neue energie: Vor wenigen Monaten hat Nordex ein Werk in Izmir eröffnet. Lohnt sich die Fertigung in der Türkei für das Unternehmen, Herr Özatay?
Ender Özatay: Auf jeden Fall: Zum einen wegen der Ausschreibungsregeln, zum anderen wollen wir von hier aus nach Europa exportieren, vor allem nach Deutschland. Die Kapazität des Werkes in Izmir beträgt 400 Blattsätze pro Jahr, das entspricht rund drei Gigawatt (GW) Turbinenleistung. Türme, Generatoren und weitere Komponenten beziehen wir von türkischen Zulieferern, mit denen wir seit 2015 zusammenarbeiten. Derzeit hat die lokale Wertschöpfung einen Anteil von rund 55 Prozent; bei einigen Ausschreibungen ist dieser sogenannte Local Content vorgeschrieben.
ne: Wie viele dieser Anlagen gehen in den türkischen Markt?
Özatay: Im Moment praktisch alle. Wir haben bei den staatlichen Ausschreibungen Yeka 4 und Yeka 5 große Aufträge erhalten. Sobald die erfüllt sind, wollen wir mit dem Export beginnen. Bei den im Bau befindlichen Windparks in der Türkei liegt unser Marktanteil derzeit bei 61 Prozent. Bezogen auf die hierzulande insgesamt installierte Windenergieleistung sind es aktuell rund 31 Prozent.
ne: Das klingt nach vollen Auftragsbüchern.
Özatay: Bis Ende 2027 sind wir ausgebucht. In Izmir wird im Dreischichtbetrieb gearbeitet; die Installationen laufen dann bis Mitte 2028. Inzwischen haben wir die Kapazitäten erhöht und in Aliağa eine weitere Fabrik gebaut. Die nimmt im kommenden März den Betrieb auf.
ne: Welche Bedeutung hat die Türkei für Nordex insgesamt?
ne: Wie hat sich der türkische Windenergiemarkt aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahren entwickelt?
Özatay: Am Anfang stand der politische Wille, die Kapazitäten der erneuerbaren Energien zu erhöhen. 2012 führte die Regierung den sogenannten Yekdem-Mechanismus ein, mit dem lokale Wertschöpfung gefördert wurde. Seither begannen viele kleinere Hersteller, Komponenten für Windturbinen zu produzieren. Investoren entschieden sich verstärkt für in der Türkei gefertigte Anlagen, weil es dafür finanzielle Anreize gab. Später kamen die Yeka-Ausschreibungen hinzu, die ebenfalls die lokale Produktion unterstützen. In diesem Jahr fand die sechste Runde statt. Ein weiterer wichtiger Schritt war die Zuteilung von Kapazitäten für Windparks mit Speichersystemen. Insgesamt wurden dafür rund 17 GW vorgesehen. Das hat bei Investoren großes Interesse ausgelöst.
ne: Wie schätzen Sie das derzeitige Ausbautempo ein? Reicht es aus, um die formulierten Ziele der Energiewende bis 2035 zu erreichen?
Özatay: Das ist eine große Herausforderung. Die Kapazitäten steigen zwar kontinuierlich, und im vergangenen Jahr gehörte die Türkei bei neu installierten Windkapazitäten in Europa zu den führenden Märkten; mehr als ein GW neue Leistung wurde in Betrieb genommen. Um die langfristigen Ziele zu erreichen, müssten aus meiner Sicht aber jedes Jahr zwei bis drei GW hinzukommen. Für 2027 erwarte ich rund 2,2 GW neue Windenergieleistung. Das ist anspruchsvoll, aber erreichbar.
ne: Und wo liegen die Hindernisse für einen schnelleren Ausbau?
ne: Ohne Hermes stockt der Ausbau?
Özatay: Für uns ist Hermes außerordentlich wichtig. 70 bis 80 Prozent der Vorhaben, an denen wir beteiligt sind, werden wegen der hohen Zinsen in der Türkei mithilfe von ECA-Modellen finanziert. Davon profitiert übrigens auch die deutsche Wirtschaft, weil ein Teil der Komponenten oder Leistungen bei diesen Deals aus Deutschland stammen muss. Die so beschafften Kapitalmittel reichen allerdings nicht aus, um den gesamten Ausbau der türkischen Erneuerbaren-Branche zu stemmen, sodass türkische Projektierer inzwischen mehr ausländische Investoren oder Banken einwerben, die sich an den Projekten beteiligen.
ne: Wie groß ist das Netzproblem im Osten des Landes?
