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Rohstoffstrategie 2030

Europa ringt um kritische Rohstoffe: Wege aus der Abhängigkeit

Ohne Gallium, Lithium und Seltene Erden keine Energiewende: Europa ist bei vielen kritischen Rohstoffen stark von China abhängig. Neue Projekte, Recycling und eigene Förderung sollen das ändern – doch die Zeit drängt.
Von:  Jan Oliver Löfken
11.12.2025 | 8 Min.
Erschienen in: Ausgabe 12/2025
Kreislaufwirtschaft: Das Recycling von Metallen ist ein Schlüsselelement der Initiative der EU-Kommission für kritische Rohstoffe.
Kreislaufwirtschaft: Das Recycling von Metallen ist ein Schlüsselelement der Initiative der EU-Kommission für kritische Rohstoffe.
Foto: Hans Lucas, Picture Alliance

Weit reicht der Blick von Agios Nikolaos über den Golf von Korinth. Seit Jahrzehnten wird dort Bauxit und daraus Aluminium gewonnen. Jedes Jahr produziert das griechische Unternehmen Metlen Energy & Metals gut 190.000 Tonnen des Leichtmetalls. Schon bald soll ein weiteres Metall folgen: Gallium – ein Schlüsselelement für die Produktion schneller Halbleiterchips, Leuchtdioden und Laser. In der Europäischen Union (EU) werden jährlich etwa 60 Tonnen Gallium benötigt, gut die Hälfte davon in Deutschland. Derzeit kommt der Großteil aus China, das den Gallium-Weltmarkt mit einer Produktion von 750 Tonnen pro Jahr fast vollständig kontrolliert. Seit 2023 beschränkt China den Export, was die Preise treibt und die Versorgung gefährdet.

Diese kritische Situation will Metlen beseitigen und Europa unabhängiger von Importen machen. Rund 300 Millionen Euro investiert das Unternehmen, um schon 2027 die Produktion von bis zu 50 Tonnen Gallium pro Jahr zu starten. Kein Wunder, dass sich das Vorhaben auf der Liste von 47 Projekten im Rahmen des Critical Raw Materials Act (CRMA) findet, mit denen die EU die Abhängigkeit – vor allem von China – für insgesamt 34 Rohstoffe drastisch reduzieren will. Ein Großteil der Rohstoffe ist für die Energiewende essenziell. Sie stecken in Batterien und Solarzellen, in Magneten für Windkraftanlagen und Elektromotoren oder in Umspannwerken und Stromleitungen.

EU will 40 Prozent der der Rohstoffe selbst aufarbeiten

Es gibt in Europa bedeutende Vorkommen nahezu aller heute als kritisch eingestuften Rohstoffe. Der Unterschied zu China: Das Reich der Mitte verfolgt seit den 1980er Jahren eine umfassende Rohstoffstrategie. China erschließt eigene Vorkommen intensiv und sichert sich überdies den Zugriff auf Minen in aller Welt. Parallel baut das Land Anlagen zur Reinigung, Trennung und Aufbereitung der Rohstoffe. Und das so effizient, dass es heute auf zahlreiche Materialien ein Monopol besitzt.

Diese Machtposition spielte China bereits 2010 mit Exportbeschränkungen auf einige Elemente aus der Gruppe der Seltenen Erden aus. Schon damals bangten europäische Unternehmen um den dringend benötigten Nachschub. „Man könnte annehmen, dass wir aus der Seltene-Erden-Krise unsere Lehren gezogen haben – doch weit gefehlt“, sagt Jens Gutzmer vom Helmholtz-Institut Freiberg für Ressourcentechnologie. Als sich die Lage 2012 normalisierte, vertrauten deutsche und europäische Unternehmen wieder auf den freien Handel und günstige Preise. „In der Folge versäumte man es, Lieferketten zu diversifizieren, strategische Rohstofflager zu etablieren, eigene Förder- und Verarbeitungsstrukturen aufzubauen, in systematisches Recycling zu investieren oder Substitute für die Seltenen Erden aufzutreiben“, sagt Gutzmer. Die Folge: Chinas Dominanz entlang der Wertschöpfungskette wuchs in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten noch weiter an.

Nun soll der zweite Anlauf gelingen – mit diversen nationalen Programmen und dem CRMA. Dessen Ziele bis 2030 sind ehrgeizig: Zehn Prozent des Bedarfs an strategischen Rohstoffen soll mithilfe des Bergbaus in der EU und 25 Prozent mittels Recycling gedeckt werden. Der Import wird weiterhin eine wichtige Rolle spielen, aber 40 Prozent der benötigten Materialien sollen in Anlagen innerhalb der EU aufgearbeitet werden. Bei Gallium könnte das klappen, „doch jeder Rohstoff ist einzeln zu betrachten mit dem Blick auf Vorkommen, Aufbereitung, Nutzen und Recycling“, sagt Michaela Schicho, Rohstoffexpertin am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe.

