Die Strompreise sollen sinken – darin sind sich Bundesregierung, Industrie und Verbraucherinnen und Verbraucher einig. Über den Weg dorthin ist jedoch ein Streit entbrannt. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will die Energiewende neu justieren. Der Ausbau von Wind- und Solarenergie soll stärker mit Netzen und Strombedarf abgestimmt, die Förderung marktnäher gestaltet und zugleich steuerbare Kraftwerksleistung aufgebaut werden, die einspringt, wenn Wind und Sonne nicht genügend Strom liefern.
Reiche begründet dies mit einem „Konstruktionsfehler“ der bisherigen Energiewende. Erneuerbare Energien seien ausgebaut worden, ohne Netze, Speicher, flexible Nachfrage und gesicherte Kraftwerksleistung ausreichend als Gesamtsystem zu planen. Die Antwort darauf sei eine bessere Abstimmung der Komponenten, betonte die Ministerin Anfang August.
Gaskraftwerke treiben Strompreis nach oben
Eine Analyse des auf erneuerbare Energien spezialisierten Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien (IWR) aus Münster kommt dagegen zu dem Schluss, dass Reiches Kurs die Strompreise eher hoch halten könnte. Entscheidend sei das Zusammenspiel aus EEG-Novelle, Netzanschlusspaket und dem sogenannten Kapazitätsmarkt. Gesicherte Kraftwerksleistung werde finanziell abgesichert, während Investitionen in Windkraft, Photovoltaik und Speicher teilweise mit höheren Risiken belastet würden, schreibt das IWR.
Im Zentrum der IWR-Argumentation steht der Gaspreis. An der Strombörse gilt das Merit-Order-Prinzip: Kraftwerke werden entsprechend ihren kurzfristigen Erzeugungskosten eingesetzt. Das teuerste Kraftwerk, das zur Deckung der Nachfrage noch benötigt wird, setzt den Börsenpreis für alle Anbieter. Produzieren Windräder und Solaranlagen viel Strom, verdrängen sie wegen ihrer niedrigen laufenden Kosten teure Kohle- und Gaskraftwerke. Fehlen Wind und Sonne, kommen letztere häufiger zum Einsatz. Insbesondere Gaskraftwerke können dann den Strompreis nach oben treiben.
Die Grafik zeigt anschaulich, wer die Treiber der Strompreise sind: die Gaskraftwerke. Fallen auch noch Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke raus, wird es noch teurer, weil zur Deckung mehr Gaskraftwerke eingesetzt werden müssen. Was die Bevölkerung wissen sollte: Mehr Gaskraftwerke führen nicht zu einem höheren Angebot und in der Folge zu sinkenden Strompreisen. Das ist der große – weit verbreitete – Irrtum. Das Merit-Order-Prinzip: In jeder 15-Minuten-Auktion bestimmt das teuerste Kraftwerk, das zur Deckung der Last noch in die Auktion hineinrutscht, den Strompreis. Diesen hohen Strompreis erhalten alle vorgelagerten Kraftwerke auch, egal wie preiswert diese vorher geboten haben. Das heißt, nur der Ausbau erneuerbarer Energien in Kombination mit Speichern kann helfen, die Strompreise zu senken.
Gaskraftwerke sind häufig das preissetzende Kraftwerk
Auch das Wirtschaftsministerium bestätigt den grundlegenden Zusammenhang. Weil Gaskraftwerke in Deutschland häufig das preissetzende Kraftwerk seien, wirkten sich hohe Gaspreise stark auf den Strommarkt aus. Der durchschnittliche Großhandelspreis für Strom lag 2025 laut Ministerium bei 8,9 Cent je Kilowattstunde, in der günstigen Phase von 2016 bis 2020 dagegen bei rund 3,5 Cent.
Speicher machen Erneuerbaren-Strom später nutzbar
Dafür spielen Batteriespeicher nach Darstellung des IWR eine Schlüsselrolle. Sie könnten überschüssigen Solarstrom am Mittag oder Windstrom in verbrauchsschwachen Stunden aufnehmen und später wieder einspeisen. So lasse sich der preissenkende Effekt der erneuerbaren Energien in Stunden verschieben, in denen sonst teure Gaskraftwerke gebraucht würden. Das IWR fordert deshalb, Wind- und Solarprojekte stärker zusammen mit Speichern auszuschreiben und Speicher beim Netzanschluss nicht zusätzlich zu verteuern.
Große Nord-Süd-Leitungen werden günstigen Windstrom transportieren
Der zweite Hebel sind die Stromnetze. Vor allem im Norden wird zeitweise mehr Windstrom erzeugt, als die Leitungen in die Verbrauchszentren transportieren können. Anlagen müssen dann abgeregelt und andernorts Kraftwerke hochgefahren werden. Das verursacht Redispatchkosten. Laut Bundesnetzagentur kostete das Netzengpass-Management 2024 rund 2,9 Milliarden Euro. Das waren rund 13 Prozent weniger als im Vorjahr.
Umstritten ist vor allem Reiches Netzanschlusspaket. Betreiber neuer Anlagen sollen danach in Gebieten mit knappen Netzkapazitäten künftig teilweise das Risiko tragen, wenn ihre Stromproduktion später abgeregelt werden muss. Kritiker aus der Erneuerbaren-Branche warnen, dass Projekte dadurch schlechter finanzierbar würden. Aus Sicht des IWR drohe ein Widerspruch: Während neue steuerbare Kraftwerkskapazitäten über den Kapazitätsmarkt abgesichert würden, könnten Investitionen in jene Technologien erschwert werden, die besonders billig Strom produzierten.
Reservekapazitäten bleiben notwendig
Ganz ohne gesicherte Kraftwerksleistung wird Deutschland vorerst nicht auskommen. Nach Kohle- und Atomausstieg müssen längere Dunkelflauten durch neue Kapazitäten überbrückt werden. Die Bundesregierung hat deshalb einen Kapazitätsmarkt beschlossen. Betreiber sollen künftig nicht nur für tatsächlich erzeugten Strom bezahlt werden, sondern auch dafür, verlässlich Leistung bereitzuhalten. Für die ersten Ausschreibungen kommen neben Kraftwerken grundsätzlich auch Speicher und andere steuerbare Anlagen infrage.