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Betrieb und Wartung

Automatisierter Fortschritt: Wenn Windräder selbst melden, was kaputtgeht

Sensoren, KI und digitale Zwillinge verändern den Betrieb von Windparks grundlegend. Sie erkennen Schäden frühzeitig und reduzieren Wartungskosten. Für Betreiber wird datengetriebene Automatisierung damit zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
09.03.2026 | 5 Min.
Erschienen in: Ausgabe 03/2026
Fliegen statt klettern: Drohnen übernehmen gefährliche Inspektionen an Windenergieanlagen.
Fliegen statt klettern: Drohnen übernehmen gefährliche Inspektionen an Windenergieanlagen.
Foto: ultramansk, AdobeStock

Früher war weniger Markt, schließlich gab es eine feste Vergütung für grün erzeugten Strom. Ausgerechnet der schnelle Ausbau der Erneuerbaren sorgt nun dafür, dass neu gerechnet werden muss. Das Angebot ist so groß, dass der Marktwert von Onshore-Strom bis 2028 laut einer Enervis-Studie um ein Viertel auf 56 Euro pro Megawattstunde sinkt. Was die Abnehmer freut, bringt die Stromproduzenten in Nöte: Ihre Einnahmen schmelzen weg.

„In der Praxis sehen wir, dass die Hälfte der Betreiber in Deutschland noch nicht die Dramatik ihrer künftigen Erlösentwicklung realisiert hat“, sagt Matthias Karger, CEO der Softwarefirma Node Energy. Der Marktwert ist schon heute bei ausgeförderten Anlagen entscheidend, ab 2027 gilt das für alle neuen Anlagen. Planer und Betreiber von Windparks müssen also neu kalkulieren, um profitabel zu wirtschaften. Sprich: Sie müssen Kosten senken, also auf Automatisierung setzen. Die Vorteile von automatisierten Prozessen sind augenfällig: Die Effizienz steigt, die Kosten sinken. Optimierte Abläufe, so die Faustformel, steigern die Produktivität um bis zu 40 Prozent und ermöglichen Kostensenkungen von mehr als 20 Prozent. In der Windbranche ist Automatisierung sowohl in der Fertigung gefragt als auch beim Betrieb und bei der Wartung.

Roboter übernehmen viele, auch gefährliche Aufgaben

In der Fertigung übernehmen Roboter gefährliche Arbeitsschritte wie das Hantieren mit Klebstoffen oder schweren Komponenten. So lasse sich, argumentiert Broetje Automation, „der industrielle Hochlauf von personellen Engpässen entkoppeln“. Wie weit er führt, lasst sich in China beobachten: Hersteller Sany betreibt in Peking eine Gondelfabrik, in denen Generator, Getriebe und Bremssysteme fast komplett automatisiert gebaut werden.

3000 Gondeln werden in der Gigafactory pro Jahr hergestellt – dafür beschäftigt das Unternehmen laut eigenen Angaben nur etwa 100 Menschen. „In der gesamten westlichen Welt gibt es nicht einmal annähernd etwas Vergleichbares“, sagt Jan Wenske, stellvertretender Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme (IWES) in Bremerhaven. „Ich befürchte, das wird es auch nicht mehr geben.“ Der Output der Sany Gigafactory geht fast nur in den Heimatmarkt: In China werden mehr neue Windparks errichtet als im Rest der Welt zusammen.

 

KI und Digitalisierung sind bei Betrieb und Wartung schon heute im Einsatz

Dieser technische Vorsprung in der Fertigung wird kaum mehr einzuholen sein – doch wie steht es mit der Automatisierung von Betrieb und Wartung. Dafür werden in Planungen für Windparks bis zu 25 Prozent der Gesamtkosten einkalkuliert. Komponenten wie Getriebe, Sensoren, elektrische Systeme, Steuerungssysteme und Generatoren sind durchaus anfällig.

Innovationen werden das Marktwachstum vorantreiben.“ Global Market Insights
Um Probleme zu erkennen, muss nicht unbedingt in luftigen Höhen gearbeitet werden: Kontrolle und Wartung erfolgen zunehmend mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI). Die Marktforscher von Global Market Insights prognostizieren: „Innovationen wie vorausschauende Diagnostik, KI-gestützte Überwachungssysteme und digitale Zwillingstechnologien werden das Marktwachstum vorantreiben.“ Dafür braucht es zuerst einmal Steuerungstechnik. Bachmann Electronic bietet ein modulares Hard- und Softwarekonzept an, das mit einer Systemverfügbarkeit von 99,96 Prozent punktet. Beckhoff Automation hat eine Lösung entwickelt, bei der ein sogenannter Embedded PC im Turmfuß alle Daten sammelt und speichert, die Netzeinspeisung koordiniert – und digital mit der Leitwarte kommuniziert.

