Offshore-Windenergie

Nordsee-Gipfel: Europa rückt hinter der Windenergie zusammen

Auf dem Nordsee-Gipfel in Hamburg beschließen zehn Länder, die Nordsee zum größten Kraftwerk der Welt zu entwickeln, um Europas Unabhängigkeit zu sichern – und in der zuletzt gebeutelten Offshore-Windenergie keimt neue Zuversicht.
Von:  Volker Kühn
06.02.2026 | 4 Min.
Zusammengerückt: Die Nordsee-Anrainer stellen sich hinter die Offshore-Windindustrie.
Zusammengerückt: Die Nordsee-Anrainer stellen sich hinter die Offshore-Windindustrie.
Foto: Adobe Stock

In all den Reden, die auf dem Nordsee-Gipfel gehalten wurden, in all den Deklarationen, die verkündet, und den Absichtserklärungen, die unterzeichnet wurden, fehlte ein Name, der dennoch über allem schwebte: Donald Trump. Der US-Präsident hatte den Ton dieses Treffens im ehrwürdigen Hamburger Rathaus gesetzt – mit jener Tirade gegen Europa im Allgemeinen und die erneuerbaren Energien im Speziellen, die er wenige Tage zuvor auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos abgefeuert hatte. Unfreiwillig, aber unverkennbar hatte Trump mit seinen Drohungen, Beschimpfungen und Falschbehauptungen ein trotziges „Jetzt erst recht“ heraufbeschworen. Oder, wie Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche es formulierte: „Dieser Gipfel ist eine schöne Antwort darauf.“

Klarer hätte die Antwort kaum ausfallen können. Hatte Trump die Windkraft noch als „Geschäftsmodell für Loser“ bezeichnet und die Energiewende zum Betrug abgestempelt, sehen die Gipfelteilnehmer gerade darin Garanten für Sicherheit und Wohlstand. Gleich sechs Vereinbarungen unterzeichneten die versammelten Staats- und Regierungschefs, Energieminister und Industrievertreter in Hamburg, um den Ausbau der Windkraft auf See voranzutreiben. Ziel sei es, die Nordsee „zum größten Energiehub der Welt zu entwickeln“, sagte Reiche.

Die Politik garantiert Planungssicherheit – und die Industrie niedrige Kosten

Die wohl wichtigste Vereinbarung darunter ist die „Erklärung von Hamburg – Die Nordsee als Kraftwerk für ein resilientes und wettbewerbsfähiges Europa“. Darin verpflichten sich Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Island, Luxemburg, die Niederlande und Norwegen, bis 2050 Offshore-Windräder mit einer Gesamtkapazität von 300 Gigawatt aufzubauen. Das ist fast das Zehnfache dessen, was heute in Europas Meeren steht. 100 Gigawatt davon sollen gemeinsam in grenzüberschreitenden Projekten realisiert werden. „Wir übernehmen damit die Kontrolle über unsere Zukunft“, erklärte die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen.

Wir übernehmen damit die Kontrolle über unsere Zukunft." Mette Frederiksen, dänische Ministerpräsidentin
Daneben haben die Regierungen gemeinsam mit den Stromnetzbetreibern und der Windindustrie einen Investitionspakt beschlossen. Er soll für einen möglichst gleichmäßigen Ausbau der Offshore-Windenergie zwischen 2030 und 2040 mit 15 Gigawatt pro Jahr sorgen. Gleichzeitig wollen die Staaten einen stabilen Investitionsrahmen schaffen, etwa durch nationale und grenzüberschreitende Differenzverträge (Contracts for Difference, CfDSteht für Contracts for Difference (Differenzverträge): Erhält ein Stromerzeuger bei Ausschreibungen für sein Preisangebot den Zuschlag, kriegt er bei einem niedrigeren Börsenpreis die Differenz erstattet. Liegt der Börsenpreis höher, muss er die zusätzlichen Gewinne abgeben.Steht für Contracts for Difference (Differenzverträge): Erhält ein Stromerzeuger bei Ausschreibungen für sein Preisangebot den Zuschlag, kriegt er bei einem niedrigeren Börsenpreis die Differenz erstattet. Liegt der Börsenpreis höher, muss er die zusätzlichen Gewinne abgeben.) und Direktbelieferungsverträge (Power Purchase Agreements, PPASteht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.Steht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.). Im Gegenzug verpflichtet sich die Windindustrie, die Kosten für Windstrom vom Meer bis 2040 um 30 Prozent zu senken, 9,5 Milliarden Euro in neue Fabriken in Europa zu investieren und 91.000 zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen.

