Eine vom Bundeswirtschaftsministerium selbst beauftragte Studie zu den wirtschaftlichen Effekten der Energiewende bleibt bislang auffällig unsichtbar. Das Gutachten wurde Ende Februar 2026 fertiggestellt und Mitte April veröffentlicht – ohne Pressemitteilung, Einordnung oder erkennbare Kommunikation des Ministeriums.
Dabei sind die Ergebnisse eindeutig: Die Analyse des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung sowie der IW Consult kommt zu dem Schluss, dass der Ausbau erneuerbarer Energien die regionale Wertschöpfung in Deutschland bis 2033 mehr als verdoppeln kann. Besonders ländliche Regionen profitieren demnach durch zusätzliche Einnahmen, neue Arbeitsplätze und steigende Standortattraktivität.
Bereits im Jahr 2023 entstanden durch Bau, Installation und Betrieb von Wind- und Solaranlagen rund zehn Milliarden Euro Wertschöpfung in Deutschland. Bis 2033 könnte dieser Wert auf etwa 21 Milliarden Euro steigen. Ein wachsender Anteil dieser Wertschöpfung kann dabei in den Regionen verbleiben, in denen die Anlagen stehen – insbesondere dann, wenn lokale Akteure stärker eingebunden werden.
Beteiligung entscheidet über regionale Wertschöpfung
Regionale Wertschöpfung beschreibt den wirtschaftlichen Nutzen, der durch den Bau und Betrieb von Wind- und Solaranlagen entsteht – und in einer Region bleibt.
Dazu zählen vor allem Gewinne der Betreiber, Einkommen der Beschäftigten sowie Steuereinnahmen für die Kommunen. Hinzu kommen Aufträge für lokale Unternehmen, etwa im Handwerk oder bei Dienstleistungen rund um Planung, Bau und Wartung der Anlagen.
Entscheidend für die tatsächliche Wirkung vor Ort ist laut Studie die Eigentümer- und Beteiligungsstruktur der Projekte. Im Jahr 2023 konnten etwa 55 Prozent der Wertschöpfung in den Standortregionen bleiben. Sicher dort wirksam waren rund 4,4 Milliarden Euro. Bis 2033 könnte dieser Betrag auf über zehn Milliarden Euro steigen, wenn sich an den Beteiligungsstrukturen nichts Grundlegendes ändert.
Bei Photovoltaik-Dachanlagen bleibt besonders viel Geld in der Region, da oft lokale Handwerksbetriebe Bau und Wartung übernehmen. Bei großen Windparks oder PV-Freiflächenanlagen hängt der regionale Nutzen dagegen stark davon ab, ob Kommunen, Bürgerinnen und Bürger oder regionale Unternehmen beteiligt sind.
Grundsätzlich gilt aber: Je mehr Menschen vor Ort finanziell beteiligt werden – etwa über Bürgerenergie, kommunale Investitionen oder andere Beteiligungsmodelle –, desto mehr Wertschöpfung könnte in den Regionen bleiben.
Mehr Jobs und regionale Wachstumsimpulse
Neben der Wertschöpfung nimmt auch die Beschäftigung zu. Im Jahr 2023 wurden bundesweit rund 51.000 direkte Vollzeitarbeitsplätze durch den Ausbau und Betrieb von Wind- und Solaranlagen geschaffen. Bis 2033 könnte diese Zahl auf über 100.000 steigen. Rund ein Fünftel dieser Jobs entstehen direkt in den Standortregionen.
Zusätzlich zu den direkten Effekten ergeben sich auch viele indirekte Wirkungen. Dazu gehören zum Beispiel Aufträge für Zulieferer oder zusätzliche Ausgaben der Beschäftigten im Alltag. Zusammen machen diese Erträge bereits heute fast 37 Milliarden Euro pro Jahr aus.
In Regionen mit starkem Ausbau erneuerbarer Energien lassen sich sieben bis zehn Prozent des Wirtschaftswachstums der letzten Jahre darauf zurückführen. Das liegt nicht nur an neuen Jobs, sondern auch daran, dass Unternehmen dort mehr produzieren und sich neue Betriebe in diesen Regionen ansiedeln. Ein Grund dafür ist die wachsende Bedeutung von Grünstrom als Standortfaktor: Regionen mit viel Wind- und Solarstrom bieten Unternehmen bessere Voraussetzungen für eine verlässliche und zunehmend auch wirtschaftlich planbare Stromversorgung.
