Europäische Energiepolitik

„Die geopolitische Realität verlangt nach mehr Windenergie“

500 Öltanker weniger pro Jahr: Schon heute spart Windenergie massiv fossile Importe ein. WindEurope-Chefin Tinne Van der Straeten plädiert für entschlossene Politik – und warnt vor einem Abbremsen der Energiewende.
Interview: Heiko Hamann
30.03.2026 | 9 Min.
Erschienen in: Ausgabe 04/2026
Tinne Van der Straeten, CEO des europäischen Branchenverbandes WindEurope
Tinne Van der Straeten, CEO des europäischen Branchenverbandes WindEurope
Foto: Jesse De Meulenaere

neue energie: Sie treten Ihr Amt zu einem Zeitpunkt an, an dem sich die geopolitische Lage – zuletzt aufgrund des Iran-Kriegs – erneut spürbar verschärft hat. Wie beurteilen Sie persönlich die Situation, und welche Prioritäten setzen Sie derzeit, um die Onshore-Windenergie in Deutschland und Europa trotz dieser Unsicherheiten zuverlässig voranzubringen?

Tinne Van der Straeten

ist eine belgische Politikerin und Juristin mit eigener Kanzlei und war bis 2024 Energieministerin von Belgien. Seit Januar 2026 ist sie CEO des europäischen Branchenverbandes WindEurope.

Tinne Van der Straeten: Wir sind in der Tat in eine neue Energiekrise geraten. Es ist nicht die erste und es wird nicht die letzte sein. Und sie folgen alle dem gleichen Muster: Europa ist zu stark von Importen fossiler Brennstoffe abhängig. Diese Importe sind hochgradig anfällig für geopolitische Entwicklungen, Unterbrechungen der Lieferketten und Preisschwankungen. Genau das erleben wir gerade.

Unsere übermäßige Abhängigkeit von fossilen Importen untergräbt die Energiesicherheit Europas, erschwingliche Strompreise und die industrielle Wettbewerbsfähigkeit. Seit Beginn des Konflikts im Iran hat Europa bereits sechs Milliarden Euro zusätzlich für fossile Brennstoffimporte ausgegeben. Die Förderung der Versorgung mit heimischen erneuerbaren Energien ist die einzige zukunftssichere Strategie für Europa. Die Onshore-Windenergie ist in einer einzigartigen Position, um Europa bei der Wettbewerbsfähigkeit und Energiesicherheit zu unterstützen. Europas Windparks vermeiden bereits jetzt Importe fossiler Brennstoffe in einer Menge, die 500 großen Öltankern entspricht. Die Regierungen brauchen uns jetzt, um Ergebnisse zu liefern.

In meiner früheren Funktion als belgischer Energieminister war ich während der letzten großen Energiekrise im Jahr 2022 dabei. Damals war Deutschland führend bei der Festlegung der Krisenreaktion der EU. Die deutsche Regierung nutzte die EU-Notverordnung in vollem Umfang, um die Genehmigungsverfahren für Windenergie zu beschleunigen und die Versorgung mit heimischen erneuerbaren Energien anzukurbeln. Sie bewiesen, was Entschlossenheit und kluge Politik in kurzer Zeit bewirken können: Allein im letzten Jahr genehmigte Deutschland 20 GW an neuen Windparks. Wir brauchen in der aktuellen Krise dieselbe „Alles-oder-nichts“-Einstellung – von allen Regierungen in Europa.

Netzpaket und Erneuerbare-Energien-Gesetz aus europäischer Perspektive

ne: Wie bewerten Sie die bisher bekannten Maßnahmen zum deutschen Netzpaket und zum EEG im Hinblick auf den Ausbau der Onshore-Windenergie? Welche Hebel müssen noch angepasst werden? 

