- Marokko baut seine erneuerbaren Energien massiv aus. Bis 2030 sollen rund 80 Prozent der neuen Stromerzeugungskapazitäten aus erneuerbaren Quellen stammen.
- Da Marokko kaum über eigene Öl- und Gasvorkommen verfügt, setzt das Land gezielt auf Solar- und Windenergie, um seine Energieversorgung zu sichern.
- Mit der Initiative „Offre Maroc“ will sich Marokko als wichtiger Produzent und Exporteur von grünem Wasserstoff und grünem Ammoniak etablieren und internationale Investoren anziehen.
- Europäische, saudische und weitere internationale Unternehmen sowie Banken finanzieren und realisieren viele Großprojekte gemeinsam mit marokkanischen Partnern.
- Das Land verbindet den Ausbau erneuerbarer Energien mit wirtschaftlicher Entwicklung, Technologietransfer und dem Ziel, künftig auch grüne Energie nach Europa zu exportieren.
Jeder Filmfan kennt Ouarzazate. Die Wüstenlandschaften vor den Toren der Stadt dienen als Kulisse für Hollywoodfilme wie „Gladiator“, „Königreich der Himmel“, „Prince of Persia“ oder „Die Mumie“. Was in Ägypten oder Persien spielen soll, wird oft in den Filmstudios von Ouarzazate gedreht, die über die modernste Infrastruktur verfügen.
Modernste Infrastruktur anderer Art ist im Norden von Ouarzazate zu finden: das Solarkraftwerk Noor, arabisch für „Licht“. Mit seiner Leistung von 580 Megawatt (MW) ist Noor weltweit einmalig: Drei verschiedene Technologien werden zur Stromerzeugung im industriellen Maßstab eingesetzt – Noor ist gleichzeitig ein Parabolrinnenkraftwerk, ein Solarturmkraftwerk und ein Photovoltaik-Solarpark.
Marokko wird eigenes Klimaziel deutlich übertreffen
Es ist kein Zufall, dass Marokko eine Vorreiterrolle bei der Nutzung erneuerbarer Energien übernimmt. Das Land hat so gut wie keine Öl- oder Gasvorkommen und muss mehr als 90 Prozent der fossilen Brennstoffe – vor allem Kohle – importieren. Als im Zuge der Finanzkrise 2008 der Ölpreis auf 140 Dollar pro Barrel stieg, stand das Land kurz vor dem Bankrott. Damals suchte die marokkanische Regierung nach einem Weg, wie sie sich von Ölimporten unabhängiger machen kann.
Es war König Mohammed VI. persönlich, der Marokko als Vorreiter im Klimaschutz positioniert hat. Er initiierte den Ausbau der erneuerbaren Energien und ließ ihn flankieren durch die Modernisierung des Stromnetzes. Vor zehn Jahren versprach Marokko bei der Weltklimakonferenz in Marrakesch, seine Treibhausgasemissionen bis 2030 um ein Fünftel zu reduzieren. Dieses Ziel wird voraussichtlich deutlich übertroffen: Experten rechnen mit einer Senkung um mindestens 40 Prozent. Heute wird Marokko auf Platz sechs des weltweiten Klimaschutzindex CCPI geführt – tatsächlich sogar auf Platz drei, da die ersten drei Plätze seit Jahren nicht vergeben werden. Deutschland folgt in diesem Ranking übrigens erst auf dem 23. Rang.
Marokkaner setzen auf Solarthermie
Obwohl Photovoltaik günstiger wird, glauben viele Spezialisten, dass sich Sonnenenergie mit solarthermischen Anlagen am effizientesten und kostengünstigsten in Strom umwandeln lässt. Die Parabolrinnen in Noor, die aus gewölbten Spiegeln bestehen, übertragen die thermische Energie auf einen Wärmeträger in Rohren, die in der Brennlinie der Kollektoren verlaufen. Dasselbe Prinzip wird in Solarturmkraftwerken genutzt: Die Spiegel, die kreisförmig um einen Turm angeordnet sind, bündeln die Sonnenstrahlen auf einen Punkt im Turm, wo sich der Wärmeträger befindet, und erhitzen ihn auf über 600 Grad. Mit dieser Wärme wird Wasserdampf erzeugt, der – wie in herkömmlichen Kraftwerken – eine Turbine antreibt und Strom erzeugt.
