Scheitern die Bemühungen um unser Klima, obwohl im zurückliegenden Dezember der neue Weltklimavertag als historischer Erfolg gefeiert wurde? Blickt man auf die Entwicklung in Deutschland, wird das immer wahrscheinlicher. Egal, welchen Zeithorizont man betrachtet – 2020, 2030 oder 2050 –, sämtliche bislang offiziell formulierten Ziele zur Reduzierung klimaschädlicher Emissionen werden mit den aktuellen Anstrengungen verfehlt. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Untersuchung des Energieexperten Joachim Nitsch. Der langjährige Berater der Bundesregierung und ehemalige Abteilungsleiter am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat jetzt im Auftrag des Bundesverbands Erneuerbare Energie die Untersuchung „Die Energiewende nach COP 21 – aktuelle Szenarien der deutschen Energieversorgung“ vorgelegt.
„Die derzeitigen Maßnahmen zeigen, dass die Politik das Problem zwar erkannt hat, aber bei der wirksamen Umsetzung im Verzug ist“, fasst Nitsch das Ergebnis zusammen. Die deutsche Regierung bleibt demnach weit hinter ihren Versprechungen zurück – damit nimmt eine der leistungsfähigsten Industrienationen ihre mögliche Vorbildfunktion nicht wahr. Sollte die aktuelle Entwicklung anhalten, könnte sich die Situation sogar noch zuspitzen, so Nitsch. „Die Ausgangslage hat sich verschlechtert. Zum einen sind im Vergleich zu 2014 Primärenergieverbrauch und Treibhausgasemissionen wieder leicht gestiegen. Zum anderen sind die Anreize für einen Umbau der Energieversorgung derzeit noch geringer als Ende 2014. Wir sehen sehr niedrige Preise für fossile Energien und für Börsenstrom, die CO2-Preise sind ebenfalls sehr niedrig. Und vielleicht noch schlimmer, der Klimaschutz wie auch die Energiewende genießen insgesamt geringe politische Priorität.“
Angesichts der Pariser Beschlüsse sei dies besonders enttäuschend, betont der Wissenschaftler, der lange Zeit für das Bundesumweltministerium die sogenannte Leitstudie zur deutschen Energiewende erstellt hat. Nitsch vergleicht in seiner Studie zwei mögliche Entwicklungspfade. In einem ersten Szenario, das den aktuellen Trend beschreibt, wird untersucht, welche Mengen klimaschädlicher Schadstoffe ausgestoßen werden, sollten in Deutschland lediglich die aktuellen Vorgaben der Bundesregierung umgesetzt werden – so wie sie sich etwa im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) von 2014 finden oder in den vorliegenden EEG-Novellierungsplänen, mit denen die Ausbaukorridore für Erneuerbare zementiert oder sogar verschärft werden sollen.
„Die Politik ist bei der wirksamen Umsetzung der Energiewende in Verzug.“ Joachim Nitsch, Studienautor
Selbst wenn im Vergleich zur Vergangenheit die Anstrengungen zur Steigerung der Energieeffizienz wesentlich erfolgreicher sein sollten, könne das von Deutschland selbstgesteckte Ziel einer Emissionsreduzierung um 40 Prozent bis 2020 gegenüber 1990 nicht mehr erreicht werden: „Dieser Zug ist abgefahren. Es ist zu viel Zeit verstrichen“, so Nitsch. Auf lange Sicht verschlimmert sich das Problem. Blickt man mit dem ersten Szenario bis zum Jahr 2050, würde die Absenkung der Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 nur 58 Prozent erreichen. Eigentlich sollten es minus 80 bis 95 Prozent werden. So steht es im Energiekonzept der Bundesregierung aus dem Jahr 2011.
Auch hinsichtlich der Realisierung gab es klare Vorstellungen: Der Erneuerbaren-Ausbau in allen Sektoren und die schnelle Steigerung der Energieeffizienz müssten vorangetrieben werden. Dass das funktionieren kann, hat sich in der Vergangenheit gezeigt. Zwei Drittel der seit 1990 erreichten CO2-Minderung von jährlich 252 Millionen Tonnen wurden durch den Ausbau der Erneuerbaren bewirkt – zu gut 70 Prozent durch den Ausbau der Stromerzeugung. Vor allem in der Steigerung der Energieeffizienz stecken also noch deutliche Potenziale einer weiteren Treibhausgasminderung.
