EEG 2027 & Netzpaket

„Wir werden Marktteilnehmer verlieren“

Die geplante EEG-Reform verschärft laut Torsten Levsen, Vorstandsvorsitzender bei Denker & Wulf, die Risiken für Windenergieprojekte. Fehlende Übergangsfristen, steigende Kosten und ein möglicher Totalverlust könnten Investoren abschrecken.
Interview: Christiane Nönnig
31.08.2026 | 7 Min.
Torsten Levsen ist Vorstandsvorsitzender bei Denker & Wulf.
Torsten Levsen ist Vorstandsvorsitzender bei Denker & Wulf.
Foto: Joerg Wohlfromm

neue energie: Herr Levsen, die Branche hat lange auf die EEG-Reform gewartet und sich vor allem Planungs- und Investitionssicherheit erhofft. Hat der Gesetzentwurf diese Hoffnung erfüllt?

Torsten Levsen: Ich weiß nicht, wer da noch große Hoffnung hatte – ich jedenfalls nicht. Ich habe mit einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation zum Status quo gerechnet, aber die Entwicklung zeichnet sich noch deutlich schlechter ab. Der Markt rüttelt sich gerade kräftig durch. Und dabei werden wir Marktteilnehmer verlieren, auch Investoren, die sich aus dem Markt zurückziehen werden. Das muss man so klar und deutlich sagen. 

ne: Gibt es denn Punkte, die Sie positiv bewerten?

Levsen: Man muss an der Stelle realistisch bleiben. Wir bewegen uns in einem stark regulierten Markt, der mitten in einer fundamentalen Transformation steckt. Nehmen wir das Netzanschlussthema: Dass wir nicht dauerhaft jeden Anschluss erzwingen können, wenn die Netzinfrastruktur mit dieser Entwicklung nicht Schritt hält, ist objektiv nachvollziehbar. Das akzeptieren wir grundsätzlich. Auch die Wirkleistungsbegrenzung halte ich im Ansatz nicht für falsch. Am Ende ist der Rotor unser Motor und entscheidend ist, dass wir mehr Volllaststunden aus den Anlagen holen. Ähnlich sehe ich das beim Referenzertragsmodell: Wenn wir uns die tatsächlichen Parkwirkungsgrade anschauen, ist eine Nachschärfung überlegenswert. Was ich kritisiere, ist nicht die Richtung, sondern die Art der Umsetzung. Es gibt keine Übergangsfrist, keine Konsultation, keine Zeit für Anpassungen. Das ist ein bisschen so, als würde man eine Herz-OP ohne Narkose durchführen und dabei am Notstromaggregat hängen.

ne: Was konkret stört Sie an den geplanten Änderungen des Referenzertragsmodells?

Levsen: Extreme Verdichtung war für uns nie ein sinnvolles Modell. Als Betreiber und Berater wissen wir genau, dass eine zu hohe Verdichtung weder technisch noch wirtschaftlich sinnvoll ist, weil sie auf Kosten der Anlagengesundheit geht und sich langfristig negativ auf die Stromgestehungskosten auswirkt. Eine absichtliche Verdichtung ist für uns ein nicht zu haltender Vorwurf an die Branche. Die Stoßrichtung der Veränderung trifft die Falschen. Das eigentliche Problem liegt aus meiner Sicht an anderer Stelle: In Schleswig-Holstein liegen rund 40 Prozent unserer Standorte unter einem Gütefaktor von 80 Prozent – aber nicht, weil wir die Anlagen eng stellen, sondern wegen genehmigungsrechtlicher Auflagen, wie zum Beispiel für den Lärm- oder Artenschutz. Das bestraft besonders den Norden Deutschlands für Probleme, die er nicht selbst zu verantworten hat. Die Kappung der Förderung schwächt die besten Standorte und führt zu höheren Stromgestehungskosten. Mein Alternativvorschlag wäre ein Parkwirkungsgrad als Untergrenze: Wer diese Grenze unterschreitet, verliert proportional einen Anteil des anzulegenden Wertes. Das wäre transparent, mess- und in der Praxis handhabbar. Genau für die Entwicklung eines solchen Mechanismus hätte man sich allerdings die notwendige Zeit nehmen und gesprächsbereit sein müssen.

ne: Differenzverträge ohne Marktwertkorridor, keine flexible PPASteht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.Steht für Power Purchase Agreement: längerfristiger Stromliefervertrag zwischen einem Erzeuger und einem Verbraucher, z.B. einer Fabrik.-Wechseloption: Ist das aus Ihrer Sicht problematisch?