Ohne internationale Hilfen wäre Noor-Projekt kaum möglich
Solarthermie ist technisch kompliziert: Die Parabolrinnen und Spiegel müssen ständig der Sonne nachgeführt werden, um die Strahlen optimal zu bündeln. Die Bau- und Wartungskosten solcher Anlagen sind höher. Dafür kann die Energie im Wärmeträger mit geringen Verlusten über fünf bis sechs Stunden gespeichert werden, was den Einsatz von Batterien überflüssig macht. „Wir glauben an die Wettbewerbsfähigkeit der Solarthermie bei großen Anlagen in heißen Wüstenregionen“, sagt Tarik Bourquouquou, der den Bau als Planungsmanager für Kraftwerke und Infrastruktur bei MASEN lange begleitet hat.
Ohne internationale Hilfen allerdings wäre das Noor-Projekt kaum möglich gewesen. Die Weltbank, die deutsche Förderbank KfW und die Europäische Investitionsbank finanzierten den Bau mit niedrig verzinsten Krediten, die vom marokkanischen Staat garantiert wurden. Allein die KfW stellte 800 Millionen Dollar bereit, fast ein Drittel der Gesamtkosten von 2,7 Milliarden Dollar. MASEN verpflichtete sich außerdem, der saudi-arabischen Betreibergesellschaft ACWA Power den Strom abzunehmen und ihn an den marokkanischen Energieversorger weiterzuverkaufen, was dem Betreiber feste Einnahmen sichert.
Solar- und Windparks sollen grünen Ammoniak und Wasserstoff produzieren
Noor ist mit 3.000 Hektar Fläche weiterhin ein Vorzeigeprojekt, doch langsam laufen ihm andere Erneuerbare-Anlagen in Marokko den Rang ab. Die Regierung plant, die Stromerzeugungskapazität von derzeit rund 12 auf 27 Gigawatt (GW) bis 2030 zu steigern – rund 80 Prozent der neuen Anlagen sollen erneuerbare Quellen nutzen. Heute machen erneuerbare Energien etwa 40 Prozent der installierten Kapazität aus; bis 2030 könnte dieser Anteil nach Prognosen unabhängiger Analysten auf zwei Drittel steigen. Allein im vergangenen Jahr hat die Regierung in Rabat zehn Milliarden Dollar in erneuerbare Projekte investiert.
Viele große Anlagen stehen kurz vor der Fertigstellung. Zu den wichtigsten gehört der Windpark von Total Eren bei Guelmim mit einer Kapazität von 500 MW, der 2027 ans Netz gehen soll. In der südmarokkanischen Region sind zudem weitere Solar- und Windparks mit einer Gesamtleistung von 10,5 GW geplant. Ein Teil des Stroms soll über eine Unterseeleitung nach Großbritannien fließen, ein anderer Teil vor Ort zur Produktion von grünem Ammoniak und Wasserstoff genutzt werden. Der französische Konzern Total Energies will rund zehn Milliarden Dollar in das Projekt investieren.
Auch in der südmarokkanischen Hafenstadt Tarfaya wird groß gebaut. Ein Hybridpark mit 3,8 GW Leistung wird vom marokkanischen Phosphatkonzern OCP und dem australischen Projektentwickler Worley errichtet, der dort ab 2032 rund drei Millionen Tonnen grünen Ammoniak pro Jahr produzieren will. Die Baukosten liegen bei 13 Milliarden Dollar.
Noor wird auf 1200 MW Leistung ausgebaut
Bis 2030 will Marokko zwölf neue Windparks in Betrieb nehmen, die mindestens 20 Prozent zum Strommix beitragen sollen. Etwa 20 bis 25 Prozent des Verbrauchs sollen bis 2030 von Solarkraftwerken gedeckt werden. Zurzeit wird an einem Dutzend Solarparks gebaut. Die Solarthermieanlage Noor wird in einer zweiten Phase auf 800 MW Leistung ausgebaut, nun mit Unterstützung durch Photovoltaik. In einer dritten Phase sollen weitere 400 MW hinzukommen.
