Energiesicherheit

Krise der Fossilen: Warum erneuerbare Energien zur Sicherheitsstrategie werden

Der Konflikt im Iran hat die schwerste Energiekrise der Geschichte ausgelöst. Blockierte Handelsrouten, explodierende Preise und neue geopolitische Abhängigkeiten zeigen, wie verwundbar das fossile Energiesystem ist – und warum erneuerbare Energien plötzlich zur Sicherheitsfrage werden.
08.06.2026 | 9 Min.
Erschienen in: Ausgabe 06/2026
Tanklager des Unternehmens Enport in Hamburg: Die Ölpreise sind wegen des Irankonflikts und der andauernden Blockade der Straße von Hormus deutlich gestiegen.
Tanklager des Unternehmens Enport in Hamburg: Die Ölpreise sind wegen des Irankonflikts und der andauernden Blockade der Straße von Hormus deutlich gestiegen.
Foto: Marcus Brandt, dpa Picture Alliance

„Drill, baby, drill!“ – Mit dieser Kampfansage an die erneuerbaren Energien hatte US-Präsident Donald Trump gleich zu Beginn seiner zweiten Amtszeit den Ton in der künftigen Energiepolitik gesetzt. Und der globalen Energiewende nun ungewollt zu neuem Schwung verholfen.

Der Angriff auf den Iran hat eine tiefgreifende Energiekrise ausgelöst, wie sie die Welt bisher nicht erlebt hat. Sie hat einen neuralgischen Punkt schmerzlich offengelegt: Die Straße von Hormus ist einer der wichtigsten Engpässe für den Welthandel von Öl und Gas. Zwischen 20 und 30 Prozent des global gehandelten Erdöls, außerdem mehr als ein Viertel des Stickstoffdüngers und etwa ein Fünftel des Flüssigerdgases passieren die Meerenge, die den Persischen Golf im Westen mit dem Golf von Oman im Osten verbindet.

Seit Monaten ist die Wasserstraße weitestgehend blockiert – mit dramatischen Folgen für die Weltwirtschaft. Rund vier Fünftel der Öl- und Flüssigerdgas-Transporte durch die Straße von Hormus gehen nach Asien. Einige Länder sind fast vollständig von den Importen abhängig, darunter die Philippinen, Pakistan, Bangladesch oder Sri Lanka. Hinzu kommen immense Schäden an der Infrastruktur in der Golfregion.

EU bereite sich auf Versorgungsengpässe vor

Dan Jørgensen, Energiekommissar der Europäischen Union, spricht von der schwersten Energiekrise aller Zeiten: „Seit Ausbruch des Konflikts im Nahen Osten haben die Mitgliedstaaten der Europäischen Union bereits gut 30 Milliarden Euro mehr für Importe fossiler Brennstoffe ausgegeben, ohne dafür zusätzliche Lieferungen zu erhalten“, sagte er in Brüssel. Selbst nach dem Kriegsende werde es wohl Jahre dauern, bis die Gasproduktion in der Region wieder normal laufe. Die EU bereite sich auf Versorgungsengpässe vor, etwa beim Kerosin.

Die Internationale Energieagentur (IEA) bewertet die Lage ebenfalls kritisch: IEA-Chef Fatih Birol warnte, der Konflikt habe „die größte Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarkts“ seit den 1970er Jahren ausgelöst. Die Produktions- und Lieferausfälle bei Erdöl, Erdgas und Produkten wie Treibstoffen seien größer als die Ausfälle in allen vorherigen Energiekrisen zusammen.

Kritische Abhängigkeiten vor allem beim Flüssigerdgas

Auch in Deutschland ist der Ernst der Lage deutlich spürbar, nicht zuletzt beim Blick auf die aktuellen Spritpreise. Dabei gehen die gesamtwirtschaftlichen Schäden weit darüber hinaus, sagt Michael Böhmer, Chefvolkswirt beim Forschungsinstitut Prognos: Tatsächlich betrage der Anteil der Ausgaben für Kraftstoffe nur rund drei Prozent, die weiterreichenden ökonomischen Effekte seien jedoch gravierend. Die Lebensmittelpreise steigen und treiben die Inflation in die Höhe. Hinzu kommen ein angespannter Arbeitsmarkt und Kursverluste an den Finanzmärkten.

