Arbeitsmarkt Erneuerbare

Gleichzeitig Entlassungen und Fachkräfte-Engpass in Energiewende-Unternehmen: Kippt da gerade etwas?

Schwächere Einstellungsdynamik, politische Unsicherheit und erste Stellenstreichungen sorgen für Verunsicherung in der Branche. Doch Arbeitsmarktforscher gehen davon aus, dass der Fachkräftemangel schon bald wieder einem größeren Problem der Energiewende wird.
Von:  Ralph Diermann
11.08.2026 | 5 Min.
Auf- oder Abstieg? Auf dem Arbeitsmarkt der Energiewende dreht sich die Stimmung.
Auf- oder Abstieg? Auf dem Arbeitsmarkt der Energiewende dreht sich die Stimmung.
Foto: AdobeStock

Die Nachricht aus Wörrstadt war eine kalte Dusche: Der rheinland-pfälzische Projektierer Juwi kündigte im Juni an, hierzulande 280 Jobs zu streichen. Baute das Unternehmen seine Belegschaft noch bis vor zwei Jahren kräftig aus, muss nun ein Viertel der Beschäftigten gehen. 

Kippt da gerade etwas, drohen im Energiewende-Arbeitsmarkt noch weit mehr Stellen verloren zu gehen? Wird aus dem lange Zeit beklagten Fachkräftemangel nun ein Überhang? Schließlich ist die Verunsicherung im Markt derzeit groß: Noch lässt sich nicht absehen, wie sich Netzpaket und EEG-Novelle auf den weiteren Erneuerbare-Zubau auswirken werden. Dazu kommen hohe Finanzierungskosten sowie die Hürden beim Netzanschluss. Auch für die Wärmewende haben sich die Bedingungen mit dem Gebäudemodernisierungsgesetz verschlechtert.

Dynamik bei Energiewende-Berufen nimmt ab

In Zukunft könnten noch weiter im großen Stil Arbeitsplätze abgebaut werden. Die politische Entwicklung wird Folgen haben, sagt Christian Schneemann vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. „Wir beobachten, dass bei den Energiewende-Berufen die Zahl der ausgeschriebenen Stellen nach wie vor zunimmt. Die Dynamik der letzten Jahre ist aber eindeutig schwächer geworden“, erklärt der Experte für den Energiewende-Arbeitsmarkt. Das gelte für Handwerksberufe genauso wie für Positionen, die einen Hochschulabschluss verlangen.

Angesichts der unsicheren politischen Rahmenbedingungen halten sich die meisten Betriebe mit Neueinstellungen derzeit eher zurück, beobachtet Schneemann. Das bekämen vor allem junge Menschen zu spüren. „Die Zahl der ausgeschriebenen Einstiegspositionen hat zuletzt merklich abgenommen“, erklärt der Experte.

Demografischer Wandel verschärft Fachkräftemangel

Der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern wird künftig noch zunehmen." Christian Schneemann, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)
Die Schwächephase wird jedoch nur von kurzer Dauer sein, ist Schneemann überzeugt – die Nachfrage nach Fachkräften werde schon bald wieder deutlich anziehen. Das begründet er unter anderem mit der Alterung der Gesellschaft. „Die demografische Entwicklung hat zur Folge, dass in den nächsten Jahren sehr viele Menschen aus dem Arbeitsleben ausscheiden werden“, sagt der Arbeitsmarktforscher. 

Bei Handwerks- und Bauberufen mache sich das bereits heute bemerkbar, bei Planungs-, Entwicklungs- und Digitalisierungsaufgaben werde dies mit etwas Verzögerung der Fall sein. Dazu komme, dass weniger Menschen nach Deutschland einwandern und zugleich mehr und mehr Beschäftigte aus dem europäischen Ausland in ihre Herkunftsländer zurückkehren. „Der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern wird künftig noch zunehmen“, prophezeit Schneemann.

Das IAB hat im vergangenen Jahr ausgerechnet, dass in den Energiewende-Berufen bis 2030 insgesamt 157.000 zusätzliche Arbeitskräfte benötigt werden. Angesichts der aktuellen Entwicklungen muss diese Zahl zwar leicht nach unten korrigiert werden, sagt Schneemann. „Im Kern bleibt die Situation aber gleich: Wir brauchen für die Energiewende zusätzliche Fachkräfte!“

Gute Chancen für Quereinsteiger in die Energiebranche

Alexandra Feilmeier, Personalchefin beim niederbayerischen Batteriehersteller Fenecon, kann das bestätigen. „Es ist heute durchaus eine Herausforderung, neue Mitarbeiter zu finden, die das nötige Fachwissen mitbringen“, erklärt sie. Die Fertigung und das Handling von Batteriespeichern sowie der nachgelagerte Service verlangten umfassende elektrotechnische Kenntnisse. Im Vertrieb wiederum sei ein fundiertes Marktverständnis gefragt. „Solche Fachkräfte sind schwer zu bekommen“, sagt Feilmeier. Der Speicherspezialist hat derzeit rund 50 Stellen ausgeschrieben.

