Weit reicht der Blick von Agios Nikolaos über den Golf von Korinth. Seit Jahrzehnten wird dort Bauxit und daraus Aluminium gewonnen. Jedes Jahr produziert das griechische Unternehmen Metlen Energy & Metals gut 190.000 Tonnen des Leichtmetalls. Schon bald soll ein weiteres Metall folgen: Gallium – ein Schlüsselelement für die Produktion schneller Halbleiterchips, Leuchtdioden und Laser. In der Europäischen Union (EU) werden jährlich etwa 60 Tonnen Gallium benötigt, gut die Hälfte davon in Deutschland. Derzeit kommt der Großteil aus China, das den Gallium-Weltmarkt mit einer Produktion von 750 Tonnen pro Jahr fast vollständig kontrolliert. Seit 2023 beschränkt China den Export, was die Preise treibt und die Versorgung gefährdet.
Diese kritische Situation will Metlen beseitigen und Europa unabhängiger von Importen machen. Rund 300 Millionen Euro investiert das Unternehmen, um schon 2027 die Produktion von bis zu 50 Tonnen Gallium pro Jahr zu starten. Kein Wunder, dass sich das Vorhaben auf der Liste von 47 Projekten im Rahmen des Critical Raw Materials Act (CRMA) findet, mit denen die EU die Abhängigkeit – vor allem von China – für insgesamt 34 Rohstoffe drastisch reduzieren will. Ein Großteil der Rohstoffe ist für die Energiewende essenziell. Sie stecken in Batterien und Solarzellen, in Magneten für Windkraftanlagen und Elektromotoren oder in Umspannwerken und Stromleitungen.
EU will 40 Prozent der der Rohstoffe selbst aufarbeiten
Es gibt in Europa bedeutende Vorkommen nahezu aller heute als kritisch eingestuften Rohstoffe. Der Unterschied zu China: Das Reich der Mitte verfolgt seit den 1980er Jahren eine umfassende Rohstoffstrategie. China erschließt eigene Vorkommen intensiv und sichert sich überdies den Zugriff auf Minen in aller Welt. Parallel baut das Land Anlagen zur Reinigung, Trennung und Aufbereitung der Rohstoffe. Und das so effizient, dass es heute auf zahlreiche Materialien ein Monopol besitzt.
Nun soll der zweite Anlauf gelingen – mit diversen nationalen Programmen und dem CRMA. Dessen Ziele bis 2030 sind ehrgeizig: Zehn Prozent des Bedarfs an strategischen Rohstoffen soll mithilfe des Bergbaus in der EU und 25 Prozent mittels Recycling gedeckt werden. Der Import wird weiterhin eine wichtige Rolle spielen, aber 40 Prozent der benötigten Materialien sollen in Anlagen innerhalb der EU aufgearbeitet werden. Bei Gallium könnte das klappen, „doch jeder Rohstoff ist einzeln zu betrachten mit dem Blick auf Vorkommen, Aufbereitung, Nutzen und Recycling“, sagt Michaela Schicho, Rohstoffexpertin am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe.
Kritische Rohstoffe sind nach Definition der Europäischen Kommission Rohstoffe, deren Versorgung innerhalb eines Zeitraums von etwa zehn Jahren als besonders risikoreich eingeschätzt wird. Sie spielen eine zentrale Rolle in wichtigen Wertschöpfungsketten, sind häufig nur begrenzt oder von wenigen Lieferländern abhängig verfügbar, schwer zu ersetzen und weisen meist geringe Recyclingquoten auf. Sie sind für wirtschaftliche Entwicklung und technologische Innovation, insbesondere der erneuerbaren Energien, von großer strategischer Bedeutung.
Seltene Erden bilden eine Untergruppe der kritischen Rohstoffe und umfassen eine Reihe spezieller Metalle, die aufgrund ihrer einzigartigen elektronischen, optischen und magnetischen Eigenschaften in vielen Hightech-Anwendungen unverzichtbar sind. Für die Energiewende sind sie besonders wichtig, da sie unter anderem zur Herstellung von Permanentmagneten benötigt werden, die in Elektromotoren und Generatoren zum Einsatz kommen. Trotz ihrer Bezeichnung kommen sie in ausreichender Menge vor – oft auch als Nebenprodukt der Extraktion anderer Rohstoffe. Dennoch werden sie wegen ihrer geringen Konzentration und der aufwendigen Trennungsmethoden als kritisch eingestuft. Die EU ist stark von Importen abhängig, besonders aus China, weshalb dem Recycling eine zentrale Rolle zukommt.