Der Krieg im Nahen Osten hat Europa stärker von seinen beiden größten LNG-Lieferanten abhängig gemacht." Ana Maria Jaller-Makarewicz, IEEFA
Kritische Abhängigkeiten entwickeln sich vor allem beim Flüssigerdgas: Der aktuelle LNG-Report von Acer, der Dachorganisation der europäischen Energieregulierer, nennt eine Rekordmenge von 146 Milliarden Kubikmeter, die Europa im Jahr 2025 importiert hat. Etwa zwei Drittel des LNG kommen inzwischen aus den USA, wie eine Studie des Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) zeigt – Tendenz steigend. Der zweitgrößte LNG-Lieferant ist Russland. Europas Plan, die Energieversorgung durch Flüssigerdgas zu sichern, sei damit offensichtlich gescheitert, konstatiert Ana Maria Jaller-Makarewicz, leitende Energieanalystin für Europa beim IEEFA. „Der Krieg im Nahen Osten hat Europa stärker von seinen beiden größten LNG-Lieferanten, den USA und Russland, abhängig gemacht. Die Energiekrise von 2026 zeigt, dass die europäischen Länder, solange sie sich dafür entscheiden, auf Gas zu setzen, die damit verbundenen geopolitischen Risiken akzeptieren müssen.“

Dass ein großer Teil der zusätzlichen LNG-Importe der EU aus dem SpotmarktBörsenhandel, bei dem das eingekaufte Produkt (z.B. Strom) kurzfristig geliefert wird. Gegenstück ist der Terminmarkt für Lieferungen in der Zukunft.Börsenhandel, bei dem das eingekaufte Produkt (z.B. Strom) kurzfristig geliefert wird. Gegenstück ist der Terminmarkt für Lieferungen in der Zukunft. stammt, sieht Acer kritisch: „Das bietet zwar kurzfristige Flexibilität, macht die EU jedoch von den schwankenden globalen LNG-Spotpreisen abhängig – besonders, wenn das globale Angebot knapper wird und geopolitische Spannungen zunehmen“, schreibt die Organisation. Bliebe die Straße von Hormus das ganze Jahr 2026 gesperrt, fehlten dem weltweiten LNG-Markt rund 27 Milliarden Kubikmeter Gas.

Fünf Handelsrouten als Nadelöhr für den weltweiten Energiemarkt

Dabei ist die Straße von Hormus nur eine von fünf geografischen Engpässen, wie eine Analyse der britischen Denkfabrik E3G von März 2026 zeigt: Die Meerenge Bab el-Mandeb, die das Rote Meer mit dem Golf von Aden verbindet, sowie der Suezkanal, der Panamakanal und die Straße von Malakka in Südostasien gehören ebenfalls zu den strategisch wichtigen Handelsrouten für den weltweiten Energiemarkt. Risiken seien unter anderem die Durchfahrt selbst, langfristige Charterverträge, politische Sanktionen gegen die Schiffe und die Folgen der Klimakrise. So sei der Panamakanal in den vergangenen Jahren durch trockenheitsbedingte niedrige Wasserstände teilweise nicht passierbar gewesen.

