Das Stahlwerk Georgsmarienhütte hat die Ausmaße einer kleinen Stadt. Größer noch ist sein Stromverbrauch. Er entspricht dem des benachbarten Osnabrück, wo fast 170 000 Menschen leben. Das Werk gilt als Vorzeigebetrieb der Energiewende, die Eigentümerfamilie investiert in effiziente Technologien, liefert grünen Stahl und will schon 2039 Klimaneutralität erreichen. „Die nachhaltige Transformation der Industrie ist unsere wichtigste Triebfeder und maßgeblicher Erfolgsfaktor“, teilt das Unternehmen auf seiner Website mit.
Wenn ausgerechnet die Chefs von Georgsmarienhütte harsche Kritik an der Energiewende in Deutschland äußern, lässt dies daher aufhorchen. Anfang des Jahres war das der Fall. „So halten wir nur noch wenige Monate durch“, sagte Geschäftsführerin Anne-Marie Großmann der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und zerpflückte die deutsche Energiepolitik. Grund für ihren Unmut waren die Strompreise, die im Winter in teils bedenkliche Höhen schossen. Zeitweise sah sich das Unternehmen gezwungen, das Herzstück seines Werks stillzulegen: Der besonders stromhungrige Elektrolichtbogenofen, der Schrott einschmilzt, damit daraus neuer Stahl werden kann, blieb werktags zwischen 9 und 19 Uhr aus. Der Strom war zu dieser Tageszeit schlicht zu teuer. Bei Georgsmarienhütte diskutierte man die Verlagerung von Teilen der Produktion in Länder mit niedrigeren Stromkosten.
Ofen aus in Deutschland – für Gegner der Energiewende sind solche Nachrichten ein gefundenes Fressen. Sie wettern gegen den „Zappelstrom“ aus Wind- und Solarparks, der Unternehmen und Verbrauchern das Leben schwer mache. Fakt ist, dass die Ausschläge an der Strombörse mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien zunehmen. Mal schießt der Preis in die Höhe, weil Wind und Sonne schwächeln, mal fällt er bis ins Minus, weil sie mehr Energie liefern, als benötigt wird. Dass sich das in Zukunft grundlegend ändert, ist nicht zu erwarten. „Die fluktuierenden Preise sind gekommen, um zu bleiben“, sagt Tim Meyer von der Unternehmensberatung 3Epunkt. Schließlich habe das Wetter einen immer größeren Einfluss auf das Stromangebot und damit auch auf den Preis.
Umso wichtiger ist es für Unternehmen, sich bestmöglich darauf einzustellen. Die gute Nachricht: Genau dafür werden Technologien, Strategien und Geschäftsmodelle entwickelt. „Die Potenziale, um sich an schwankende Preise anzupassen, sind in vielen Unternehmen längst noch nicht ausgeschöpft“, sagt Meyer. Das Zauberwort dafür heißt Flexibilität: Wer es schafft, einen möglichst großen Teil seines Stromverbrauchs in Zeiträume zu verschieben, in denen die Preise niedrig sind, kann viel Geld sparen – oder bei Negativpreisen sogar Einnahmen erzielen. „Flexibilität ist das neue Gold“, sagt Meyer.
Stahl mit PPASteht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.Steht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.
Wie sich Unternehmen gegen Preisschocks wappnen können, zeigt ein Beispiel aus Hausach. Im Schwarzwald-Städtchen hat die Richard Neumayer GmbH ihren Sitz, mit 400 Beschäftigten und 140 Millionen Euro Jahresumsatz. Sie produziert Schmiedeteile für die Autoindustrie sowie für den Maschinen- und Anlagenbau. Bis zu 200 Tonnen Stahl werden jeden Tag in Induktionsöfen bei mehr als 1100 Grad zum Glühen gebracht und umgeformt. Entsprechend gewaltig ist der Stromverbrauch.
Als Dirk Neumayer 2011 ins Management des Familienunternehmens eintrat, begann er damit, die Produktion konsequent auf Grün zu trimmen. Durch Investitionen in Energieeffizienz werden Erdgas und jährlich mehrere Gigawattstunden Strom gespart. Auf den Werkshallen funkeln heute Solarpaneele, und gemeinsam mit anderen Mittelständlern engagiert sich Neumayer über die von ihm mitgegründete Initiative EE-Industrie für den Aufbau von Windkraftprojekten. Mehr als ein Viertel seines Strombedarfs erzeugt das Unternehmen inzwischen selbst, weitere Strommengen kauft es über Power Purchase Agreements (PPAs) ein: langfristige Direktlieferverträge mit Erzeugern erneuerbarer Energien. „Auf diese Weise sichern wir uns Strom zu kalkulierbaren Preisen“, sagt Neumayer. Dank der eigenen Stromerzeugung und einer vorausschauenden Beschaffungsstrategie sei es möglich, Preisspitzen an der Strombörse abzufedern.
Zugleich zahlt die Strategie auf die Klimabilanz ein. Das ist dem Firmenchef ein Herzensanliegen. Es sei aber auch ein ökonomischer Faktor im Vertrieb und bei der Mitarbeiterakquise. „Kunden erwarten zunehmend Produkte mit möglichst kleinem CO₂-Fußabdruck“, sagt Neumayer, „und Talente arbeiten bevorzugt dort, wo Nachhaltigkeit mehr als ein Schlagwort in Imagebroschüren ist.“
Flexibilität beweist das Unternehmen nicht nur bei der Umstellung der Stromversorgung, sondern auch in den Arbeitsprozessen. Die Schichten wurden an die Produktion der eigenen PV-Anlage angepasst und die Pausenzeiten verändert. Früher kühlte der heiße Stahl ab, wenn die Beschäftigten zum Essen gingen; anschließend musste er mit viel Energie erneut erhitzt werden. Heute organisieren sie ihre Pausen so, dass die Maschinen durchlaufen. Seit einiger Zeit fängt Neumayer zudem Abwärme aus der Produktion auf, um damit Hallen und Büros zu heizen. Künftig könnten auch Energiespeicher eine Rolle spielen.
