekten Nordlicht 1 und 2. Lanxess hat mit Engie Lieferverträge für Standorte in Deutschland und Belgien vereinbart, Merck bezieht über virtuelle PPAs rund 300 Gigawattstunden erneuerbaren Strom aus spanischen Wind- und Solarparks. Evonik kauft künftig Strom aus dem EnBW-Windpark He Dreiht und Solarstrom von Vattenfall ein.

Die Verträge verdeutlichen die Dimension des Problems: Selbst große PPAs decken meist nur Teile des Strombedarfs einzelner Standorte. Und sie lösen nicht die schwierigere Aufgabe: den fossilen Kohlenstoff zu ersetzen, der in vielen chemischen Produkten steckt. Rund 90 Prozent des in der Chemieindustrie verbrauchten Mineralöls und fast ein Viertel des Erdgases dienen nicht als Energieträger, sondern als Rohstoff für die Produktion.

Obgleich es angesichts der angestrebten Klimaziele keine Alternative zur Dekarbonisierung gibt, kommt die grüne Transformation für die Branche zur Unzeit. Produktion und Erzeugerpreise lagen 2025 jeweils um 0,5 Prozent im Minus; der Gesamtumsatz sank um ein Prozent, die Chemieproduktion ohne Pharma sogar um 2,5 Prozent. Die Anlagen waren nur zu 71 Prozent ausgelastet – laut VCI „ein historischer Tiefpunkt“. Seit 2021 seien die Auftragseingänge um mehr als 20 Prozent eingebrochen.

Chemieagenda 2045 der Bundesregierung

Hat die Branche also überhaupt noch eine Chance in Deutschland und in Europa? Basischemikalien werden auf dem Weltmarkt gehandelt; wer sie günstiger produzieren kann, bestimmt den Preis. Nach Angaben des Europäischen Verbands der chemischen Industrie (Cefic) erwirtschaftete die europäische Chemieindustrie 2024 zwar 635 Milliarden Euro, das entspricht aber nur einem Anteil am Weltmarkt von 13 Prozent. China kommt mittlerweile auf 46 Prozent.

Die Bundesregierung hat auf die Situation mit der sogenannten Chemieagenda 2045 reagiert. Im März stellten Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) und Umweltminister Carsten Schneider (SPD) gemeinsam mit dem VCI ein Maßnahmenpaket vor, das die Branche kurzfristig entlasten und langfristig stärken soll. Im Zentrum stehen ein günstiger Industriestrompreis, Reformen beim europäischen Emissionshandel und beim CO₂-Grenzausgleich CBAM sowie Vereinfachungen im Chemikalienrecht und eine schlankere Umsetzung der Industrieemissionsrichtlinie.

Direktbelieferung der Industrie mit Strom aus erneuerbaren Quellen wäre eine kurzfristig realisierbare Verbesserung.“ Christine Falken-Großer, Bundesverband Erneuerbare Energie

Aus Sicht der Erneuerbare-Energien-Branche greift der Ansatz allerdings zu kurz, da er vor allem auf staatlich verbilligten Industriestrom setze. Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) hält den geplanten Industriestrompreis wegen des Budgetvorbehalts für unsicher und plädiert stattdessen dafür, die direkte Belieferung von Industrieunternehmen mit erneuerbarem Strom zu erleichtern. „Das wäre eine einfach und kurzfristig realisierbare Verbesserung für die Industrie“, sagt BEE-Hauptgeschäftsführerin Christine Falken-Großer. Schärfer fällt die Kritik vonseiten der Umweltverbände aus. Ein „Relikt fossiler Träumereien“ nennt etwa der WWF die Chemieagenda der Bundesregierung. Energiekosten könnten dauerhaft nur dann sinken, wenn Investitionen in saubere Technologien angereizt würden, statt Verschmutzung künstlich günstig zu halten. Die Agenda zeigt jedenfalls, wie verhärtet die Fronten des industriepolitischen Konflikts inzwischen sind. Wenn Produktion aus Deutschland oder Europa abwandert und anderswo fossil weiterläuft, ist dem Klima ebenso wenig geholfen wie der industriellen Souveränität. Tragfähig wird grüne Chemie erst, wenn die Produkte reale Märkte finden.

Stromnachfrage der Chemiebranche wächst

Dazu muss die Branche mehrere Engpässe überwinden. Zum einen wird die chemische Industrie laut VCI-Prognose künftig deutlich mehr Strom als bisher verbrauchen. Gründe dafür seien der Zuwachs an Elektroöfen, Wärmepumpen und Elektrolyseuren sowie die datengetriebene Prozesssteuerung. Zum anderen geht es in Zukunft kaum mehr ohne grünen Wasserstoff – als Energieträger und als Rohstoff für Synthesegase, etwa für die Produktion der Grundstoffe Methanol und Ammoniak. Die Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie beziffert den Wasserstoffbedarf der chemischen Industrie auf rund 37 Terawattstunden pro Jahr, bis 2045 könne er auf bis zu 280 Terawattstunden steigen. Grüner Wasserstoff ist damit unverzichtbar, aber knapp, teuer und auf absehbare Zeit importabhängig.

