neue energie: Die Bundesregierung hat die Offshore-Ausschreibungen für dieses Jahr ausgesetzt, nachdem die Ausschreibung im August 2025 ohne Gebote geblieben war. Wie ist die Stimmung in der Branche?
Andreas Mummert: Massiv angespannt – und nicht nur in Deutschland. Deutschland ist der kontinentale Kernmarkt, viele Unternehmen in Europa haben ihre Strategie darauf ausgerichtet. Für ihre Auftragslage ist die Realisierung der rund 16 Gigawatt, die zwischen 2023 und 2025 bezuschlagt wurden und noch ohne finale Investitionsentscheidung sind, von erheblicher Bedeutung. Erste Unternehmen haben Personal abgebaut und Investitionen ausgesetzt, anderen droht der Stellenabbau 2027. Wir haben die widersprüchliche Situation, dass wir enorm hohe Ausbauziele haben, aber in zentralen Produktionsstätten Unterauslastung droht. Der viel zitierte Fadenriss 2.0 ist in Teilen der Wertschöpfungskette bereits Realität. Die Chance auf den Königsweg haben wir durch Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre vertan. Kurzfristig geht es insbesondere für die Wertschöpfungskette um Schadensbegrenzung. Im aktuellen parlamentarischen Verfahren besteht aber erheblicher politischer Gestaltungsspielraum. Den müssen wir nutzen, um Investitionen zu ermöglichen und der europäischen Wertschöpfungskette eine verlässliche Perspektive zu geben. So kann diese Zukunftsindustrie wieder an Dynamik gewinnen.
ne: Wie konnte es so weit kommen?
ne: Sie sagen, Sie hätten schon 2022 gewarnt. Wovor genau?
Mummert: Vor der ungedeckelten Gebotskomponente, weil sie in Kombination mit anderen Regelungen des Ausschreibungsdesigns den Erfolg besonders risikoreicher Kalkulationen begünstigt. Vor den Risiken, die das für die Umsetzung der Projekte und die Wertschöpfungskette bedeuten kann. Und vor dem Klumpenrisiko, wenn man keine One-Lease-per-Bidder-Regel ins Gesetz schreibt, und wenige Unternehmen alles gewinnen. Eine Analyse von enervis, die wir im Mai 2025 veröffentlicht haben, kam zu dem Schluss, dass einige Projekte, gerade die 2023 bezuschlagten, selbst unter den optimistischsten Annahmen an der Grenze zur Wirtschaftlichkeit standen. Das war, bevor sich die Rahmenbedingungen durch massive Kostensteigerungen, teilweise verzögerte Netzanschlüsse und Sicherheitsbedenken bei dem Bezug chinesischer Turbinen deutlich verschlechtert haben. Die Veröffentlichung der Studie war Monate vor der ersten gescheiterten Auktion im August 2025, das heißt mit Blick auf unsere Kritik gilt ein „Hinterher ist man immer klüger“ nicht. Umso wichtiger ist es, bei der jetzigen Reform die richtigen Lehren zu ziehen.
ne: Künftig sollen Contracts for Difference (CfDSteht für Contracts for Difference (Differenzverträge): Erhält ein Stromerzeuger bei Ausschreibungen für sein Preisangebot den Zuschlag, kriegt er bei einem niedrigeren Börsenpreis die Differenz erstattet. Liegt der Börsenpreis höher, muss er die zusätzlichen Gewinne abgeben.Steht für Contracts for Difference (Differenzverträge): Erhält ein Stromerzeuger bei Ausschreibungen für sein Preisangebot den Zuschlag, kriegt er bei einem niedrigeren Börsenpreis die Differenz erstattet. Liegt der Börsenpreis höher, muss er die zusätzlichen Gewinne abgeben.) kommen – allerdings nur als zweite Stufe. Warum lehnen Sie das ab?
ne: Was genau verstehen Sie unter einer Indexierung?
Mummert: Eine Indexierung soll Veränderungen wesentlicher Kosten zwischen Zuschlag und Realisierung anhand definierter Indizes berücksichtigen. Bei Offshore-Projekten liegen dazwischen mehrere Jahre, in denen sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erheblich verändern können. Es geht darum, solche Kostenrisiken zwischen Staat und Unternehmen angemessen zu verteilen und verlässlichere, günstigere Gebote zu ermöglichen. Andere europäische Offshore-Märkte nutzen dafür unterschiedlich ausgestaltete Modelle. Unser Anliegen ist eine verlässliche Regelung für die Phase vor der Inbetriebnahme. Im Referentenentwurf fehlte die Indexierung ganz. In der Begründung zum Kabinettsbeschluss vom 2. September steht immerhin, dass ein Mechanismus geprüft wird.
ne: Warum tut sich die Regierung so schwer damit?
ne: Was passiert mit den 16 Gigawatt, deren Realisierung unsicher ist?
Mummert: Für diese rund 16 Gigawatt liegt bislang keine öffentlich bestätigte finale Investitionsentscheidung vor. Alle fünf beteiligten Unternehmen haben auf erhebliche Herausforderungen hingewiesen. Wie stark einzelne Projekte betroffen sind und welche Perspektiven für ihre Realisierung bestehen, unterscheidet sich jedoch. Eine freiwillige Rückgabe der Projektrechte sieht das Gesetz aber nicht vor. Ohne eine freiwillige Rückgabeoption müsste man abwarten, ob Projekte verbindliche Meilensteine verfehlen und die Bundesnetzagentur daraufhin die Zuschläge widerruft. Nach unserem aktuellen Kenntnisstand käme das für die ersten Projekte frühestens im Herbst 2027 infrage. Mögliche Rechtsstreitigkeiten könnten zusätzliche Zeit kosten. Wir fordern deshalb ein einmaliges, zeitlich begrenztes Fenster, in dem die Rechte unter klaren Bedingungen und mit angemessenen wirtschaftlichen Konsequenzen zurückgegeben werden können. Flächen für Projekte, die unter den bestehenden Bedingungen nicht realisiert werden, müssen zügig für eine neue Ausschreibung verfügbar werden.
ne: Und wie lassen sich die Realisierungschancen der verbleibenden Projekte erhöhen?
ne: Gleichzeitig drängen chinesische Hersteller nach Europa. Wie gefährlich ist das?
Mummert: Zunächst müssen wir auf die Rahmenbedingungen schauen, die wir in Europa selbst gestalten können. Wir haben eine leistungsfähige Offshore-Wertschöpfungskette und verfügen in zentralen Bereichen über wettbewerbsfähige Technologien. Bei vorgelagerten Bereichen wie Permanentmagneten bestehen allerdings Abhängigkeiten. 2022 und 2023 gab es viele Investitionssignale aus der Branche, von denen inzwischen einige zurückgenommen oder verschoben werden. Gleichzeitig treten chinesische Unternehmen mit Investitionsangeboten für Produktionsstätten und Interesse an Hafenflächen auf. Solche Vorhaben müssen wir differenziert betrachten: Neben möglichen Beiträgen zum Ausbau sind faire Wettbewerbsbedingungen, Sicherheitsfragen und langfristige Abhängigkeiten zu berücksichtigen. Entscheidend ist, dass wir unserer europäischen Industrie verlässliche Bedingungen für Investitionen und Auslastung bieten und ihre Stärken erhalten.