Gerade dieser Investitionspakt stößt in der Branche auf viel Zustimmung. In der Vergangenheit war Offshore-Wind ein Wellengeschäft. Auf Boomphasen folgten Pleiten, Werksschließungen und Entlassungen. Städte wie Bremerhaven haben sich bis heute nicht komplett vom ersten „Fadenriss“ Mitte der Zehnerjahre erholt. Zuletzt breitete sich erneut Resignation in der Branche aus, nachdem Ausschreibungen von Offshore-Windflächen in Deutschland und mehreren anderen Ländern gescheitert waren. Die Auktionsbedingungen, die auf hohe Geldzahlungen der Bieter hinausliefen, passten nicht mehr zu den wirtschaftlichen Gegebenheiten in der Branche. Planungssicherheit und stabile Auftragseingänge stehen deshalb auf der Wunschliste der Unternehmen ganz oben.

Offshore-Wind gilt nicht mehr als Kostenfaktor, sondern als Sicherheitsgarant

Der Gipfel in Hamburg hat aber auch eine Bedeutung jenseits solcher konkreten Beschlüsse. Er hat in der Branche neue Zuversicht geweckt, wie in vielen Gesprächen am Rande der Pressekonferenzen und feierlichen Vertragsunterzeichnungen deutlich wurde. Gerade in der deutschen Politik wurde Offshore-Wind zuletzt häufig vor allem als Kostenfaktor betrachtet; Ausbauziele wurden infrage gestellt.

Davon war in Hamburg nichts zu spüren. Bundeskanzler Friedrich Merz etwa, in der Vergangenheit nicht eben als Fan von Windrädern aufgefallen, beschwor die geopolitische Bedeutung des Windgipfels. Es gehe um „Freiheit, Sicherheit und den Wohlstand unserer Gesellschaft“. Auf dem Spiel stehe „nichts weniger als unsere Art zu leben“. Ganz ähnlich klang EU-Energiekommissar Dan Jørgensen: „In einer Zeit, in der einige lieber auf fossile Brennstoffe zurückgreifen und dem enormen Potenzial von Offshore-Windenergie und erneuerbaren Energien den Rücken kehren, steht Europa fest zu seiner Entscheidung für heimische saubere Energie.“

Europa rückt beim Thema Offshore-Wind zusammen

Ich glaube, dass von diesem Gipfel ein ganz neues Momentum für die Branche ausgehen kann.“ Irina Lucke, Vorstandschefin BWO
In der Windindustrie kommen solche Worte gut an. Dennis Rendschmidt, Geschäftsführer des Maschinenbauverbandes VDMA Power Systems, sprach von einem „sehr klaren Lebenszeichen“ und einem „starken Bekenntnis der europäischen Politik zur Offshore-Windenergie“. Aufbruchsstimmung klingt auch aus den Worten von Irina Lucke, Vorstandschefin des Bundesverbands Windenergie Offshore (BWO): „Für mich als überzeugte Europäerin war das eine großartige Veranstaltung. Man hat in jedem einzelnen Statement der Regierungschefs und Minister gespürt, dass der Kontinent zusammenrückt.“ Früher habe jedes Land sein eigenes Ding in der Offshore-Windenergie gemacht, künftig aber arbeiteten alle zusammen, sagte Lucke, die mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Windkraft auf See hat. „Ich glaube, dass von diesem Gipfel ein ganz neues Momentum für die Branche ausgehen kann.“

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