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Stahlbranche

Grüner Stahl unter Druck: Europas Dekarbonisierung im globalen Wettbewerb

Die Stahlbranche ringt zwischen Klimazielen, hohen Kosten und Billigimporten. CBAM (Carbon Border Adjustment Mechanism) soll grünen Stahl fördern, doch unklare Standards und globaler Preisdruck gefährden die Transformation.
Von:  Frank Lassak
21.04.2026 | 6 Min.
Erschienen in: Ausgabe 04/2026
Hochofen von SSAB in Oxelösund, Schweden.
Hochofen von SSAB in Oxelösund, Schweden.
Foto: SSAB

Für die Stahlkocher entscheidet sich gerade, ob die angestrebte Dekarbonisierung zum Modernisierungsschub wird – oder zum Rohrkrepierer. Ausgerechnet jetzt, da milliardenschwere Investitionen in Direktreduktion (DRI) mit Wasserstoff und Elektrolichtbogenöfen getätigt werden müssten, rechnen die Konzerne den Umbau noch einmal durch: Energiepreise, Kapitalkosten, unsichere Nachfrage und ein mit billig produzierter Ware überschwemmter Weltmarkt setzen die Hersteller unter Druck. Und dieser Druck ist so hoch, dass etwa Arcelor Mittal, Primus am europäischen Stahlmarkt, den klimafreundlichen Umbau von zwei seiner deutschen Standorte fürs Erste gestoppt und sogar auf bereits zugesagte Fördergelder verzichtet hat. 1,3 Milliarden Euro wollte der Bund spendieren, damit das Unternehmen in seinen Werken in Hamburg und Eisenhüttenstadt DRI-Anlagen errichtet. Doch daraus wird nichts. „Ich sehe derzeit keinen Grund, in dieser Richtung weiterzumachen“, stellte Uwe Braun, Chef des Hamburger Werks, in einem NDR-Interview fest.

Ich sehe derzeit keinen Grund, in dieser Richtung weiterzumachen.“ Uwe Braun, Arcelor Mittal Hamburg, über den Stopp der Dekarbonisierung.

Dagegen hält Thyssenkrupp Steel bislang am Umbau fest. In der Stahlmetropole Duisburg soll bis 2029 eine DRI-Anlage mit 2,5 Millionen Tonnen Kapazität entstehen. Doch auch an der Ruhr wachsen die Zweifel: Konzernchef Miguel López dämpfte Ende 2025 die Erwartungen und räumte ein, dass der Umstieg auf grünen Wasserstoff komplizierter sei als erwartet. Übergangsweise sei deshalb der Betrieb mit Erdgas vorgesehen.

Ohnehin ächzt die Branche zurzeit unter den Belastungen des sich rasant verändernden Weltmarkts. Anfang des Jahres zog die Wirtschaftsvereinigung Stahl (WV Stahl) eine Bilanz, die mehr nach Krise als nach Aufbruch klingt: 2025 verkauften die hiesigen Stahlhütten rund neun Prozent weniger als im Vorjahr: 34,1 Millionen Tonnen Rohstahl stehen in den Büchern. Zugleich betrug die Kapazitätsauslastung weniger als 70 Prozent. „Da kommt derzeit vieles zusammen: eine historisch schwache Nachfrage, ein ungebremst wachsender Importdruck und international nicht wettbewerbsfähige Energiepreise“, sagt Roderik Hömann, Leiter Energie- und Klimapolitik bei WV Stahl.

Schweden kann schon liefern

Bleibt Stahl also vorerst schmutzig? Das muss nicht sein, wie ein Blick nach Schweden zeigt. Dort ist nicht nur die Hoffnung grün, sondern inzwischen auch der Stahl – zumindest ein bisschen. Seit Kurzem liefert der Konzern SSAB emissionsarm produzierten Stahl an den Autobauer Volvo, hergestellt aus recyceltem Schrott mit Grünstrom und Biogas. Produziert werden die Brammen im SSAB-Werk in Oxelösund. Das Unternehmen, an dem der schwedische Staat mit zehn Prozent beteiligt ist, setzt sowohl beim Recycling des Schrotts auf Ökostrom als auch bei der Herstellung von Wasserstoff, mit dessen Hilfe Eisenerz in Eisenschwamm umgewandelt wird, ein Vorprodukt der Stahlherstellung. Bis 2045 will SSAB komplett fossilfrei produzieren.

Ob Schwedens grüner Stahl in Zukunft genügend Nachfrage findet, ist allerdings aufgrund der niedrigen Weltmarktpreise für die herkömmlich produzierte Variante ungewiss, warnt das Stockholmer Wirtschaftsforschungsinstitut IFN. Die fossilfreie Produktion sei noch zu teuer. Damit sie sich rechnet, müsse der Strompreis dauerhaft niedrig sein und der CO₂-Preis hoch – beides sei aber nicht garantiert.

So prallen bei der Dekarbonisierung der Branche umweltpolitischer Wille und betriebswirtschaftliche Realität aufeinander. Denn ein Stahlwerk mit Direktreduktionsanlage ist nicht automatisch wettbewerbsfähig, nur weil dort klimafreundlich produziert wird. Die Anlage braucht fossilfreien Wasserstoff in industriellen Mengen – zu Preisen, die den Betrieb nicht strangulieren. Und wer statt DRI auf Elektrolichtbogenöfen setzt, braucht Strom – in enormen Mengen. Die Branche wartet daher nicht nur auf Förderbescheide, sondern zuerst auf Netzanschlüsse, Wasserstofflieferverträge, Importinfrastruktur und Standards für Herkunftsnachweise. „In einem extrem schwierigen Marktumfeld setzen wir auf mehrere Faktoren, um das Geschäft erfolgreich fortzusetzen. Dazu gehört auch eine vernünftige und verlässliche Brücke in Richtung Dekarbonisierung“, sagt Gunnar Groebler, CEO der Salzgitter AG. Für das Defossilierungsprojekt Salzgitter AG Salcos hat Salzgitter insgesamt 1,3 Milliarden Euro Fördergelder vom Bund und vom Land Niedersachsen eingesammelt.

