Mit einem tiefen, gleichmäßigen Surren setzt sich der gewaltige Rotor in Bewegung. 185 Meter über dem Meeresspiegel beginnt sich der Koloss zu drehen – größer als ein Airbus A380, länger als ein Fußballfeld. Vor der Küste der südostchinesischen Provinz Fujian hat die staatliche Dongfang Electric Corporation im Frühjahr die größte Offshore-Windturbine der Welt in Betrieb genommen: 26 Megawatt (MW) Nennleistung, 100 Millionen Gigawattstunden pro Jahr – genug, um 55 000 Haushalte mit Strom zu versorgen. Entwickelt, gebaut und montiert mit chinesischer Technik. Die Anlage liefert nicht nur eine beträchtliche Menge Strom, sondern sendet zudem ein deutliches Signal: Bei den Erneuerbaren strebt China die weltweite Führungsposition an.
Schon heute übertrifft das Reich der Mitte alle anderen Länder bei Ausbau und Produktion der Erneuerbaren. Zum Jahreswechsel waren in China mehr als 880 Gigawatt (GW) Solarleistung installiert, dazu 521 GW Wind – mehr als in den USA, der EU und Indien zusammen. Wasserkraft lieferte weitere 436 GW. In Summe stammen heute rund 40 Prozent der chinesischen Stromproduktion aus fossilfreien Quellen. Pekings selbst gesetzte Zielmarke von 1200 GW aus Wind und Solar bis 2030 wurde sechs Jahre früher erreicht. Allein zwischen Januar und Mai dieses Jahres gingen in der Volksrepublik 46 GW Wind und 198 GW Solar ans Netz – einschließlich anderer regenerativer Quellen wie Wasserkraft und Biomasse summierten sich die Neuzugänge in diesem Zeitraum auf 268 GW. Erneuerbare Energien machten damit 93 Prozent aller 2025 in China installierten Kraftwerkskapazitäten aus.
Bis 2035 will die Volksrepublik die Stromversorgung nahezu vollständig auf fossilfreie Quellen umstellen und die dazu nötigen Komponenten ausschließlich im eigenen Land herstellen. Die 26-MW-Turbine von Dongfang ist dafür ein Symbol. Ebenso wie die riesigen Wind- und Solaranlagen in den Wüsten der Provinz Gansu und der Inneren Mongolei, wo das Land derzeit Dutzende Gigawatt ans Netz bringt, gekoppelt mit Hochspannungsleitungen, Speichern und Anlagen zur Produktion von grünem Wasserstoff. Ziel ist nicht nur nationale Versorgungssicherheit, sondern auch industrielle Souveränität: Rotoren, Halbleiter, Speicherzellen, Netzinfrastruktur – all das wird zunehmend selbst entwickelt und gefertigt. Zugleich setzt die Regierung neue sektorale Vorgaben: Produktionsstätten der Stahl-, Zement- und IT-Industrie müssen künftig zu mindestens 80 Prozent mit Strom aus erneuerbaren Quellen betrieben werden.
