Energiewende in Baden-Württemberg

„Der Windenergieausbau im Südwesten ist auch für Deutschland wichtig“

Baden-Württemberg verfehlt seinen Klimaschutzpfad, beim Windkraftausbau gibt es dagegen Bewegung. Maike Schmidt vom ZSW erläutert, warum Windenergie im Süden eine wichtige Ergänzung zum Windstrom aus dem Norden ist und welche Folgen die geplanten Reformen von EEG und Netzanschlussregeln haben könnten.
Interview: Christiane Nönnig
18.08.2026 | 7 Min.
Wichtige Ergänzung: Windstrom aus dem Südwesten kann die Windenergie aus dem Norden ausgleichen.
Wichtige Ergänzung: Windstrom aus dem Südwesten kann die Windenergie aus dem Norden ausgleichen.
Foto: Giuseppe de Bergolis, Pexels

neue energie: Die Energiewende im Südwesten: Wo steht das Land aktuell beim Erreichen der Sektorziele? Ist das Ziel, bis zum Jahr 2040 Klimaneutralität zu erreichen, aus Ihrer Sicht realistisch?

Maike Schmidt

ist Diplom Wirtschaftsingenieurin und leitet das Fachgebiet Systemanalyse am Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) in Stuttgart.

Maike Schmidt: Wie der aktuelle Emissionsbericht des Statistischen Landesamts zeigt, sind die Emissionen in Baden-Württemberg im Jahr 2025 nicht wie erforderlich gesunken, sondern im Gegenteil um 2,7 Millionen Tonnen beziehungsweise 4,4 Prozent gestiegen. Baden-Württemberg hat damit gegenüber 1990 erst eine Minderung von 30 Prozent erreicht. Im Jahr 2030 soll eine Treibhausgasminderung um 65 Prozent gegenüber 1990 erreicht werden. Diese ist nach dem Anstieg der Emissionen im Jahr 2025 noch nicht einmal zur Hälfte erreicht. Ohne konsequente Weichenstellungen in Richtung Klimaschutz auf politischer und regulatorischer Ebene ist das Gesamtminderungsziel bis 2030 nicht erreichbar, auch wenn dies aus technologischer Sicht weiterhin möglich wäre.

Die detaillierte Analyse zum Fortschritt des Klimaschutzes in Baden-Württemberg inklusive einer genauen Sektorbetrachtung durch den Klima-Sachverständigenrat ist aktuell noch in Bearbeitung. Der Emissionsbericht des Statistischen Landesamts weist jedoch aus, dass der Emissionsanstieg insbesondere auf die Energiewirtschaft und den Gebäudesektor zurückzuführen war, während die anderen Sektoren Verkehr, Industrie, Landwirtschaft einen leichten Emissionsrückgang zu verzeichnen hatten. Damit ist jedoch davon auszugehen, dass – einen linearen Emissionsrückgang unterstellt – aktuell kein Sektor außer der Abfallwirtschaft, die ihr Minderungsziel schon erreicht beziehungsweise übererfüllt hat, aktuell auf Zielpfad ist. Am ehesten dürfte das für die Industrie der Fall sein, jedoch weniger bedingt durch die Umsetzung erfolgreicher Klimaschutzmaßnahmen, sondern überwiegend ausgelöst durch die schwache konjunkturelle Lage.

ne: Welche Bedeutung hat die Windkraft für die Energiewirtschaft in Baden-Württemberg und für das gesamtdeutsche Stromsystem?

Schmidt: Die Windenergie ist eine sehr wichtige Säule für die zukünftige Energieversorgung in Baden-Württemberg. Im Jahr 2025 lieferten die fast 820 installierten Anlagen mit einer Leistung von knapp 2,1 Gigawatt (GW) nach ersten Berechnungen einen Beitrag von 3,2 Terawattstunden zur Stromerzeugung. Dies entspricht knapp acht Prozent der Bruttostromerzeugung im Land beziehungsweise fünf Prozent des Bruttostromverbrauchs.

Nach dem Energiekonzept der Landesregierung, das sich an den Sektorzielen des Klimagesetzes Baden-Württemberg und dem Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2040 orientiert, soll die Windenergie bis 2040 gut ein Drittel der Stromversorgung für Baden-Württemberg liefern, hinter der Photovoltaik, die rund die Hälfte der Stromversorgung liefern soll, ist die Windenergie damit der zweitgrößte Stromlieferant im Land. Nach aktuellem Stand sind in Baden-Württemberg aktuell 1.770 Windenergieanlagen mit einer Leistung von 11 GW in Planung. Davon sind 236 Anlagen mit 1,5 GW genehmigt, aber noch nicht in Betrieb. Für 1.316 Anlagen mit 8,58 GW wurde die Genehmigung beantragt und für 218 Anlagen mit 916 Megawatt wurde die Anlagenplanung vorgestellt. Würden alle in Planung befindlichen Anlagen tatsächlich gebaut, wäre das Ziel für 2040 von 12,1 GW Windleistung sogar übererfüllt. Auch wenn einige geplante Vorhaben Repowering-Vorhaben sind, wäre die Zielerreichung gesichert.

