Länderreport

Vom Blackout zur Energiewende: Südafrikas langer Abschied von der Kohle

Stromausfälle legten Südafrika jahrelang lahm. Jetzt treiben Unternehmen und Privathaushalte den Ausbau von Solar- und Windenergie voran – doch Kohlelobby, marode Netze und soziale Konflikte bremsen den Wandel.
Von:  Christian Selz
13.05.2026 | 6 Min.
Erschienen in: Ausgabe 05/2026
Noch fossil: Der Strukturwandel zu erneuerbaren Energien bleibt in Südafrika schwer.
Noch fossil: Der Strukturwandel zu erneuerbaren Energien bleibt in Südafrika schwer.
Foto: Michelle Hart, pexels

Südafrika hat dunkle Jahre hinter sich, im Wortsinn. Der staatliche Monopolist Eskom erzeugte oft monatelang nicht genügend Strom, um den Bedarf zu decken. Die Gründe sind vielfältig: Alternde und damit störanfällige Kohlekraftwerke mussten aufwendig gewartet werden oder fielen komplett aus. Kriminelle Syndikate ließen Kohlelieferungen umladen, um sie anderswo zu verkaufen. Stattdessen fuhren die Lkw mit einem Gemisch aus Gestein und niedrigwertigerer Kohle in die Kraftwerke. Es gab offene Sabotage wie umgesägte Strommasten an Förderbändern. Die Folge: Bis zu sieben Stunden pro Tag wurde der Strom abgeschaltet. Planmäßig.

Unternehmen und Privathaushalte investierten in erneuerbare Energien, um ihre Stromversorgung zu sichern. Photovoltaikanlagen sind in wohlhabenderen Wohngegenden inzwischen nahezu Standard im Straßenbild. In Zahlen: Zwischen 2020 und 2025 hat sich die installierte Spitzenleistung von Solarstromanlagen in Privathaushalten von 1,2 Gigawatt (GW) auf 7,5 GW mehr als versechsfacht.

Landesweit steht die Energiewende allerdings noch immer vor großen Herausforderungen. „Nach mehr als einem Jahrzehnt ohne sichere Stromversorgung sind die Südafrikaner verständlicherweise frustriert und wütend. Sie haben es satt“, fasste Präsident Cyril Ramaphosa im Juli 2022 live im Fernsehen die Stimmung im Land zusammen. Im Anschluss an die Corona Pandemie, auf die Südafrika mit einem harten Lockdown inklusive Stilllegung aller nicht unmittelbar für die Versorgung nötigen Betriebe reagiert hatte, hielt der Strommangel die Wirtschaft einmal mehr im Würgegriff – bei Arbeitslosenquoten von mehr als 40 Prozent.

Unternehmen sollen eigene Energieanlagen bauen

Ramaphosa hatte schon damals ein Gesetz auf den Weg gebracht, das einen wertvollen Beitrag zur Beendigung der Krise leitete: Privaten Produzenten ist es seither erlaubt, bis zu 100 Megawatt Strom selbst zu erzeugen. Zuvor lag die Obergrenze bei nur einem Megawatt. „Dadurch wird eine bedeutende Hürde für Investitionen in Projekte zur eingebetteten Stromerzeugung entfernt“, sagte Ramaphosa. „Unternehmen können nun ihre eigenen Energieanlagen bauen und sich selbst versorgen.“ Diese Chance ergreifen viele Unternehmen. Seit 2022 ist die installierte Kapazität erneuerbarer Energiequellen in kommerziellen Anlagen – vor allem Solar- und Windparks – auf 6,5 GW gestiegen. Das ist bereits etwas mehr als ein Zehntel der gesamten Stromerzeugungskapazität des Landes.

Unternehmen können nun ihre eigenen Energieanlagen bauen und sich selbst versorgen.“ Cyril Ramaphosa, Präsident der Republik Südafrika
Der ursprünglich 2010 auf den Weg gebrachte Ausbau erneuerbarer Energiequellen hat dadurch einen Sprung gemacht, doch der Energiemix bleibt bis heute stark kohlelastig. Etwa 70 Prozent der installierten Stromerzeugungskapazität und den jüngsten Zahlen der Internationalen Energieagentur IEA zufolge gar 81,6 Prozent der tatsächlichen Stromerzeugung entfallen auf Kohle. Südafrika verfügt über große eigene Steinkohlevorkommen, die viele Jahrzehnte eine preisgünstige Stromversorgung der heimischen Industrie garantierten, insbesondere des Bergbaus als Rückgrat der südafrikanischen Wirtschaft.

Kein Abschied von der Kohle in Sicht

Günstig ist der Kohlestrom heute nicht mehr, auch vor dem Hintergrund gestiegener Wartungskosten der alternden Kraftwerke. Die historische Verankerung der Kohle in Volkswirtschaft und Gesellschaft erschweren die Energiewende dennoch erheblich. Auf politischer Ebene drückt sich dies in einem Konflikt aus, dessen Frontlinie sich quer durch die stärkste Regierungspartei zieht, den African National Congress (ANC).

Während Präsident Ramaphosa und Finanzminister Enoch Godongwana als Fürsprecher der Energiewende gelten, kommt aus dem Ressort von Bergbau- und Erdölminister Gwede Mantashe reichlich Widerstand. Ramaphosa weiß dabei einen Großteil der Wirtschaft hinter sich, der in erster Linie an einer sicheren – und inzwischen billigeren – Stromversorgung gelegen ist. Mantashe gilt derweil als Sprachrohr der nach wie vor einflussreichen Kohlebranche. „Die Lieferverträge für Kohle sind sehr lukrativ“, sagt Andile Zulu, der das Energiedemokratieprogramm der Kapstädter Recherche- und Kampagnenorganisation Alternative Information & Development Centre (AIDC) leitet. Er weist auf die Interessen der Gewerkschaften hin, die um die Arbeitsplätze ihrer Mitglieder in Kraftwerken und Bergbau kämpfen. Die größten Gewerkschaften sind zudem Bündnispartner des ANC und die Beschäftigten eine wichtige Wählerbasis der einstigen Befreiungsbewegung.

Finanzmittel sollen Umfeld schaffen, das Privatinvestitionen anzieht

Für den ANC liegt eine große Herausforderung in der Bewältigung der sozialen Folgen des Strukturwandels. Die Aufgabe wird erschwert durch die geografischen Gegebenheiten in Südafrika, einem Land mehr als dreimal so groß wie Deutschland. Während Solar- und Windparks vor allem in den dünner besiedelten Provinzen Nordkap, Nordwest und Freistaat gute Bedingungen finden, konzentriert sich die fossile Branche in der kohlereichen Provinz Mpumalanga im Nordosten. „Hier sind mehr als 100.000 Menschen direkt in der Kohlewertschöpfungskette beschäftigt“, sagt AIDC-Experte Zulu. Den Strukturwandelprozess beschreibt er als „chaotisch und orientierungslos“. Als Beleg nennt Zulu das 2022 stillgelegte Kohlekraftwerk Komati. Die Weltbank stellte 450 Millionen US-Dollar für Abrissarbeiten und neue Berufsmöglichkeiten für die Menschen vor Ort bereit. Doch sämtliche Vertragsarbeiter und Menschen seien in Berufen ausgebildet worden, für die es keine Nachfrage gab. Aus Zulus Sicht „ein Desaster“.

Das Strukturwandelprojekt Komati war Teil der Initiative Just Energy Transition Partnership (JETP), in deren Rahmen Industrieländer auf der Weltklimakonferenz 2021 Investitionsgarantien, Bürgschaften, Kredite und Fördermittel in Höhe von 8,5 Milliarden US-Dollar für die Energiewende in Südafrika zugesagt hatten. Das Projekt wird allerdings kritisch gesehen. „Das JETP folgt einem Modell der gewinnträchtigen Dekarbonisierung“, erklärt Zulu. Die Finanzmittel sollen ein Umfeld schaffen, das Privatinvestitionen anzieht. Deshalb flössen viele Gelder in Projekte für E-Mobilität oder grünen Wasserstoff, der gewinnbringend exportiert werden kann. Aspekte mit geringerer Gewinnaussicht, etwa die Ausbildung von Fachkräften, erhielten kaum Förderung, kritisiert Zulu.

Warten auf den Netzausbau

Kaum gefördert wird die Energiewende zudem vom Staatskonzern Eskom, zuständig für Netz und Durchleitung. Der hoch verschuldete Monopolist zeigt wenig Interesse an einem forcierten Wandel zu mehr grünen Energiequellen, zumal sein Geschäftsmodell auf Kohle beruht und er vom Finanzministerium kaum Mittel bewilligt bekommt, um in erneuerbare Energien zu investieren. In der Konsequenz führt das dazu, dass fertig geplante Wind- und Solarprojekte nicht umgesetzt werden oder ans Netz gehen können.

Thomas Siepelmeyer kennt das nur zu gut. Seit 15 Jahren arbeitet der Münsteraner Unternehmer in Südafrika an Wind- und Photovoltaikprojekten. „Es hakt beim Netzausbau“, sagt der Geschäftsführer von IPD Power. In der Provinz Westkap mit der Metropole Kapstadt würden seit 2023 keine neuen Projekte ans Stromnetz angeschlossen. Zwar gebe es längst Pläne für den Netzausbau, aber „Eskom bekommt das nicht auf die Reihe“, sagt Siepelmeyer. Berichte und Gutachten lägen fertig vor, doch die Umsetzung dauere einfach zu lange, Folge einer „Riesenbürokratie“.

Potenzial von Wind und Sonne wird in Südafrika kaum genutzt

Auch der südafrikanische Energieexperte und Journalist Chris Yelland bezeichnet die mangelnde Netzkapazität als „Nadelöhr“, das die Expansion erneuerbarer Energien im Zusammenspiel mit „regulatorischen Unsicherheiten“ ausbremse. Das Potenzial der erneuerbaren Energien bleibt gleichwohl unverändert hoch. „In Südafrika hat man auch im Winter klaren Himmel und Sonne“, sagt Unternehmer Siepelmeyer. Zudem herrschten vor allem an der Atlantikküste „bis zu 100 Kilometer ins Land hinein sehr gute Windverhältnisse, auch übers ganze Jahr“. Die Möglichkeiten würden aber noch kaum genutzt. Das will Südafrikas Regierung jetzt ändern und Eskom in drei Teile aufspalten. Der Netzbetrieb soll von der Stromerzeugung unabhängig gemacht werden – damit Sonne und Wind endlich ihre Energie ins Stromnetz einspeisen können.

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