Klimagipfel COP28

Klare Eingeständnisse ohne klare Zugeständnisse

Der Abschlusstext der COP28 führt erstmals den Klimawandel eindeutig auf den Einsatz fossiler Energien zurück. Zudem ist der Fonds für Verluste und Schäden nun mit 700 Millionen Dollar gefüllt. Dennoch bleibt unklar, ob das 1,5-Grad-Ziel des Paris-Abkommens erreicht werden kann.
Von:  Christian Mihatsch
18.12.2023 | Aktualisierung: 14.02.2024 | 7 Min.

Das Abschlussdokument der 28. UN-Klimakonferenz (COP28) in Dubai gleicht einem Rorschachtest. Jede Bewertung sagt mehr über die bewertende Person aus als über das Konferenzergebnis. Manche stufen es als „historisch“ ein, war doch der „UAE-Konsens“ gelungen, benannt nach dem diesjährigen Gastgeberland Vereinigte Arabische Emirate, für die im Englischen das Kürzel UAE steht. Zum ersten Mal erkannten alle Länder der Welt als Hauptgrund für CO2-Emissionen und die daraus resultierende Klimaerwärmung die fossilen Energien an. Für andere ist das Ergebnis hingegen enttäuschend, da die Länder sich nicht darauf geeinigt haben, aus den Fossilen auszusteigen.

Der Konsens in Dubai war denn auch nur möglich, weil sich eine Wortneuschöpfung gefunden hat, um den Begriff „Ausstieg“ zu umgehen: Das Abschlussdokument ruft die Länder dazu auf, zum „Übergang weg von fossilen Energien in den Energiesystemen“ beizutragen. Mit dieser etwas umständlichen Formulierung waren schließlich sowohl progressive Akteure und Länder wie die EU oder die Schweiz als auch öl- und gasexportierende Länder gleichermaßen unzufrieden. Das hatte gereicht, um den UAE-Konsens über die Ziellinie zu bringen. Sollte also von „historisch“ gesprochen werden – oder von einem Reinfall?

Ähnlich konträre Bewertungen gibt es beim zweiten nennenswerten Ergebnis der COP28: dem Fonds für Verluste und Schäden. Dessen Struktur wurde bereits am ersten Tag der Konferenz verabschiedet. Direkt danach hatten Deutschland und die Vereinigten Arabischen Emirate, je 100 Millionen Dollar für den Fonds zugesagt. Bis zum Ende der Konferenz gab es dann weitere Zusagen, die sich letztlich auf rund 700 Millionen Dollar summierten.

Manche sehen das als beachtliche Leistung, zumal erst vor einem Jahr beschlossen worden war, den Fonds einzurichten.Andere wiesen darauf hin, dass 700 Millionen angesichts der tatsächlichen Klimaschäden eine lächerlich geringe Summe sind. Dabei wird aber übersehen, dass der Fonds bislang weder einen Aufsichtsrat noch ein Sekretariat oder Vergabekriterien hat. Denkbar ist daher zumindest, dass er besser kapitalisiert wird, sobald diese drei Bedingungen erfüllt sind und der Fonds auch mit ersten, erfolgreichen Projekten eine Aufstockung der Mittel rechtfertigen kann.

Fünf Maßnahmen, um 1,5-Grad-Pfad einzuschlagen

Die unterschiedlichen Sichtweisen auf das COP-Ergebnis sagen also viel über die minimalistischen Erwartungen respektive maximalistischen Forderungen der verschiedenen Akteure und weniger über das Ergebnis selbst. Für eine angemessene Einschätzung braucht es zuerst einen Maßstab. Dabei bietet sich das 1,5-Grad-Ziel an: Inwiefern ist es in Dubai gelungen, die Emissionen auf einen 1,5-Grad-Pfad zu bringen? Der Abschlusstext sagt klar, was das bedeutet: Die Emissionen müssen vor 2025 ihren Höhepunkt erreichen und bis 2030 um 43 Prozent im Vergleich zum Jahr 2019 fallen.

Doch auch mit diesem Ansatz ist eine abschließende Bewertung nicht möglich. Der UAE-Konsens ist – so wie das Paris-Abkommen – unverbindlich. Hinzu kommt, dass er den Ländern als Grundlage für ihre Klimapläne für das Jahr 2035 dienen soll. Diese Pläne sollen bis zur COP30 im Jahr 2025 vorliegen. Erst dann zeigt sich, ob die Länder den UAE-Konsens auch in konkrete Maßnahmen übersetzen. Klar ist hingegen, dass das Paris-Abkommen wie geplant funktioniert. Die wenig elegante Formulierung zu den Fossilen ist die Antwort auf die darin enthaltene „Globale Bestandsaufnahme“. Diese zeigt, dass die Welt auf einem 2,5- bis 2,9-Grad-Pfad ist. Dass nun die Schlussfolgerung aus dieser Erkenntnis im Mittelpunkt von COP28 stand, belegt zumindest, dass das Abkommen von 2015 Wirkung entfaltet.