Die Wasserstraßen sind nicht nur für den Öl- und Gasmarkt essenziell: Auch Lieferketten im Erneuerbare-Energien-Sektor sind betroffen, etwa der Transport von Solarmodulen aus China. Allerdings sei der Weltmarkt für solche Komponenten inklusive der benötigten Rohstoffe deutlich weniger anfällig für geopolitische Risiken, so das zentrale Fazit der E3G-Studie. Für den Markt fossiler Energieträger sei ein konstanter Transport großer Mengen Öl und Gas nötig. Falls er blockiert wird, habe das sofort negative Konsequenzen für die Energieversorgung. Anders als bei Öl und Gas steht bei Wind- und Solarstrom dagegen nicht die Ressource selbst auf dem Spiel, sondern die Lieferung einzelner Komponenten. Unterbrechungen der Lieferwege beeinträchtigen daher nicht unmittelbar die Energieversorgung, sondern verzögern nur den weiteren Ausbau der Infrastruktur. Erneuerbare Energien und Effizienz seien daher der einzig nachhaltige Weg, betont E3G-Mitautor Richard Smith: Einmal installiert, erzeugen sie Energie lokal für Jahrzehnte und reduzieren die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen dauerhaft.

Mehr Erneuerbare ist die einzige mögliche Richtung

Dass Europa den Import von Öl und Erdgas reduzieren muss, hat auch die EU-Kommission verstanden: Ende April veröffentlichte sie einen Maßnahmenkatalog, der die Folgen der Energiekrise abfedern soll – darunter der beschleunigte Ausbau heimischer, sprich erneuerbarer Energie und die Modernisierung der Netze. Auch die Wissenschaft ist sich einig, dass kein Weg an den erneuerbaren Energien vorbeiführt: „Die aktuelle Öl- und Gaskrise weist nur in eine einzige mögliche Richtung: Wir müssen unsere Bemühungen zur Dekarbonisierung weiter verstärken, um Europa sicherer zu machen“, sagt Paula Kivimaa, Co-Vorsitzende des Easac Energy Steering Panel, des Zusammenschlusses nationaler Wissenschaftsakademien von Mitgliedstaaten der Europäischen Union sowie von Norwegen und der Schweiz.

„Ein erneuerbares Energiesystem ist nicht nur für das Klima gut“, bestätigt Politökonomin und Transformationsforscherin Maja Göpel mit Blick auf den Irankrieg. „Es erlaubt eine andere Unabhängigkeit, weniger Erpressbarkeit und mehr Versorgungssicherheit.“ In Phasen, da die Öl- und Gaspreise steigen und es zu Engpässen komme, erhielten diese Themen mehr Gewicht – allerdings aus einer anderen Perspektive: „Nicht als ein Einschränken und Verzichten, sondern als ein Stabilisieren und Gewährleisten.“

„Kritische Infrastrukturen sind eine Frontlinie geopolitischer Konfrontationen“

Durch Kriege und geopolitische Erpressungsversuche bedroht ist auch die kritische Infrastruktur, wie Sichtungen mutmaßlich russischer Drohnen, Sabotageakte und eine intensivere hybride Kriegsführung zeigen. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ist das den Menschen in Europa schmerzlich bewusst geworden. In der Energiesicherheitskonferenz im Mai 2026 hat das Auswärtige Amt gemeinsam mit den Ministerien für Wirtschaft, Umwelt und Entwicklung sowie Vertretungen internationaler Institutionen versucht, Lehren für die europäische Energieversorgung abzuleiten.

Wir sehen unbekannte Drohnen über Energieanlagen. Und wir sehen Schäden an Unterseekabeln, Pipelines und Kommunikationsnetzen." Johann Wadephul, Bundesaußenminister
Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) machte auf der Konferenz den Ernst der Lage deutlich: „In ganz Europa beobachten wir bereits heute eine Zunahme hybrider Angriffe auf kritische Infrastrukturen. Wir sehen Cyberangriffe auf Versorgungsunternehmen. Wir sehen unbekannte Drohnen über Energieanlagen. Und wir sehen Schäden an Unterseekabeln, Pipelines und Kommunikationsnetzen. Kritische Infrastrukturen sind heute eine Frontlinie geopolitischer Konfrontationen. Weder Deutschland noch unsere Verbündeten und Partner in Europa sind davor gefeit“, warnte er eindringlich. Unser Wohlstand, die industrielle Basis und unsere demokratische Stabilität seien von sicheren und widerstandsfähigen Energiesystemen abhängig. Daher müssten wir uns fragen, wie sie sich vor Sabotage, Drohnen und Terrorismus schützen lassen.

