Sojaplantagen und Maisfelder prägen das Hinterland von Ciudad del Este – es ist die Kornkammer von Paraguay. Die Ernte hat gerade begonnen, riesige Mähdrescher spucken das reife Korn in Lastwagen, die es zu den Getreidesilos fahren. In den Werkstätten werden eilig Traktoren repariert. Hier und da sind Farmhäuser zu sehen, groß und aus Ziegeln gebaut, ein Zeichen von Wohlstand. Weniger imposant wirkt der fensterlose Schuppen von Life Miner, der umgeben ist von mehreren Containern und einem Stromtransformator.
Bitcoin-Rechner verbrauchen Unmengen an Strom
Ciudad del Este, mit einer halben Million Einwohnern die zweitgrößte Stadt Paraguays, hat sich zu einem Krypto-Hotspot entwickelt. Nicht zufällig: Die Bitcoin-Rechner verbrauchen Unmengen an Strom, und der ist in Paraguay nicht nur billiger als in den meisten anderen Ländern der Welt – er ist auch reichlich vorhanden. Um einen Bitcoin zu erzeugen, sind je nach Ausrüstung und Netzqualität 300 bis 900 Megawattstunden nötig: so viel, wie 250 Haushalte in Deutschland pro Jahr verbrauchen.
Bei einem deutschen Strompreis von 30 bis 40 Cent pro Kilowattstunde lohnt sich das Schürfen nicht, wenn der Bitcoin – wie derzeit – mehr als 70.000 Euro kostet. Das sieht in Paraguay, wo eine Kilowattstunde zwischen 4,5 und 5,5 Cent kostet, ganz anders aus.
Die billige Energie stammt von Itaipú, dem drittgrößten Wasserkraftwerk der Welt, dessen 196 Meter hoher und 7760 Meter langer Damm den Río Paraná an der Grenze zwischen Brasilien und Paraguay staut. Das Kraftwerk, nur 20 Kilometer von Ciudad del Este entfernt, ist ein Bauwerk der Superlative. Zehn Jahre dauerte der Bau, 1984 nahmen die ersten Turbinen den Betrieb auf. Ihre Zahl wurde sukzessive erhöht; die letzten beiden wurden 2005 installiert – sie steigerten die Nennleistung auf 14 Gigawatt (GW). Insgesamt liefert Itaipú, was in der Sprache der Guaraní-Ureinwohner „singender Fels“ bedeutet, etwa 100 Terawattstunden (TWh) pro Jahr – deutlich mehr Strom, als Paraguay mit seinen knapp acht Millionen Einwohnern verbrauchen kann. Deswegen wird ein großer Teil nach Brasilien exportiert, das den Dammbau größtenteils finanziert hat.
Stausee von Itaipú: das effizienteste Wasserkraftwerk der Welt
Der Stausee von Itaipú umfasst bei normaler Stauhöhe eine Fläche von 1350 Quadratkilometern, ist damit mehr als doppelt so groß wie der Bodensee. Lange galt Itaipú als das größte Wasserkraftwerk der Welt, bis ihm 2020 die chinesische Drei-Schluchten-Anlage den Rang ablief. Es bleibt aber das effizienteste Wasserkraftwerk der Welt: In regenreichen Jahren erreichen die 20 installierten Turbinen eine Auslastung von 80 Prozent.
Das Kraftwerk kostete etwa 30 Milliarden Dollar; es wird von Paraguay und Brasilien gemeinsam betrieben. Brasilien bezieht aus Itaipú etwa ein Fünftel seines Stroms, der über Hochspannungsleitungen bis nach São Paulo transportiert wird – das sind 850 Kilometer. Inzwischen hat Paraguay alle für den Bau aufgenommenen Kredite samt Zinsen abbezahlt.
Wasser sorgt für Energie in Paraguay
Paraguay verfügt über ein enormes Potenzial an Hydroenergie. Neben Itaipú betreibt das Land drei weitere große Wasserkraftwerke – Yacyretá, Acaray und Yguazú. Die Leistung der 20 Turbinen von Yacyretá liegt bei 4 GW. Das Kraftwerk bei Encarnación im Süden staut den Paraná mit einem 24 Meter hohen und 66,5 Kilometer langen Damm. Das Kraftwerk wurde von Argentinien vorfinanziert und ging 1994 in Betrieb. Der Strom, etwa 18 TWh pro Jahr, wird vollständig nach Argentinien geliefert; Paraguay zahlt auf diese Weise seinen 50-prozentigen Anteil an dem Projekt ab.
Das wohl älteste Wasserkraftwerk des Landes ist Acaray: Es ging 1968 in Betrieb und hat eine Leistung von 210 Megawatt (MW). Zurzeit wird es für 180 Millionen Dollar modernisiert, was seine Leistung um 48 MW steigern und die Betriebsdauer um 30 Jahre verlängern soll. Weiter flussaufwärts staut ein Damm den Yguazú, einen Acaray-Zufluss. Ursprünglich wurde er gebaut, um die Flutgefahr zu reduzieren; seit 1977 sind dort zwei Turbinen mit 103 MW Leistung in Betrieb.