Die Windenergie in Baden-Württemberg ist auch von bundesdeutscher Bedeutung."
Die Windenergie in Baden-Württemberg ist auch von bundesdeutscher Bedeutung, wie eine Analyse des Klima-Sachverständigenrats zeigt: Die Windverhältnisse in Deutschland zeigen eine ausgeprägte räumliche und zeitliche Variabilität. Im Norden tritt durch die Nähe zur Küste im Mittel eine höhere Windgeschwindigkeit auf. Im Süden, insbesondere in Baden-Württemberg, treten dagegen häufig günstige Windbedingungen zu Zeiten auf, in denen der Norden ein schwächeres Windaufkommen verzeichnet. Durch dieses wechselseitige Muster kann sich die Verfügbarkeit von Windenergie zwischen verschiedenen Regionen Deutschlands ergänzen, was als Komplementarität bezeichnet wird. Trotz geringerer mittlerer Windgeschwindigkeit und damit geringerer mittlerer gekappter Windleistungsdichte leistet Baden-Württemberg damit einen wichtigen Beitrag zur komplementären Nutzbarkeit von Windenergie. Besonders im Schwarzwald und in der Region Bodensee-Oberschwaben treten Windverhältnisse auf, die dazu beitragen können, Schwankungen in der Windstromerzeugung anderer Regionen Deutschlands auszugleichen.

Der Ausbau der Windenergie in Baden-Württemberg ist somit nicht nur ein Beitrag zum Klimaschutz, sondern auch ein wichtiger Baustein für ein faires und solidarisches Energiesystem in ganz Deutschland. Er ergänzt die starke Solarstromerzeugung im Land, erhöht die Versorgungssicherheit und reduziert den Bedarf an Redispatch-Maßnahmen und Netzausbau.

ne: Wo sehen Sie die größten Stellschrauben, um den Erneuerbaren-Ausbau weiter zu beschleunigen – und was sind aktuell noch die größten Hürden?

Schmidt: Von zentraler Bedeutung ist die Ausgestaltung der Rahmenbedingungen auf Bundesebene. Mit dem zeitlichen Vorziehen des 1,8 Prozent-Bundes-Flächenziels und der Regionalen Planungsoffensive hat das Land Baden-Württemberg wichtige Maßnahmen ergriffen, um mehr geeignete Flächen für Windenergieanlagen bereitzustellen und Planungsverfahren zu beschleunigen. Es bedarf eines klaren Bekenntnisses zum Klimaschutz und der Beschleunigung des Ausbaus der erneuerbaren Energien auf der politischen Ebene, aber auch eines intensiven Engagements der Gesellschaft für diesen Ausbau. Denn oft wird der Ausbau durch Bürgerinitiativen gegen den Ausbau verzögert, während eigentlich eine Mehrheit der Bevölkerung für den Ausbau votieren würde. Es müssen die Vorteile der Erneuerbaren – langfristige Preisstabilität, heimische Wertschöpfung, Resilienz und Unabhängigkeit von Störungen der internationalen Energiemärkte – wesentlich stärker platziert und für die Menschen tatsächlich spürbar werden. Verzögernd wirken aktuell häufig auch fehlende Netzanschlusskapazitäten. Hier sind zeitnah pragmatische Lösungen wie die konsequente Überbauung von Netzanschlüssen zu einer effizienten Nutzung und optimierten Auslastung der vorhandenen Infrastrukturen ebenso wie ein beschleunigter Ausbau. Die aktuell diskutierten Lösungen seitens der Politik erscheinen hier nicht geeignet, die erforderliche Beschleunigung auszulösen.

ne: Wie beurteilen Sie den vorliegenden Referentenentwurf zur EEG-Reform unter dieser Prämisse? Adressiert die Gesetzesnovelle die richtigen Punkte?

