Saudi-Arabien ist einer der führenden Erdöl- und Erdgasproduzenten der Welt und geriert sich auf Klimakonferenzen seit Jahren als eines der Haupt-Bremserländer. Auf der COP 30 in Belém war das nicht anders. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hatte zu Beginn des Gipfels Druck gemacht, die COP müsse einen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen beschließen, und bis zur Halbzeit der Konferenz sah es so aus, als könnte das klappen. Doch dann gruben sich die Blockierer um Saudi-Arabien ein, und die Abschlusserklärung enthielt kein Wort mehr davon.
Umso bemerkenswerter ist der energiewirtschaftliche Kurs im Land selbst. Denn dort schreitet der Umbau des Stromsystems in erstaunlichem Tempo voran. Laut dem Internationalen Wirtschaftsforum Regenerative Energien (IWR) in Münster, hat Saudi-Arabien in der jüngsten Ausschreibungsrunde seines National Renewable Energy Programme eine Gesamtleistung von 4500 Megawatt (MW) an Solar- und Windanlagen vergeben, in denen die weltweit niedrigsten Stromerzeugungskosten erzielt werden sollen. So wird beim 1500-MW-Windpark Dawadmi mit 1,4 US-Cent pro Kilowattstunde kalkuliert und im 1400-MW-Solarkraftwerk Nadschran mit 1,1 US-Cent pro Kilowattstunde. Die 4500 MW entsprechen nominell der Leistung von drei Atomkraftwerken.
Allein ein Wind-Projekt spart neun Millionen Tonnen CO2 ein
Im Beisein von Energieminister Abdulaziz bin Salman wurden in dieser Runde unlängst insgesamt fünf neue Projekte offiziell vergeben. Hinzu kam noch ein sehr großes, 3000 MW umfassendes Onshore-Windprojekt, das gemeinsam mit dem chinesischen Turbinenhersteller Goldwind umgesetzt wird. Dessen jährliche Stromproduktion wird auf mehr als elf Milliarden Kilowattstunden geschätzt, wodurch laut IWR eine CO2-Einsparung von rund neun Millionen Tonnen pro Jahr erreicht werden soll.
Die sogenannte Vision 2030 des Landes sieht vor, dass bis Ende des Jahrzehnts die Hälfte des saudischen Strombedarfs durch erneuerbare Energien gedeckt wird, ergänzt durch hocheffiziente Gaskraftwerke. Das damit verbundene Erneuerbaren-Ausbauziel liegt bei 130 Gigawatt (GW) installierter Kapazität; laut IWR sollen jährlich etwa 20 GW ausgeschrieben werden. Die aktuelle, sechste Vergaberunde hat die vertraglich gesicherte Leistung bereits auf mehr als 43 GW erhöht, von denen 12,3 GW bereits ans Netz angeschlossen sind.
Grüne Energie soll steigende Stromnachfrage in Saudi-Arabien decken
Für die grüne Dynamik der Saudis gibt es mehrere Gründe: Die erneuerbaren Energien sollen die extreme Stromnachfrage zu günstigen Kosten in dem Land abfedern, dessen Energieverbrauch auch klimatisch bedingt immer weiter steigt. Zugleich verfolgt Riad das Ziel, möglichst wenig fossile Ressourcen im Inland zu verbrennen, wo sie bisher das Rückgrat der Stromversorgung bilden. Die Logik dahinter: Jeder Solar- oder Windpark, der die heimische Elektrizitätsproduktion übernimmt, ermöglicht es dem Staat, mehr von den geförderten fossilen Energien zu exportieren. Die niedrigen Stromgestehungskosten in dem sonnen- und windreichen Land sorgen dafür, dass dieser Strukturwandel nicht als Belastung, sondern als wirtschaftliche Chance erscheint. Lokale Fertigungsinitiativen, etwa für Windturmsegmente, reduzieren zugleich die Abhängigkeit von Importen.
Die nationale Dynamik steht freilich im auffälligen Kontrast zur internationalen Klimapolitik des Landes. Während Saudi-Arabien zu Hause im Rekordtempo Wind- und Solarenergie ausbaut, nutzt es den Konsenszwang der UN-Verhandlungsformate weiterhin, um das fossile Geschäftsmodell abzusichern. Auch auf der Konferenz in Belém zeigte das Land keinerlei Bereitschaft, seine Position zu ändern. „Die Arabische Gruppe, zu der Saudi-Arabien gehört, lehnte Formulierungen zum Übergang weg von fossilen Brennstoffen ab und beklagte, dass sie gegen den Geist des Pariser Abkommens verstießen, das nationale Gegebenheiten anerkennt“, urteilt der kanadische Thinktank International Institute for Sustainable Development (IISD), der den Gipfel beobachtete.
Die Saudi-Delegation übernahm damit den Chef-Bremserpart auch im Sinne der USA, die auf der COP 30 wegen des von US-Präsident Donald Trump beantragten Austritts aus dem Pariser Weltklimaabkommen offiziell nicht anwesend waren. Wie eng der Schulterschluss von Riad und Washington ist, zeigte sich zudem, als der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman während der COP 30 im Weißen Haus empfangen wurde. Beim Pressetermin im Oval Office nannte Trump den Besucher einen „sehr guten Freund“. Und der teilte sogleich mit, sein Land wolle anstatt der bisher versprochenen 600 Milliarden eine Billion Dollar in den USA investieren, denn „Saudi-Arabien glaubt an die Zukunft Amerikas“, wie der Saudi-Prinz sagte. Die USA sind der größte Erdölproduzent der Welt, Saudi-Arabien rangiert auf Platz zwei.