Paraguay verdient Milliarden Dollar pro Jahr mit Stromexporten
Mit der Wasserenergie deckt Paraguay nicht nur 100 Prozent seines Strombedarfs: Das Land verdient etwa 1,2 bis 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr mit Stromexporten. Das Potenzial für neue Megaprojekte am Grenzfluss Paraná ist zwar weitgehend ausgeschöpft, doch nicht an den wasserreichen Zuflüssen. Dort will die Regierung in der Hauptstadt Asunción langfristig 20 kleine Wasserkraftwerke zur lokalen Versorgung bauen. Diese Pläne sind stark von den Strompreisen abhängig, die das Land mit Exporten erzielen kann. Brasilien drückt bisher die Preise, wohl wissend, dass Asunción keine Alternative hat.
Bitcoin-Mining könnte eine Lösung bieten. Noch vor fünf Jahren blühte das Geschäft im Verborgenen, weil es keine gesetzliche Regulierung für Kryptowährungen in Paraguay gab. Inzwischen hat die Regierung das Schürfen legalisiert, allerdings betreiben manche Firmen ihre Anlagen ohne die erforderliche Lizenz oder machen falsche Angaben bei der Registrierung, um sich niedrigere Stromtarife zu sichern. Die Polizei geht hart gegen den Missbrauch vor, Tausende Rechner wurden bereits beschlagnahmt. Die staatliche Strombehörde ANDE will nun mit den Rechnern ein eigenes Bitcoin-Mining-Projekt starten.
Krypto-Schürfer sind beste Kunden der staatlichen Strombehörde
Der Staat profitiert schon jetzt von der Bitcoin-Industrie. Nach ANDE-Schätzungen haben die Miner allein 2025 etwa 240 Millionen Dollar für Strom bezahlt und gehören damit zu den besten Kunden der Behörde. Der Energiebedarf für das Krypto-Schürfen liegt derzeit bei 700 MW – das entspricht der Leistung einer Turbine in Itaipú. „Paraguay muss den Stromüberschuss nicht billig verkaufen, die Bitcoin-Unternehmer können ihn nutzen und einen höheren Preis bezahlen“, sagt Joaquín Morínigo Fiorio, Gründer des Portals CriptoPy, der jedes Jahr den Paraguay Blockchain Summit organisiert.
Öl und Gas machen 35 Prozent des Energieverbrauchs aus
Strom wird in Paraguay komplett aus erneuerbaren Quellen produziert, dennoch prägen fossile Energieträger weiterhin die Energiebilanz. Industrie, Agrarwirtschaft und Transportsektor sind von fossilen Importen abhängig: Öl und Gas machen weiterhin 35 Prozent des Energieverbrauchs aus. Die Zahl der Elektrofahrzeuge ist trotz der niedrigen Strompreise verschwindend gering, denn es fehlt an öffentlicher Ladeinfrastruktur.
Der Reichtum an bereits erschlossenen Wasserressourcen in Kombination mit technologischen Fortschritten in der Wasserstoffproduktion eröffnet dem lateinamerikanischen Land allerdings neue Möglichkeiten. Vor drei Jahren legte die Regierung ein Strategiepapier vor, in dem 55 Maßnahmen definiert sind, um die Produktion und Nutzung von grünem Wasserstoff zu entwickeln. Die kostengünstige Hydroenergie verschafft dem Land einen Wettbewerbsvorteil: Die prognostizierten Produktionskosten liegen bis 2030 zwischen 1,5 und 3,1 Dollar pro Kilogramm Wasserstoff.
Dekarbonisierung des Verkehrs durch Wasserstoff geplant
Als Binnenland besitzt Paraguay keine Häfen, um flüssigen Wasserstoff preiswert per Schiff exportieren zu können. Deswegen schlägt die Regierung die Entwicklung einheimischer Industrien vor, die grünen Wasserstoff zu höherwertigen Produkten wie Düngemitteln verarbeiten – und diese dann exportieren. Der Markt ist groß: Allein Brasilien importiert fast 50 Millionen Tonnen an Düngemitteln pro Jahr. Zudem will Asunción erste Anreize schaffen, um die Dekarbonisierung des Verkehrs durch den Einsatz von Wasserstoff zu beschleunigen und nachhaltige Mobilität zu fördern.
Parallel dazu will die Regierung jährlich 400 bis 500 MW an neuen Stromerzeugungskapazitäten in Betrieb nehmen. Dafür will Paraguay eine eigene Solarindustrie entwickeln und Solarfarmen bauen. Heute gibt es im ganzen Land nur kleine Anlagen mit etwa 1 MW Leistung, wie zum Beispiel bei Limpio nördlich der Hauptstadt, die der Eigenversorgung ansässiger Unternehmen dienen. Die Regierung öffnet diesen Sektor inzwischen für internationale Investoren. Sie bereitet eine Ausschreibung für ein 140-MW-Projekt nahe der Stadt Loma Plata vor, die einst von deutschen und niederländischen Mennoniten besiedelt wurde. Der Standort im Nordwesten des Landes hat bereits das britisch-türkische Konsortium PASH/ERIH angelockt, das bis 2028 eine 100-MW-Solarfarm errichten will. Die Kosten pro erzeugter Kilowattstunde werden auf etwa 5 Cent geschätzt – die Sonne scheint durchschnittlich acht Stunden pro Tag.