neue energie: Herr Trittin, das Bundesumweltministerium wird in dieser Woche 40 Jahre alt. Was hat es verändert?
zählt zu den prägenden Politikern von Bündnis 90/Die Grünen. Der studierte Sozialwirt war zunächst in der niedersächsischen Landespolitik aktiv, unter anderem von 1990 bis 1994 als Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten. Von 1998 bis 2005 war Trittin Bundesumweltminister in der rot-grünen Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD). In seine Amtszeit fielen zentrale Weichenstellungen der deutschen Umwelt- und Energiepolitik: der Atomausstieg, das Erneuerbare-Energien-Gesetz, der Emissionshandel sowie die Einführung des Dosenpfands. Trittin gehörte dem Bundestag von 1998 bis Anfang 2024 an, zeitweise als Fraktionschef der Grünen.
ne: Das Ministerium entstand 1986 kurz nach Tschernobyl – vor allem, um Forderungen nach einem Atomausstieg hierzulande abzuwehren. War der später von Ihnen als Umweltminister mitverhandelte Ausstieg und die Neuauflage davon nach Fukushima unter Kanzlerin Merkel denn richtig? Viele in Union, AfD und FDP würden ihn ja gerne rückgängig machen.
ne: Wäre Deutschland nicht besser zuerst aus der Kohle ausgestiegen und dann aus der Atomkraft?
Trittin: Deutschland ist doch aus dem Atom und aus der Kohle ausgestiegen – dank der Energiewende. Das Ziel von 20 Prozent erneuerbarem Strom für 2020 hatten wir schon 2012 erreicht. Im Jahr 2020 lag Deutschland bereits bei rund 40 Prozent. Das heißt: Die Erneuerbaren haben nicht nur den Atomstrom ersetzt, sondern zusätzlich genauso viel Kohle aus dem Netz gedrängt. Heute sind wir bei fast 60 Prozent erneuerbarem Strom. Entscheidend war das Zusammenwirken von Atomausstieg, Erneuerbaren-Ausbau und Emissionshandel. Diese Kombination hat dazu geführt, dass rund 20 geplante neue Kohlekraftwerke nicht gebaut wurden. Auch neuere Kohlekraftwerke wie Hamburg-Moorburg oder Hamm wurden stillgelegt, weil sie sich nicht mehr rechneten. Deshalb sage ich: Die Frage, welches Schwein man zuerst schlachtet, ist falsch gestellt.
ne: Das EEG, das die höheren Kosten von Wind und Solar durch eine Umlage auf den Strompreis finanzierte, wurde von über 60 Ländern weltweit kopiert. Haben Sie diese Wirkung damals geahnt?
ne: Später hat ihr Nachfolger als Minister, Peter Altmaier (CDU), den Erneuerbaren-Boom abgewürgt. Er gab dem Lobbydruck der Energiekonzerne nach...
Trittin: Der Druck der fossilen Industrie und der Verlierer der Energiewende war in der Tat enorm. Umso erstaunlicher ist, dass das EEG und die Energiewende das überstanden haben. Aber die Eingriffe hatten gravierende Folgen. Altmaiers angekündigter Fotovoltaik-Deckel hat die Finanzierung der Solarindustrie in Deutschland einbrechen lassen. Das kostete rund 100.000 Arbeitsplätze. Gebremst wurde nicht die Photovoltaik weltweit, sondern die in Deutschland. Heute stehen wir bei Solarmodulen vor einem Monopol chinesischer Anbieter. Diese Deindustrialisierung war industriepolitisch und mit Blick auf Resilienz in Krisenzeiten fatal. Wenn jetzt ähnliche Fehler bei der Windkraft gemacht werden, droht sich das zu wiederholen. Wenn wir die europäische Windindustrie kaputt gehen lassen, bleiben am Ende auch dort nur chinesische Anbieter.
ne: Was glauben Sie: Hätten Sie als Minister diesem Druck widerstehen können?
ne: Ist das heute SPD-geführte Umweltministerium unter einem CDU-Kanzler Friedrich Merz, der Windräder gerne durch Kernfusion ersetzen würde, und einer CDU-Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, die viele Gaskraftwerke bauen will, denn stark genug, um die Energiewende auf Kurs zu halten?
Trittin: Das Problem sehe ich weniger beim Ministerium selbst als bei der SPD. Sie ist leider im Zweifel bereit, die Politik ihres Umweltministers zugunsten von Koalitionskompromissen zu opfern. Minister Carsten Schneider versucht mit Staatssekretär Jochen Flasbarth der Rolle gerecht zu werden, die man von einem Umweltminister erwartet: Einsatz für Klimaschutz, Artenvielfalt und ökologische Modernisierung. Aber er musste schmerzliche Kompromisse machen, weil ihn die eigene Partei nicht ausreichend gestützt hat. Umweltpolitik braucht Rückhalt, sonst wird sie in Ressortabstimmungen zerrieben.
ne: Macht ein eigenständiges Umweltministerium nach 40 Jahren denn überhaupt noch Sinn? Eigentlich müssten doch alle Ministerien die Ziele Klimaneutralität und Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen verfolgen...
ne: Herr Trittin, Sie galten in ihrer Amtszeit als „Minister Dosenpfand“. Um die Einführung des Pfandes gab es damals eine hitzige öffentliche Debatte. Was lehrt diese Erfahrung über Umweltpolitik?
Trittin: Das Dosenpfand hat mir vor allem gezeigt, dass man sich von Industrielobbys nicht erpressen lassen darf. Wir haben damals das Gesetz umgesetzt, das der zweite Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) vorbereitet hatte. Die Vorgabe war klar: Wird eine bestimmte Mehrwegquote verfehlt, kommt ein Pfand auf Einwegbehälter. Es war trotzdem ein harter Fight – gegen große Brauereien und Handelskonzerne, aber an der Seite von Mittelstand, Regionalbrauereien und Getränkefachhandel. Es war ein Lehrbeispiel dafür, dass gutes deutsches Ordnungsrecht auch gegen massiven Lobbydruck durchgesetzt werden kann und durchgesetzt werden muss. Heute müsste die Politik wieder einen neuen Anlauf machen, um die Fehlentwicklungen zu stoppen, die es bei Getränkeverpackungen und Einwegmüll durch Essen und Trinken in Städten gibt. Das Beispiel von Tübingen finde ich hervorragend. Bürgermeister Boris Palmer hat dort eine kommunale Verpackungssteuer durchgesetzt und bis zum Bundesverfassungsgericht verteidigt. Solche Instrumente setzen Anreize für Mehrwegsysteme.
ne: Was müsste das Bundesumweltministerium in den nächsten zehn Jahren durchsetzen?