neue energie: Ihre Studie beschreibt die Lage der kritischen Lieferketten für die Energiewende als „besonders drängend“. Was macht die Lieferketten für erneuerbare Energien anfälliger als die anderer Branchen?
ist Direktor für Energie und Industrie beim Klima- und Energie-Thinktank Epico in Berlin. Er arbeitete an der Studie "Resilienz der deutschen Lieferketten nach der Zeitenwende" mit, die 2025 erschien.
Drittens sind viele Lieferketten auf maximale Effizienz, niedrige Kosten und Just-in-Time-Produktion optimiert worden. Den Wert von Redundanzen lernen wir erst nach und nach wieder. Das senkt im Normalbetrieb die Kosten, schafft aber Klumpenrisiken. Kommt es zu Exportkontrollen, geopolitischen Konflikten oder Produktionsausfällen, stehen nicht immer kurzfristig alternative Lieferanten oder Materialien zur Verfügung.
ne: Sie sprechen von einem „Trilemma“: Erneuerbare Energien sollen marktwirtschaftlich sein, eine schnelle Energiewende ermöglichen und die Abhängigkeit von China reduzieren. Welches der drei Vorhaben muss am stärksten zurückstecken?
Schmitz-Brieber: Aus unserer Sicht sollte keines der drei Ziele pauschal aufgegeben werden. Mir persönlich ist eine möglichst interventionsfreie Marktwirtschaft und eine schnelle Energiewende sehr wichtig. Aber letztlich muss dies die Politik entscheiden.
Ich will nicht einer fortgesetzten Abhängigkeit von China das Wort reden. Selbst als Marktwirtschaftler kann ich anerkennen, dass einzelwirtschaftlich rationale Entscheidungen nicht automatisch zu einem gesamtwirtschaftlich optimalen Sicherheitsniveau führen. Für ein Unternehmen kann es sinnvoll sein, weiterhin das günstigste chinesische Vorprodukt zu beziehen. Die volkswirtschaftlichen Kosten eines späteren Lieferstopps können jedoch viel größer sein als die unmittelbaren Kosten für dieses einzelne Unternehmen. Hinzu kommt, dass wirtschaftliche Sicherheit den Charakter eines öffentlichen Gutes hat. Unternehmen haben daher nicht immer einen ausreichenden Anreiz, die Kosten der Diversifizierung allein zu tragen.
Selbst dann sollte die Politik aber nicht in flächendeckenden Protektionismus oder einen Subventionswettlauf eintreten. Unsere Leitlinie lautet: so viel Staat wie nötig, so wenig wie möglich. Eingriffe müssen produktspezifisch begründet, europäisch koordiniert, zeitlich überprüfbar und auf tatsächlich kritische Abhängigkeiten beschränkt sein. Umgekehrt wäre es falsch, aus Gründen der Autonomie den Ausbau erneuerbarer Energien künstlich zu verteuern oder zu verlangsamen. Klimaschutz und Versorgungssicherheit sind selbst Bestandteile wirtschaftlicher Resilienz.
ne: Beim Bau von Windkraftanlagen werden Seltene Erden wie Neodym benötigt, die zu einem erheblichen Teil aus China stammen. Wie kritisch ist diese Abhängigkeit konkret für den deutschen Windkraftausbau? Wie groß ist das Erpressungspotenzial?
Schmitz-Brieber: Hier man muss man differenzieren. Mein Verständnis ist, dass nicht jede Windkraftanlage in gleichem Maße auf Permanentmagnete mit Neodym angewiesen ist. Allerdings sieht man schon eine Kombination aus starker Konzentration der Neodym-Vorkommen und Ausweitung der Produktionskapazitäten für Windkraftanlagen.
Die richtige Antwort ist aus unserer Sicht nicht, chinesische Lieferungen von heute auf morgen zu stoppen. Wir brauchen alternative Bezugsquellen, europäische Verarbeitungskapazitäten, Recycling, Materialsubstitution und eine größere technologische Vielfalt bei Generator- und Antriebskonzepten.
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ne: Bei Windkraftanlagen und Elektrolyseuren empfehlen Sie den Aufbau einer wettbewerbsfähigen EU-Produktionsbasis. Welche konkreten Vorerzeugnisse und Komponenten sind dabei die größten Schwachstellen?
Schmitz-Brieber: Unsere Studie nimmt keine vollständige komponentengenaue Rangfolge vor., sondern argumentiert in Richtung einer Differenzierung: Wir sollten nicht versuchen, jede Schraube in Europa herzustellen. Europäische Kapazitäten sind dort besonders sinnvoll, wo mindestens drei Bedingungen zusammenkommen:
- Eine Komponente ist für die Gesamtanlage unverzichtbar.
- Die Lieferquellen sind stark konzentriert oder geopolitisch riskant.
- Europa besitzt realistische technologische beziehungsweise langfristige komparative Vorteile.
Unsere Studie kommt deshalb zu dem Ergebnis, dass bei technologisch anspruchsvollen Produkten wie Windkraftanlagen und Elektrolyseuren das Erhalten oder Schaffen einer wettbewerbsfähigen europäischen Produktionsbasis sinnvoll ist. China gewinnt hier international Marktanteile, wo vor beispielsweise auch der Draghi-Bericht bereits gewarnt hat. Ohne rechtzeitiges Handeln könnte mittelfristig eine neue Abhängigkeit entstehen, wenn europäische Kapazitäten wegbrechen oder nicht ausreichend aufgebaut werden.
ne: China subventioniert günstige Produkte für die Energieerzeugung. Wie können europäische Hersteller unter diesen Bedingungen wettbewerbsfähig bleiben?