Schmidt: Die Aufnahme zusätzlicher Ausschreibungsmengen für Windenergieanlagen an Land in Höhe 12 GW aus dem Klimaschutzprogramm 2026 ist positiv zu bewerten. Die Anhebung des Korrekturfaktors für 50-Prozent-Standorte in der Südregion von 1,55 auf 1,65 reduziert die Wettbewerbsnachteile ertragsschwächerer Standorte, jedoch ohne diese vollständig aufzuheben. Zur Sicherstellung eines angemessenen Ausbaus in der Südregion wären direktere Ansätze erforderlich, zum Beispiel eine Quote für die Südregion. Dann: Mit der Einführung zusätzlicher Regionen (Küstenregion und Region Mitte-Nord) und der damit einhergehenden Begrenzung der Kompensation im Referenzertragsmodell reagiert der Gesetzgeber auf steigende Bebauungsdichten – eine Entwicklung, die selbst innerhalb der Windbranche zuletzt Kritik ausgelöst hat. Wenngleich die Stoßrichtung also positiv zu bewerten ist, fehlen angemessene Übergangsfristen für Projekte, die sich bereits in Planung befinden. Die Umsetzung laufender Projekte kann sich dadurch verzögern oder in Teilen ganz in Frage gestellt sein.

Ein weiteres Thema: Die Pachthöhenbegrenzung ist zweischneidig. Einerseits sind die Pachten tatsächlich auf einem vergleichsweise hohen Niveau. Eine Begrenzung kann somit die Stromgestehungskosten senken und damit Belastungen für den Staat beziehungsweise das EEG-Konto reduzieren. Andererseits trägt bereits der steigende Wettbewerb in den Ausschreibungen zu einer Senkung der Pachthöhen bei. Die dringende Notwendigkeit für einen aus juristisch Sicht zumindest heiklen Eingriff in die Vertragsautonomie ist damit zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zwingend gegeben. Eine denkbare Alternative könnte sein, die Höchstwerte in den Ausschreibungen (schrittweise) zu reduzieren, indem niedrigere Pachtzahlungen bei deren Festlegung einkalkuliert werden.

ne: Und wie sieht es bei den Maßnahmen im parallel vom Kabinett beschlossenen Netzpaket aus?

Die Ausweisung kapazitätslimitierter Netzgebiete geht mit erheblichen Unsicherheiten für Anlagenbetreiber einher."
Schmidt: Die im Rahmen des Netzanschlusspakets vorgesehene Möglichkeit zur Ausweisung kapazitätslimitierter Netzgebiete geht mit erheblichen Unsicherheiten für Anlagenbetreiber einher. Es fehlt eine transparente Datengrundlage, um die Auswirkungen diese Maßnahme beurteilen zu können. Die Einführung einer systemdienlichen Anschlussleistung (SAL) ist hingegen grundsätzlich positiv zu bewerten. Durch die Vermeidung von Einspeisespitzen werden Netzkosten gesenkt. Allerdings fehlen auch hier notwendige Übergangsfristen für Projekte in Planung. Zudem stellt sich die Frage, ob eine einheitliche Beschränkung auf 280 Watt pro Quadratmeter Rotorkreisfläche bei Windenergieanlagen an Land für ganz Deutschland sachgerecht ist.

Durch die Vielzahl an teils einschneidenden Reformplänen ist die Gesamtwirkung kaum abzusehen. Übergangsfristen fehlen oder reichen vor dem Hintergrund langer Planungsprozesse nicht weit genug. Dies zerstört dringend benötigte Planungssicherheit und kann den weiteren Ausbau der Windenergie an Land verzögern.

ne: Welche konkreten Auswirkungen erwarten Sie für die Windkraft im Südwesten, wenn EEG und Netzpaket in dieser Form kommen sollten?

Schmidt: Wenngleich der Windenergieausbau im Südwesten weniger stark von den geplanten Reformen betroffen sein dürfte als der Norden, werden auch hier die Wirkungen spürbar sein. Die Begrenzung der Netzanschlussleistung auf 280 Watt pro Quadratmeter Rotorkreisfläche trifft Starkwindanlagen im Norden stärker, aber auch in der Südregion liegt die mittlere spezifische Flächenleistung der im ersten Halbjahr 2026 genehmigten Anlagen mit 290 Watt pro Quadratmeter über dem Schwellwert. Leicht positiv auswirken dürfte sich dagegen die Aufstockung des Ausschreibungsvolumens sowie die Anhebung des Korrekturfaktors. Die Gesamtwirkung ist infolge der Vielzahl an Einzelmaßnahmen aber nur schwer abzuschätzen.

Passende Termine

Kommentar verfassen

Kommentare werden vor der Freischaltung zunächst gesichtet. Das kann unter Umständen etwas Zeit in Anspruch nehmen.

*Pflichtfelder

Bitte berücksichtigen Sie vor dem Kommentieren unsere Community-Richtlinien und unsere Datenschutzerklärung.


Captcha Image
=
Wichtige Ergänzung: Windstrom aus dem Südwesten kann die Windenergie aus dem Norden ausgleichen.
Foto: Giuseppe de Bergolis, Pexels
Termine
19.08.2026
2026_webse_3h | Speicher - Betriebsführung

20.08.2026
2026_webse_3h | Windenergie - Natur- & Artenschutz

25.08.2026 bis 27.08.2026
Solar Promotion