Wenn wir privates Kapital für die Energiewende mobilisieren wollen, müssen wir auch akzeptieren, dass dieses Kapital eine Rendite erwartet."
Levsen: Beim Marktwertkorridor bin ich tatsächlich ins Nachdenken gekommen. Ich habe ihn früher klar befürwortet. Und halte ihn heute immer noch als unternehmerischen Anreiz für richtig, jedoch sehe ich auch Vorteile eines höheren, dafür verlässlichen Preises und dass so ein Teil der Spekulation in den Ausschreibungen genommen wird. Positiv wäre ein kleiner Korridor, damit unnötige Abrechnungen für kleinere Volumina vermieden werden und die Bürokratie nicht weiter hochgefahren wird. Mit dem Jahresmarktwert sehe ich jedoch das Problem, dass Liquiditätsplanung und Ausschüttungsmanagement deutlich erschwert werden, da es unterjährig keine Möglichkeiten gibt, mit Banken Ausschüttungen zu vereinbaren. Bei Energieversorgern oder in der Gaswirtschaft wird selbstverständlich akzeptiert, dass Unternehmen Geld verdienen und Investitionen sich rechnen müssen. Für uns mittelständische Unternehmen aus der Erneuerbaren-Branche entsteht teilweise der Eindruck, eine angemessene Rendite sei politisch anstößig. Das halte ich für einen Fehler. Denn wenn wir privates Kapital für die Energiewende mobilisieren wollen, müssen wir auch akzeptieren, dass dieses Kapital eine Rendite erwartet. Versorgungssicherheit, Transformation und Investitionen gibt es auf Dauer nicht zum Nulltarif. Ich sehe eine große Gefahr für die Liquidität der Branche.

ne: Der Pachtdeckel wird heiß diskutiert. Manche sehen darin eine Kostenbremse, andere eine Gefahr für die Flächensicherung. Wo stehen Sie?

Levsen: Der Pachtdeckel wurde im BWE bereits wiederholt intensiv diskutiert, da die sich hierdurch erhöhenden Strompreise und auch eine Neiddiskussion in Berlin als Gefahr für eine positive Entwicklung der Branche gesehen wurde. Aus guten Gründen wurde davon immer Abstand genommen. Vor allem weil Umgehungsmöglichkeiten hier für erhebliche Unsicherheiten im Markt sorgen würden. Ein Pachtdeckel auf dem Niveau des vorliegenden Gesetzentwurfs ist in dieser Form eine große Gefahr für die Verfügbarkeiten der Flächen und eine schwer zu beherrschende Unsicherheit von Projektentwicklungen, da auch Kabeltrassen und jegliche Vergütungen in die Berechnungen einbezogen werden sollen. Punkte, die man erst am Ende der Projektumsetzung kennt. Man sieht an dem Vorschlag von Frau Reiche, dass sie weit hinter der Realität des Marktes zurückhängt, denn durch den hohen Wettbewerb und den damit verbundenen Verfall der Ausschreibungspreise hat der Druck auf die Kosten ihre Arbeit schon längst erledigt und die Pachtpreise gesenkt.

ne: Ein großer Streitpunkt ist der Redispatch-Vorbehalt. Wie gehen Sie damit um?

