ENERGIEDIALOG 2026 - Der energiepolitische Jahresauftakt am 20.01.2026
Energiewende

Der Ausbau der Erneuerbaren braucht klare Regeln

Wie Unternehmen mit Unsicherheiten im Strommarkt und knappen Netzanschlüssen umgehen und was Direktvermarkter, Speicheranbieter und Netzbetreiber fordern. Ein Stimmungsbild.
Von:  Peter Gaide
09.09.2025 | 5 Min.
Erschienen in: Ausgabe 09/2025
Solar- und Windpark mit Stromleitung.
Solar- und Windpark mit Stromleitung.
Foto: AdobeStock

Die Energiewende schreitet voran – und stockt. Während Wind- und Solaranlagen schneller genehmigt werden, wird es an anderer Stelle schwieriger und langsamer. Netzanschlüsse werden zum Engpass, das hemmt auch den Ausbau von Batteriespeichern. Marktprozesse bleiben kompliziert, rechtliche Rahmenbedingungen unklar. Die Unternehmen der Branche wünschen sich mehr Verlässlichkeit – politisch, regulatorisch und wirtschaftlich.

Dabei werden positive Signale keineswegs übersehen. Für Netzbetreiber wie 50 Hertz zählen EU-Entscheidungen wie RED III und die Notfallverordnung zu den wichtigsten Impulsen der vergangenen zwei Jahre. Die Genehmigungen für Netzausbauprojekte sind seither spürbar beschleunigt worden. „Die Richtung stimmt. Jetzt braucht es Verlässlichkeit für die nächsten Schritte“, sagt Dirk Biermann, Geschäftsführer Operations bei 50 Hertz. Würden die begonnenen Reformen nicht fortgesetzt, drohen Stagnation oder Rückschritte durch unnötig langwierige und komplizierte Genehmigungsverfahren.

Der Blick der Unternehmen richtet sich nach Berlin: Was hat die Bundesregierung vor, wo setzt sie Prioritäten? Die klare Positionierung der früheren Regierung in Sachen Erneuerbare habe den Markt stimuliert, heißt es beim Windpark-Projektierer Alterric. Doch die Zukunft bleibe ungewiss, da Ende 2026 die EU-Beihilfegenehmigung für Erneuerbaren-Projekte ausläuft. Die EU fordert ein neues Förderregime. Mithilfe eines Rückzahlungsmechanismus soll es übermäßige Gewinne von Anlagenbetreibern abschöpfen. Wie dieser sogenannte Clawback ausgestaltet werden soll, wird derzeit diskutiert. Alterric wünscht sich eine schnelle Entscheidung: „Wir brauchen zügig Klarheit über die Absicherung von Investitionen.“ Denn die Vorlaufzeiten sind lang. „Allein zwischen der internen Festlegung auf Anlagentypen und Windparklayout und der Zuschlagserteilung in den EEG-Ausschreibungen als Basis für finale Investitionsentscheidungen liegen aktuell rund drei Jahre.“

Blockierte Netzanschlüsse

Was sich alle in der Branche wünschen: dass Projekte schneller genehmigt werden. „Unklare, uneinheitliche Prozesse bei den Netzbetreibern sowie fehlende Genehmigungsverfahren zählen derzeit zu den größten Bremsklötzen beim Photovoltaik- und Speicherausbau“, kritisiert beispielsweise SMA Solar, Hersteller von Wechselrichtern für Photovoltaik und Batteriespeicher. „Das hemmt neue und bereits baureife Projekte.“ Projektentwickler Juwi weist darauf hin, dass selbst gesetzliche Vorgaben nicht eingehalten werden. „Nur noch 36 Prozent aller von Juwi in den vergangenen zwölf Monaten gestellten Netzanfragen wurden innerhalb der gesetzlichen Frist von acht Wochen beantwortet“, sagt Geschäftsführer Christian Arnold. „Eine Vereinheitlichung der Verfahren der mehr als 800 Netzbetreiber wäre mehr als wünschenswert.“

Eine Vereinheitlichung der Verfahren der mehr als 800 Netzbetreiber wäre mehr als wünschenswert.“ Christian Arnold, Geschäftsführer von Juwi

Mit dieser Forderung steht Arnold nicht allein. Viele Unternehmen der Branche wünschen sich einheitlichere Verfahren, mehr Transparenz über verfügbare Kapazitäten und feste Kriterien zur Projektbewertung. Sonst könnten Netzanschlüsse durch unreife Vorhaben dauerhaft blockiert werden. Das derzeitige First-come-first-served-Verfahren müsse durch ein bewertungsbasiertes Modell ersetzt werden, fordert Dirk Biermann von 50 Hertz: „Anstelle der Abarbeitung nach Eingangsstempel setzen wir uns für ein Vergabeverfahren bei Netzanschlüssen ein, bei dem Reifegrad und Realisierungswahrscheinlichkeit betrachtet und durch entsprechende Belege untermauert werden müssen.“

Auch jenseits der Netzinfrastruktur gibt es Flaschenhälse. Der Windanlagenhersteller Nordex weist auf logistische Engpässe hin, etwa beim Straßentransport sehr großer Bauteile. Nordex-Sprecher Felix Losada möchte „alle verfügbaren Alternativen umfassend geprüft und genutzt wissen, etwa Transporte per Binnenschiff über die Ostsee ab Rostock.“ Aktuell sei das, anders etwa als zu DDR-Zeiten, nicht mehr zulässig. Aus Sicht von Nordex: ein Rückschritt.