Özatay: Sehr groß. Eines unserer Projekte in Sivas mit 525 MW zeigt die Dimension der Herausforderung: Dort muss der Betreiber 220 Kilometer Übertragungsleitung selbst errichten, weil das ein Teil der Ausschreibungsbedingungen ist. Solche Investitionen sind erheblich und müssen in die Finanzierungspakete integriert werden. Bei Windparks mit Speichersystemen hat Hermes seine ECA-Angebote weiterentwickelt, sodass sich zusätzliche Projektbestandteile einbeziehen lassen.
ne: Welche Rolle werden Batteriespeicher beim weiteren Ausbau spielen?
Özatay: Mit steigenden Wind- und Solaranteilen nehmen die Schwankungen bei der Erzeugung zu. Batteriespeicher bekommen deshalb eine Schlüsselrolle für die Stabilisierung und Flexibilisierung des Stromsystems. Ich erwarte zusätzlich zu den Yeka-Ausschreibungen in den kommenden drei Jahren etwa 1 bis 1,5 GW neue Windparks mit integrierten Speichersystemen. Mehr als 150 Betreiber haben bereits die entsprechenden Vorlizenzen erhalten. Die ersten Anlagen dieser Art gehen demnächst in Betrieb.
ne: Und wie steht es insgesamt um die Speicherbranche in der Türkei?
ne: Wie stehen Sie zu direkten Stromlieferverträgen und Eigenverbrauchsmodellen für Industriekunden?
Özatay: Für uns als Turbinenhersteller liegt der Schwerpunkt auf der Lieferung der Anlagen und auf langfristigen Serviceverträgen. Investoren sehen einen hohen Eigenverbrauchsanteil zum Teil kritisch, weil er ihre Erlösmodelle verändert. Auf dem türkischen Markt entstehen jedoch neue Geschäftsmodelle. Große Versorger und Betreiber übernehmen beispielsweise das Management von Wind- oder Solaranlagen für Industrieunternehmen. Das Unternehmen nutzt den Strom, den es selbst benötigt; überschüssige Mengen werden vermarktet und die Erlöse entsprechend geteilt.
ne: Welche Bedeutung hat der Service für Nordex in der Türkei?
Özatay: Eine sehr große. Wir haben viel in unsere Serviceorganisation investiert und beschäftigen in der Türkei mehr als 400 Techniker. In Izmir betreiben wir ein großes Servicezentrum mit einer Academy, der zweitgrößten von Nordex. Dort schulen wir jedes Jahr mehr als 3000 Menschen für die Branche. Diese Ausbildung kommt indirekt der gesamten Industrie zugute. Wir schulen auch Subunternehmer, die später für andere Firmen tätig sein können. Für uns ist entscheidend, dass wir unsere Turbinen über 20 bis 25 Jahre zuverlässig betreuen können.
ne: Wie wichtig ist die Türkei als industrielle Basis für Nordex?
ne: Wird diese Bedeutung in den kommenden Jahren weiter wachsen?
Özatay: Davon gehe ich aus. Der deutsche und der mitteleuropäische Markt wachsen, und wir wollen unsere Lieferketten so aufstellen, dass wir nicht von einem einzelnen Land oder Kontinent abhängig sind. Die Türkei gehört dabei eindeutig zu unseren wichtigen Produktions- und Absatzmärkten. Das hiesige Geschäft wächst, und der Produktionsstandort wird künftig größere Mengen für verschiedene Märkte liefern.
ne: Welche Rolle spielen chinesische Turbinenhersteller in der Türkei?
Özatay: Ihr Interesse nimmt deutlich zu, und sie gewinnen erste Marktanteile. Schätzungsweise drei Prozent der installierten Windenergieleistung entfallen hierzulande auf chinesische Turbinen. Bei Windparks mit Speichersystemen sind chinesische Anbieter besonders aktiv, da keine Local-Content-Anforderungen gelten. Ob sie langfristig erfolgreich sein werden, hängt aus meiner Sicht stark vom Service ab. Dafür braucht man eine leistungsfähige Organisation, und die lässt sich nicht kurzfristig aufbauen. Wenn die chinesischen Hersteller aber entsprechend investieren, können sie im türkischen Markt durchaus erfolgreich sein.