Zugleich betonte er die Notwendigkeit, das Energiesystem zu dezentralisieren: „Stark zentralisierte Systeme mögen in Friedenszeiten effizient sein, können in Krisensituationen jedoch besonders anfällig werden. Dezentrale Erzeugung, mobile Kapazitäten, Microgrids, Energiespeicher und Redundanz erhöhen die Überlebensfähigkeit. Eine dezentrale Erzeugung erneuerbarer Energien in Kombination mit Speicherlösungen und die Diversifizierung von Lieferketten sind entscheidend für Resilienz und Unabhängigkeit.“ Auf die Risiken und damit einhergehenden Herausforderungen müsse man die Gesellschaft vorbereiten, denn gesellschaftliche Resilienz lasse sich in einer Krise nicht aus dem Stand heraus aktivieren. Man müsse sie im Vorfeld aufbauen.

Nächster Schritt der Integration: der Ausbau europäischer Energieinfrastrukturen

Dass sich der europäische Markt stärker an die neuen geopolitischen Gegebenheiten anpassen muss, schrieb der frühere italienische Ministerpräsident Enrico Letta bereits 2024 in seinem Bericht über die Zukunft des EU-Binnenmarkts. Darin forderte er, den nächsten Schritt der europäischen Integration zu denken, angefangen beim Ausbau europäischer Energieinfrastrukturen. Auf einem Event anlässlich der zehnjährigen Kooperation der Windturbinenhersteller Nordex und Acciona Anfang Mai legte Letta den Finger in die Wunde: „Wir haben 30 Jahre lang in einer sehr unglücklichen Abhängigkeit gelebt: von den USA, weil sie für unsere Sicherheit aufkamen, von den Russen und den Golfstaaten im Energiesektor, von China in der verarbeitenden Industrie.“ Europäische Partnerschaften wie die zwischen Nordex und Acciona seien daher ein Aushängeschild für den Rest Europas: „Das grundlegende Instrument ist der Ausbau europäischer Netze.“ Die Strategie laute: ein Europa, ein Markt. Das bedeute Sicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und die Fähigkeit zur Skalierung.

Jetzt sehen wir, dass man den gesamten Weltmarkt für fossile Energien lahmlegen kann.“ Robert Habeck, ehemaliger Bundeswirtschaftsminister
Auf dem Jubiläumsevent zu Gast war auch der ehemalige Wirtschaftsminister Robert Habeck. In seiner Rede erinnerte er an die Energiekrise von 2022, die Deutschland hart getroffen hatte. Damals sei er der Überzeugung gewesen, dass der Weltmarkt zuverlässiger sei als ein einzelner Aggressor, und setzte auf LNG-Terminals – eine Fehleinschätzung, wie er heute einräumt: „Jetzt sehen wir, dass man den gesamten Weltmarkt für fossile Energien lahmlegen kann.“ Dennoch habe er große Hoffnungen, dass daraus am Ende eine gute Entwicklung folge: Nach der Ölkrise in den 1970er Jahren sei der Verbrauch fossiler Ressourcen massiv gesunken. Einen ähnlichen Effekt erwarte er nach der aktuellen Krise: „Etwa 100 Länder weltweit fördern Öl und Gas, doch die meisten von ihnen produzieren nicht genug, um vom Öl- und Gasmarkt unabhängig zu sein.“ Diesem Markt werden sie in Zukunft nicht mehr vertrauen und massiv auf erneuerbare Energien setzen, so Habecks Prognose. „Erneuerbare Energien sind die Zukunft. Sie werden sich durchsetzen“, zeigte er sich zuversichtlich, warnte aber zugleich vor neuen Abhängigkeiten – etwa bei Rohstoffen, technischem Know-how oder im Sektor der künstlichen Intelligenz.

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