Zweitens sollten wir europäische Stärken fördern, also Forschung, Innovation, Automatisierung, Qualität, Effizienz, Recycling und technologisch anspruchsvolle Komponenten. Bei Windkraftanlagen und Elektrolyseuren sieht unsere Studie längerfristige europäische Wettbewerbsmöglichkeiten, anders als bei der standardisierten Massenproduktion heutiger Solarmodule.
Drittens braucht es bei nachweislich unfair subventionierten Importen europäische handelspolitische Instrumente. Diese müssen regelbasiert, verhältnismäßig und auf EU-Ebene eingesetzt werden.
Viertens können öffentliche Vergaben neben dem Preis auch Resilienz- und Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigen. Der Net-Zero Industry Act eröffnet hierfür Möglichkeiten. Zugleich müssen Preisaufschläge begrenzt und die Wirkungen genau evaluiert werden, damit Resilienzvorgaben den Ausbau nicht unnötig verteuern oder den Binnenmarkt fragmentieren.
ne: Gut zwei von fünf Unternehmen haben Maßnahmen zur Lieferkettenresilienz ergriffen oder geplant. Welche Maßnahmen dominieren bei Unternehmen aus dem Bereich erneuerbare Energien?
Schmitz-Brieber: Hier ist eine methodische Präzisierung wichtig: Unsere Befragung von 1.028 deutschen Unternehmen erlaubt Aussagen über die deutsche Wirtschaft insgesamt. Insbesondere das Verarbeitende Gewerbe ist stark vertreten. Sie liefert aber keine belastbare separate Rangfolge ausschließlich für Unternehmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien. Wir sollten deshalb nicht mehr Branchengenauigkeit behaupten, als die Daten tatsächlich hergeben.
Insgesamt dominieren vergleichsweise pragmatische und schrittweise Maßnahmen:
- intensiveres Monitoring von Lieferanten und Risiken,
- zusätzliche beziehungsweise alternative Lieferanten,
- eine breitere geografische Streuung des Bezugs,
- höhere Lagerbestände,
- eine Verringerung der Just-in-Time-Abhängigkeit,
- teilweise die Verlagerung zu näheren oder verlässlicheren Lieferländern.
Tiefgreifende Veränderungen wie Reshoring, Insourcing oder eine vollständige Neuordnung der Lieferkette sind deutlich aufwendiger und kostspieliger. Diversifizierung erlaubt es dagegen, bestehende Lieferbeziehungen beizubehalten und gleichzeitig das Ausfallrisiko zu senken.
Auffällig ist auch, dass nur gut 23 Prozent der auf ausländische Vorleistungen angewiesenen Unternehmen eine bewusste Diversifizierung weg von chinesischen Vorprodukten planen oder bereits betreiben. Das zeigt die Lücke zwischen einem gestiegenen Risikobewusstsein und der tatsächlichen Umsetzung. Weiter auffällig – gerade aus der Perspektive eines Klima- und Energie-Thinktanks wie Epico – ist, dass Elektrifizierung kaum als eine unternehmerische Resilienzsstrategie gesehen wird. Ehrlich gesagt ist dies sogar etwas enttäuschend. Allerdings hat hier seit der Erhebung in meiner Wahrnehmung schon ein Stück weit ein Umdenken stattgefunden, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Iran-Kriegs und der (wieder) steigenden Öl- und Gaspreise.
ne: Sie empfehlen „diversifiziertes Friendshoring“. Welche Länder kämen für Rohstoffe und Komponenten realistischerweise infrage?
Schmitz-Brieber: Friendshoring darf nicht bedeuten, die Abhängigkeit von China einfach durch eine neue Abhängigkeit von einem einzigen anderen Land zu ersetzen. Entscheidend ist ein Portfolio mehrerer Partnerländer, verbunden mit Verarbeitung, Recycling und strategischen Kapazitäten innerhalb Europas. Für kritische Rohstoffe kommen insbesondere rohstoffreiche und institutionell verlässliche Partner wie Kanada, Australien, Chile und Norwegen infrage. Hinzu kommen, abhängig vom jeweiligen Rohstoff und einer sorgfältigen Risikoanalyse, Namibia, Sambia, Kasachstan, Grönland, Argentinien, Südafrika und die Ukraine. Diese Auswahl entspricht weitgehend den Staaten, mit denen die EU bereits strategische Rohstoffpartnerschaften oder entsprechende Kooperationsrahmen aufgebaut hat.
Bei Komponenten sollte der europäische Binnenmarkt selbst die erste Friendshoring-Zone sein. Ergänzend bieten sich Länder mit technologischer Kompetenz, stabilen Handelsbeziehungen und hohen Produktionsstandards an. Dabei sollte die Auswahl nicht allein nach politischer Nähe erfolgen, sondern nach einem Kriterienraster:
- politische und rechtliche Verlässlichkeit,
- tatsächliche Rohstoff- oder Produktionskapazitäten,
- Diversifizierungswirkung,
- Umwelt- und Sozialstandards,
Transport- und Infrastrukturbedingungen, - Möglichkeit lokaler Weiterverarbeitung,
- langfristige wirtschaftliche Tragfähigkeit.
Der zentrale Punkt unserer Studie bleibt: Diversifizierung ist kein einmaliger Wechsel des Lieferanten, sondern der Aufbau mehrerer belastbarer Bezugsoptionen. Resilienz entsteht nicht durch Autarkie, sondern durch Ausweichfähigkeit.