Erschwerend kommt auch bei Fenecon der demografische Wandel hinzu. „Wenn jetzt etwa Mechaniker, Elektriker oder Mitarbeiter aus dem Einkauf in Rente gehen, ist es nicht einfach, diese Stellen nachzubesetzen“, so Feilmeier. „Denn heute gibt es wegen allgemein rückläufiger Ausbildungszahlen viel weniger Fachkräfte, als das früher der Fall war.“

Energie-Unternehmen bilden Experten aus Automobilindustrie weiter

Fenecon investiert deshalb auch umfassend in die Qualifizierung von Experten aus anderen Branchen mit technischem Fokus, etwa aus der in Niederbayern starken Automobilindustrie. So beteiligt sich das Unternehmen zum Beispiel am Batterie Bildungsnetzwerk Bayern (B3), das Weiterbildungen rund um den Themenkomplex Batterie bietet.

Solche Quereinsteiger könnten durchaus dazu beitragen, den Fachkräftebedarf in Energiewende-Berufen zu decken, sagt Schneemann. Allerdings dürfe man nicht unterschätzen, dass dies oft räumliche Mobilität erfordert. „Ich bin skeptisch, ob gerade etwas ältere Menschen in großer Zahl bereit sind, für einen beruflichen Neuanfang in einer anderen Branche quer durch das Land zu ziehen“, so der Arbeitsmarkt-Experte.

Medienpräsenz hilft beim Recruiting

Wenn unser Gründer und CEO in der Fachpresse Stellung bezieht, bekommen wir im Anschluss merklich mehr Bewerbungen." Alexandra Feilmeier, Fenecon
Beim Recruiting setzt Fenecon stark auf persönliche Kontakte. „Wir haben zum Beispiel ein Programm eingerichtet, das Mitarbeiter belohnt, wenn wir durch ihre Empfehlung eine Stelle besetzen können“, so Feilmeier. Hilfreich sei auch, Experten anzusprechen, mit denen man ohnehin in Kontakt ist, etwa in Forschungsprojekten oder über Branchenevents. 

Die Teilnahme an Jobmessen hat Feilmeier zufolge dagegen bislang noch nicht die gewünschten Ergebnisse erzielt. Auch die Ergebnisse aus der Zusammenarbeit mit Headhuntern blieben bisher hinter den Erwartungen zurück, insbesondere gemessen an den eingesetzten Ressourcen. Hilfreich sei dagegen die Präsenz des Unternehmens in den Medien. „Wenn unser Gründer und CEO Franz Feilmeier in der Wirtschafts- oder der Fachpresse etwa zu energiewirtschaftlichen oder -politischen Themen prominent Stellung bezieht, bekommen wir im Anschluss merklich mehr Bewerbungen“, sagt die Personalverantwortliche.

Mitarbeiter über persönliche Kontakte gewinnen

Dass der Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter härter wird, beobachtet auch Jan Klapp, Gründer und Geschäftsführer von Klimaklapp. Das Unternehmen aus dem oberschwäbischen Weingarten hat sich auf die Installation von Luft-Luft-Wärmepumpen und Split-Klimageräten spezialisiert. „Die Nachfrage steigt spürbar“, sagt Klapp. „Deshalb weiten immer mehr Unternehmen ihr Angebot in diese Richtung aus. Und dafür brauchen sie Fachleute.“

Der Betrieb beschäftigt derzeit fünf Menschen. Um wachsen zu können, baut Klapp vor allem auf die Netzwerke der bestehenden Mitarbeiter. „Wir sind ein kleines Gewerk, da kennt man sich. Denn schließlich haben fast alle, die in der Branche arbeiten, die regionale Fachschule für Kälte- und Klimatechnik besucht“, erklärt er.

Social Media als Kanal für mehr Aufmerksamkeit

Einen Bonus für erfolgreiches Recruiting etwa in Form einer Einmalzahlung oder zusätzlicher Urlaubstage gibt es bei Klimaklapp nicht. Der ist aber auch gar nicht nötig, sagt der Geschäftsführer. „Unsere Mitarbeiter haben ein hohes Eigeninteresse daran, Leute aus ihrem Bekanntenkreis für uns zu gewinnen, weil ihnen die Arbeit dann mehr Spaß macht. Schließlich stehen sie tagtäglich zusammen auf der Baustelle.“ 

Dabei lockt Klapp neue Mitarbeiter vor allem mit der Unternehmenskultur. „Unser Team ist sehr jung. Keiner von uns, mich eingeschlossen, ist älter als 30 Jahre. Deshalb ist der Betrieb sehr dynamisch, Arbeitsabläufe und Verantwortlichkeiten sind nicht in Stein gemeißelt. Die Mitarbeiter können hier sehr viel mitgestalten“, erklärt er. Um das zu transportieren, setzt Klapp auch Social Media ein. „Wir geben uns hier viel Mühe – auch wenn uns natürlich klar ist, dass niemand auf TikTok geht, um sich zuvorderst Klimatechnik anzuschauen.“

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