Levsen: Das ist für mich das Herzstück der Debatte. Ein Redispatch gehört zum Netzbetrieb wie die Luft zum Atmen. Ob es bei 3 Prozent oder 5 Prozent aus volkswirtschaftlicher Sicht richtig ist, ist noch nicht einmal belegt. Fakt ist, dass maximaler Netzausbau auf sehr geringen Redispatch-Beträgen volkswirtschaftlich nicht sinnvoll ist. Planungssicherheit ist für unsere Branche essenziell. Ein unmittelbares Auftreten von Redispatch-Gebieten darf nicht möglich sein. Energieversorger wie auch die Branche kennen die Defizite des Netzausbaus. Der Druck auf den Netzbetreiber muss maximal hoch bleiben, um seine Verpflichtungen zu erfüllen. Allerdings ignorieren wir nicht die physikalischen Grenzen und wären bereit, in gewissen Regionen den Netzbetreibern ein Zeitfenster einzuräumen, diese Probleme zu heilen. Ein Redispatch-Vorbehalt in der aktuell vorgeschlagenen Form wäre ein Umsetzungsverbot in einigen vom Energieversorger ausgewählten Regionen. Es ist nicht zu akzeptieren, dass der Energieversorger gleichwohl entscheidet, welche Anlagen er abschaltet. Der Netzbetreiber darf nicht selbst entscheiden, welche Regionen unter den Vorbehalt fallen. Wir haben in Schleswig-Holstein Situationen erlebt, in denen einzelne Regionen gezielt abgeregelt wurden, ohne dass für uns hinreichend transparent war, ob dies aus Sicht des Gesamtsystems tatsächlich erforderlich ist. Das ist weder fair noch kontrollierbar. Deshalb gehört diese Entscheidung aus meiner Sicht zur Bundesnetzagentur – auf Basis von transparenten und bundesweit einheitlichen Kriterien, einem klaren Plan und Zeitrahmen, wann diese Zonen wieder aufgehoben werden. Wenn wir als Branche Einschränkungen akzeptieren, dann nur im fairen Tausch, wenn auch klare Verpflichtungen für die Netzbetreiber dadurch entstehen. Die Energiewende kann nicht so organisiert werden, dass das Netz den Engpass definiert und das wirtschaftliche Risiko dauerhaft beim Primärerzeuger abgeladen wird.

ne: Erwarten Sie einen Fadenriss beim Ausbau?

Levsen: Einen echten Fadenriss sehe ich nicht. Aber die Ausbauziele, die wir uns vorgenommen haben, sind unter diesen Bedingungen nicht zu erreichen. Bereits genehmigte Projekte, die durch die Reform ihre wirtschaftliche Grundlage verlieren, werden am Ende nicht gebaut. Was mich deutlich mehr umtreibt: Das gesamte Reformpaket erhöht das Risiko der Projektentwicklung massiv. Die grüne Welle, die wir für den Ausbau eigentlich bräuchten, ist vorbei. Stattdessen stehen wir inzwischen vor einer roten Ampel nach der anderen. Zinsen laufen, Planungskosten steigen, Kapital bleibt gebunden und im Zweifel kann am Ende die letzte rote Ampel – zum Beispiel beim Redispatch – einen Totalverlust bedeuten. Das schreckt Kapitalgeber ab.

ne: Was wäre Ihre Botschaft an die Politik?

Mit vernünftigen Regeln kann und muss die Branche weiterentwickelt werden, aber auf keinen Fall mit der Summe dieser Maßnahmen."
Levsen: Frau Reiche gibt uns auf der einen Seite mehr Ausschreibungsvolumen – auf der anderen Seite werden die Rahmenbedingungen so gesetzt, dass es zunehmend schwieriger wird, dieses Volumen tatsächlich zu realisieren. Wir brauchen das EEG als Sicherheitsnetz und vor allem als belastbare Grundlage für die Finanzierung unserer Projekte und keine ausufernden Eigenkapitalansprüche. Dass sich die Rahmenbedingungen verändern müssen, ist für mich völlig unstrittig. Mit vernünftigen Regeln kann und muss die Branche weiterentwickelt werden, aber auf keinen Fall mit der Summe dieser Maßnahmen. Was mich dabei am meisten irritiert, ist allerdings das politische Signal. Nach meinem Eindruck werden die Unternehmen der erneuerbaren Energien nicht mehr als Partner der Zukunftsgestaltung gesehen, sondern als Anspruchsteller, die man regulieren muss. Diese Branche hat in den vergangenen 30 Jahren erhebliche Risiken übernommen, investiert und die Energiewende maßgeblich mit vorangetrieben. Unser Erfolg ist die Basis für Resilienz und in diesen unsicheren Zeiten angemessene Strompreise. Leider ist das nicht die Botschaft, die Frau Reiche oberflächlich erzählt. Wo die EU weitere Gelder für Transformation eröffnet, Schuldenbremsen für die Länder erlaubt und weiter in Unabhängigkeit investiert, investieren wir hier in die fossile Vergangenheit und subventionieren die alte Welt. Es ist eine Katastrophe.

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