neue energie: Herr Heilmann, die Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), Ihre Parteifreundin, hat eine ganze Reihe wichtiger Energiegesetze auf den Weg gebracht, darunter den grundlegenden Umbau des Heizungsgesetzes. Damit soll der Einbau neuer Gas- und Ölheizungen weiter möglich sein. Der Entwurf ist umstritten. Finden Sie ihn in Ordnung?
ist Vorsitzender der Klima-Union, einer CDU/CSU-nahen Gruppierung, die Klimaschutz und marktwirtschaftliche Lösungen in der Union stärken will. Der Jurist und Unternehmer war von 2012 bis 2016 Berliner Senator für Justiz und Verbraucherschutz und gehörte von 2017 bis 2025 dem Bundestag an. Dort profilierte sich der CDU-Politiker unter anderem in Klima- und Energiefragen. 2024 zog Heilmann vor das Bundesverfassungsgericht, um die Reform des Klimaschutzgesetzes zu stoppen. Seit 2022 steht er an der Spitze der Klima-Union.
ne: Was müsste trotz der Nachbesserungen noch geändert werden?
Heilmann: Das System kann grundsätzlich geändert werden. Für das Klimaziel 2045 ist die neue Fassung besser geworden. Um sicherzustellen, dass das Gesetz nicht vom Bundesverfassungsgericht gekippt wird, müssen die verbleibenden rechtlichen Risiken beseitigt werden: Die Nachsteuerung darf nicht unverbindlich bleiben, das 49-Prozent-Erneuerbaren-Ziel der EU für den Gebäudesektor muss sauber berücksichtigt werden und die Bio-Treppe zur Nutzung von Biogas und Bioöl muss früher und deutlich ambitionierter ansteigen. Sie darf auch nicht bei 60 Prozent enden, sondern muss zusammen mit der noch einzuführenden Grüngas-Quote bis 2045 auf 100 Prozent steigen. Änderungen können im parlamentarischen Verfahren von den Koalitionsfraktionen durchgesetzt werden. Gerade die Union sollte darauf achten, dass aus berechtigter Kritik am alten Heizungsgesetz kein Gesetz entsteht, das neue Fehlinvestitionen provoziert. Konservative Politik schützt Eigentum. Dazu gehört auch, Menschen vor Investitionen zu bewahren, die sich nach wenigen Jahren als wirtschaftliche Sackgasse erweisen könnten.
ne: Reiche setzt im Strombereich vor allem auf Gaskraftwerke, um die Versorgung in Dunkelflauten abzusichern. Braucht es so viele neue Gasanlagen, wie sie jetzt geplant sind? Es werden Alternativen wie die Umrüstung vorhandener Biogasanlagen, mehr Batteriespeicher oder mehr Flexibilität in der Stromnutzung diskutiert.
ne: Auch beim Ausbau von Wind und Photovoltaik zeichnet sich ein Kurswechsel ab: Neue Anlagen sollen sich strikt an den begrenzten Netzkapazitäten orientieren. Unterstützen Sie diesen Ansatz? Die Erneuerbaren-Branche und Umweltverbände befürchten einen Absturz.
Heilmann: Es ist richtig, den Ausbau erneuerbarer Energien, den Netzausbau, Speicher und neue Verbraucher besser aufeinander abzustimmen. Für Standort-Entscheidungen einer Windanlage sollte nicht allein der Ertrag, sondern auch die Möglichkeit, den erzeugten Strom abzutransportieren, eine Rolle spielen. Die Antwort kann aber nicht lauten, den Ausbau pauschal zu bremsen. Netzengpässe sind in erster Linie ein Infrastrukturproblem. Sie werden nicht dadurch gelöst, dass wir weniger günstigen Strom erzeugen, sondern durch schnellere Netze, eine bessere Nutzung vorhandener Leitungen, Speicher, flexible Verbraucher und regionale Preissignale.
ne: Was schlagen Sie vor?
ne: In jedem Fall wird zukünftig mehr Strom gebraucht, weil die große Elektrifizierung ansteht: E-Autos, Wärmepumpen und Prozessenergie in der Industrie. Spitzenpolitiker von CDU und CSU wie Jens Spahn und Markus Söder plädieren dazu für die Reaktivierung stillgelegter Atomkraftwerke und neue Mini-AKW. Ist das der richtige Kurs? Und ist er realistisch?
Heilmann: Die Abschaltung der letzten drei weitgehend abgeschriebenen Kernkraftwerke mitten in der Energiekrise war aus meiner Sicht ein Fehler. Diese Entscheidung lässt sich heute aber nicht einfach per Knopfdruck rückgängig machen. Anlagen wurden zurückgebaut, Personal und Lieferketten wurden aufgelöst und die Betreiber selbst äußern große Zweifel an einer Wiederinbetriebnahme. Neue konventionelle Kernkraftwerke würden frühestens in 15 Jahren Strom liefern und wären mit erheblichen Finanzierungsrisiken verbunden. Auch kleine modulare Reaktoren sind bisher keine kurzfristig verfügbare und kostengünstige Standardtechnologie. Forschung, insbesondere zur Kernfusion sollten wir weiter vorantreiben. Für die Energiepreise der nächsten zehn bis 20 Jahre und damit auch für die Herausforderungen der Klimaneutralität sind sie jedoch keine tragende Lösung.
ne: Die Bundesregierung will Klimaschutz stärker mit Wettbewerbsfähigkeit und niedrigeren Energiepreisen verbinden. Wie kann das funktionieren?
ne: Konkret bedeutet das?
Heilmann: Mehr Freileitungen statt unnötig teurer Erdverkabelung, schnellere Genehmigungen, digitale Verteilnetze, einen beschleunigten Smart-Meter-Rollout, eine bessere Nutzung bestehender Netzanschlüsse, flexible Stromtarife und einen technologieoffenen Kapazitätsmarkt. Außerdem muss der Emissionshandel zum zentralen Leitinstrument werden. Ein klarer CO2-Preis ermöglicht Wettbewerb zwischen Technologien und ersetzt perspektivisch viele kleinteilige Vorgaben. Die Einnahmen sollten nicht zum Stopfen allgemeiner Haushaltslöcher verwendet werden, sondern an Bürger und Unternehmen zurückfließen und Investitionen in klimafreundliche Technologien erleichtern.
ne: Herr Heilmann, Sie haben 2024 in Karlsruhe gegen das Klimaschutzgesetz der Ampel geklagt, unter anderem, weil die einzelnen Sektoren wie Gebäude und Verkehr ihre CO2-Ziele nicht mehr trennscharf einhalten müssen. Sie befürchteten eine Schwächung des Klimaschutzes. Müsste die Merz-Regierung die verbindliche Verantwortung der Sektoren nicht wiederherstellen?