Der Abschlusstext der jüngsten COP wiederum beinhaltet fünf Maßnahmen, die von der Internationalen Energieagentur (IEA) kurz vor der Konferenz vorgeschlagen wurden: Die Verdreifachung der Erneuerbaren-Kapazität, die Verdoppelung der Verbesserungsrate bei der Energieeffizienz sowie eine „substantielle“ Reduktion der Methanemissionen bis 2030; zudem hebt der Text „die Bedeutung der Reform der multilateralen Finanzarchitektur, unter anderem der multilateralen Entwicklungsbanken“ hervor. Und schließlich wurde auch die Forderung nach einer Reduktion des Verbrauchs von Fossilen aufgegriffen: Der „Übergang weg von fossilen Energien“ solle „geordnet, gerecht und fair“ sein.

Wenn diese fünf Maßnahmen erfolgreich umgesetzt werden, lassen sich 80 Prozent der zusätzlichen Emissionssenkungen erreichen, die erforderlich sind, um die Welt auf einen 1,5-Grad-Pfad zu bringen, schätzt die IEA. Aus Sicht des Leiters der Schweizer COP-Delegation, Felix Wertli, sind daher die „Elemente vorhanden, um die Welt auf einen 1,5-Grad-Pfad zu bringen“. Doch diese Elemente seien noch zu wenig „griffig“: So fehle bei der Erneuerbaren-Kapazität wie auch der Energieeffizienz das Referenzjahr und bei den Methanemissionen zusätzlich ein Prozentsatz – damit mangelt es dem ganzen Abschlusstext an Eindeutigkeit.

Mehr Energieeffizienz durch Ökostrom

In dieser Situation hilft es, einen Schritt zurückzutreten und das zeitliche Umfeld, in dem der Text entstanden ist, in den Blick zu nehmen. So wurde der UAE-Konsens am Ende eines bemerkenswerten Jahres getroffen: Der Zubau bei Solar- und Windkraft sowie Batterien ist in eine exponentielle Phase eingetreten. Das Gleiche gilt für Elektroautos. Das ist zentral, denn die Verbreitung neuer Technologien folgt einer S-Kurve. Anfangs wachsen sie langsam, dann exponentiell und erst kurz vor Erreichen eines Marktanteils von 100 Prozent verlangsamt sich das Wachstum wieder.

Das hat man etwa beim Umstieg von Pferdekutschen auf Autos gesehen und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es bei der globalen Energiewende anders sein sollte. Die erneuerbaren Energien haben ernsthaft begonnen, die Fossilen zu verdrängen. Lange deckte der Erneuerbaren-Zubau nur den steigenden Energiebedarf ab und der Anteil der Fossilen am globalen Energieverbrauch verharrte bei 80 Prozent. Doch nun beginnt dieser Anteil „zu sinken“, wie die IEA schreibt und das sei „eine wichtige Veränderung“.

Das wiederum ermöglicht die erforderliche Steigerung der Energieeffizienz. Der Umstieg von fossil auf erneuerbar in der Stromerzeugung reduziert den Primärenergiebedarf um 60 Prozent. Noch besser sieht es im Transport- und im Wärmesektor aus. Durch den Umstieg auf Elektroautos und Wärmepumpen sinkt der Energiebedarf gar um drei Viertel. Die US-Umweltorganisation Rocky Mountain Institute kommt in einer aktuellen Studie daher zum Schluss: „Das Ziel, die Steigerung der Energieeffizienz bis 2030 zu verdoppeln, ist deshalb viel leichter zu erreichen als gemeinhin angenommen.“

Abschied von Öl und Gas erstmals im Abschlusstext

Bislang verbesserte sich die Energieeffizienz jedes Jahr um 1,7 Prozent, wie Zahlen der IEA zeigen. Dieser Wert soll bis 2030 auf rund vier Prozent gesteigert werden. Ohne Elektrifizierung wäre dieses Ziel illusorisch, aber dank einer fundamentalen Technologiewende könnte es zumindest vorübergehend erreicht werden. „Der Übergang zu sauberer Energie findet weltweit statt und ist unaufhaltsam. Es ist keine Frage des Ob, sondern nur des Wie bald", sagte IEA-Chef Fatih Birol im Oktober bei der Vorstellung des „World Energy Outlooks“.

Vor diesem Hintergrund kann man das Ergebnis der COP28 auch als nachlaufenden Indikator betrachten. Der „Übergang weg von fossilen Energien“ wäre dann weniger ein Ziel als die Beschreibung eines Prozesses, der längst stattfindet. Das erklärt vielleicht auch, warum der COP-Prozess so lange gebraucht hat, um fossile Energien überhaupt zu erwähnen. Erst vorletztes Jahr schaffte es das Wort „Kohle“ in den Abschlusstext, Öl und Gas blieben aber unerwähnt. Und jetzt, wo der Abschied von allen Fossilen in den Blick rückt, haben sie es ebenfalls in den Text geschafft. Mit dem COP28-Abschlusstext machen sich die Länder also ehrlich.

Ähnlich verhält es sich bei den Verlusten und Schäden. Deren Existenz lässt sich nicht länger leugnen und folglich braucht es einen institutionellen Rahmen, um strukturiert damit umzugehen. So gesehen ist der Abschlusstext zweifellos ein Durchbruch, da die Länder bereits existierende Entwicklungen anerkennen: Verluste und Schäden sind real und der Ausstieg aus den Fossilen passiert bereits. „Historisch“ wäre der Ausgang der COP allerdings erst, wenn der UAE-Konsens den Ausstieg aus den Fossilen so beschleunigt, dass das 1,5-Grad-Ziel erreichbar bleibt – und das ist noch nicht ausgemacht.

 

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