Van der Straeten: Deutschland war in den letzten Jahren das leuchtende Vorbild in Europa, wenn es um den Ausbau der Onshore-Windenergie geht. Sie haben für 2025 mehr als 20 GW genehmigt und 14 GW vergeben. Darüber hinaus haben Sie fünf GW installiert, 30 Prozent aller im letzten Jahr in Europa neu errichteten Windenergieanlagen. Ihre wachsende Projektpipeline führt zu mehr Wettbewerb bei Auktionen und günstigeren Preisen – ein wichtiges Signal in der aktuellen politischen Debatte.

Der rasante Ausbau der Solarenergie, aber auch der Onshore-Windenergie, belastet die deutschen Netze. Und Sie sind nicht allein: Im vergangenen Jahr wurde im EU-Netzpaket ein Investitionsbedarf von mehr als 500 Milliarden Euro in ganz Europa ermittelt, um die europäische Netzinfrastruktur zu modernisieren und auszubauen. Daher ist es verständlich, dass die Bundesregierung den Schwerpunkt auf Systemintegration und Netzerweiterung legen will. Es ist auch verständlich, dass die Regierung eine Überarbeitung des EEG anstrebt, um den EU-Rechtsvorschriften zu entsprechen und unter anderem Differenzkontrakte (CfDs) einzuführen.

Doch es war schon immer ein Grundprinzip, dass der Ausbau der Netze dem Ausbau der Erzeugungskapazitäten aus erneuerbaren Energien folgt. Es ist ein großer Erfolg, dass es Deutschland gelungen ist, seine Erzeugungskapazitäten zu steigern. Nun müssen die Netze nachziehen. Dies ist eine dringende Aufgabe für die Regierung und die Übertragungsnetzbetreiber. Übrigens: Das sagt nicht nur die Branche der erneuerbaren Energien. Es sind auch die industriellen Abnehmer, die dringend mehr Strom aus erneuerbaren Energien benötigen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Lassen Sie mich das klarstellen: Die aktuelle geopolitische Lage erfordert mehr erneuerbare Energien, eine schnellere Elektrifizierung des industriellen Bedarfs und enorme Investitionen in die Netze. Die durchgesickerten Entwürfe des EU-Netzpakets und der EEG-Novelle bergen die Gefahr, dass die guten Fortschritte, die Deutschland in den letzten Jahren erzielt hat, gebremst werden. Dies wäre nicht nur kontraproduktiv, sondern würde auch die Energiesicherheit Deutschlands untergraben und Deutschland als Industriestandort direkt gefährden, insbesondere für energieintensive Branchen.

Beteiligung von Kommunen und lokalen Gemeinschaften

ne: Welche Beteiligungs- und Standortmodelle schaffen nachhaltige lokale Wertschöpfung und lassen sich EU-weit skalieren?

Van der Straeten: Es ist wichtig zu betonen, dass die europäische Windindustrie bereits jährlich zehn Milliarden Euro an Steuern zahlt, von denen zwei Milliarden Euro direkt an die lokalen Kommunen fließen. In vielen Fällen werden Windkraftanlagen in abgelegenen, ländlichen Gebieten errichtet und stellen oft die größte Einzel-Einnahmequelle für die lokalen Gemeinden dar. Auf diese Weise wirkt die Windenergie gesellschaftlichen Trends wie der Entvölkerung und dem industriellen Niedergang in diesen ländlichen Regionen entgegen.

Der Ausbau der Onshore-Windenergie in Deutschland hat seine Wurzeln in einer Tradition der „Bürgerenergie“ und der direkten finanziellen Beteiligung. Diese Modelle tragen dazu bei, das Eigenverantwortungsgefühl und die lokale Akzeptanz zu stärken. Sie lassen sich jedoch nicht überall anwenden. Erstens, weil andere Länder in Europa nicht über dieselbe Geschichte und Vielfalt an Akteuren verfügen. Zweitens, weil in vielen Ländern – insbesondere in Süd- und Osteuropa – die Bürger vor Ort einfach nicht über die Mittel verfügen, um in lokale Windparkprojekte zu investieren.