Hinzu kommt, dass viele chemische Produkte auf Kohlenstoffverbindungen beruhen. Die Frage ist, woher der Kohlenstoff künftig stammt. Biomasse ist erneuerbar, aber begrenzt und steht in Konkurrenz zu Ernährung, Naturschutz, Böden und energetischer Nutzung. Recycling hängt an Sammelsystemen, Sortierung und der Qualität der Abfallströme. Und CO₂ aus Industrieabgasen oder der Atmosphäre kann zwar zum Rohstoff werden, braucht aber große Mengen erneuerbaren Strom für die Aufbereitung.

Chemisches Recycling bleibt schwierig

Gerade beim chemischen Recycling zeigt sich die Ambivalenz. Die Industrie sieht darin eine Chance, auch gemischte, verschmutzte oder mechanisch schwer verwertbare Kunststoffabfälle wieder in Grundstoffe zurückzuführen. Für Umweltverbände und Behörden ist dies indes kein Freifahrtschein. So kam das Umweltbundesamt in einer Untersuchung zu thermochemischem Kunststoffrecycling zu dem Ergebnis, dass chemische Verfahren dem mechanischen Recycling bei Energieverbrauch und Treibhausgasemissionen „deutlich unterlegen“ seien. Bei Carbon Capture and Usage (CCU) verhält es sich ähnlich.

CO₂ als Rohstoff klingt zunächst nach industrieller Alchemie: Aus einem Abfallprodukt wird neues Ausgangsmaterial für die chemische Industrie. Doch der Charme der Idee verdeckt den Aufwand. CO₂ ist ein sehr stabiles Molekül; wer daraus Methanol, Kunststoffe oder andere organische Verbindungen herstellen will, muss viel Energie aufwenden – etwa in Form von grünem Wasserstoff. Wie groß der zusätzliche Bedarf wäre, zeigen Dechema-Berechnungen am Beispiel der Methanolproduktion des Jahres 2021: Um das Methanol mithilfe von abgeschiedenem CO₂ und grünem Wasserstoff herzustellen, hätte die Industrie 1,86 Millionen Tonnen CO₂ und 0,25 Millionen Tonnen Wasserstoff gebraucht. Um diese Menge grünen Wasserstoff per Elektrolyse herzustellen, braucht es mehr als zwölf Terawattstunden Strom. Bei anderen chemischen Grundstoffen, etwa Ethylen oder Propylen, liegen die Größenordnungen noch deutlich höher. CCU erzeugt demnach einen erheblichen Mehrbedarf an erneuerbarem Strom – und damit deutlich höhere Kosten. Als Ersatz für fossilen Kohlenstoff ist die Nutzung von abgeschiedenem CO₂ deshalb keine Alternative im großen Maßstab, weder energetisch noch wirtschaftlich.

Dumpingangebote aus China

Ob sich nachhaltige Verfahren durchsetzen, entscheidet letztlich der Markt. Die EU setzt mit Emissionshandel, Chemikalienrecht, Kreislaufstrategie, Verpackungs- und Batterieregeln bereits viele Leitplanken. Doch Leitplanken schaffen keine Märkte. Für grüne Grundstoffe braucht es Nachfrage, Standards und eine glaubwürdige Unterscheidung gegenüber fossiler Ware. Zudem treffen diese Instrumente auf eine Branche, deren Investitionsspielraum schrumpft.

Der globalisierte Welthandel verschärft die Problematik. Chinesische Hersteller überschwemmen den Markt mit Produkten zu Dumpingpreisen und bauen zugleich Forschung und Wertschöpfungstiefe massiv aus. Die USA profitieren von günstiger Energie, lokalen Rohstoffen und – umstrittenen – industriepolitischen Anreizen. Europa verlangt seiner Industrie dagegen eine teure Transformation bei hohen Energiepreisen und strenger Regulierung ab. Das kann zu einem Vorsprung bei nachhaltigen Materialien, Spezialchemikalien und Kreislauftechnologien führen – oder dazu, dass die Produktion wegen allzu strikter Regulierung künftig anderswo stattfindet.

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200 Produktionsanlagen: Auf einer Fläche von zehn Quadratkilometern befindet sich in Ludwigshafen das Hauptwerk von BASF. Es gilt als das weltweit größte zusammenhängende Chemieproduktionsareal.
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