Kraftwerksstrategie

„Teuer und klimaschädlich“

Wirtschaftsminister Habeck setzt als Backup fürs Stromsystem auf neue Erdgaskraftwerke, die später emissionsfrei werden sollen. Ein Thinktank geht damit hart ins Gericht.
Von:  Joachim Wille
18.03.2024 | Aktualisierung: 05.04.2024 | 3 Min.

Erneuerbare Energien liefern inzwischen mehr als die Hälfte des in Deutschland verbrauchten Stroms. Um den Anteil weiter auf 100 Prozent zu erhöhen, sind wegen der mit Wetter und Tageszeit schwankenden Erzeugung ergänzend flexible Kapazitäten erforderlich, um den Strombedarf jederzeit decken zu können. Die Bundesregierung sieht dazu vor allem den Bau von Erdgas-Kraftwerken vor. Der Thinktank „Energy Watch Group“ (EWG) hält das für eine verfehlte Strategie. Es sei „die teuerste und klimaschädlichste Option“, warnt sie und wirbt für ein Alternativkonzept.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat die Kraftwerksstrategie nach langer Ampel-interner Debatte im Februar vorgestellt. Es werden danach neue Backup-Kraftwerke mit insgesamt zehn Gigawatt (GW) Leistung in vier Tranchen zu je 2,5 GW ausgeschrieben, die mit Erdgas betrieben und ab etwa 2035 bis 2040 auf grünen Wasserstoff umgerüstet werden sollen. Außerdem soll ein „marktorientierter, technologie-neutraler Kapazitätsmechanismus“ geschaffen werden, um weitere flexible Kapazität zu beschaffen. Die Ausschreibung der Kraftwerke und die Ausgestaltung des Mechanismus` sollen bis Ende des Sommers erfolgt sein.

Fokus auf große, zentrale Kraftwerke

Die EWG sieht kritisch, dass der Plan des Neubaus von Erdgaskraftwerken Vorteile vor allem für große Energieversorgungsunternehmen, Kraftwerksbauer und Erdgasversorger bedeute. Es würden die bisherigen Strukturen zementiert, darunter ein Stromsystem mit großen, zentralen Kraftwerken, und später eine zentralisierte Nachfrage für Wasserstoff geschaffen. „Diese Verengung verteuert die flexible Kapazität und damit den Strompreis in Deutschland, verzögert den Ausbau der flexiblen Kapazität und damit Hochlauf und Nutzung von Wind- und Photovoltaik-Strom“, urteilt der Thinktank. Die EWG besteht aus einer Gruppe von internationalen Energiewende-Fachleuten und Abgeordneten. Ihr Präsident ist der frühere Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Josef Fell, einer der Begründer des Erneuerbare-Energien-Gesetzes der rot-grünen Bunderegierung von 2000.   

Die Ziele eines stabilen Erneuerbaren-Stromsystems lassen sich laut den Experten „schneller, günstiger und ohne zusätzlichen CO2-Ausstoß erreichen“, und zwar ohne den Neubau von Erdgaskraftwerken. Im Einzelnen schlägt die EWG vor, zum Beispiel heutige Erdgas-Kraftwerke, die zusammen 35 GW leisten, als flexible Kapazität zu nutzen und heutige Biogas-Kraftwerke (zwölf GW) künftig nicht mehr in der Grundlast laufen zu lassen, sondern auf flexible Kapazität umzurüsten. Außerdem sollten bestehende Stromspeicher (Pumpspeicher-Kraftwerke und Batterien) stärker genutzt und neue gebaut werden. Und es sei sinnvoll, neue Kraftwerke zu bauen, die direkt grünen Wasserstoff nutzen, wenn dieser in ausreichenden Mengen verfügbar ist.

Flexible Stromtarife notwendig

Die EWG fordert, den geplanten Kapazitätsmechanismus so zu gestalten, „dass möglichst wenig flexible Kapazität erforderlich ist und diese dann günstig und CO2-frei beschafft wird“. Hierbei sei es wichtig, zeitabhängige Strompreise einzuführen, damit Stromnachfrage in die Zeiten hoher Wind- und Solar-Stromerzeugung verschoben wird, so wie es Habecks Strategie bereits vorsieht, was allerdings den flächendeckenden Einbau intelligenter Stromzähler voraussetzt. Der Restbedarf an flexibler Kapazität müsse dann „technologieoffen – alle Speicher und Erneuerbare zulässig – und erzeugeroffen – nicht nur Große zulässig –“ beschafft werden. Der Thinktank argumentiert, mit dieser Alternativstrategie ließen sich „für den Steuerzahler Milliarden Euro sparen“, und es werde weder die weitere Erdgasverbrennung über Jahre hinaus noch die Vormacht großer Stromversorger zementiert. Außerdem könne so der für 2030 angestrebte Kohleausstieg gelingen.

 

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