Wir müssen also andere Wege finden, um sicherzustellen, dass Kommunen und lokale Gemeinschaften an Projekten beteiligt werden und greifbare Vorteile aus nahegelegenen Windparks ziehen können. Dies kann von der Mitbestimmung bei regionalen Strompreisen oder über Gemeindefonds bis hin zu direkten finanziellen Zahlungen an die Kommunen reichen. Deutschland hat in seinem EEG eine pragmatische Regelung gefunden, die es Anwohnern, die nicht über die Mittel verfügen, direkt in ein Projekt zu investieren, dennoch ermöglicht, von der Windenergie zu profitieren.

Mehr Volumen für die deutschen Wind-Auktionen

ne: Wie sollten Volumina, Preismechanismen und Qualifikationskriterien aussehen, um sicherzustellen, dass Onshore-Projekte trotz steigender Zinsen und Kosten finanziell rentabel bleiben?

Van der Straeten: Onshore-Windenergie ist in weiten Teilen Europas die kostengünstigste Form der Stromerzeugung. Jede neue Windkraftanlage in Europa verringert unsere Importabhängigkeit. Europas Windkraftanlagen ersparen uns bereits jedes Jahr 500 große Öltanker mit fossilen Brennstoffen. Windenergie ist gleichbedeutend mit (Energie-)Sicherheit. Dies sollte einen Wert an sich haben und entsprechend vergütet werden.

Deutschland ist derzeit nicht auf Kurs, sein Ziel für 2030 zu erreichen."
Zu Ihrer Frage: Eine einfache Lösung für steigende Zinsen und Kosten sind Anpassungen der Preisobergrenzen in bestimmten Auktionsrunden. Diese Diskussionen könnten wieder auf den Tisch kommen, wenn der aktuelle Iran-Konflikt zu weiteren Störungen und Inflation führt. Aber diese Diskussion geht in Deutschland am Kern der Sache vorbei. Die Auktionen sind gesund überzeichnet, und die durchschnittlichen Gebotspreise sinken tatsächlich, statt zu steigen. Daher sind Anpassungen der Preisobergrenze derzeit nicht das richtige Thema. Stattdessen sollte die Bundesregierung eine Erhöhung der Auktionsvolumina für Onshore-Windenergie in Betracht ziehen. Deutschland ist derzeit nicht auf Kurs, sein Ziel für 2030 zu erreichen. Und in den nächsten Jahren wird die Stilllegung stark zunehmen, da viele in Betrieb befindliche Anlagen das Ende ihrer Lebensdauer erreichen. Die Projektpipeline ist vorhanden. Die geopolitische Realität verlangt nach mehr Windenergie. Eine Beschleunigung des Ausbaus ist jetzt das Richtige.

CfDs, PPAs und das EU-Strommarktdesign

ne: Welche Mischung aus CfDs, PPAs und industriellen Abnahmemodellen kann Onshore-Investitionen stabilisieren und gleichzeitig in die europäische Marktgestaltung passen? 

Van der Straeten: Onshore-Windenergie hat heute ein sehr solides Investitionspotenzial. Allein im letzten Jahr wurden in Europa 45 Milliarden Euro für neue Windenergieprojekte bereitgestellt, die in den nächsten Jahren ans Netz gehen werden. Mehr als die Hälfte davon wurde zur Finanzierung neuer Onshore-Windprojekte aufgebracht. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen sind gegeben.

Regulatorische Stabilität hat jetzt oberste Priorität. Kapital fließt dorthin, wo Klarheit herrscht. Die europäischen Staats- und Regierungschefs dürfen nicht am EU-Strommarktdesign (EMD) oder am EU-Emissionshandelssystem (ETS) rütteln. Eine Änderung der Spielregeln mitten im Spiel würde künftige Investitionen untergraben. Das kann sich Europa nicht leisten. Vor allem nicht im aktuellen geopolitischen Umfeld. Wir müssen heimische erneuerbare Energien so schnell wie möglich ausbauen.