Allerdings werden bei den Windrädern deutscher Hersteller häufig mehrere Automatisierungssysteme eingesetzt, die über unterschiedliche Schnittstellen koordiniert werden müssen. Das mache die Steuerung unnötig komplex und teuer, sagt Nils Johannsen, Branchenmanager für Windenergieanlagen bei Beckhoff Automation: „Wird auf ein zentrales System gesetzt, entsteht deutlich weniger Aufwand für das Schnittstellenmanagement.“ Auch in diesem Punkt scheinen chinesische Hersteller weiter zu sein: Bei denen, sagt Johannsen, sei alles „aus einem Guss“.

 

Aussagekräftige Muster entstehen aus hunderten Datenpunkten

Bei der Steuerung kommen immens viele Daten an. Geliefert werden sie von Sensoren an den Windenergieanlagen, die Schwingungen, Vibrationen, Windgeschwindigkeiten, Temperaturen und Ausrichtungswinkel der Rotoren erfassen – und das mehrmals pro Minute. So kommen schnell mehr als 100 verschiedene Parameter zusammen. Mithilfe der Datenanalyse (Data Analytics) werden in diesen Daten aussagekräftige Muster erkannt. Statistische Methoden und darauf basierende Algorithmen verwandeln die Informationen in handlungsrelevantes Wissen. Diese Aufgabe übernehmen nicht Menschen, sondern KI-Programme.

Dass sich dafür ein neuer Markt eröffnet, liegt auch am EU Data Act. Er erlaubt Betreibern der Windparks, für sie relevante Daten von den Herstellern einzufordern. Auch wenn bis September noch eine Übergangsfrist gilt: „Dieses Gesetz wird den Umgang mit Daten verändern“, sagt Daniel Schingnitz, Leiter Vertrieb und Marketing beim Condition-Monitoring-Experten Weidmüller. „Viele Startups werden sich auf die Auswertung der Daten mit KI spezialisieren.“ Für essenzieller hält Schingnitz allerdings den nächsten, darauf aufbauenden Schritt, „wenn aus der automatischen Auswertung ebenso automatisch verlässliche Handlungsempfehlungen abgeleitet werden“ – was etwa Weidmüller heute schon könne. Schingnitz: „Schließlich will der Kunde wissen, was er machen soll.“

Die wichtigsten Aufgaben und Technologien der Automatisierung

Condition Monitoring

Mithilfe von Steuerungstechnik verbundene Sensoren bilden ein umfassendes Überwachungsnetzwerk. Die Sensoren messen nicht nur technische Parameter, sondern auch Umweltbedingungen wie Luftqualität, Feuchtigkeit und Korrosionsrisiken.

Ziel des Condition Monitorings: Ausfallrisiken minimieren und Wartungskosten senken. Dabei werden beispielsweise die Schwingungen von Lagern oder elektrischen Maschinen erfasst und ausgewertet. So verspricht Softwareentwickler Turbit, mit KI-Hilfe bei Temperaturveränderungen oder Rückgängen der produzierten Energie frühzeitig die wahrscheinlichsten Ursachen für Sekundarschaden zu identifizieren – damit etwa ein defektes Zahnrad nicht zu einem Getriebeversagen fuhrt.

Indem Signale wie Temperatur, Druck und Strom in die Steuerungsplattform integriert und mit künstlicher Intelligenz ausgewertet werden, lassen sich Fehlalarme immer besser ausschließen. Die volle Integration des Condition Monitorings in das Steuerungssystem hat zudem den Vorteil, dass Messungen in Echtzeit in die Regelungsalgorithmen eingebunden und dadurch teure Stillstände vermieden werden können.

Digitaler Zwilling

Ein digitaler Zwilling ist ein virtuelles Abbild einer Windkraftanlage, das durch Echtzeitdaten von Sensoren mit dem realen Windrad verbunden ist. Der Zwilling macht es möglich, Belastungen zu überwachen und dadurch die Wartungskosten zu reduzieren.

Damit lasst sich insbesondere die Lebensdauer von Anlagen im Offshore-Bereich verlängern. Darüber hinaus kann man an einem digitalen Zwilling virtuell erkunden, wie sich das reale Windrad unter bestimmten Bedingungen – etwa bei unterschiedlichen Windbedingungen – verhalten würde.

Aufgrund der notwendigen Menge auch sensibler Daten müssen Betreiber entscheiden, ob sie einen digitalen Zwilling bauen wollen oder ob andere digitale Steuerungsmechanismen ausreichen. Siemens bietet an, geplante Serien von Windenergieanlagen virtuell zu entwerfen, bevor die realen Anlagen anhand der Ergebnisse optimiert gebaut werden.

Predictive Maintenance

Wann sind welche Wartungsarbeiten notwendig? Dieser Aufgabe widmet sich die sogenannte Predictive Maintenance. Sie will größere Schäden verhindern und die Lebensdauer von Komponenten verlängern. Laut Angaben des Anbieters Mindverse reduziert eine KI-basierte Predictive Maintenance die Wartungskosten um 30 bis 50 Prozent.

