- Die Blockade der Straße von Hormus infolge des Kriegs im Nahen Osten hat eine globale Energiekrise ausgelöst, mit steigenden Preisen und wirtschaftlichen Schäden.
- Die Krise offenbart die hohe geopolitische Verwundbarkeit fossiler Energiesysteme. Europa ist insbesondere beim Flüssigerdgas zunehmend von Importen aus den USA und Russland abhängig.
- Erneuerbare Energien gelten als deutlich resilienter gegenüber geopolitischen Krisen, weil sie lokal erzeugt werden und nicht dauerhaft auf internationale Rohstoff- und Energielieferungen angewiesen sind.
- Politik, Wissenschaft und Wirtschaft sehen in der Krise ein starkes Argument für den beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien, dezentraler Energiesysteme, Speichertechnologien und europäischer Energieinfrastrukturen, um Versorgungssicherheit und Unabhängigkeit zu stärken.
„Drill, baby, drill!“ – Mit dieser Kampfansage an die erneuerbaren Energien hatte US-Präsident Donald Trump gleich zu Beginn seiner zweiten Amtszeit den Ton in der künftigen Energiepolitik gesetzt. Und der globalen Energiewende nun ungewollt zu neuem Schwung verholfen.
Der Angriff auf den Iran hat eine tiefgreifende Energiekrise ausgelöst, wie sie die Welt bisher nicht erlebt hat. Sie hat einen neuralgischen Punkt schmerzlich offengelegt: Die Straße von Hormus ist einer der wichtigsten Engpässe für den Welthandel von Öl und Gas. Zwischen 20 und 30 Prozent des global gehandelten Erdöls, außerdem mehr als ein Viertel des Stickstoffdüngers und etwa ein Fünftel des Flüssigerdgases passieren die Meerenge, die den Persischen Golf im Westen mit dem Golf von Oman im Osten verbindet.
Seit Monaten ist die Wasserstraße weitestgehend blockiert – mit dramatischen Folgen für die Weltwirtschaft. Rund vier Fünftel der Öl- und Flüssigerdgas-Transporte durch die Straße von Hormus gehen nach Asien. Einige Länder sind fast vollständig von den Importen abhängig, darunter die Philippinen, Pakistan, Bangladesch oder Sri Lanka. Hinzu kommen immense Schäden an der Infrastruktur in der Golfregion.
EU bereite sich auf Versorgungsengpässe vor
Die Internationale Energieagentur (IEA) bewertet die Lage ebenfalls kritisch: IEA-Chef Fatih Birol warnte, der Konflikt habe „die größte Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarkts“ seit den 1970er Jahren ausgelöst. Die Produktions- und Lieferausfälle bei Erdöl, Erdgas und Produkten wie Treibstoffen seien größer als die Ausfälle in allen vorherigen Energiekrisen zusammen.
Kritische Abhängigkeiten vor allem beim Flüssigerdgas
Auch in Deutschland ist der Ernst der Lage deutlich spürbar, nicht zuletzt beim Blick auf die aktuellen Spritpreise. Dabei gehen die gesamtwirtschaftlichen Schäden weit darüber hinaus, sagt Michael Böhmer, Chefvolkswirt beim Forschungsinstitut Prognos: Tatsächlich betrage der Anteil der Ausgaben für Kraftstoffe nur rund drei Prozent, die weiterreichenden ökonomischen Effekte seien jedoch gravierend. Die Lebensmittelpreise steigen und treiben die Inflation in die Höhe. Hinzu kommen ein angespannter Arbeitsmarkt und Kursverluste an den Finanzmärkten.
Dass ein großer Teil der zusätzlichen LNG-Importe der EU aus dem SpotmarktBörsenhandel, bei dem das eingekaufte Produkt (z.B. Strom) kurzfristig geliefert wird. Gegenstück ist der Terminmarkt für Lieferungen in der Zukunft.Börsenhandel, bei dem das eingekaufte Produkt (z.B. Strom) kurzfristig geliefert wird. Gegenstück ist der Terminmarkt für Lieferungen in der Zukunft. stammt, sieht Acer kritisch: „Das bietet zwar kurzfristige Flexibilität, macht die EU jedoch von den schwankenden globalen LNG-Spotpreisen abhängig – besonders, wenn das globale Angebot knapper wird und geopolitische Spannungen zunehmen“, schreibt die Organisation. Bliebe die Straße von Hormus das ganze Jahr 2026 gesperrt, fehlten dem weltweiten LNG-Markt rund 27 Milliarden Kubikmeter Gas.
