Recycling

Kreislauf statt Müllverbrennung: Das zweite Leben von Windrädern und Solarmodulen

Spielplätze aus Rotorblättern, neue Rohstoffe aus alten Solarmodulen: Die Kreislaufwirtschaft hält immer mehr Einzug in die Erneuerbaren-Branche. Doch insbesondere beim Recycling von Verbundwerkstoffen gibt es noch erheblichen Nachholbedarf.
Von:  Elena Koene
06.07.2026 | 7 Min.
Erschienen in: Ausgabe 07/2026
Recyclable Blades von Siemens Gamesa: Startklar für den Offshore-Windpark Kaskasi vor Helgoland.
Recyclable Blades von Siemens Gamesa: Startklar für den Offshore-Windpark Kaskasi vor Helgoland.
Foto: Siemens Gamesa Renewable Energy

Kinder, die auf Rotorblättern von Windkraftanlagen klettern und spielen? Was nach luftigem Irrsinn klingt, ist eine Möglichkeit, ausgediente Rotorblätter erneut zu nutzen: in diesem Fall an einer Schule im rheinland-pfälzischen Osthofen, wo aufbereitete, fachlich geprüfte und für diesen Zweck zertifizierte Rotorblätter in einem Spielplatz integriert werden.

„Das ist für mich Re-Use in seiner schönsten Form“, sagt André Schnabel, Geschäftsführer von Wings for Living. Seine Firma ist Vertriebsmarke und -partner des polnischen Unternehmens Anmet, das auf die Demontage und Weiterverarbeitung ausgedienter Windkraftanlagen spezialisiert ist und sie unter anderem zu Parkbänken, Liegen, Lautsprecherboxen oder eben Spielplatzelementen umbaut. „Die Blätter stammen aus Windparks in Polen und Deutschland“, sagt Schnabel, „überwiegend Turbinen der ersten Generation, die jetzt planmäßig ihr Lebensende erreichen.“ Jährlich verarbeitet Anmet bereits mehr als 100 Tonnen Blätter zu Architektur- und Designprojekten, plant aber einen deutlichen Ausbau der Kapazitäten. „Europa steht erst am Anfang einer großen Entsorgungswelle“, sagt Schnabel.

Rund 10.000 Windräder erreichen ihr Lebensende

Wie groß diese Welle wird, weiß Niels Ludwig, stellvertretender Geschäftsfeldleiter Systeme und Komponenten beim Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme (IWES). „Anlagen sind auf eine Laufzeit von etwa 25 Jahren ausgelegt und zum Großteil noch in Betrieb. In den nächsten 10 bis 15 Jahren haben aber sehr viele Anlagen ihr Lebensende erreicht und werden stillgelegt.“ Das Umweltbundesamt geht davon aus, dass bis 2035 ein Drittel der aktuell rund 29.230 Anlagen in Deutschland das Lebensende erreicht hat und recycelt werden muss. Das dürften dann rund 10.000 Windräder sein. Zum Vergleich: Laut Fachagentur Wind und Solar wurden im vergangenen Jahr rund 450 Windenergieanlagen stillgelegt.

„Windenergieanlagen sind heute bereits zu mehr als 90 Prozent recycel- beziehungsweise verwertbar, denn sie bestehen zu weit über 90 Prozent aus Stahl und Beton. Diese Stoffströme sind industriell längst etabliert“, sagt Claudia Bredemann, Referentin bei der Fachagentur Wind und Solar. Die Stahlturmsegmente werden zerschnitten und als Sekundärrohstoff in der Stahlproduktion eingesetzt. Der Bewehrungsstahl wird zu neuem Betonstahl verarbeitet. Der Fundament- und Turmbeton wird vor Ort zerkleinert und im Straßen- und Wegebau verwendet. Auch der Schotter der Kranstellflächen und Zuwegungen könne wiederverwendet werden, sagt Bredemann. „Schwieriger ist das Recycling der Rotorblätter, die – bezogen auf die Masse – zu fast zwei Dritteln aus faserverstärkten Kunststoffen und zu knapp einem Drittel aus Harzen und Klebstoffen bestehen.“

Recycling von Rotorblättern schon bei der Herstellung mitdenken

Das Problem beim Recycling der Blätter: „Sie sind dafür gebaut, dass sie Lasten, Wind und Wetter überstehen – und nicht für das Auseinandernehmen“, sagt IWES-Forscher Ludwig. Der größte Teil des Rotorblattes besteht aus glasfaserverstärkten Kunststoffen (GFK). Zunehmend kommen auch Carbonfasern (CFK) mit besseren Materialeigenschaften zum Einsatz, doch zum Recycling fallen sie derzeit erst selten an.

