Gastbeitrag

Außen- und sicherheitspolitische Ziele der EU-Energiepolitik: von Markt zu Macht?

Die außen- und sicherheitspolitische Bedeutung der Energiepolitik hat seit der Corona-Pandemie und dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine stark zugenommen. Die EU steht vor der Herausforderung, ihre bislang marktorientierte Energiepolitik strategisch neu auszurichten.
Von:  Jacopo Maria Pepe
16.01.2026 | 2 Min.
Erschienen in: Ausgabe 02/2026
Energie als Machtwerkzeug: Jacopo Maria Pepe erklärt die Abhängigkeiten der EU – und wie sie sie auflösen will.
Energie als Machtwerkzeug: Jacopo Maria Pepe erklärt die Abhängigkeiten der EU – und wie sie sie auflösen will.
Foto: Stiftung Wissenschaft und Politik

Die außen- und sicherheitspolitische Dimension der Energiepolitik hat insbesondere seit der Corona-Pandemie und dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine erheblich an Bedeutung gewonnen. Die Verzahnung von Energiepolitik mit sicherheitspolitischen Zielen stellt die EU vor große Herausforderungen. Bis zum 22. Februar 2022 war die EU-Energiepolitik primär marktorientiert und darauf fokussiert, Fälle von Marktbeherrschung im Binnenmarkt zu vermeiden. Bereits 2007 nahmen die EU und ihre Mitgliedstaaten Anlauf zu einer koordinierten Energiepolitik. Der Vertrag von Lissabon (2009) schuf dafür eine supranationale Grundlage. Das 2015 verabschiedete Paket zur Energieunion sollte Energiesicherheit strategisch verankern. Das Vorhaben hatte allerdings nur mäßigen Erfolg. Im Vordergrund standen die Liberalisierung und Marktintegration des Gas- und Stromsektors. Eine mit vollständigen Hoheitsbefugnissen ausgestattete Energieaußenpolitik konnte indes nicht etabliert werden (und fehlt weiterhin). In dieser Zeit hatte zudem die Klimapolitik Vorrang vor Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit. Während die EU mit dem Green Deal Klimaziele klar und offensiv priorisierte, diente ihr die Verzahnung von Energie- und Klimaaußenpolitik vor allem zur Förderung globaler Klimaschutzmaßnahmen. Die Aspekte Energiediplomatie und Versorgungssicherheit traten dahinter zurück.

Seit der Corona-Pandemie und mehr noch seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und den daraus folgenden Verwerfungen auf den Energie- und Rohstoffmärkten hat der politisch motivierte Missbrauch von Energieinterdependenzen (»weaponization«) zugenommen. Für die EU bedeutet dies, dass sie ihre energiepolitischen Ziele, Prioritäten und Instrumente neu ausrichten muss – sowohl mit Blick auf die fossile Energieversorgung als auch die Energietransformation.

Auch wenn Dekarbonisierung und grüne Transformation wichtige Treiber der EU-Energiepolitik bleiben, lässt sich in der Haltung gegenüber dem Energie-Trilemma – dem Konflikt zwischen den Zielen Nachhaltigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit – eine Verschiebung beobachten. Das Hauptinteresse gilt nun der Minimierung von Risiken durch den Aufbau industriepolitischer Resilienz, Autonomie und Unabhängigkeit sowie dem verstärkten Einsatz regulativer, wirtschaftlicher und industriepolitischer Instrumente zur geopolitischen Einflussnahme auf externe Akteure. Dadurch kommt auch der Dekarbonisierung nicht mehr nur eine klimapolitische, sondern auch eine geoökonomische Funktion zu. Die EU und ihre Mitgliedstaaten setzen im Zuge dieser veränderten Priorisierung eine Vielzahl neuer wirtschaftlicher und technologischer Maßnahmen ein. Diese beruhen auf einem umfassenden, teils erneuerten rechtlich-regulatorischen Werkzeugkasten. Dieser zunehmende Einsatz der Energiepolitik als geoökonomischem Machtinstrument offenbart zugleich die fortbestehenden finanziellen, wirtschaftlichen und institutionellen Grenzen des EU-Handelns.

Dieser Gastbeitrag ist ein Auszug aus dem Kapitel „Energiepolitik in der geoökonomischen Zeitenwende: Die EU zwischen Markt und Macht“, erschienen in der SWP-Studie „Mehr Macht, weniger Markt – Denken und Handeln in der geoökonomischen Zeitenwende“ vom 30. Oktober 2025. Den vollständigen Text sowie weitere Publikationen von Jacopo Maria Pepe lesen Sie auf der Website der SWP.

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