neue energie: Zehn Jahre sind seit dem Klimaabkommen von Paris vergangen. Wie lautet Ihre Bilanz, Herr Höhne?
Niklas Höhne: Das Abkommen hat die Sicht auf Klimapolitik grundlegend verändert. Seither gilt: raus aus Kohle, Öl und Gas und hin zur Klimaneutralität. Viele Staaten haben entsprechende Zielkorridore gesetzt: Deutschland bis 2045, die EU bis 2050, China bis 2060, Indien bis 2070. Diese Ansagen wirken, aber die Umsetzung ist zu langsam. Das 1,5-Grad-Ziel von Paris bleibt extrem schwierig zu erreichen.
ist Klimaforscher, Mitgründer des New Climate Institute in Köln und Professor an der Universität Wageningen in den Niederlanden. Er verfolgt die UN-Klimaverhandlungen seit dem ersten Klimagipfel 1995 in Berlin.
ne: Das UN-Umweltprogramm sieht die Welt mit den derzeitigen Maßnahmen auf einem Kurs zu 2,8 Grad Celsius Erwärmung bis 2100. Gibt es noch eine Chance, in der Nähe von 1,5 Grad Celsius zu bleiben?
Höhne: Vor fünf Jahren wusste man, dass die Emissionen bis 2030 in etwa halbiert werden müssten, um 1,5 Grad zu erreichen. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Deshalb werden wir die Marke voraussichtlich Anfang der 2030er Jahre überschreiten. Entscheidend ist nun, wie viel und wie lang es heißer wird. Ziel muss es sein, die Emissionen auf null zu reduzieren, damit die Temperatur nicht weiter steigt, und anschließend in großem Maßstab CO₂ aus der Atmosphäre zu entfernen, damit sie wieder sinkt. Das ist eine gigantische Aufgabe – aber notwendig.
ne: 2024 gab es einen Rekordanstieg der Emissionen. Was könnte den Umschwung bringen?
Höhne: Wir sehen gegensätzliche Trends. Fossile Energien werden mancherorts noch ausgebaut. Zugleich sind erneuerbare heute fast überall günstiger als fossile und wachsen rasant. In China etwa übersteigt der Ausbau von Wind- und Solarenergie inzwischen das Wachstum der Energienachfrage insgesamt. Dort dürfte ein Emissionsmaximum erreicht sein, danach geht es abwärts. Wenn Märkte ohne Verzerrung wirken, verdrängen erneuerbare Energien die fossilen – dann können die Emissionen schneller sinken, als lange angenommen.
ne: Weniger als die Hälfte der Staaten hat zur COP 30 in Belém neue Pläne mit Zielen für 2035 vorgelegt. Ist dieses Klingelbeutel-Verfahren noch sinnvoll?
Höhne: Der Fünf-Jahres-Rhythmus hat 2015 und 2020 große Fortschritte gebracht, nicht aber in dieser Runde. Das liegt weniger an dem Instrument als an der Weltlage: Kriege, demokratische Rückschläge, ein politisches Klima, in dem internationale Kooperation schwerer fällt. Trotzdem geschieht viel jenseits der Diplomatie – erneuerbare Energien werden selbst in skeptischen Ländern massiv ausgebaut. Und der wichtigste Player, China, dürfte seine Ziele übererfüllen.
ne: Gilt das auch für die USA unter Trump?
Höhne: Die USA sind derzeit ein Negativbeispiel. Die Regierung handelt faktenfern und setzt andere Länder unter Druck, Klimaschutz zu bremsen. Emissionen werden dort wohl langsamer, aber letztlich doch sinken – weil erneuerbare Energien auch in den USA wirtschaftlich sind. Washington geht mit seiner Politik ein hohes Risiko ein, denn ökonomisch ist der Pfad langfristig kaum plausibel, weil er hohe Subventionen erfordert.
ne: Wenn die Freiwilligkeit stockt: Gäbe es andere Modelle, die den Paris-Prozess beschleunigen?
Höhne: Ja, beispielsweise Koalitionen der Willigen. Und die gibt es schon. Einzelne Ländergruppen treiben spezifische Themen voran – Elektromobilität, grüner Stahl, klimaneutraler Zement. Rückenwind kommt zudem vom Internationalen Gerichtshof: Er hat klargestellt, dass Staaten völkerrechtlich zum Klimaschutz verpflichtet sind, selbst wenn sie aus dem Paris-Abkommen austreten. Wer Klimaziele dauerhaft verfehlt, kann künftig verklagt werden. Das stärkt die Anreize.
ne: Die EU hat erst kurz vor dem Klimagipfel in Belém ihre Ziele für 2035 und 2040 beschlossen. Reicht das für den Pariser Pfad?
Höhne: Es ist gut, dass die EU nicht mit leeren Händen angereist ist. Doch die Beschlüsse bleiben unter dem Notwendigen. Problematisch ist vor allem, dass wieder verstärkt CO₂-Zertifikate aus dem Ausland angerechnet werden sollen. Das verlagert Reduktionen und kann den Strukturwandel bremsen. Insgesamt deutet vieles darauf hin, dass die EU mit diesen Zielen nicht im richtigen Korridor liegt.
ne: Worin liegt die Gefahr?
Höhne: Wer bis 2040 zu wenig tut, riskiert das Erreichen der Klimaneutralität bis 2050. Der Zukauf von Minderung im Ausland bedeutet: Zu Hause passiert weniger. Doch am Ende müssen die heimischen Emissionen auf null herunter. Das lässt sich nach 2040 kaum aufholen.
ne: In Europa mehren sich die Vorstöße, den Green Deal abzuschwächen – aus Sorge vor Wettbewerbsnachteilen und sozialen Konflikten. Ist das nachvollziehbar?
Höhne: Die Sorgen sind verständlich, aber die Antwort darf nicht sein, Klimaschutz zurückzudrehen. Das belohnt jene, die am fossilen Geschäftsmodell festhalten, und bestraft die Vorreiter. Der richtige Weg: Kurs halten, planbar verschärfen und Erträge – etwa aus dem Emissionshandel – für sozialen Ausgleich und industrielle Transformation einsetzen. Raus aus Kohle, Öl und Gas ist der Pfad. Mit Bremsen überholt man niemand.
ne: Tritt Deutschland als Antreiber oder als Bremser auf?
Höhne: Eher als Bremser. Die Öffnung für Zertifikate aus dem Ausland geht auf den schwarz-roten Koalitionsvertrag zurück. Zudem wird am Verbrenner-Aus gerüttelt, und die EU-Beschlüsse wurden nicht gerade beschleunigt. Das schwächt die Verhandlungsposition.
ne: Bleibt China damit der wichtigste Hoffnungsträger – trotz neuer Kohlekraftwerke?
Höhne: Ja. China hat für 2035 erstmals eine klare Senkung der Emissionen angekündigt und Klimaschutz im Fünfjahresplan verankert. Es hätte ambitionierter ausfallen können und müssen. Doch immerhin: Das Ziel wurde auf höchster Ebene verkündet, von Präsident Xi Jinping persönlich. Erneuerbare Energien und Elektromobilität wachsen dort wie nirgendwo sonst – China ist in vielen Zukunftstechnologien Marktführer. Die zusätzlich gebauten Kohlekraftwerke dienen aus meiner Sicht vor allem der Versorgungssicherheit und werden nicht dauerhaft laufen. Deshalb erwarte ich sinkende Emissionen.
ne: Es gibt den gegenläufigen Trend in den USA, aber auch in Russland, das einen Anstieg der Emissionen bis 2035 vorsieht.
Höhne: Der Einfluss der USA ist gefährlich. Das Land hat nicht aktiv an den Verhandlungen in Belém teilgenommen, und der Druck aus Washington auf andere Länder, die etwas gegen fossile Energien oder für Klimaschutz tun wollten, ist hoch. Das haben wir gesehen beim Plastikabkommen und jüngst auch beim Abkommen zur internationalen Schifffahrt. Und aus Russland haben wir noch keine einzige ambitionierte Maßnahme zum Klimaschutz gesehen. Es überrascht mich daher nicht, dass Russland zwar Ziele für 2035 eingereicht hat, die aber völlig kontraproduktiv sind.
ne: Hat Sie der Jubiläumsgipfel in Brasilien angesichts der eher düsteren Bilanz überrascht?
Höhne: Der Gipfel hat sein Minimalziel erreicht: ein Bekenntnis zum Multilateralismus, zu Regeln, Kooperation und Hilfe. Das ist in der derzeitigen Weltlage kein Detail, sondern ein Signal gegen das Prinzip des Rechts des Stärkeren. Emissionen senkt das nicht sofort, aber es hält die Tür offen – während die Märkte für Erneuerbare den Wandel ohnehin vorantreiben. Entscheidend ist die Geschwindigkeit, mit der das passiert. Überrascht hat mich, wie prominent der Fahrplan aus fossilen Energien in den Debatten war, auch wenn er es nicht ins Abschlussdokument geschafft hat. Aber die Beschlüsse werden der Klimakrise und den am meisten vom Klimawandel bedrohten Ländern in keinster Weise gerecht. Das ist nicht der Notfallmodus, der eine adäquate Antwort auf die Krise wäre.
ne: Ist in Belém klarer geworden, wie ärmere Länder mehr Unterstützung für Klimaanpassung und Energiewende erhalten? Bis 2035 sind dafür 1,3 Billionen US-Dollar pro Jahr aufgerufen.
Höhne: Mehr Mittel für die Klimaanpassung sind neben Hilfen für den Energieumbau unvermeidlich. Es wurde nun versprochen, die Summe zu verdreifachen. Wir werden 1,5 Grad deutlich überschreiten und wohl mindestens 1,6 oder 1,7 Grad erreichen. Um die Folgen in den ärmeren Ländern abzufedern, braucht es Solidarität. Heute sind die Finanzflüsse viel zu klein – während die fossile Industrie jährlich rund eine Billion Dollar Gewinn erzielt und in ähnlicher Größenordnung subventioniert wird. Wer die Subventionen abbaut und fossile Extraprofite fair besteuert, kann erhebliche Mittel für Anpassung und Transformation mobilisieren. Es mangelt nicht am Geld, sondern am politischen Willen, es richtig einzusetzen.


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