Die Kunststofffasern lassen sich mechanisch aktuell nicht mehr trennen." Niels Ludwig, Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme (IWES)
Neben den Kunststofffasern werden in den Rotorblättern auch Lacke, Balsaholz und Kunststoffschäume verbaut. „Während sich Balsaholz und die Schäume vergleichsweise leicht mechanisch trennen und als Bau- oder Isoliermaterial wiederverwendet werden, werden die Kunststofffasern beim Bau der Rotorblätter zum Aushärten mit Harzen durchtränkt und lassen sich mechanisch aktuell nicht mehr trennen“, beschreibt Ludwig die Herausforderung. Die Trennung fiele leichter, würde das Recycling bei der Herstellung gleich mitgedacht. Einen Paradigmenwechsel „von der nachträglichen Entsorgung hin zur vorausschauenden Kreislaufgestaltung“ hält auch Bredemann für sinnvoll: „Dieser Wechsel eröffne langfristig die Möglichkeit, Windenergieanlagen vollständig in ein zirkuläres Wertschöpfungssystem zu integrieren.“

Interesse an recyclebaren Rotorblättern wächst

So wie beim Recyclable Blade von Siemens, bei dem ein Harz eingesetzt wird, das sich beim Rückbau laut Herstellerangaben leicht von den Glasfasern, Kunststoffen, Holz und Metallen lösen lässt. Die Nachfrage aus der Industrie nach den Rotorblättern ist laut Siemens-Energy-Sprecherin Verónica Díaz groß. Aktuell würden in Großbritannien 150 und im dänischen Thor weitere 120 recycelbare Rotorblätter installiert. Díaz stellt „ein deutlich wachsendes Interesse sowohl seitens der politischen Entscheidungsträger als auch seitens der Kunden fest, die zunehmend nach Lösungen für die Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Lebensende von Rotorblättern suchen.“

Vorbild könnte das Recycling von Photovoltaikanlagen sein: Hier gibt es bereits ein zirkuläres Wertschöpfungssystem mit etablierten Recyclingprozessen. Seit 2015 fallen ausgediente PV-Module unter das Elektro- und Elektronikgesetz. Das heißt: Inverkehrbringer der Module sind verpflichtet, diese zu registrieren und auch zurückzunehmen. Alternativ können das kommunale Sammelstellen oder auch Recyclingbetriebe übernehmen. „Die Rücknahmesysteme über die öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträger und die Sammelstellen sind mittlerweile für PV-Module sehr gut etabliert“, sagt Andreas Wade von der Fachagentur Wind und Solar. „Für die meisten Materialien und Komponenten gibt es etablierte Verwertungsverfahren mit hohen Rückgewinnungs- und Recyclingquoten.“

Recycling-Quote bei PV-Modulen liegt bei 93,4 Prozent

Am Ende werden wirtschaftliche Gesichtspunkte ausschlaggebend sein.“ Andreas Obst, Fraunhofer-Center für Silizium-Photovoltaik (CSP)
Auch die Verwertung der Module ist gesetzlich geregelt: Sie müssen in zertifizierten Erstbehandlungsanlagen behandelt und mindestens 80 Prozent ihrer Masse stofflich verwertet – also zu neuen Produkten oder Sekundärrohstoffen verarbeitet – werden. Laut Umweltbundesamt wird diese Quote bereits durch das Recycling von Glas und Metall deutlich übertroffen: Sie liegt derzeit bei 93,4 Prozent. Neben dem Glas, das rund zwei Drittel des Gewichts eines Moduls ausmacht, können auch Aluminium, Silizium, Silber und Kupfer sowie Kunststoffe rückgewonnen werden.

