Fachkräftebedarf

Warum Beschäftigte der Autoindustrie für die Energiewende gebraucht werden

Der Wandel zur Elektromobilität kostet Arbeitsplätze in der Fahrzeugindustrie, während die Energiewende Hunderttausende zusätzliche Fachkräfte benötigt. Experten sehen Chancen für einen Branchenwechsel – vorausgesetzt, Weiterbildung, Vermittlung und attraktive Arbeitsbedingungen stimmen.
09.06.2026 | 7 Min.
Auf dem Weg zur Weiterbildung: Die Enpal Academy in Brandenburg qualifiziert Fachkräfte für die Energiewende.
Auf dem Weg zur Weiterbildung: Die Enpal Academy in Brandenburg qualifiziert Fachkräfte für die Energiewende.
Foto: Enpal

Die deutsche Automobilindustrie befindet sich in einer massiven Transformation. Immer wieder ist von Umstrukturierungen in Unternehmen und Stellenabbau zu lesen. Bis 2035 könnten knapp 190.000 Personen weniger in der Automobil- und Zulieferindustrie beschäftigt sein als noch 2019. Das ergab eine Studie von Prognos im Auftrag des Verbands der Automobilindustrie e. V. (VDA). Ein Grund ist der Wandel vom Verbrennungsmotor hin zu elektrischen Antrieben. Denn: Während Verbrennungsmotoren aus bis zu 1.400 Teilen bestehen, kommen Elektromotoren mit nur rund 200 Bauteilen aus. Weniger Komplexität bedeutet auch weniger Arbeitsaufwand – und zwar um rund ein Drittel. Beschäftigte aus Zulieferunternehmen mit Fokus auf Mechanik, Maschinenbau- und Fahrzeugtechnik sind von dieser Entwicklung besonders betroffen.

Demgegenüber steht die Energiebranche, die aufgrund der Energiewende als Zukunftsbranche gilt. Laut Jobmonitor, den das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellt hat, hatte im Jahr 2025 jede dritte Stellenausschreibung einen Bezug zur Green Economy, Tendenz steigend. Zur Green Economy zählen auch Unternehmen der Energiewende – der Transformation von einem fossilen zu einem erneuerbaren Energiesystem: Jobs in der Branche der erneuerbaren Energien machten 2025 mit 345.000 ausgeschriebenen Stellen 3,5 Prozent aller Job-Anzeigen aus. Während die Autoindustrie in Zukunft also wahrscheinlich Personal reduzieren wird, suchen Unternehmen aus der Energiewirtschaft händeringend nach Fachkräften.

Hunderttausende Arbeitskräfte werden für die Energiewende fehlen

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) untersucht die Beschäftigungsentwicklung in den verschiedenen Branchen kontinuierlich. Im Zuge der Energiewende werden in Deutschland bis zum Jahr 2030 laut Modellrechnungen rund 157.000 zusätzliche Arbeitskräfte benötigt. Bis zum Jahr 2040 sollen es weitere 102.000 sein. Der Projektion des IAB zufolge dürfte es aber schwer werden, ausreichend viele qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Schon heute liegt die Suchdauer für die Rekrutierung neuer Fachkräfte in den Berufsgruppen Energietechnik und Elektrotechnik bei über 110 Tagen.

Arbeitskräfte aus der Automobilindustrie, die ihren Job verloren haben oder sich umorientieren wollen, könnten in der Energiewirtschaft ein neues berufliches Zuhause finden. „Es gibt große Überlappungen bei den Berufen zwischen der Industrie und der Erneuerbaren-Branche. Das schafft Potenziale, die Jobverluste in der Industrie auszugleichen“, sagt Prof. Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen am IAB. Dafür brauche es aber mehr Bewegung am Arbeitsmarkt und die Bereitschaft bei Unternehmen und Beschäftigten zu Weiterentwicklung, Weiterbildung und Branchenwechseln. „Unternehmen tun sich aber schwer mit der Restrukturierung, Beschäftigte gehen mit Abfindung in die Frührente, die Arbeitslosigkeit steigt seit Jahren. So gehen Arbeitskräfte verloren, die wir an anderer Stelle dringend bräuchten.“ Der demografische Wandel tut sein Übriges.

Vom Strukturwandel betroffene Regionen brauchen eine Strategie

Die weitere Qualifizierung der Fachkräfte im Mobilitätssektor hat auch die Gewerkschaft IG Metall auf dem Schirm. „Ein zentrales Anliegen von uns als IG Metall ist es, Kolleginnen und Kollegen beim Übergang in neue Beschäftigungsmöglichkeiten zu unterstützen, um ihnen Perspektiven im Wandel zu eröffnen“, so Ralph Obermauer, Leiter der Stabsstelle Mobilität und Fahrzeugbau beim Vorstand der IG Metall. Dazu hat die Gewerkschaft sogenannte regionale Transformationsnetzwerke initiiert. Sie sollen die Transformation der Automobil- und Zulieferindustrie in den vom Strukturwandel besonders betroffenen Regionen vorantreiben.

Die Netzwerke sind sehr gute Ansprechpartner für Betriebe aus Branchen, die in den Regionen zukunftssichere Arbeitsplätze bieten.“ Ralph Obermauer, IG Metall
Konkret entwickeln Unternehmen, Wirtschaftsvertreter, Forschungs- und Bildungseinrichtungen, Gewerkschaften sowie Verbände gemeinsam regionale Strategien für die Transformation der ansässigen Automobilindustrie. „Es gibt derzeit 27 dieser Netzwerke, die insbesondere in Regionen mit sich wandelnder Fahrzeugindustrie entstanden sind und von der Bundesregierung gefördert werden“, so Obermauer. „Die Netzwerke sind sehr gute Ansprechpartner für Betriebe aus Branchen, die in den Regionen zukunftssichere Arbeitsplätze bieten.“ Unternehmen aus der Energiewirtschaft können sich also bei den Netzwerken über potenziell freie Arbeitskräfte informieren.