Unwägbarer Strommarkt

Neben dem Thema Netzzugang ist es der Strommarkt selbst, der als zu kompliziert und unwägbar gilt – unabhängig von den volatilen Preisen für erneuerbar erzeugten Strom. Claus Urbanke, Vice President Wind, Solar & Storage Development beim Energiekonzern Statkraft, weist auf die wachsende wirtschaftliche Unsicherheit hin: „Früher war der Netzanschluss selten ein Problem. Heute bekommen wir oft weit entfernte Netzverknüpfungspunkte zugewiesen. Und je weiter weg, desto teurer wird es.“

Teurer wird auch die technische Infrastruktur: Die Preise für Transformatoren haben sich laut Urbanke in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt, die Gesamtkosten für Umspannwerke seien sogar um 250 Prozent gestiegen.

Was nützt der erneuerbar erzeugte Strom, wenn er nicht ins Netz eingespeist werden kann? Mehr als 30 000 Gigawattstunden Strom wurden 2024 durch sogenanntes Netzengpassmanagement abgeregelt, konnten also nicht genutzt werden. Die Kosten: fast 2,8 Milliarden Euro. Auch wenn nicht der gesamte abgeregelte Strom grün war: Die Kritik der mangelnden Zuverlässigkeit begleitet die Erneuerbaren von Anfang an, da weder der Wind verlässlich wehen noch die Sonne ständig scheinen kann. Dieses Problem adressieren Batteriespeicher, die Wind- und Sonnenstrom zwischenspeichern, bis er gebraucht und eingespeist werden kann. Dieses Potenzial werde bislang unterschätzt, heißt es beim Wechselrichterhersteller SMA Solar. Und zu wenig genutzt, denn auch Batteriespeicher brauchen eine Genehmigung, um Strom ins Netz einspeisen zu dürfen. Erste Regelungen wie das seit Februar zulässige sogenannte Cable Pooling erlauben es, bestehende Netzanschlüsse besser zu nutzen. Beim Cable Pooling teilen sich mehrere Stromerzeuger einen Netzanschluss. Ein Anfang, heißt es bei Alterric, aber bei weitem nicht ausreichend, um den anstehenden Bedarf zu decken.

Digitale Kontrolle

In einem sind sich die befragten Unternehmen einig: Ohne Digitalisierung lässt sich der Ausbau der Erneuerbaren nicht bewältigen. So investiert Batteriespeicher-Hersteller Tesvolt gezielt in digitale Geschäftsmodelle – vom Stromhandel mit Kleinspeichern bis zur KI-gestützten Wartung. Der Zugriff auf Zell- und Betriebsdaten sei dabei entscheidend. „Ohne Digitalisierung keine Skalierung“, sagt Tesvolt-Chef Simon Schandert.

Schandert treibt ein Thema um, das bislang wenig debattiert wird: die technische Abhängigkeit von chinesischen Komponenten, insbesondere im Speicherbereich. „Hier geht es um kritische Infrastruktur, das wird politisch noch immer unterschätzt“, sagt er. Mandy Schipke sieht das ähnlich. Sie ist Geschäftsführerin von Novum Engineering, einem Dienstleister rund ums Monitoring von Batteriespeichern. Zumindest bei der Steuersoftware solle man sich nicht auf chinesische Expertise verlassen, warnt sie: „Das ist vor allem auch eine Frage der Datensicherheit.“

Übrigens werden auch die Behörden digitaler: Immer mehr Genehmigungsverfahren lassen sich digital abwickeln. Für Statkraft ein erster Schritt, mit Luft nach oben. „Früher transportierten wir Anträge in Umzugskartons – jetzt geht’s zunehmend digital“, sagt Claus Urbanke. Bis Jahresende sind alle Behörden gesetzlich dazu verpflichtet.

Wir dürfen nicht dieselben Fehler machen wie beim Gas, mit neuen Abhängigkeiten und unklaren Zuständigkeiten.“ Daniel Schandert, Tesvolt

Viel geschafft – und viel zu tun

Die existierenden Hürden bleiben hoch. Die Herausforderungen bei Netzanschlüssen, der fehlende Marktrahmen für Speicher und die regulatorische Unsicherheit nach 2026 bremsen den weiteren Ausbau.

Die Forderungen der Unternehmen: einheitliche und transparente Verfahren, mehr Netzzugänge sowie netzdienliche Speicherregelungen – und eine ehrliche Kommunikation über die Rolle der Erneuerbaren. „Wir dürfen nicht dieselben Fehler machen wie beim Gas, mit neuen Abhängigkeiten und unklaren Zuständigkeiten“, mahnt Daniel Schandert von Tesvolt.

Verlässlichkeit entsteht nicht durch Einzelmaßnahmen. Sie braucht einen konsistenten Rahmen, Planungssicherheit und das politische Bekenntnis, diesen Rahmen kontinuierlich weiterzuentwickeln. Gelegentlich ein paar bestärkende Worte über die Erneuerbaren würden natürlich auch nicht schaden.

 

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