China hält die Kontrolle über Seltene Erden

Die Komplexität zeigt sich besonders bei den Seltenen Erden. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von 16 Elementen, die in Lagerstätten oft gemeinsam vorkommen und für eine Nutzung aufwendig getrennt werden müssen. Lanthan, Cer, Praseodym und Neodym zählen zu den leichten, Elemente wie Samarium, Gadolinium, Terbium, Ytterbium und Yttrium zu den schweren Seltenen Erden. Die Anwendungen sind vielfältig. Sie reichen von Permanentmagneten auf Basis von Samarium oder Neodym für Elektromotoren und Generatoren über Katalysatoren (Lanthan, Cer) und Glasfärbung (Erbium) bis zu MRT-Kontrastmitteln (Gadolinium) und technischen Keramiken (Yttrium).

Mit 270.000 von weltweit 390.000 Tonnen, die 2024 an Seltenen Erden gefördert wurden, kontrolliert China den Weltmarkt. Bei der Aufbereitung ist die Dominanz sogar noch größer. Deutschland importiert den größten Teil seines Bedarfs von rund 5000 Tonnen aus China, geringere Mengen aus Österreich, Südafrika und Frankreich, wo sich einige wenige Anlagen zur Aufbereitung befinden. Relevante Erzvorkommen sind in Europa jedoch kaum zu finden. Unter dem grönländischen Eis dürften signifikante Mengen an schweren Seltenen Erden schlummern, doch noch ist die Datenlage über die Lagerstätten dünn. Selbst wenn sich das ändert, dürften bis zum Abbau der Erze Jahrzehnte vergehen.

Immerhin soll das Fensfeltet-Vorkommen in Norwegen knapp neun Millionen Tonnen Seltenerd-Oxide und die nordschwedische Lagerstätte bei Kiruna eine Million Tonnen enthalten. „Diese Vorkommen enthalten jedoch vor allem leichte Seltene Erden“, sagt Harald Elsner von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover. Mangel herrsche allerdings eher bei den schweren Elementen, nicht zuletzt wegen der chinesischen Exportbeschränkungen, die für Samarium, Gadolinium, Terbium, Dysprosium, Lutetium und Yttrium gelten.

Recyclingrate von Seltenen Erden niedrig – noch

Umso wichtiger wird das Recycling. So forscht die Fraunhofer-Einrichtung für Wertstoffkreisläufe und Ressourcenstrategie IWKS in Hanau an der Wiederaufbereitung von Neodym-Eisen-Bor-Magneten. In Frankreich will das Unternehmen Caremag bis Ende 2026 eine Recycling- und Separationsanlage für Seltene Erden in Betrieb nehmen und im Jahr darauf erste Materialien liefern. „Derzeit liegt die Recyclingrate für Seltene Erden geschätzt bei einem Prozent – weltweit“, sagt BGR-Experte Elsner. Schneller könnten neue Technologien die Rohstoffabhängigkeit reduzieren. So kommen erste serienreife Motoren für Elektromobile ganz ohne Seltene Erden aus. Noch ist freilich nicht absehbar, ob sich diese Antriebe am Markt durchsetzen werden.

Lithium: Schlüsselelement für fast alle Batterien

Weniger abhängig von China ist Europa bei der Versorgung mit Lithium, einem Schlüsselelement nahezu aller Batterien für Stromspeicher und Elektromobilität. Heute dominiert Australien die weltweite Förderung mit einem Drittel der knapp 260.000 Tonnen, gefolgt von Chile, das etwa ein Fünftel der Menge fördert. Das südamerikanische Land ist mit 80 Prozent zugleich Hauptlieferant der EU. Europa hat mit größeren Vorkommen in Portugal, Frankreich, Tschechien, Serbien und in der Ukraine das Potenzial, die Importabhängigkeit deutlich zu senken. Selbst in Deutschland steht eine Lithiumgewinnung etwa im Erzgebirge oder aus geothermalen Tiefenwassern im Oberrheingraben kurz bevor.

Stolze 18 CRMA-Projekte werden von der EU unterstützt. Das Risiko ist bei Lithium weniger geologisch als wirtschaftlich geartet: Der Erfolg teurer Förderprojekte ist verknüpft mit dem stark schwankenden Marktpreis für die in der Batteriefertigung genutzten Lithiumsalze. Steigt die Nachfrage weiter – Prognosen zeigen bis 2030 eine Verdopplung, bis 2040 eine Versechsfachung –, haben europäische Förderunternehmen gute Aussichten. Doch sollten die preiswerteren Natriumionenbatterien weiter auf den Markt drängen, wird die Lithiumnachfrage nicht so stark steigen wie derzeit prognostiziert.

