Kein Licht, kein Internet, kein Bahnverkehr: Es war der größte Blackout in Europa seit Langem. Am 28. April 2025 fiel auf der Iberischen Halbinsel der Strom aus. Die Spannungsregelung im Stromnetz versagte, nachdem eine Reihe technischer und systemischer Probleme zusammengekommen waren – darunter Schwankungen, Überspannungen, Abschaltungen von Anlagen und ein Abfall der Frequenz. Der Blackout demonstrierte eindringlich, wie sehr Netzausbau und Systemtechnik dem rasanten Ausbau der erneuerbaren Energien in Spanien und Portugal hinterherhinken. Bis heute ist das dortige Stromsystem in wichtigen Punkten auf eine Versorgung durch konventionelle Kraftwerke ausgelegt, dabei stammen im wind- und sonnenverwöhnten Spanien bereits rund 60 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen. Europaweit erzeugt nur Deutschland – in absoluten Zahlen gerechnet – noch mehr Strom aus erneuerbaren Ressourcen als Spanien.
Schon in vier Jahren sollen laut Nationalem Integrierten Energie- und Klimaplan (PNIEC) der spanischen Regierung bereits 81 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen sprudeln. Um dieses Ziel zu erreichen, werden neue Solarparks mit einer Leistung von 76 Gigawatt (GW) anvisiert, dazu kommen Windparks mit einer Leistung von 62 GW. Am Angebot wird es also nicht scheitern – doch wie kommt die Energie zu den Abnehmern?
Förderung für Co-Location-Speicher bei Solarparks zu vergeben
Nach dem Blackout hat Spanien erkannt, dass es verstärkt in Netzinfrastruktur und Speicher investieren muss. Denn nicht nur die Netze sind anfällig, es fehlt auch an ausreichenden Speicherkapazitäten. Tagsüber produziert Spanien riesige Strommengen, die weder eingespeist noch gespeichert werden können. Die Leistung aller Batteriespeicher summierte sich im vorigen Jahr auf bescheidene 0,4 GW. Zeitnah sollen neue Speicher dazukommen: Um bis 2030 Speicheroptionen von 22,5 GW zu erreichen, vergibt der Staat mehr als 800 Millionen Euro an Fördergeldern, vor allem für Co-Location-Speicher bei Solarparks.
Erneuerbaren-Produktion steigt, Nachfrage stagniert
Selbst in einer Welt mit leistungsfähigen Netzen, ausreichend Speichern, genügend Wind und reichlich Sonne hätte die Energiewende in Spanien ein veritables Problem: die Strompreise. Während die Produktion an erneuerbaren Energien steigt, stagniert die Nachfrage. Überkapazitäten drücken die Preise – mitunter auf ein so niedriges Niveau, dass sich die Produktion nicht mehr rechnet.
In Spanien werden die Strompreise über den Großhandelsstrommarkt (Pool) bestimmt. Erzeuger und Lieferanten legen die Preise fest, die dann an die Abnehmer weitergegeben werden. Während eine Megawattstunde (MWh) Anfang 2022 noch mehr als 300 Euro kosten konnte, haben sich die Preise seitdem mehr als halbiert. Mitunter rutschen sie auf Werte von fünf Euro pro MWh – und sogar noch darunter. Langfristige Verträge mit Preisgarantien schützen nur bedingt vor solchen Ausschlägen nach unten: Seit Jahren werden in Spanien europaweit die niedrigsten Preise vereinbart – auch das eine Folge der Überkapazitäten.
Spanische Haushalte zahlen weniger für Strom als deutsche
Für Verbraucher ist das erfreulich. Im vergangenen Jahr lag der Strompreis für spanische Haushalte laut Vergleichsportal Strom-Report bei rund 26 Cent pro Kilowattstunde (kWh), während in Deutschland mehr als 38 Cent bezahlt werden mussten. Diese Relation findet sich auch bei den Preisen für Firmenkunden wieder. Was spanische Konsumenten und Unternehmen freut, bringt die Produzenten in die Bredouille. Denn die Banken werden zurückhaltender bei der Kreditvergabe, viele geplante Projekte stehen auf der Kippe und drohen die Ausbauziele der Regierung zu gefährden.
Auch daran trägt der Blackout vom April 2025 eine Mitschuld: Um das System zu stabilisieren, ist seitdem der Beitrag von Gaskraftwerken im Strommix erhöht worden. Aufgrund der stagnierenden Stromnachfrage bedeutet das für Betreiber von Solar- und Windparks: noch mehr ungenutzte Kapazitäten.
Wasserstoff-Produktion als neuer Stromabnehmer
Künftig soll ein Teil der Überkapazitäten für die Produktion von grünem Wasserstoff genutzt werden. Laut PNIEC soll bis 2030 eine installierte Elektrolysekapazität von 12 GW entstehen, inklusive der nötigen Infrastruktur. Damit wird auch das Speicherproblem angegangen: Strom lässt sich per Elektrolyse in Wasserstoff umwandeln und so problemlos speichern oder auch in Derivaten wie Ammoniak, Methanol und synthetischem Methan weiterverwenden.
Aktuell registriert der spanische Wasserstoffverband AeH2 399 Projekte für den Einsatz von Wasserstoff, davon 145 kommerzielle. Sollten sie alle realisiert werden, entspräche das rund 20 GW Elektrolysekapazität und einer geschätzten Produktion von etwa 2,65 Millionen Tonnen Wasserstoff pro Jahr. Der grüne Wasserstoff soll die Dekarbonisierung der Industrie vorantreiben. Mit diesen Plänen positioniert sich Spanien europaweit an der Spitze: Deutschland verabschiedet sich mangels langsamer Fortschritte gerade von dem Ziel, bis 2030 zumindest 10 GW an Elektrolysekapazität vorzuhalten. Ob Spanien schneller vorankommt, ist allerdings fraglich. So wurde zwar 2024 der Bau des ersten integrierten grünen Wasserstoff-Industrieparks Europas mit Netto-Null-Emissionen angekündigt, mit einer Elektrolysekapazität von 5 GW und 1000 neuen Arbeitsplätzen – viel zu hören vom Milliardenprojekt ist seitdem aber nicht mehr.
Wasserstoff-Überschüsse sollen an europäische Länder exportiert werden
Auch deutsche Unternehmen können von Spaniens geplantem Wasserstoff-Hochlauf profitieren: Laut einer Marktanalyse der Deutschen Auslandshandelskammer (AHK) Spanien bieten sich „erhebliche Chancen in den Bereichen Wasserstoffproduktion, Infrastruktur und Speicherung“. Markus Kemper, stellvertretender Geschäftsführer der AHK Spanien, sagt: „Die deutsche Verlässlichkeit wird in Spanien geschätzt. Und Deutschland möchte sich als Lieferant für Wasserstofftechnologien positionieren.“
Stärkere Anbindung ans europäische Stromnetz geplant
Wie beim Wasserstoff ist auch bei den Stromnetzen die Anbindung an den Rest Europas entscheidend. Mit besseren Verbindungen nach Frankreich und weiter nach Mitteleuropa könnten mehr Überschüsse exportiert werden, anstatt Anlagen abzuregeln. Umgekehrt ließen sich Versorgungsengpässe im spanischen Netz besser ausgleichen. Der Integrationsgrad des iberischen Stromnetzes ist gering: Laut Netzbetreiber Red Electrica Espana (REE) beträgt die Austauschkapazität mit dem Rest Europas nur zwei Prozent der installierten Kapazität – weit unter dem Ziel der EU, das für seine Mitgliedsländer bis 2025 mindestens zehn Prozent vorsah. Bis 2030 sollen es 15 Prozent sein.


