Für den künftigen Weg in der Energiepolitik hat Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) den Ton gesetzt: Reiche sprach nach ihrem Amtsantritt im vorigen Jahr von einem „Scheideweg“ und forderte, die Energiewende müsse so organisiert werden, dass weder die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen gefährdet noch die Haushalte überlastet würden. In diese Debatte hinein machen Wirtschaftsverbände zusätzlich Druck. Sogar von einer Verschiebung des deutschen Zieljahres für die Klimaneutralität von 2045 auf 2050 ist bei ihnen die Rede. Aber es gibt auch wichtige Stimmen, die vor einem Ausbremsen der Energiewende warnen.
Ein Gesamtkonzept für die Stromversorgung fehlt
Reiche hat zwar im vorigen Herbst einen Zehn-Punkte-Plan vorgelegt, der die Energiewende in ihrem Sinne marktwirtschaftlicher machen soll. Die Ziele: den Ausbau der Erneuerbaren stärker am tatsächlich erwarteten Strombedarf ausrichten, die Förderung auf Markt- und Systemdienlichkeit trimmen, den Offshore-Ausbau mehr an Kosten orientieren, neue Gaskraftwerke gegen die Dunkelflaute ausschreiben. Hinzu kamen Vorschläge zur Strompreis- und Abgabenreform sowie zur Entlastung der Industrie, zu Netz- und Systemstabilität, zur Neuausrichtung des Wasserstoffhochlaufs, zur CO2-Speicherung und zum besseren Monitoring von Fortschritt und Kosten der Energiewende.
Mit dem Plan ist Reiche allerdings zum Teil aufgelaufen. So hat der Koalitionsausschuss von Union und SPD im November festgelegt, dass das Tempo beim Ökostromausbau beibehalten werden soll, und die EU-Kommission hat im Januar nur 10 Gigawatt (GW) statt der gewünschten bis zu 20 GW an Gasmeilern genehmigt. Ein umsetzungsreifes Gesamtkonzept für ein effizientes Stromsystem und niedrige Energiekosten – nicht nur für die Industrie, sondern für alle Stromverbraucher – fehlt damit weiterhin. Wirtschaftslobbys und Politiker nutzten diese offene Lage, um den Druck auf die Politik zu erhöhen.
DIHK kritisiert Kosten der Energiewende
Eine weitere DIHK-Studie empfahl dann sogar, das deutsche Klimaneutralitätsziel um fünf Jahre auf das EU-weit gültige Zieljahr 2050 zu verschieben. Der „nationale Alleingang“ sei extrem teuer und „besonders riskant für ein Industrieland im internationalen Wettbewerb“, argumentierten die Studienautoren. EU-Vorgaben sollten künftig immer eins zu eins umgesetzt werden, ohne „Gold-Plating“, heißt es in dem Text, will sagen: ohne teure Verzierung.
Weitere Vorschläge betreffen die Wiedereinführung eines Klimakabinetts unter Leitung des Bundeskanzlers, den Aufbau einer zentralen, operativen Energiewende-Agentur, die bisherige Überschneidungen, etwa zwischen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA), beenden soll, außerdem mehr Effizienz bei öffentlichen Förderprogrammen. DIHK-Vize-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks forderte dann auch anlässlich der Studie: „Wir müssen weg vom staatlichen Mikromanagement, hin zu strategischen Leitplanken und schlanker Umsetzung.“
Appell für Einhaltung der Klimaziele
Tatsächlich basiert das von der damaligen Merkel-Regierung beschlossene 2045-Ziel auf einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2021, wonach der Bund Klimaschutzmaßnahmen zeitnah ergreifen muss und nicht auf künftige Generationen verschieben darf. Davon abzuweichen, birgt also ein großes Risiko, wieder vor dem Bundesverfassungsgericht zu landen. Auch Katherina Reiche hatte anfangs Sympathien für eine Verschiebung des Zieljahrs geäußert, dies aber wohl aus Gründen der Koalitionsraison nicht mehr wiederholt. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) positionierte sich damals sofort klar dagegen.
Modernes Strommarktdesign: Kosteneffizienz ohne Ausbaubremse
Auf weniger heikles Terrain begibt sich der Industrieverband BDI mit seinen Forderungen zur Energiewende. Er setzt den Akzent darauf, dass die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen gesichert werden müsse. Der Verband begrüßt die Entlastungen durch den von der Koalition geplanten und inzwischen von der EU abgenickten Industriestrompreis, warnt jedoch vor falschen Erwartungen: Der könne „nur eine Brücke“ sein. Für eine dauerhafte Lösung müsse das Energiesystem insgesamt effizienter organisiert werden.
Gegenwind aus der Landespolitik
Sie sehen sich durch den vom Bund beauftragten Monitoringbericht bestätigt, in dem ein Festhalten am Ausbautempo der erneuerbaren Energien empfohlen wird. Kosteneffizienz, so die Ministerinnen und Minister, entstehe jetzt vor allem durch Systemintegration: Photovoltaik, Batteriespeicher, Wärmepumpen, Wallboxen und Digitalisierung müssten vernetzt werden, um Netzbelastungen zu senken, Verluste zu minimieren und eine widerstandsfähige Energieversorgung aufzubauen. Sie plädieren zudem für eine Strompreissenkung für alle, eine vorausschauende Netzplanung, einen verlässlichen Wasserstoffhochlauf sowie den Einsatz von unterirdischer CO2-Speicherung (CCSSteht für Carbon Capture and Storage: das Einfangen und dauerhafte Einlagern von CO2. Beim verwandten CCU dient das eingefangene CO2 als Rohstoff für Produkte.Steht für Carbon Capture and Storage: das Einfangen und dauerhafte Einlagern von CO2. Beim verwandten CCU dient das eingefangene CO2 als Rohstoff für Produkte.) nur dort, wo Emissionen schwer vermeidbar sind.