Fünf Handelsrouten als Nadelöhr für den weltweiten Energiemarkt
Dabei ist die Straße von Hormus nur eine von fünf geografischen Engpässen, wie eine Analyse der britischen Denkfabrik E3G von März 2026 zeigt: Die Meerenge Bab el-Mandeb, die das Rote Meer mit dem Golf von Aden verbindet, sowie der Suezkanal, der Panamakanal und die Straße von Malakka in Südostasien gehören ebenfalls zu den strategisch wichtigen Handelsrouten für den weltweiten Energiemarkt. Risiken seien unter anderem die Durchfahrt selbst, langfristige Charterverträge, politische Sanktionen gegen die Schiffe und die Folgen der Klimakrise. So sei der Panamakanal in den vergangenen Jahren durch trockenheitsbedingte niedrige Wasserstände teilweise nicht passierbar gewesen.
Die Wasserstraßen sind nicht nur für den Öl- und Gasmarkt essenziell: Auch Lieferketten im Erneuerbare-Energien-Sektor sind betroffen, etwa der Transport von Solarmodulen aus China. Allerdings sei der Weltmarkt für solche Komponenten inklusive der benötigten Rohstoffe deutlich weniger anfällig für geopolitische Risiken, so das zentrale Fazit der E3G-Studie. Für den Markt fossiler Energieträger sei ein konstanter Transport großer Mengen Öl und Gas nötig. Falls er blockiert wird, habe das sofort negative Konsequenzen für die Energieversorgung. Anders als bei Öl und Gas steht bei Wind- und Solarstrom dagegen nicht die Ressource selbst auf dem Spiel, sondern die Lieferung einzelner Komponenten. Unterbrechungen der Lieferwege beeinträchtigen daher nicht unmittelbar die Energieversorgung, sondern verzögern nur den weiteren Ausbau der Infrastruktur. Erneuerbare Energien und Effizienz seien daher der einzig nachhaltige Weg, betont E3G-Mitautor Richard Smith: Einmal installiert, erzeugen sie Energie lokal für Jahrzehnte und reduzieren die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen dauerhaft.
Mehr Erneuerbare ist die einzige mögliche Richtung
„Ein erneuerbares Energiesystem ist nicht nur für das Klima gut“, bestätigt Politökonomin und Transformationsforscherin Maja Göpel mit Blick auf den Irankrieg. „Es erlaubt eine andere Unabhängigkeit, weniger Erpressbarkeit und mehr Versorgungssicherheit.“ In Phasen, da die Öl- und Gaspreise steigen und es zu Engpässen komme, erhielten diese Themen mehr Gewicht – allerdings aus einer anderen Perspektive: „Nicht als ein Einschränken und Verzichten, sondern als ein Stabilisieren und Gewährleisten.“
„Kritische Infrastrukturen sind eine Frontlinie geopolitischer Konfrontationen“
Durch Kriege und geopolitische Erpressungsversuche bedroht ist auch die kritische Infrastruktur, wie Sichtungen mutmaßlich russischer Drohnen, Sabotageakte und eine intensivere hybride Kriegsführung zeigen. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ist das den Menschen in Europa schmerzlich bewusst geworden. In der Energiesicherheitskonferenz im Mai 2026 hat das Auswärtige Amt gemeinsam mit den Ministerien für Wirtschaft, Umwelt und Entwicklung sowie Vertretungen internationaler Institutionen versucht, Lehren für die europäische Energieversorgung abzuleiten.
Zugleich betonte er die Notwendigkeit, das Energiesystem zu dezentralisieren: „Stark zentralisierte Systeme mögen in Friedenszeiten effizient sein, können in Krisensituationen jedoch besonders anfällig werden. Dezentrale Erzeugung, mobile Kapazitäten, Microgrids, Energiespeicher und Redundanz erhöhen die Überlebensfähigkeit. Eine dezentrale Erzeugung erneuerbarer Energien in Kombination mit Speicherlösungen und die Diversifizierung von Lieferketten sind entscheidend für Resilienz und Unabhängigkeit.“ Auf die Risiken und damit einhergehenden Herausforderungen müsse man die Gesellschaft vorbereiten, denn gesellschaftliche Resilienz lasse sich in einer Krise nicht aus dem Stand heraus aktivieren. Man müsse sie im Vorfeld aufbauen.