Hinzu kommt, dass mit dem Ausbau erneuerbarer Energien neue wirtschaftliche Strukturen entstehen. Unternehmen aus Planung, Bau, Wartung und technischen Dienstleistungen lassen sich verstärkt dort nieder, wo viele Anlagen entstehen. Diese Betriebe stärken regionale Netzwerke und sorgen dafür, dass zusätzliche Wertschöpfung in den Regionen bleibt. Gleichzeitig verbessert sich die wirtschaftliche Basis der Regionen insgesamt, etwa durch höhere Investitionen und eine dynamischere Unternehmensstruktur, die über den Energiesektor hinaus Wirkung entfaltet.
Mehr Einnahmen für Kommunen durch Erneuerbare
Wie sich diese Effekte in der Praxis darstellen, zeigt die Studie anhand von fünf bundesweiten Beispielorten: Dardesheim, Feldheim, Lichtenau, Wilstedt und Wunsiedel. Dort wird deutlich, wie erneuerbare Energien wirtschaftlich schwache Regionen stärken können.
In diesen Kommunen profitieren sowohl die öffentlichen Haushalte als auch die Menschen vor Ort auf mehreren Ebenen: durch zusätzliche Steuereinnahmen, Beteiligungen an Energieprojekten oder günstige lokale Stromtarife. Gleichzeitig konnten Städte und Gemeinden mehr Mittel in Infrastruktur, Schulen und öffentliche Einrichtungen investieren. In einzelnen Fällen hat sich dadurch auch die Abwanderung verlangsamt.
Als zentrale Erfolgsfaktoren identifiziert die Studie eine aktive Rolle der Kommunen bei der Gestaltung der Projekte, transparente Planungsprozesse sowie eine frühzeitige und umfassende Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger.
Dass diese Entwicklungen keine Einzelfälle sind, zeigt auch eine aktuelle Befragung von mehr als 600 Kommunen durch die Initiative Klimaneutrales Deutschland und den Verein Heimatwurzeln. Demnach erzielen bereits rund zwei Drittel der Gemeinden Einnahmen aus erneuerbaren Energien. Diese zusätzlichen Mittel stärken die kommunalen Haushalte spürbar und ermöglichen Investitionen etwa in Straßen, Schulen, Kitas oder den Ausbau digitaler Infrastruktur.
Wo die Politik ansetzen kann
Um die positiven Effekte vor Ort zu stärken, empfehlen die Studienautoren mehrere Maßnahmen:
- Kommunen sollten besser beraten und unterstützt werden, zum Beispiel durch mehr Informationsangebote. Auch Bürgerenergie und kommunale Beteiligungsmodelle sollten einfacher möglich sein.
- Zudem schlagen die Autoren Änderungen bei den Regulierungen vor. Dazu gehören einfachere Finanzierungsmöglichkeiten, weniger Bürokratie und Förderprogramme, die gezielt die Beteiligung von Menschen und Kommunen vor Ort fördern.
Studienergebnisse bislang ohne Einordnung
Auffällig ist, dass die Ergebnisse in der öffentlichen Kommunikation bislang weitgehend unbeachtet blieben. Unter Katherina Reiche stehen derzeit vor allem Kosten, Effizienz und Systemstabilität im Fokus. Der Ausbau erneuerbarer Energien wird zwar weiter unterstützt, gleichzeitig aber stärker unter Wirtschaftlichkeits- und Netzausbauaspekten diskutiert.
Die Studie hingegen betont vor allem die wirtschaftlichen Chancen erneuerbarer Energien. Sie zeigt, dass die Energiewende gezielt regionale Entwicklung anstoßen kann, insbesondere dort, wo wirtschaftliche Impulse besonders gebraucht werden.
Vor diesem Hintergrund wirkt die ausbleibende Kommunikation zumindest erklärungsbedürftig. Denn die Untersuchung liefert nicht nur positive Befunde, sondern auch konkrete Vorschläge, wie sich die regionalen Effekte durch mehr Beteiligung von Kommunen und Bürgern noch deutlich steigern ließen.
Die Studie „Stärkung der regionalen Wertschöpfung durch Erneuerbare Energien“ wurde im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums erstellt. Sie analysiert die wirtschaftlichen Effekte von Wind- und Solarenergie bis 2033.
Beteiligt waren das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW), das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung sowie IW Consult.


