Resilienz und Erneuerbare: Wie Estland sein Stromnetz gegen Angriffe wappnet
Sabotage, Drohnenangriffe und Cyberrisiken setzen Estlands Energieinfrastruktur unter Druck. Das Land reagiert mit einem redundanten Stromnetz, neuen Speichern und enger Zusammenarbeit mit den Ostsee-Anrainern. Doch der Umbau des Energiesystems ist kein Selbstläufer.
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Jenseits der Grenze: Auf der anderen Seite der Narva steht das russissche Umspannwerk, zu dem die letzten Verbindungen im Februar 2025 gekappt wurden.
Foto: Sarah-Charline Meiners
Von der estnischen Uferseite des Grenzflusses Narva kann man es gut sehen: eines der russischen Umspannwerke, die bis vor Kurzem noch mit dem estnischen Stromnetz verbunden waren. Seit Februar 2025 sind die technischen Kontakte gekappt. „Das war die letzte physische Verbindung, die wir noch hatten“, erklärt Andres Sutt, Estlands Minister für Energie und Umwelt. Damit hat sich der baltische Staat komplett vom Nachbarn im Osten abgekoppelt. Schon 2022 stoppte Estland den Import von russischem Erdgas und setzte auf heimischen Ölschiefer. Dass das keine nachhaltige Strategie ist, erkannten die Esten schnell und steuerten um.
Wenn wir zwei Terawattstunden Windstrom aufbauen, werden wir unsere Importabhängigkeit auf 15 bis 20 Prozent senken."Andres Sutt, Minister für Energie und Umwelt Estland
Mittlerweile machen die Erneuerbaren bereits 68 Prozent des im Inland erzeugten Stroms aus. Und der Ausbau geht weiter: „Wir wollen einen Mix aus Wind, Solar und Biomasse, dazu Erdgas für Lastspitzen und Batteriespeicher“, sagt Energieminister Sutt. Damit werden die über 50 Jahre alten Kraftwerke auf Ölschieferbasis ersetzt und die Abhängigkeit von Importen gesenkt. Aktuell muss Estland rund 40 Prozent seines Strombedarfs importieren und ist damit stark von der Stromerzeugung der befreundeten Nachbarn abhängig. „Derzeit läuft eine Ausschreibung für bis zu zwei Terawattstunden Strom aus Onshore-Windkraft“, sagt Sutt. Der estnische Stromverbrauch liegt bei etwa 8 bis 8,5 Terawattstunden – das entspricht also einem Viertel. „Wenn wir zwei Terawattstunden Windstrom aufbauen, werden wir auch unsere Importabhängigkeit auf vielleicht 15 bis 20 Prozent senken“, sagt Sutt. „Damit können wir leben.“
Estlands Stromnetz soll ein krisenfester Inselbetrieb werden
Das estnische Stromnetz soll resilient sein und redundant aufgebaut wie Bienenwaben."Andres Sutt, Minister für Energie und Umwelt Estland
Seit einigen Jahren baut Estland nicht nur seine Energieerzeugung um, sondern auch sein Stromnetz. Das Ziel: ein krisenfester Inselbetrieb. „Das estnische Stromnetz soll resilient sein und redundant aufgebaut wie Bienenwaben“, erklärt Sutt. „Ein Teil muss den anderen bei Ausfall sofort ersetzen können.“ Das sei den Esten bisher gut gelungen, sagt der Energieminister. „Auch nach dem Sabotage-Akt an Weihnachten 2024 auf Estlink 2 blieb unser Netz stabil.“ Damals hatte ein Tanker der russischen Schattenflotte seinen Anker vermeintlich „vergessen“ und über den Grund der Ostsee schleifen lassen. Dabei zerstörte er das Starkstromkabel, das Estland mit dem finnischen Netz verband. Obwohl Estland den meisten importierten Strom aus Finnland bezieht, blieb die Stromversorgung stabil. Der Grund: Die benachbarten Ostsee-Anrainer haben sich zu einem Stromring zusammengeschlossen. „Wir haben zwei Verbindungsleitungen nach Finnland und drei nach Lettland. Es bildet sich ein Kreis“, erklärt Sutt. „Wir zusammen mit Finnland, Lettland, Litauen und Polen sind uns nun sicher, dass wir im Ernstfall erhebliche Störungen im Netz verkraften können.“
Russische Sabotage an Stromkabeln und Energieanlagen
Das estnische Strom- und Energiesystem ist nach der Ukraine das am meisten herausgeforderte in Europa."Andres Sutt, Minister für Energie und Umwelt Estland