In Boujdour und El Aaiún werden die bestehenden Solarparks ebenfalls stark erweitert – beide Standorte liegen in der von Marokko kontrollierten Westsahara. Der Boujdour-Park mit 350 MW Leistung soll bereits 2027 Strom produzieren. An diesem Standort will der Entwickler ACWA Power künftig auch einen großen Windpark errichten. In den Bergen werden im Rahmen des Noor-Atlas-Projekts sechs kleinere Photovoltaikparks mit etwa 300 MW Leistung gebaut.
Gestehungskosten nicht einmal halb so hoch wie in Deutschland
Um diese ambitionierten Ziele zu erreichen, wirbt die marokkanische Regierung um private Investitionen aus dem In- und Ausland. Im Vergleich zu Deutschland sind die Gestehungskosten für Wind- und Solarenergie nicht einmal halb so hoch. Rabat hat zudem vor drei Jahren verschiedene Anreize geschaffen, um die Investitionen in erneuerbare Energien attraktiver zu machen. Um Risiken zu reduzieren, bietet Marokko beispielsweise die Möglichkeit, öffentlich-private Partnerschaften zu gründen.
Das nordafrikanische Königreich möchte sich zudem als wichtiger Exporteur grüner Energie positionieren und startete 2024 die Initiative „Offre Maroc“ für grünen Wasserstoff. Die Resonanz ist groß, auch das Hamburger Windkraftunternehmen Nordex will sich an den neuen Projekten beteiligen. Insgesamt haben sechs Konsortien Investitionen in Höhe von 30 Milliarden Dollar für den Ausbau der Wasserstoffwirtschaft in Aussicht gestellt. Um deren Bedarf zu decken, werden 15 GW an erneuerbaren Kapazitäten benötigt.
Das Know-how für Energieprojekte bleibt im Land
Marokko hat in den vergangenen Jahren begonnen, sich das Know-how für die Entwicklung und Planung komplexer Energieprojekte anzueignen. Das Land möchte langfristig auch seine hohe Importabhängigkeit bei Technologiegütern verringern, indem es ausländische Hersteller ansiedelt. Dennoch wird es noch über Jahre von europäischen, saudi-arabischen und chinesischen Unternehmen abhängig bleiben. Besonders stark vertreten sind derzeit die französischen Konzerne Engie und Total Energies, die deutschen Unternehmen Siemens und Nordex, das saudische Unternehmen ACWA Power sowie TAQA aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Der Energiesektor hat bereits einen erheblichen Anteil ausländischer Direktinvestitionen angezogen – und dieser dürfte weiter wachsen. Deutsche Projektentwickler genießen einen guten Ruf und werden daher zur Beteiligung an Ausschreibungen ermutigt. Auch als Lieferanten von Windturbinen, Photovoltaikkomponenten und Elektrolyseuren sind deutsche Hersteller gefragt. Bei vielen der großen Projekte ist jedoch Zusammenarbeit entscheidend: Die Konsortien kombinieren typischerweise Kapital aus den Golfstaaten, Technologie aus Europa und die lokale Präsenz marokkanischer Partner.
Desertec – war da was?
Die grüne Revolution in Marokko erinnert an das Desertec-Programm, in dessen Rahmen verschiedene europäische Konzerne und Regierungen vor 20 Jahren große Solarkraftwerke in der Sahara bauen und den dort erzeugten Strom nach Europa exportieren wollten. Gescheitert ist das Projekt auch daran, dass die europäischen Akteure die Einbindung nordafrikanischer Partner vernachlässigten. Für manche Afrikaner war Desertec sogar ein Beispiel von „neuem Kolonialismus“.
Heute liegt der Fokus der grünen Projekte in Marokko und anderen Ländern nördlich der Sahara auf der lokalen Energieversorgung. Die beteiligten ausländischen Konzerne erzielen dabei gute Gewinne. Das Königreich Marokko kann den grünen Strom oder Wasserstoff vor Ort nutzen oder nach Europa exportieren und mit den Einnahmen die Entwicklung des Landes finanzieren. Win-Win für alle.