Wechselbereitschaft hängt von Arbeitsbedingungen ab

Ralph Obermauer von der IG Metall hat noch einen weiteren Tipp: Ob und in welchen Regionen Betriebe vor einem Personalabbau stehen, können Unternehmen bei der Bundesagentur für Arbeit erfragen. Sie vermittelt über sogenannte Arbeitsmarktdrehscheiben Beschäftigte, die ihren Arbeitsplatz verlieren, an Unternehmen, die neue Fachkräfte suchen. Die Chancen, Beschäftigte aus der Automobilbranche zu gewinnen, sind dabei vorhanden: „Es gibt durchaus eine Wechselbereitschaft der Kolleginnen und Kollegen in andere Branchen. Sie hängt natürlich sehr von den Bedingungen des neuen Arbeitsplatzes ab“, berichtet der Gewerkschafter von seiner Erfahrung. „Eine Tarifbindung und die damit verbundenen Vorzüge spielen eine sehr große Rolle bei der Bereitschaft zu einem Wechsel – neben Entgelt und Qualität der neuen Tätigkeit sowie Arbeitsplatzsicherheit.“

Gezielte Weiterentwicklung statt kompletter Umschulung

Doch nicht alle Beschäftigten sind ausreichend qualifiziert, um von ihrem Job etwa aus dem Mobilitätssektor nahtlos in eine Position in der Energiewirtschaft zu wechseln. „Die gute Nachricht ist: Komplette Umschulungen in ganz andere Berufe werden oft nicht notwendig sein, sondern lediglich Weiterentwicklungen der Grundkompetenzen in neue Anwendungsbereiche“, sagt Prof. Weber. Diesen Ansatz verfolgt bereits das Energieunternehmen Enpal. Seit ihrer Gründung im Jahr 2021 hat die hauseigene Enpal Academy im brandenburgischen Dahlewitz mehr als 4.000 Fach- und Hilfskräfte für Photovoltaik- und Wärmepumpensysteme qualifiziert. Mit neuen Programmen sollen die monatlichen Kapazitäten der Academy jetzt sogar verdoppelt werden. Laut eigenen Angaben ist die Enpal Academy damit das größte Schulungszentrum für dezentrale Energielösungen in Europa.

Seit wenigen Monaten bildet die Akademie nicht nur für den Enpal-eigenen Bedarf an PV- und Wärmepumpen-Installateuren und -Technikern aus, sondern öffnet das Schulungszentrum auch für Wettbewerber. Der Hintergrund: „Der Fachkräftemangel ist der zentrale Flaschenhals der Energiewende und stellt viele Handwerksbetriebe vor große Herausforderungen“, sagt Paul Hauer, Geschäftsführer der Enpal Academy. „Jetzt entwickelt sich Enpal strategisch weiter zur Plattform und öffnet diese Kapazitäten für externe Betriebe. So schaffen wir eine Infrastruktur für die Branche und wachsen gemeinsam mit unseren Partnerbetrieben.“ Die Nachfrage nach grünen Energielösungen sei weiterhin groß, doch das aktuelle Ausbildungssystem in Deutschland komme mit der Qualifizierung der Fachkräfte nicht hinterher.

Gasheizungsbauer spezialisieren sich auf die Wärmepumpe

Fachkräfte aus der Automobilbranche haben ein sehr interessantes Profil für uns, denen wir gern eine Perspektive geben." Enpal
In der Akademie werden die Teilnehmer in verschiedenen Programmen zu Hilfskräften oder Fachkräften ausgebildet. In Kooperation mit Praxisbetrieben können sie auf Wunsch sogar den Gesellenschein machen. Unter den 4.000 bereits ausgebildeten Fach- und Hilfskräften waren Personen mit ganz unterschiedlicher Vorerfahrung. „Einige hatten schon eine abgeschlossene Berufsausbildung, andere brachten handwerkliches Geschick und Interesse mit“, erklärt eine Unternehmenssprecherin von Enpal. „Wir bilden aber zum Beispiel auch erfahrene Gasheizungsbauer aus dem SHK-Handwerk weiter. Sie haben jahrelang Gasheizungen installiert und möchten sich jetzt auf die Wärmepumpe als zukunftsträchtige Heiztechnik spezialisieren. Hier bilden wir Einzelpersonen oder ganze Betriebe weiter.“ Damit gewinnt die Energie- beziehungsweise Wärmewende direkt Arbeitskräfte aus der konventionellen Energiewirtschaft.

Auch ehemalige Beschäftigte der Autoindustrie könnten sich in der Enpal Academy schulen lassen. „Wir hatten bisher nur einige wenige Elektrotechniker, aber grundsätzlich haben Fachkräfte aus der Automobilbranche ein sehr interessantes Profil für uns, denen wir gern eine Perspektive geben“, so die Unternehmenssprecherin. Noch sei aber kein klarer Trend zu erkennen, wonach sich Arbeitnehmer aus dem Bereich Mobilität vermehrt bei Enpal melden. Doch sowohl die Akademie als auch die regionalen Transformationsnetzwerke sind erfolgversprechende Lösungen für die Weitervermittlung von Fachkräften: „Der Schlüssel liegt im Zusammenspiel aus guter Beratung zu persönlichen Arbeitsmarktchancen, Vermittlungsleistungen, gezielter Qualifizierung sowie Netzwerken zwischen Firmen und Arbeitsmarktpolitik“, sagt Prof. Weber. Gelingt der Brückenschlag, könnten Beschäftigte der Autoindustrie zu wichtigen Fachkräften der Energiewende werden.

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