Wie viel grüne Energie Deutschland braucht, um klimaneutral zu werden, ist politisch umstritten. Dabei kommen diverse Studien zu einem eindeutigen Ergebnis: wesentlich mehr als heute.
Ein Wort geisterte jahrelang durch die deutsche Energiewende: Ökostromlücke. Dahinter verbarg sich die Frage, wie viel erneuerbare Energie dem Land noch fehlt auf dem Weg in eine Zukunft ohne Kohle, Öl und Erdgas. Doch seit dem Antritt von Schwarz-Rot hat sich das Vokabular verändert. Zwar bekennt sich die Bundesregierung ausdrücklich zu den Klimazielen. Statt um die Vermessung einer Lücke geht es im Wirtschaftsministerium nun aber um das Management eines vermeintlichen Überangebots. Der Ausbau der Erneuerbaren sei „völlig überzogen“, sagt Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, ihr Business Case müsse heruntergebracht werden. In einem Zehn-Punkte-Plan umriss sie Mitte September konkrete Schritte dazu. Gibt es die Ökostromlücke also gar nicht? Erzeugen wir im Gegenteil womöglich sogar zu viel erneuerbare Energie?
Mit dieser Frage beschäftigen sich Energieökonomen und Beratungsinstitute aller politischen Couleur seit Jahren. In einer Vielzahl von Studien haben sie untersucht, wie viel Strom Deutschland pro Jahr benötigen wird, um fossile Energien peu à peu bis zur Jahrhundertmitte weitestgehend zu ersetzen. Die Ergebnisse bilden die Grundlage für den politischen Rahmen der Energiewende, insbesondere für die Ausbauziele, die der Gesetzgeber in das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) schreibt, und für den Netzausbau. Die Spannbreite der Prognosen ist groß, und um sich einen Überblick zu verschaffen, hatte das Wirtschaftsministerium ein Monitoring in Auftrag gegeben. In einer Art Metastudie wertete es vorliegende Analysen aus, um so eine Basis für den von Reiche vollmundig angekündigten „Neustart“ zu schaffen. Die Deutungen der Ergebnisse gehen freilich weit auseinander.
Wir haben uns vier der wichtigsten aktuellen Prognosen zum Strombedarf angeschaut. Zwei davon stammen von Unternehmensberatungen: der Zukunftspfad Stromnachfrage von McKinsey und die Strompreisprognose Deutschland des auf die Dekarbonisierung der Industrie spezialisierten Unternehmens Path to Zero. Zwei weitere kommen von Denkfabriken: die Analyse Effiziente Energiewende von Agora Energiewende und die Studie Zukunftssichere Maßnahmen für die Energiewende von Epico und Aurora Energy Research.
Bremsen ist der falsche Weg
Aus diesem Trend auf einen weiter sinkenden Verbrauch zu schließen, wäre allerdings falsch. Denn schließlich muss mit dem Abschied von fossilen Brennstoffen nahezu alles entweder direkt elektrifiziert oder mit fossilfreien Energieträgern versorgt werden, die wiederum unter Stromeinsatz hergestellt werden. Die Frage ist, wie schnell die Elektrifizierung gelingt und damit auch der Strombedarf steigt.
Die pessimistischste Schätzung zum weiteren Verlauf der Elektrifizierung stammt von McKinsey. Als wesentliche Treiber sieht die Unternehmensberatung Wärmepumpen, Elektroautos und Elektrolyseure zur Wasserstoffproduktion. Doch gerade in diesen Bereichen seien Schätzungen in der Vergangenheit regelmäßig zu optimistisch gewesen, sagt Alexander Weiss, der als Co-Autor an der Studie beteiligt war. Und auch wenn der Absatz von Wärmepumpen und E-Autos zuletzt etwas angezogen habe, seien insbesondere die Erwartungen an Elektrolyseure weit überzogen. Die derzeitigen Markttrends deuteten auf einen Anstieg des Bruttostromverbrauchs bis 2030 in einer Größenordnung von lediglich 65 Terawattstunden hin. Doch selbst im Szenario „Transformationspfad“, das eine deutlich beschleunigte Dekarbonisierung bereits in den kommenden Jahren zugrunde legt, bleibt die McKinsey-Studie klar unter den Erwartungen der vorherigen Bundesregierung.
Die Denkfabrik Epico geht ebenfalls von einem etwas langsameren Wachstum des Stromverbrauchs aus, kommt in ihrer Prognose aber in den Bereich des Transformationspfads von McKinsey. Der Investitionsbedarf bleibe entsprechend riesig, sagt Epico-Gründer Bernd Weber. „Investitionen in Erneuerbare haben eine dreifache Dividende: Sie senken die Großhandelspreise für Strom, reduzieren die Emissionen im Stromsektor und ermöglichen darüber hinaus Elektrifizierung in anderen Sektoren.“ Es sei zwar nötig, den Ausbau „smarter, marktwirtschaftlicher und effizienter“ zu gestalten, doch das Problem liege nicht im Tempo des Ausbaus, sondern in den überfälligen Strukturreformen. „Statt auf die Bremse zu treten“, so Weber, „sollten wir jetzt bei den Strukturreformen in einen höheren Gang schalten.“