China dominiert Weiterverarbeitung von Grafit

Weniger beachtet als Lithium wird ein unersetzliches Material, das sich ebenfalls auf der EU-Liste kritischer Rohstoffe findet: Grafit. Diese oft flockenartige Form reinen Kohlenstoffs dient als Schmiermittel, steckt in Bremsbelägen und leichten Carbon-Werkstoffen und in jeder Lithium- oder Natriumionenbatterie als Anode. Mit derzeit 67 Prozent baut China seinen Anteil an der weltweiten Produktion von etwa 1,3 Millionen Tonnen stetig aus. „Grafit ist nicht so kritisch wie die Seltenen Erden“, sagt BGR-Rohstoffexpertin Sophie Damm, „doch bei der Weiterverarbeitung zu Batteriequalitäten hat China den Deckel darauf.“ Für die industrielle Nutzung werden die geförderten Flocken verrundet, also in die Form einer Kartoffel gebracht.

Wir sollten die sichere Versorgung mit Grafit unbedingt im Blick behalten.“ Sophie Damm, Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR)
Außerhalb von China wird Grafit auf Madagaskar, in Mosambik oder Brasilien gefördert. Europa kommt auf einen bescheidenen Weltmarktanteil von zwei Prozent durch Vorkommen in der Ukraine und in Norwegen sowie in Österreich und Deutschland. „Grafit gibt es in Europa schon“, sagt Damm. Man müsse aber genau auf die Spezifikation – Flocken oder ein feines, amorphes Pulver – schauen. Auch die Türkei verfügt mit geschätzt 90 Millionen Tonnen über große Vorkommen, die jedoch nicht für Batterien geeignet sind. „Aktuell herrscht bei Grafit kein Versorgungsproblem“, sagt Damm. Bis zu zehn Prozent des Bedarfs, schätzt die BGR-Expertin, könnten künftig aus europäischen Quellen gedeckt werden – vor allem, wenn geplante Projekte an den Start gehen. Zudem wird Grafit in großen Mengen synthetisch hergestellt und ebenfalls in Batterien eingesetzt. „Auch da baut China aktuell die Fertigung aus“, sagt Damm. „Wir sollten also die sichere Versorgung mit Grafit unbedingt im Blick behalten.“

EU-Industrie benötigt 4 Millionen Tonnen Kupfer

Dasselbe gilt für ein wahres Massengut: Kupfer. Ohne das gut leitfähige Metall kommt keine einzige elektrische Anwendung aus. 23 Millionen Tonnen wurden 2024 abgebaut, vor allem in Chile, im Kongo und in Peru. Die Industrie in der EU benötigte davon rund vier Millionen Tonnen. „Die Versorgung ist auf mehrere Länder diversifiziert und nicht so dramatisch wie bei anderen Rohstoffen“, sagt BGR-Kupferexpertin Ulrike Dorner. Zudem lässt sich das Metall sehr gut recyceln. In Deutschland liegt der Anteil an recyceltem Kupfer bei rund 40 Prozent. Europäische Lagerstätten in Polen, Schweden, Finnland, Portugal, Spanien, Rumänien und Bulgarien werden bereits genutzt und die Förderung vermutlich noch ausgebaut. Viele dieser Vorhaben finden sich auch auf der CRMA-Projektliste der EU. „Als bedeutendstes Bergbauland wird aber vor allem Chile für die Versorgung wichtig bleiben“, sagt Dorner.

Japan: Vorreiter bei Rohstoff-Recycling und Substitution

Jeder einzelne Rohstoff erfordert eine eigene Strategie, um die Versorgung zu sichern. Zu Import, Eigenförderung und Recycling kommt die Substitution – die Suche nach Ersatzstoffen und neuen Technologien. „Wir müssen in Europa auf all diesen Feldern aktiv sein“, sagt Fraunhofer-ISI-Expertin Schicho. „Anders wird es nicht gehen.“ Wie das funktionieren könnte, zeigt Japan seit 15 Jahren. Das Land beteiligt sich weltweit an Rohstoffprojekten, stärkt das Recycling und die heimische Aufbereitung, ergänzt durch eine strategische Lagerhaltung kritischer Rohstoffe. Diesem Vorbild eifert die EU nach. Lieferabkommen für Rohstoffe wurden beispielsweise mit Südafrika, Usbekistan und im November 2025 mit Australien geschlossen, um die Abhängigkeit von China zu verringern und sich den Zugang zu kritischen Substanzen wie Lithium und Seltenen Erden zu sichern.

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