Der Stahl-Weltmarkt wird zunehmend rauer

Damit aus derlei milliardenschweren Vorhaben ein profitabler Markt entsteht, reichen gut gemeinte Klimapolitik und üppige Fördertöpfe nicht aus. Europa muss Nachfrage organisieren. Öffentliche Beschaffung, verbindliche Definitionen für emissionsarmen Stahl und langfristige Abnahmeverträge sind nötig, sagt WV-Stahl-Manager Hömann. Längst geht es nicht mehr nur um Technik, sondern um die Frage, ob Europa den Markthochlauf aktiv vorantreiben will oder die Aufgabe anderen Playern auf dem Weltmarkt überlässt – einem Weltmarkt, der zunehmend rauer wird. Erst kürzlich warnte die OECD, dass die globale Überproduktion bis 2027 auf 721 Millionen Tonnen Stahl steigen könnte. Ein Grund dafür: Chinas Stahlexporte haben sich seit 2020 mehr als verdoppelt und erreichten 2025 einen Rekordwert von 119 Millionen Tonnen. 40 Prozent der dort für 2026 und 2027 geplanten Kapazitäten sollen weiterhin auf der traditionellen Hochofen-Konverter-Route produziert werden.

Low Carbon-Stahl aus China

OECD-Generalsekretär Mathias Cormann spricht deshalb von einer „dringenden Notwendigkeit“, gegen Überkapazitäten und wettbewerbsverzerrende Politik vorzugehen, um einen nachhaltigeren Stahlsektor aufbauen zu können. Noch lautet die ungemütliche Wahrheit hinter den Transformationsplänen aber: Je mehr billiger Stahl von außereuropäischen Herstellern auf den Weltmarkt kommt, desto schwerer lassen sich Investitionen in grüne Technologie refinanzieren.

Doch China trumpft nicht nur im traditionellen Volumengeschäft auf. Auch bei emissionsärmerem Stahl schaffen Stahlkocher aus dem Reich der Mitte inzwischen Fakten. Baosteel etwa, der größte Stahlproduzent der Welt, beliefert die chinesische Autoindustrie mit Low-Carbon-Stahl und bietet unter der Marke Beyond Eco Stahlprodukte, deren CO₂-Emissionen um 30 Prozent gegenüber konventionellen Brammen reduziert sind. In Zhanjiang nahm Baosteel Ende 2023 eine der ersten Anlagen für Direktreduktion in Betrieb; 2024 wurde sie mit einem Elektrolichtbogenofen gekoppelt. Nach Angaben des Centre for Research on Energy and Clean Air senkt diese Kombination die Emissionen gegenüber der klassischen Hochofenroute um bis zu 60 Prozent. Allerdings arbeitet das Werk in Zhanjiang nicht mit reinem grünem Wasserstoff, sondern mit aufbereitetem Koksofengas, das zu knapp zwei Dritteln aus Wasserstoff besteht.

Dass in der EU grüner Stahl nachgefragt wird, motiviert viele ausländische Hersteller, solche Produkte ebenfalls anzubieten.“ Corinne Abele, GTAI Shanghai

Noch weiter ist Chinas drittgrößter Stahlhersteller HBIS Group. Der Staatskonzern will in diesem Jahr 10.000 Tonnen emissionsreduzierten Stahl nach Italien liefern – hergestellt in einer Direktreduktionsanlage, die mit Erdgas und Wasserstoff betrieben wird. Laut Unternehmensangaben fällt dabei nur etwa halb so viel CO₂ an wie bei konventionell erzeugtem Stahl. Wie hoch der Wasserstoffanteil ist und welche Emissionen bei der Herstellung entstehen – darüber macht HBIS allerdings keine genauen Angaben.

Herkunftsnachweise erforderlich

Für Importeure in der EU sind aber gerade diese Angaben relevant, denn seit 2026 greift der CO₂-Grenzausgleich CBAM: Für den bei der Stahlproduktion im Ausland verursachten CO₂-Ausstoß müssen sie Zertifikate kaufen. Klimafreundlich hergestellter Stahl wird dadurch im Vergleich günstiger. „Dass in der EU grüner Stahl nachgefragt wird, motiviert viele ausländische Hersteller, solche Produkte ebenfalls anzubieten“, sagt Corinne Abele, die für die deutsche Außenhandelsorganisation Germany Trade & Invest in Shanghai den chinesischen Markt beobachtet. Es bestehe aber die Gefahr, dass Produzenten mit unlauteren Mitteln arbeiten und Stahl auch dann als grün ausweisen, wenn er es nicht ist.

Entscheidend ist dabei nicht nur, wie der Stahl produziert wird, sondern auch, wie Emissionen erfasst werden, welche Grenzwerte gelten, ob Vorprodukte einbezogen werden, wie der eingesetzte Wasserstoff hergestellt wird. „Wenn diese Angaben standardisiert und geprüft werden sowie international vergleichbar sind, kann grüner Stahl erfolgreich werden“, sagt WV-Stahl-Manager Hömann. Solange aber nicht klar definiert ist, was als emissionsarmer oder grüner Stahl gelten darf, könnte das CBAM-Verfahren einen Wettbewerb der Etiketten auslösen. „Dann teilen sich Hersteller, die in Dekarbonisierung investieren, den Markt mit jenen, die ihre Ware bloß mit einem grünen Label versehen.“

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