Es ist gut, dass die Europäische Union sich hinter das bestehende EMD gestellt hat. Positiv ist auch, dass Kommissionspräsidentin von der Leyen in ihrem Schreiben an die EU-Regierungschefs im Vorfeld der jüngsten Tagung des Europäischen Rates die Notwendigkeit betont hat, erneuerbare Energien zu fördern, den Ausbau der Netzinfrastruktur voranzutreiben und Stromabnahmeverträge (PPAs) zu nutzen. Genau das ist der richtige Weg.

ne: Welche EU-Länder haben ihre Onshore-Prozesse am stärksten beschleunigt? Welche Aspekte könnten kurzfristig auf Deutschland übertragen werden?

Van der Straeten: Deutschland liegt derzeit an der Spitze. WindEurope erwartet, dass Deutschland bis 2030 53 GW installieren wird. Das ist mehr als ein Drittel dessen, was wir für ganz Europa in diesem Zeitraum erwarten. Das ist der Entschlossenheit Deutschlands zu verdanken, die Genehmigungsverfahren für Windenergie zu verbessern, sowie der konsequenten Anwendung des „übergeordneten öffentlichen Interesses“. Ich habe bereits erwähnt, dass Deutschland bei der letzten Energiekrise im Jahr 2022 eine Vorreiterrolle einnahm. Deutschland zeigt, was politischer Wille bewirken kann.

Initiative „Energy Highways“: Grenzüberschreitende Netzverbindungen

ne: Welche europäischen Kooperations- und Netzprojekte schaffen die größte wirtschaftliche Hebelwirkung speziell für den deutschen Onshore-Ausbau?

Van der Straeten: Europa braucht ein stärker vernetztes Stromnetz. Erstens, weil Strom in Zukunft eine größere Rolle spielen wird und Industrie, Mobilität und Heizung antreibt. Zweitens, weil mehr Verbindungsleitungen auch eine Frage der Energiesicherheit sind. Sie machen Europa insgesamt widerstandsfähiger und weniger anfällig für böswillige Angriffe auf die Energieinfrastruktur. Das EU-Netzpaket legt einen besonderen Schwerpunkt auf diese Verbindungsleitungen. Mit der Initiative „Energy Highways“ hat das Netzpaket acht wichtige Netzverbindungen identifiziert, die derzeit den dringendsten Bedarf an Energieinfrastruktur darstellen. Zu diesen acht Projekten gehört die Verbindungsleitung „Bornholm Energy Island“ zwischen Deutschland und Dänemark.

ne: Was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt, und welche konkreten Ergebnisse in Deutschland und Europa möchten Sie bis 2030 sichtbar erreicht haben?

Van der Straeten: Ich freue mich sehr, nun CEO von WindEurope zu sein. Ich beschäftige mich seit vielen Jahren und in verschiedenen Funktionen mit der Politik im Bereich der erneuerbaren Energien. Ein auf erneuerbaren Energien basierendes Energiesystem bietet unzählige Vorteile: Es ist bezahlbar, sauber und sicher. Es stammt aus heimischer Produktion, macht uns unabhängiger von fossilen Brennstoffen und von den damit verbundenen Schwankungen. Windenergie kann uns helfen, die Kontrolle über unsere Energieerzeugung zurückzugewinnen und wettbewerbsfähige Strompreise für Europas Unternehmen und Haushalte zu ermöglichen. Für mich ist dies ein Weg, für den es sich zu kämpfen lohnt.

Die wesentliche Aufgabe, die nun vor uns liegt, ist die Elektrifizierung. Dies muss unsere oberste Priorität sein. Deutschland ist bereits ein Vorreiter in der Windenergie. Und mit der Elektrifizierung kann Deutschland – einmal mehr – zu einem Vorzeigeland für Innovation und transformative Lösungen werden. Sie sind Europas Industriemacht – Sie können der Beweis dafür sein, dass hochindustrialisierte Länder mit erneuerbaren Energien elektrifiziert werden können. Und – wieder einmal – werden viele andere Länder der Welt von Ihrem Beispiel lernen und Ihre Lösungen nachahmen wollen. Elektrifizierung geht über die Windenergie hinaus. Sie kann zu einem Wachstumsmotor für die gesamte deutsche Wirtschaft werden.

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