Die Sabotage an Estlink 2 ist keineswegs die einzige Störung. Neben den Starkstromkabeln in der Ostsee geraten auch andere Energieanlagen ins Visier russischer Attacken. „In den letzten Jahren ist das Sicherheitsumfeld zunehmend schwieriger geworden“, berichtet Johann-Gustav Lend, beim estnischen Energieunternehmen Enefit Green zuständig für die Geschäftsentwicklung im Baltikum. Betriebssysteme, Netzwerke und Stromerzeugungsanlagen müssten vor unbefugtem Zugriff geschützt werden. „Neben der Cybersicherheit rückt der Schutz kritischer Infrastrukturen vor physischen Bedrohungen immer mehr in den Fokus“, sagt Lend. „Wir haben die Realität dieser Risiken am eigenen Leib erfahren, unter anderem durch einen Drohnenangriff auf eine unserer Stromerzeugungsanlagen im Osten Estlands.“
Als Betreiber kritischer Infrastruktur kann Enefit Green seine Anlagen nicht allein schützen. Das Unternehmen stehe daher in ständigem Austausch mit den zuständigen Sicherheitsbehörden. „Das estnische Strom- und Energiesystem ist nach der Ukraine das am meisten herausgeforderte in Europa“, sagt Energieminister Sutt. Stolz klingt dabei durch, auf die Sabotageakte der Russen bisher immer souverän reagiert zu haben. „Ich denke, die wichtigste Botschaft ist, dass wir unbedingt in den Schutz kritischer Infrastrukturen investieren müssen. Das gilt meiner Meinung nach für jedes Land in Europa. Die Entfernung zu Russland ist nicht unbedingt ein Schutz.“
Wir errichten ein modernes Kraft-Wärme-Kopplungs-Werk am Standort des alten Baltischen Kraftwerks."Johann-Gustav Lend, Enefit Green
Für ihr resilientes Energiesystem setzen die Esten zudem bewusst auf einen breiten Technologiemix bei der Stromerzeugung. Derzeit plant Estland steuerbare und schwarzstartfähige Gaskraftwerke mit 900 Megawatt (MW). „Die ersten Blöcke werden voraussichtlich zwischen 2027 und 2029 in Betrieb gehen“, sagt Sutt. Sie sollen Lastspitzen abpuffern. Dafür werden Flächen des ehemaligen Ölschiefertagebaus rund um die Grenzstadt Narva genutzt. „Wir errichten ein modernes Kraft-Wärme-Kopplungs-Werk am Standort des alten Baltischen Kraftwerks“, sagt Enefit-Green-Manager Lend. „Die Anlage wird bis zu 100 Megawatt Strom, bis zu 85 Megawatt Wärme für das Fernwärmenetz von Narva sowie Frequenzreservedienste für das Stromnetz liefern.“
Enefit Green gehört über den Energiekonzern Eesti Energia mehrheitlich dem Staat und hat den Auftrag, konventionelle Industriestandorte in moderne Energieparks zu transformieren. Auf einem Feld bei Narva, auf dem früher die Asche verbrannten Ölschiefers verflüssigt und abgelagert wurde, betreibt Enefit Green einen Windpark mit 17 Enercon-Windrädern und einer Leistung von knapp 40 MW. Im ehemaligen Bergbaugebiet bei Kohtla-Järve erzeugt das Unternehmen seit 2019 Solarstrom. Und in Auvere – ebenfalls nahe der russischen Grenze – werden das thermische Elektrizitätswerk und die Ölraffinerie ergänzt durch einen Batteriespeicherpark, laut Lend „eines der ersten Batterie-Energiespeichersysteme im Großmaßstab in Estland“.
Estnisches Ziel: 300 MW Speicherleistung
Wir sehen Wachstumschancen bei Hybridprojekten, bei denen erneuerbare Energieerzeugung und Batteriespeicher denselben Netzanschlusspunkt nutzen."Michael Coudyser, Corsica Sole
Tatsächlich nehmen die Investitionen in Batteriespeicher in ganz Estland zu und flexibilisieren das Stromsystem. Die estnische Regierung hat das Ziel von 300 MW an Speicherleistung ausgegeben. Einen maßgeblichen Beitrag dazu leistet das Joint Venture Baltic Storage Platform des französischen Energieunternehmens Corsica Sole und seines estnischen Partners Evecon. Als größter Betreiber und Entwickler von Batteriespeichern in Estland hat die Plattform mit den Speicherparks Hertz 1 und Hertz 2 in der Nähe der Hauptstadt Tallinn eine Speicherleistung von insgesamt 200 MW beziehungsweise eine Speicherkapazität von 400 MWh installiert. Der letzte Teil dieser Standalone-Speicher ging im Juli in Betrieb.
Das französisch-estnische Joint Venture hat weitere Pläne: „Der baltische Batteriespeichermarkt hat für eigenständige, netzgekoppelte Batterie-Energiespeichersysteme bereits einen hohen Reifegrad erreicht“, sagt Michael Coudyser, CEO von Corsica Sole. „Wir sehen jedoch erhebliche Wachstumschancen bei Hybridprojekten, bei denen erneuerbare Energieerzeugung und Batteriespeicher denselben Netzanschlusspunkt nutzen.“ Evecon rüstet bereits mehrere Solarparks auf den Hybridbetrieb um. „Wir sind davon überzeugt, dass dieser integrierte Ansatz die nächste Stufe in der Entwicklung des baltischen Energiemarkts darstellt“, sagt Karl-Jonaatan Kvell, CEO von Evecon.