„Das untere Reduktionsziel im Energiekonzept der Bundesregierung von minus 80 Prozent im Jahr 2050 reicht nach den Erkenntnissen der Pariser Klimakonferenz jedoch nicht mehr aus, wenn ein Industrieland wie Deutschland seinen angemessenen Beitrag zur Sicherstellung des globalen Zwei-Grad-Ziels bis 2050 leisten soll“, mahnt Joachim Nitsch an. Idealerweise müsste Deutschland bereits bis zum Jahr 2040 zu 100 Prozent auf fossile Energieträger verzichten. Wolle man die Erderwärmung auf unter zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter begrenzen, müssten die CO2-Emissionen in der EU nach 2040 sogar „negativ“ sein. Werden die bereits vor fünf Jahren im Energiekonzept formulierten deutschen Maximalziele verfehlt, gelingt dies nur, indem man der Atmosphäre Kohlendioxid entzieht – etwa durch die höchst umstrittene, weil riskante CCSSteht für Carbon Capture and Storage: das Einfangen und dauerhafte Einlagern von CO2. Beim verwandten CCU dient das eingefangene CO2 als Rohstoff für Produkte.Steht für Carbon Capture and Storage: das Einfangen und dauerhafte Einlagern von CO2. Beim verwandten CCU dient das eingefangene CO2 als Rohstoff für Produkte.-Technologie (neue energie 1/2016).
„Wir benötigen einen viel ambitionierteren Ausbau der Erneuerbaren.“ Joachim Nitsch, Studienautor
Nitsch weist in einem zweiten Szenario nach, dass die Obergrenze der Ziele aus dem Energiekonzept von 2011 aber erreichbar ist. Allerdings müsste dazu die Energiewende erheblich an Fahrt aufnehmen: „Wir benötigen einen viel ambitionierteren Ausbau der Erneuerbaren. Bei der Windenergie an Land etwa müssten in Deutschland bis 2020 rund 60 Gigawatt Leistung installiert sein statt 53 Gigawatt, die es mit der aktuellen Politik voraussichtlich werden könnten. Bei der Photovoltaik sind 55 Gigawatt erforderlich, gegenüber den nach derzeitigem Stand zu erwartenden 48 Gigawatt.“ Würde der Ausbau in diesem Umfang realisiert, wäre bis 2020 ein Erneuerbaren-Anteil an der Stromerzeugung von 43 Prozent erreichbar.
Der derzeit geltende Ausbaukorridor für Erneuerbaren-Strom (45 bis 50 Prozent bis zum Jahr 2025; 55 bis 60 Prozent bis zum Jahr 2035) wäre mit 56 Prozent im Jahr 2025 und zehn Jahre später mit 78 Prozent deutlich überschritten – was dringend erforderlich sei, damit Erneuerbaren-Strom in ausreichender Menge im Wärme- und im Verkehrssektor eingesetzt werden kann, um fossile Energieträger zu verdrängen, erläutert der Forscher. Dreh- und Angelpunkt ist demnach der Umbau und die Verknüpfung der genannten Sektoren (neue energie 2/2016). „Neben der Ausweitung der Elektromobilität und dem weiteren Einsatz von Biokraftstoffen müssten zudem wesentlich wirksamere Anreize für Verkehrsverlagerungen und für eine Abkehr von immer schwereren und technisch aufwändigen Fahrzeugkonzepten geschaffen werden“, so Nitsch. Im Wärmebereich müsste auf Heizöl verzichtet und Erdgas effizienter im dann stark wachsenden Segment der Kraft-Wärme-Kopplung eingesetzt werden. Auch sollte die Blockade für den weiteren Biomasseausbau im EEG fallen.
Von all diesen Maßnahmen ist man in Deutschland aber weit entfernt. „Die derzeitige Energiewendepolitik lässt insgesamt noch keine kohärente Strategie erkennen, mit der die großen Herausforderungen eines Komplettumbaus aller Sektoren der Energieversorgung bis 2050 wirksam bewältigt werden könnten. Nur im Stromsektor hatte sich bis vor kurzem eine angemessene Umbaudynamik entwickelt, die aber durch eine zögerliche Weiterführung und den fehlenden, konsequenten Rückbau von Kohlekraftwerken ins Stocken geraten ist“, resümiert Nitsch. Wie aber könnte das Großprojekt Energiewende doch noch gelingen? Von herausragender Bedeutung sind aus Sicht des Wissenschaftlers höhere CO2-Preise von mindestens 40 bis 50 Euro je Tonne (aktuell: fünf Euro je Tonne) – oder vergleichbare CO2-Steuern.
Im Verkehr fordert er eine entsprechende Besteuerung von Kraftstoffen. „Dadurch würden die durch einen ungebremsten Klimawandel eintretenden Schäden in wirksame Preissignale umgewandelt. Investitionen in Effizienzsteigerungen wären dann sehr viel wirtschaftlicher und die Erneuerbaren-Technologien könnten sich ohne kompliziertes Förderinstrumentarium im Energiemarkt weiter etablieren“, sagt Nitsch. Ob diese Botschaft im SPD-geführten Bundeswirtschaftsministerium, wo derzeit die neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen der Energiewende formuliert werden, gehört wird? Der Auftrag aus Paris jedenfalls wurde dort bislang offensichtlich nicht verstanden.
Die Studie von Joachim Nitsch für den Bundesverband Erneuerbare Energie finden Sie hier zum Download:

