Die Nachricht aus Wörrstadt war eine kalte Dusche: Der rheinland-pfälzische Projektierer Juwi kündigte im Juni an, hierzulande 280 Jobs zu streichen. Baute das Unternehmen seine Belegschaft noch bis vor zwei Jahren kräftig aus, muss nun ein Viertel der Beschäftigten gehen.
Kippt da gerade etwas, drohen im Energiewende-Arbeitsmarkt noch weit mehr Stellen verloren zu gehen? Wird aus dem lange Zeit beklagten Fachkräftemangel nun ein Überhang? Schließlich ist die Verunsicherung im Markt derzeit groß: Noch lässt sich nicht absehen, wie sich Netzpaket und EEG-Novelle auf den weiteren Erneuerbare-Zubau auswirken werden. Dazu kommen hohe Finanzierungskosten sowie die Hürden beim Netzanschluss. Auch für die Wärmewende haben sich die Bedingungen mit dem Gebäudemodernisierungsgesetz verschlechtert.
Dynamik bei Energiewende-Berufen nimmt ab
Angesichts der unsicheren politischen Rahmenbedingungen halten sich die meisten Betriebe mit Neueinstellungen derzeit eher zurück, beobachtet Schneemann. Das bekämen vor allem junge Menschen zu spüren. „Die Zahl der ausgeschriebenen Einstiegspositionen hat zuletzt merklich abgenommen“, erklärt der Experte.
Demografischer Wandel verschärft Fachkräftemangel
Bei Handwerks- und Bauberufen mache sich das bereits heute bemerkbar, bei Planungs-, Entwicklungs- und Digitalisierungsaufgaben werde dies mit etwas Verzögerung der Fall sein. Dazu komme, dass weniger Menschen nach Deutschland einwandern und zugleich mehr und mehr Beschäftigte aus dem europäischen Ausland in ihre Herkunftsländer zurückkehren. „Der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern wird künftig noch zunehmen“, prophezeit Schneemann.
Das IAB hat im vergangenen Jahr ausgerechnet, dass in den Energiewende-Berufen bis 2030 insgesamt 157.000 zusätzliche Arbeitskräfte benötigt werden. Angesichts der aktuellen Entwicklungen muss diese Zahl zwar leicht nach unten korrigiert werden, sagt Schneemann. „Im Kern bleibt die Situation aber gleich: Wir brauchen für die Energiewende zusätzliche Fachkräfte!“
Gute Chancen für Quereinsteiger in die Energiebranche
Erschwerend kommt auch bei Fenecon der demografische Wandel hinzu. „Wenn jetzt etwa Mechaniker, Elektriker oder Mitarbeiter aus dem Einkauf in Rente gehen, ist es nicht einfach, diese Stellen nachzubesetzen“, so Feilmeier. „Denn heute gibt es wegen allgemein rückläufiger Ausbildungszahlen viel weniger Fachkräfte, als das früher der Fall war.“
Energie-Unternehmen bilden Experten aus Automobilindustrie weiter
Fenecon investiert deshalb auch umfassend in die Qualifizierung von Experten aus anderen Branchen mit technischem Fokus, etwa aus der in Niederbayern starken Automobilindustrie. So beteiligt sich das Unternehmen zum Beispiel am Batterie Bildungsnetzwerk Bayern (B3), das Weiterbildungen rund um den Themenkomplex Batterie bietet.
Solche Quereinsteiger könnten durchaus dazu beitragen, den Fachkräftebedarf in Energiewende-Berufen zu decken, sagt Schneemann. Allerdings dürfe man nicht unterschätzen, dass dies oft räumliche Mobilität erfordert. „Ich bin skeptisch, ob gerade etwas ältere Menschen in großer Zahl bereit sind, für einen beruflichen Neuanfang in einer anderen Branche quer durch das Land zu ziehen“, so der Arbeitsmarkt-Experte.
Medienpräsenz hilft beim Recruiting
Die Teilnahme an Jobmessen hat Feilmeier zufolge dagegen bislang noch nicht die gewünschten Ergebnisse erzielt. Auch die Ergebnisse aus der Zusammenarbeit mit Headhuntern blieben bisher hinter den Erwartungen zurück, insbesondere gemessen an den eingesetzten Ressourcen. Hilfreich sei dagegen die Präsenz des Unternehmens in den Medien. „Wenn unser Gründer und CEO Franz Feilmeier in der Wirtschafts- oder der Fachpresse etwa zu energiewirtschaftlichen oder -politischen Themen prominent Stellung bezieht, bekommen wir im Anschluss merklich mehr Bewerbungen“, sagt die Personalverantwortliche.
Mitarbeiter über persönliche Kontakte gewinnen
Dass der Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter härter wird, beobachtet auch Jan Klapp, Gründer und Geschäftsführer von Klimaklapp. Das Unternehmen aus dem oberschwäbischen Weingarten hat sich auf die Installation von Luft-Luft-Wärmepumpen und Split-Klimageräten spezialisiert. „Die Nachfrage steigt spürbar“, sagt Klapp. „Deshalb weiten immer mehr Unternehmen ihr Angebot in diese Richtung aus. Und dafür brauchen sie Fachleute.“
Der Betrieb beschäftigt derzeit fünf Menschen. Um wachsen zu können, baut Klapp vor allem auf die Netzwerke der bestehenden Mitarbeiter. „Wir sind ein kleines Gewerk, da kennt man sich. Denn schließlich haben fast alle, die in der Branche arbeiten, die regionale Fachschule für Kälte- und Klimatechnik besucht“, erklärt er.
Social Media als Kanal für mehr Aufmerksamkeit
Dabei lockt Klapp neue Mitarbeiter vor allem mit der Unternehmenskultur. „Unser Team ist sehr jung. Keiner von uns, mich eingeschlossen, ist älter als 30 Jahre. Deshalb ist der Betrieb sehr dynamisch, Arbeitsabläufe und Verantwortlichkeiten sind nicht in Stein gemeißelt. Die Mitarbeiter können hier sehr viel mitgestalten“, erklärt er. Um das zu transportieren, setzt Klapp auch Social Media ein. „Wir geben uns hier viel Mühe – auch wenn uns natürlich klar ist, dass niemand auf TikTok geht, um sich zuvorderst Klimatechnik anzuschauen.“