Batteriespeicher-Park Hertz 2: Der letzte Teil des Speicherparks ging im Juli in Betrieb. Foto: Eesti Energia, Arno Mikkor
Wirtschaftlichkeit von Erneuerbaren-Projekten wird zunehmend schwieriger
Negative Strompreise sind immer ein Signal dafür, dass der Markt nicht funktioniert.“Andres Sutt, Minister für Energie und Umwelt Estland
So zielstrebig der baltische Staat die Energiewende auch angeht: Er steht vor ganz ähnlichen Herausforderungen wie die großen Nationen. Die größte Hürde für den Ausbau erneuerbarer Energien in Estland ist nicht die Technologie, sondern die Investitionssicherheit. Die Wirtschaftlichkeit von Erneuerbaren-Projekten wird aufgrund höherer Finanzierungskosten und niedrigerer Strompreise in der gesamten Region immer schwieriger. Laut einer Analyse des dänischen Beratungsunternehmens Ea Energy, vom estnischen Klimaministerium in Auftrag gegeben, ist mittlerweile ohne einen Mechanismus zur Ertragsstabilisierung kaum mit nennenswerten Neuinvestitionen in die Stromerzeugung zu rechnen.
„Wenn wir Investitionen in neue Stromerzeugungskapazitäten wollen, muss das Marktdesign auch Investitionen unterstützen. Das ist derzeit aber nicht der Fall“, sagt Energieminister Andres Sutt. „Negative Strompreise sind immer ein Signal dafür, dass der Markt nicht funktioniert.“ Zur Debatte steht die Einführung von Contracts for Difference (CfDs), wie sie in Estland bereits für Offshore-Windprojekte umgesetzt werden. Die Förderung für Onshore-Projekte wird allerdings weiterhin über Auktionen vergeben.
Anfeindung von Erneuerbaren durch national-konservative Partei
Es gab zuletzt gut organisierte Widerstandsgruppen."Johann-Gustav Lend, Enefit Green
Eine weitere Herausforderung kommt hinzu: eine zunehmende Anfeindung von Erneuerbaren, insbesondere der Windenergie. „Es gab zuletzt gut organisierte Widerstandsgruppen, die Bedenken hinsichtlich der ökologischen, gesundheitlichen und sozialen Auswirkungen von Windenergieprojekten geäußert haben“, erzählt Enefit-Green-Bereichsleiter Johann-Gustav Lend. Die Behörden hätten diese Bedenken ernst genommen und immer mehr Studien, Konsultationen und Bewertungen verlangt, was die Projektentwicklungszeiträume deutlich verlängere.
Auch politisch kommt Gegenwind auf: Die national-konservative Partei EKRE hat eine Richtlinie erlassen, wonach sich Parteimitglieder vor Ort gegen den Bau von Windparks aussprechen sollen. Projekte in Regionen, in den die Partei mitregiert, sollen blockiert werden. EKRE hält Windräder für zu teuer und sieht in ihnen eine Gefahr für die Gesundheit der Anwohner und den Wert ihrer Immobilien. In Põhja-Pärnumaa eskalierte der Protest: Was mit Fehlinformationen und Verschwörungstheorien begann, steigerte sich zu Morddrohungen gegen Amtsträger, berichten estnische Medien. Inzwischen sei die Planung und Umsetzung neuer Windparkprojekte in Estland laut Lend mit einer Entwicklungs- und Genehmigungsdauer von fünf bis zehn Jahren verbunden. Die Entwicklung von Solarparks verläuft hingegen mit sechs bis zwölf Monaten wesentlich schneller.
Estnisches Stromnetz hat noch Anschlusskapazitäten
Eine der wichtigsten Verbesserungen war die Einführung standardisierter Anschlussgebühren."Johann-Gustav Lend, Enefit Green
Einen erheblichen Vorteil im Vergleich etwa zu Deutschland hat Estland allerdings: Das Stromnetz ist bisher nicht ausgelastet. Dementsprechend ist es leichter, einen Netzanschluss für neue Erzeugungsanlagen zu bekommen. In den vergangenen Jahren hat der estnische Netzbetreiber Elektrilevi zudem den Netzanschlussprozess transparenter gestaltet. „Eine der wichtigsten Verbesserungen war die Einführung standardisierter Anschlussgebühren, die sich in Euro je Ampere berechnen“, erklärt Lend. „Dadurch wurde die Unsicherheit hinsichtlich des Netzzugangs und der Anschlusskosten während der Projektentwicklung erheblich verringert.“ Zusätzlich hält der Netzbetreiber Reserven an Material und Ausrüstung für einfachere Anschlussprojekte vor und kann kleinere Wind- oder Solarprojekte teilweise in deutlich unter 18 Monaten ans Netz bringen. Diesen Vorteil will Estland nutzen, um die Erneuerbaren im Land immer weiter auszubauen und die Stromproduktion aus heimischem Ölschiefer bis 2035 vollständig zu beenden.
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