China hält die Kontrolle über Seltene Erden
Die Komplexität zeigt sich besonders bei den Seltenen Erden. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von 16 Elementen, die in Lagerstätten oft gemeinsam vorkommen und für eine Nutzung aufwendig getrennt werden müssen. Lanthan, Cer, Praseodym und Neodym zählen zu den leichten, Elemente wie Samarium, Gadolinium, Terbium, Ytterbium und Yttrium zu den schweren Seltenen Erden. Die Anwendungen sind vielfältig. Sie reichen von Permanentmagneten auf Basis von Samarium oder Neodym für Elektromotoren und Generatoren über Katalysatoren (Lanthan, Cer) und Glasfärbung (Erbium) bis zu MRT-Kontrastmitteln (Gadolinium) und technischen Keramiken (Yttrium).
Mit 270.000 von weltweit 390.000 Tonnen, die 2024 an Seltenen Erden gefördert wurden, kontrolliert China den Weltmarkt. Bei der Aufbereitung ist die Dominanz sogar noch größer. Deutschland importiert den größten Teil seines Bedarfs von rund 5000 Tonnen aus China, geringere Mengen aus Österreich, Südafrika und Frankreich, wo sich einige wenige Anlagen zur Aufbereitung befinden. Relevante Erzvorkommen sind in Europa jedoch kaum zu finden. Unter dem grönländischen Eis dürften signifikante Mengen an schweren Seltenen Erden schlummern, doch noch ist die Datenlage über die Lagerstätten dünn. Selbst wenn sich das ändert, dürften bis zum Abbau der Erze Jahrzehnte vergehen.
Immerhin soll das Fensfeltet-Vorkommen in Norwegen knapp neun Millionen Tonnen Seltenerd-Oxide und die nordschwedische Lagerstätte bei Kiruna eine Million Tonnen enthalten. „Diese Vorkommen enthalten jedoch vor allem leichte Seltene Erden“, sagt Harald Elsner von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover. Mangel herrsche allerdings eher bei den schweren Elementen, nicht zuletzt wegen der chinesischen Exportbeschränkungen, die für Samarium, Gadolinium, Terbium, Dysprosium, Lutetium und Yttrium gelten.
Recyclingrate von Seltenen Erden niedrig – noch
Lithium: Schlüsselelement für fast alle Batterien
Weniger abhängig von China ist Europa bei der Versorgung mit Lithium, einem Schlüsselelement nahezu aller Batterien für Stromspeicher und Elektromobilität. Heute dominiert Australien die weltweite Förderung mit einem Drittel der knapp 260.000 Tonnen, gefolgt von Chile, das etwa ein Fünftel der Menge fördert. Das südamerikanische Land ist mit 80 Prozent zugleich Hauptlieferant der EU. Europa hat mit größeren Vorkommen in Portugal, Frankreich, Tschechien, Serbien und in der Ukraine das Potenzial, die Importabhängigkeit deutlich zu senken. Selbst in Deutschland steht eine Lithiumgewinnung etwa im Erzgebirge oder aus geothermalen Tiefenwassern im Oberrheingraben kurz bevor.
Stolze 18 CRMA-Projekte werden von der EU unterstützt. Das Risiko ist bei Lithium weniger geologisch als wirtschaftlich geartet: Der Erfolg teurer Förderprojekte ist verknüpft mit dem stark schwankenden Marktpreis für die in der Batteriefertigung genutzten Lithiumsalze. Steigt die Nachfrage weiter – Prognosen zeigen bis 2030 eine Verdopplung, bis 2040 eine Versechsfachung –, haben europäische Förderunternehmen gute Aussichten. Doch sollten die preiswerteren Natriumionenbatterien weiter auf den Markt drängen, wird die Lithiumnachfrage nicht so stark steigen wie derzeit prognostiziert.
China dominiert Weiterverarbeitung von Grafit
Weniger beachtet als Lithium wird ein unersetzliches Material, das sich ebenfalls auf der EU-Liste kritischer Rohstoffe findet: Grafit. Diese oft flockenartige Form reinen Kohlenstoffs dient als Schmiermittel, steckt in Bremsbelägen und leichten Carbon-Werkstoffen und in jeder Lithium- oder Natriumionenbatterie als Anode. Mit derzeit 67 Prozent baut China seinen Anteil an der weltweiten Produktion von etwa 1,3 Millionen Tonnen stetig aus. „Grafit ist nicht so kritisch wie die Seltenen Erden“, sagt BGR-Rohstoffexpertin Sophie Damm, „doch bei der Weiterverarbeitung zu Batteriequalitäten hat China den Deckel darauf.“ Für die industrielle Nutzung werden die geförderten Flocken verrundet, also in die Form einer Kartoffel gebracht.
EU-Industrie benötigt 4 Millionen Tonnen Kupfer
Dasselbe gilt für ein wahres Massengut: Kupfer. Ohne das gut leitfähige Metall kommt keine einzige elektrische Anwendung aus. 23 Millionen Tonnen wurden 2024 abgebaut, vor allem in Chile, im Kongo und in Peru. Die Industrie in der EU benötigte davon rund vier Millionen Tonnen. „Die Versorgung ist auf mehrere Länder diversifiziert und nicht so dramatisch wie bei anderen Rohstoffen“, sagt BGR-Kupferexpertin Ulrike Dorner. Zudem lässt sich das Metall sehr gut recyceln. In Deutschland liegt der Anteil an recyceltem Kupfer bei rund 40 Prozent. Europäische Lagerstätten in Polen, Schweden, Finnland, Portugal, Spanien, Rumänien und Bulgarien werden bereits genutzt und die Förderung vermutlich noch ausgebaut. Viele dieser Vorhaben finden sich auch auf der CRMA-Projektliste der EU. „Als bedeutendstes Bergbauland wird aber vor allem Chile für die Versorgung wichtig bleiben“, sagt Dorner.
Anfang Dezember 2025 hat die Europäische Kommission den Aktionsplan „RESourceEU“ beschlossen. Dieser soll die Versorgung der EU mit kritischen Rohstoffen, wie Seltenen Erden, Kobalt oder Lithium, sicherstellen. Der Plan ergänzt dabei das Gesetz über kritische Rohstoffe (Critical Raw Materials Act, CRMA). Bestandteil von „RESourceEU“ sind unter anderem:
- Bereitstellung von drei Milliarden Euro innerhalb von 12 Monaten, um kurzfristig zusätzliche Lieferkapazitäten zu ermöglichen
- Einrichtung eines Europäischen Zentrums für kritische Rohstoffe bis Anfang 2026 zur Marktbeobachtung und zur Koordinierung von Projekten
- Bündelung von Nachfragen nach Rohstoffen von Unternehmen durch einen Mechanismus, um beim gemeinsamen Einkauf und bei Abnahmevereinbarungen zu unterstützen
- Erstellung eines Konzepts für die Bevorratung kritischer Rohstoffe zusammen mit den EU-Mitgliedstaaten
- Beschleunigung von Vorhaben zu kritischen Rohstoffen durch risikomindernde Finanzinstrumente und vereinfachte Genehmigungsverfahren
Das Ziel des Aktionsplans ist die Diversifizierung von Lieferketten für kritische Rohstoffe und der Schutz der europäischen Industrie vor geopolitischen Risiken sowie Preisschwankungen.
Der Aktionsplan kann auf der Website der Europäischen Kommission heruntergeladen werden.
Japan: Vorreiter bei Rohstoff-Recycling und Substitution
Jeder einzelne Rohstoff erfordert eine eigene Strategie, um die Versorgung zu sichern. Zu Import, Eigenförderung und Recycling kommt die Substitution – die Suche nach Ersatzstoffen und neuen Technologien. „Wir müssen in Europa auf all diesen Feldern aktiv sein“, sagt Fraunhofer-ISI-Expertin Schicho. „Anders wird es nicht gehen.“ Wie das funktionieren könnte, zeigt Japan seit 15 Jahren. Das Land beteiligt sich weltweit an Rohstoffprojekten, stärkt das Recycling und die heimische Aufbereitung, ergänzt durch eine strategische Lagerhaltung kritischer Rohstoffe. Diesem Vorbild eifert die EU nach. Lieferabkommen für Rohstoffe wurden beispielsweise mit Südafrika, Usbekistan und im November 2025 mit Australien geschlossen, um die Abhängigkeit von China zu verringern und sich den Zugang zu kritischen Substanzen wie Lithium und Seltenen Erden zu sichern.
Obwohl die Nachfrage nach kritischen Rohstoffen durch Elektromobilität und erneuerbare Energien weiter wächst, sind die Preise für einige Elemente wie Lithium und Kobalt zuletzt stark gesunken. Während eine Tonne Lithiumkarbonat 2022 im Schnitt etwa 68.100 US-Dollar kostete, wurden 2024 nur noch rund 14.000 US-Dollar verlangt – eine Vergünstigung von etwa 79 Prozent. Auch für Kobalt war der Preis 2024 rund 59 Prozent niedriger als 2022. Als Gründe nennt die Internationale Energieagentur vor allem die verstärkte Förderung weltweit. Parallel wächst das Recycling, wodurch Materialkreisläufe effizienter werden und zusätzlicher Rohstoff verfügbar ist. Die verlässliche Rohstoffversorgung bleibt wegen der Vorkommen in nur wenigen Ländern geopolitisch riskant.