Der dänische Energiekonzern Ørsted konnte dank der vorausschauenden Wartung ungeplante Stillstande um 60 Prozent reduzieren. Predictive Maintenance nutzt Algorithmen, die aus historischen Betriebsdaten lernen und Muster erkennen.

Die Systeme analysieren kontinuierlich Daten von Beschleunigungssensoren, Temperaturfühlern, Ölanalysesystemen und Leistungsmessgeraten. Durch die Kombination dieser Datenstrome können KI-Systeme selbst subtile Veränderungen etwa im Turbinenverhalten erkennen – und Alarm schlagen, bevor es zu Ausfällen kommt.

Studien des US-amerikanischen National Renewable Energy Laboratory belegen: Predictive Maintenance senkt Wartungskosten um durchschnittlich ein Viertel.

Drohnen

Drohnen mit Hochleistungskameras und Wärmebildsensoren identifizieren an Rotorblättern beispielsweise Risse oder Erosionsschaden, die mit bloßem Auge nicht erkennbar waren. Damit sinken nicht nur die Kosten, sondern auch die Sicherheitsrisiken für das Wartungspersonal.

Algorithmen analysieren die gesammelten Daten und Bilder, um Risse, Erosion, Verschmutzung und andere Anomalien zu erkennen. Die Daten werden nach Schweregrad kategorisiert und mit historischen Daten verglichen. Dies ermöglicht die Predictive Maintenance und verhindert größere Reparaturen.

Der schwedische Energiekonzern Vattenfall erforscht mit der niederländischen Initiative Airtub Romi sogenannte Drohnen-Crawler bei seinen Offshore-Anlagen. „Nach dem Start nimmt die Drohne selbstständig hochauflösende Bilder der Blätter aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf. Die Drohne landet dann auf dem Turbinenblatt und führt eine Ultraschalluntersuchung des potenziell beschädigten Bereichs durch, die uns umfassend über den strukturellen Zustand des Blattes informiert“, beschreibt Tomas Jansen, Produktmanager O&M Automation bei Vattenfall Offshore Wind in Deutschland, das Vorgehen.

Robotik

Menschen werden bei Wartungs- und Reparaturarbeiten nicht nur durch Drohnen, sondern auch durch Roboter ersetzt. Aerones hat innovative Robotersysteme entwickelt, die Inspektionen, Reinigung, Reparaturen und Beschichtungen von Windkraftanlagen übernehmen. „Im Durchschnitt reduzieren unsere Roboter die Stillstandszeiten um rund 40 Prozent“, sagt Aerones-Vertriebsleiter Aisgars Eglitis.

Die Crawler des Unternehmens aus dem lettischen Riga untersuchen auch Rotorblätter von innen. „Was nach einem Blitzeinschlag äußerlich lediglich als kleiner Brandfleck erscheint, kann im Inneren strukturelle Schäden von mehreren Quadratmetern verursachen“, sagt Eglitis. Viele Defekte fallen schon während des Transports oder der Montage an – aber nicht auf. Solche unentdeckten strukturellen Defekte können langfristig sicherheits- und kostenrelevante Folgen haben.  „Oft wird der präventive Mehrwert unserer Services unterschätzt“, sagt Eglitis, „Spätestens nach einem Schadensfall wird jedoch deutlich, wie entscheidend frühzeitige und umfassende Inspektionen sind.“

Zukünftig mehr leistungsbasierte als zeitbasierte Servicevereinbarungen?

Betreiber wechseln von reaktiven zu proaktiven Servicemodellen." Global Market Insights
Die Möglichkeiten von KI und Robotik zu nutzen, gilt für neue Windparks inzwischen fast überall als gesetzt. In existierenden Anlagen nutzen „vielleicht 10 Prozent der Betreiber diese Optionen durch separate Drittanbieter“, sagt Weidmüller-Experte Daniel Schingnitz. Ein Grund dafür: Die meisten Betreiber haben langfristige Vollwartungsvertrage mit den Herstellern abgeschlossen. Was an KI-gestützten Verfahren eingesetzt wird (und ob überhaupt), liegt also in deren Ermessen. Zumindest jetzt noch, aber das konnte sich bald ändern.

Die Marktforscher von Global Market Insights beobachten als weltweiten Trend, dass zeitbasierte Servicevereinbarungen allmählich von leistungsbasierten abgelöst werden. Das konnte bald auch für Deutschland gelten: Die aktuelle BWE-Umfrage zur Servicequalität signalisiert eine wachsende Unzufriedenheit mit dem Status quo. „Betreiber wechseln von reaktiven zu proaktiven Servicemodellen“, was Global Market Insights auf die weltweit steigende Nachfrage nach datengesteuerten Technologien zurückführt.

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