Andreas Obst, Projektmanager Recycling beim Fraunhofer-Center für Silizium-Photovoltaik (CSP), kennt drei Firmen in Deutschland, die das Recycling von kristallinen Silizium-Modulen – mit rund 95 Prozent gegenüber Dünnschichtmodulen die Marktbeherrscher – anbieten. Solar Materials setze demnach auf eine schrittweise Zerlegung, Flaxres auf eine Delaminierung mittels Lichtstrahlung und Reiling auf ein rein mechanisches Verfahren. „Alle drei Ansätze haben ihre spezifischen Vor- und Nachteile“, sagt Obst. „Am Ende werden wirtschaftliche Gesichtspunkte ausschlaggebend sein.“

2030 könnten 500.000 bis eine Million Tonnen alte PV-Module anfallen

Wie bei den Windkraftanlagen wird auch bei den PV-Modulen das Abfallaufkommen extrem ansteigen. Die neuesten Zahlen aus dem Bundesumweltministerium sind aus dem Jahr 2023 – damals fielen rund 14.200 Tonnen PV-Module an. Der Report der International Renewable Energy Agency geht davon aus, dass bereits 2030 zwischen 500.000 und einer Million Tonnen alte PV-Module anfallen könnten, 2040 sollen es dann über zwei Millionen sein.

Derzeit ist das Recycling der PV-Module allerdings noch ein Minusgeschäft – die Unternehmen werden also für die Zerlegung von den Inverkehrbringern bezahlt. Ob das Recycling künftig derart effizient werden kann, dass es sich rein über die Rückgewinnung der Rohstoffe selbst finanzieren kann, lässt sich laut Malte Fislake nicht definitiv sagen. Der Betriebsleiter bei Reiling PV-Recycling zeigt sich allerdings optimistisch: „Wir gehen allerdings stark davon aus, dass es sich in der Zukunft so entwickeln könnte.“

DIN-Norm soll Rückbau und Recycling von Rotorblättern festlegen

Bei Rotorblättern gibt es keine Vorgaben für ein stoffliches Recycling – nur deponiert werden dürfen sie schon seit 2009 nicht mehr. Erst in der endgültigen Version der DIN-4866: 2025-11 „Abbruch und Rückbau von Windenergieanlagen“, die noch dieses Jahr veröffentlicht werden soll, werden erstmals auch Details zu den spezifischen Anforderungen an das Recycling von Rotorblättern zu finden sein.

Bis dahin ist die Zementindustrie der wichtigste Abnehmer: Sie verwendet die geschredderten Rotorblätter gleich zweifach: Das Epoxidharz liefert Wärme und wird als Ersatzbrennstoff für Kohle genutzt. Die mineralischen Bestandteile werden in den Zementklinker eingebunden und sparen Rohstoffe wie Sand und Kalkstein ein.

Carbonfasern sollen wiederverwendet werden

„In homöopathischen Dosen nehmen auch Müllverbrennungsanlagen das geschredderte Material an und verbrennen es“, sagt IWES-Forscher Ludwig. „Doch das ist nicht, was wir wollen. Wir wollen die Glas- und idealerweise auch die Carbonfaser wiederverwenden, denn energetisch ist eine eingeschmolzene Faser viel besser als Neuware.“

In der Industrie kümmert man sich noch kaum um das Problem der Faserrückgewinnung. „Ein echtes Recycling, also die Rückgewinnung von Glasfasern durch Trennung von der Harzmatrix, ist grundsätzlich möglich, wird jedoch aufgrund fehlender Wirtschaftlichkeit bislang kaum angewendet“, sagt auch Fachagentur-Referentin Bredemann. Laut Umweltbundesamt fallen derzeit jährlich bis zu 20.000 Tonnen alte Rotorblätter an, bald werden es deutlich mehr sein. „Zahlreiche Forschungsprojekte arbeiten daran, in den 2030er Jahren hierzu industrielle Lösungen anbieten zu können“, sagt Bredemann. Bislang sind die industriellen Lösungen noch weit weg. „Viele Recycler werden erst einsteigen, wenn die Technologie und die Mengen da sind“, zeigt sich IWES-Forscher Ludwig gleichwohl optimistisch, „aber da wird ganz sicher noch Bewegung reinkommen.“

Passende Termine

Kommentar verfassen

Kommentare werden vor der Freischaltung zunächst gesichtet. Das kann unter Umständen etwas Zeit in Anspruch nehmen.

*Pflichtfelder

Bitte berücksichtigen Sie vor dem Kommentieren unsere Community-Richtlinien und unsere Datenschutzerklärung.


Captcha Image
=
Recyclable Blades von Siemens Gamesa: Startklar für den Offshore-Windpark Kaskasi vor Helgoland.
Foto: Siemens Gamesa Renewable Energy