Die Zukunft liegt im Speicher
Gerade die Speicher sind aus Sicht von Fachleuten ein wichtiger Baustein der Flexibilität. Während Wärme-, Kälte- oder Druckluftspeicher meist eingesetzt werden, um Energie aus der Produktion zwischenzuspeichern und für einen späteren Zeitpunkt verfügbar zu machen, dienen Batteriespeicher dazu, Stromüberschüsse aus dem Netz aufzufangen. „Ich glaube, dass das Potenzial von Speichern noch immer dramatisch unterschätzt wird“, sagt Daniel Hölder, Leiter Markt und Politik bei Baywa Re und Vorstandsmitglied im Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE). Prognosen zum Wachstum des Speichermarkts hätten sich in der Vergangenheit fast immer als zu konservativ herausgestellt. Erst allmählich werde verstanden, wie stark der Preisverfall der Speicher einerseits und die Volatilität der Strompreise andererseits den Markt beeinflussten.
Eine Studie von Frontier im Auftrag von Baywa Re schätzt die Kapazität von Batteriegroßspeichern in Deutschland für 2030 auf 15 Gigawatt. Zehn Jahre später sollen es schon 24 Gigawatt sein, 2050 dann 61 Gigawatt. Zwar könnten Batterien sommerliche Stromüberschüsse nicht in winterliche Dunkelflauten verschieben, so Hölder. Ihre Fähigkeit, Schwankungen im Tagesverlauf auszugleichen, sei aber auch bei Dunkelflauten von großer Bedeutung.
Unternehmen profitierten davon gleich doppelt: indirekt, weil sinnvoll eingesetzte Speicher die Stromnetze entlasten und den Bedarf des Netzausbaus verringern können. Und direkt, indem sie helfen, flexibel auf Preisschwankungen zu reagieren und sich zu den besten Zeiten mit Strom einzudecken. „Flexibilität ist der Schlüssel, um das Stromsystem günstig zu machen“, sagt Hölder. „Wer es schafft, seinen Verbrauch anzupassen, kann sich unglaublich preiswert versorgen – im Frühling und Sommer oft für null Euro.“
Problematisches Bandlastprivileg
Auch in der Politik scheint das angekommen zu sein. Der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung bekennt sich ausdrücklich dazu, mehr Flexibilität ins System zu bringen. Noch allerdings spiegelt dieses System oft die Regeln der alten Energiewelt, in dem Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke das Rückgrat der Stromversorgung bildeten. Sie waren darauf ausgelegt, möglichst gleichmäßig Strom zu erzeugen. Um die Abnahme daran anzupassen, wurden entsprechende Anreize geschaffen.
Augenfälligstes Beispiel dafür ist das sogenannte Bandlastprivileg: Wer seinen Verbrauch gleichmäßig über mindestens 7000 Stunden im Jahr verteilt, erhält Rabatte auf die Netzentgelte von 80 Prozent. Wer sogar 8000 Stunden schafft, bekommt 90 Prozent. Das führt zu der aus heutiger Sicht paradox anmutenden Situation, dass stromhungrige Unternehmen ihre Betriebskosten erheblich senken können, wenn sie gerade nicht auf jene Schwankungen im Stromangebot reagieren, die in einem auf Erneuerbaren basierenden System der Standard sind. „Das ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt Hölder. „Es macht das System starr und damit unnötig teuer.“ Künftig müsse der Gesetzgeber die gegenteiligen Anreize setzen: „Wir müssen Flexibilität belohnen und dann die Kräfte des Marktes walten lassen.“
Dass der Markt grundsätzlich empfänglich für Anreizstrukturen ist, zeigt ein Umstand, von dem Unternehmensberater Meyer berichtet. Demnach hätten einige Betriebe Batteriespeicher nicht etwa mit dem Ziel angeschafft, auf Schwankungen zu reagieren, sondern um damit so viel Strom verbrauchen zu können, dass sie die 7000-Stunden-Grenze knacken und in den Genuss der Rabatte kommen.
Umstrittene Netzentgelte
Das Bandlastprivileg ist inzwischen ins Visier der Bundesnetzagentur geraten. Sie will die Subventionen schrittweise reduzieren. Insgesamt geht es um zwei Milliarden Euro pro Jahr, die sich auf 400 besonders stromhungrige Industriebetriebe verteilen. Die betroffenen Unternehmen sind naturgemäß alarmiert. Die Netzentgelte könnten sich vervielfachen, warnt etwa die chemische Industrie, Werkschließungen könnten die Folge sein.
Baywa-Re-Experte Hölder hat Verständnis für die Sorgen. „Natürlich braucht die energieintensive Industrie reduzierte Netzentgelte“, sagt er. Allerdings müssten sie so gestaltet werden, dass sie ein flexibles Verbrauchsverhalten und die Marktkräfte nicht hemmten. Berater Tim Meyer sieht es ähnlich: Man könne sich entscheiden, bestimmte Industrien zu subventionieren, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. „Aber wenn man es so tut, dass man dadurch die Energiewende ausbremst, erweist man dem Standort Deutschland einen Bärendienst. Denn grundsätzlich sind die Erneuerbaren und Flexibilität der Garant für eine sichere und bezahlbare Energieversorgung.“ Je flexibler der Gesamtmarkt reagiere, desto besser könnten Preisspitzen ausgeglichen werden. Davon profitieren letztlich alle.

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