neue energie: Wie sieht die Situation aktuell in Ihrem Netz aus? Wie viele Anfragen auf Netzanschluss legen Ihnen vor?
Struck: Aktuell liegen uns Anträge für Stromanschlüsse in einer Größe von fast 60.000 Megawatt (MW) vor. Diese Anträge verteilen sich auf Photovoltaik mit 21.000 MW, Windkraft mit 11.500 MW und Batteriespeicher mit 27.000 MW. Zum Vergleich: In den letzten 40 Jahren wurden vor allem Windkraft- und Photovoltaikanlagen sowie Speicher mit rund 14.500 Megawatt Leistung bei SH Netz angeschlossen – wir sprechen also von einem Antragsvolumen, dass die aktuell angeschlossenen Kapazitäten um das Vierfache übersteigt. Das Antragsvolumen steht in keinem Verhältnis zum Spitzenverbrauch (Jahreshöchstlast) im Netz von SH Netz, der bei rund 2.000 MW liegt. Vor diesem Hintergrund benötigen wir neben einem beschleunigten Netzausbau zusätzliche Instrumente für eine effiziente Nutzung vorhandener Netzkapazitäten. Zusätzlich zu unseren umfangreichen bisherigen Maßnahmen reagieren wir daher mit einem weiteren Maßnahmen- und Netzbaupaket auf diese Riesenwelle. Dies umfasst eine erneute deutliche Steigerung der Investitionen, die verstärkte Digitalisierung des Netzes und die Flexibilisierung der Anschlussverträge.
ne: Dem aktuellen Entwurf zum EEG 2027 und zum Netzpaket zufolge sollen zukünftig häufiger flexible Netzanschlussvereinbarungen (FCA) anstatt eines sofort uneingeschränkten Anschlusses geschlossen werden. Wie bewerten Sie dieses Instrument?
ne: Kritiker befürchten, dass FCA den Netzausbau ersetzen könnten. Ist diese Sorge berechtigt?
Struck: Für unser Unternehmen können wir diese Befürchtung ausräumen: FCA sind ein Mittel, um das Netz effizienter als bisher zu nutzen, aber nicht um den Netzausbau zu ersetzen. So werden wir in den nächsten fünf Jahren bis 2030 rund 2,5 Milliarden Euro in die Stromnetze investieren – das entspricht etwa der Summe, die zuvor in einem Zeitraum von zehn Jahren in die Netze geflossen ist. Geplant sind unter anderem der Neubau von rund 120 Umspannwerken und 1.000 Kilometer Hochspannungsleitungen, 9.000 Kilometer neue Mittel- und Niederspannungskabel sowie rund 7.000 weitere Ortsnetzstationen.
ne: Können flexible Netzanschlüsse die Anschlusszeiten tatsächlich verkürzen?
Struck: Die FCA sind vom Grundsatz ein Mittel, um Netzanschlüsse schneller herzustellen und das bestehende Netz besser auszulasten. Aufgrund der individuellen Situation bei praktisch jedem Anschluss, kann man hier aber keine pauschale Aussage treffen.
ne: Wie bewerten Sie die geplante Regelung zu kapazitätslimitierten Netzgebieten? Ist das aus Ihrer Sicht ein gutes Instrument?
Struck: Der Redispatch-Vorbehalt wird im Referentenentwurf richtigerweise als das zentrale Steuerungsinstrument gesetzt, um die Effizienz des Gesamtsystems gegenüber dem Status Quo zu verbessern. Er sollte in seiner Steuerungswirkung nicht durch falsch gesetzte Parameter entkernt werden. Die vorgesehene Ausweisungsschwelle von mehr als fünf Prozent ist bereits eine erhebliche Abschwächung der Lenkungswirkung gegenüber der ursprünglich diskutierten Schwelle von drei Prozent.
ne: Anhand welcher Kriterien definieren Sie kapazitätslimitierte Netzgebiete? Und sehen Sie die Gefahr rechtlicher Auseinandersetzungen bezüglich der Einstufung mit Anlagenbetreibern?
ne: Zur Diskussion steht, Erzeugungsanlagen über Baukostenzuschüsse stärker an Netzausbaukosten zu beteiligen. Wie bewerten Sie diesen Ansatz?
Struck: Baukostenzuschüsse für Einspeiser können einen Beitrag zu einem sparsameren Umgang mit knapper Netzkapazität leisten. Sie ersetzen aber keinesfalls Instrumente wie den Redispatch-Vorbehalt. Baukostenzuschüsse sind damit nur ein flankierendes Instrument. Sie sind jedoch in ihrer Umsetzung hoch komplex und müssen daher koordiniert in einem Gesamtkonzept etabliert werden, um zusätzlichen Systemnutzen zu schaffen. Erforderlich sind eine klare Abgrenzung der erfassten Kosten, eine Regionalisierung nur auf Basis transparenter und bundesweit einheitlicher Parameter, die Vermeidung von Doppelbelastungen sowie ausreichende Übergangsfristen für bereits weit entwickelte Projekte.
ne: Die Reformen setzen voraus, dass Netzbetreiber deutlich mehr Daten sammeln, verarbeiten und kommunizieren und Netzkapazitäten aktiv verwalten können. Wie weit sind die deutschen Verteilnetzbetreiber auf diesem Weg?
Struck: Wir können nur für unser Unternehmen sprechen: Die Digitalisierung hat für uns seit vielen Jahren einen sehr hohen Stellenwert, und wir sind auch nach Auswertungen der Bundesnetzagentur auf einem sehr guten Weg: SH Netz treibt den Einsatz modernster Technologien voran und nutzt die maximalen Kapazitäten im 110.000-Voltnetz durch das innovative Auslastungsmonitoring, unter anderem um Speicher schneller anzuschließen. Hinzu kommt das Freileitungs- und Kabelmonitoring, mit dem bereits bestehende Leitungen mehr Strom transportieren können. SH Netz hat außerdem bereits 3.000 digitalen Ortsnetzstationen errichtet und wird diese Zahl kontinuierlich weiter erhöhen, um das Netz besser steuern und Schwankungen ausgleichen zu können. Und es werden zusätzlich zu den bislang rund 500.000 eingebauten moderne Messsystemen und intelligenten Stromzählern verstärkt weitere moderne Zähler eingebaut, um Verbrauch und -erzeugung besser in Einklang zu bringen. Die Digitalisierung ist für uns kein Selbstzweck. Sie schafft die Voraussetzung dafür, deutlich mehr Erneuerbare-Energien-Anlagen, Speicher und flexible Verbraucher in das bestehende Netz zu integrieren, ohne Versorgungssicherheit und Netzstabilität zu gefährden.
ne: Werden die Reformen den Ausbau von Photovoltaik und Windenergie beschleunigen oder eher bremsen?
ne: Wie bereiten Sie sich auf die weitere Energiewende vor?
Struck: Schleswig-Holstein ist schon heute ein Musterland der Energiewende. Es kann den eigenen Strombedarf zu rund 75 Prozent der Stunden eines Jahres komplett aus erneuerbaren Energien decken. Außerdem wird über das ganze Jahr hier bilanziell mehr als doppelt so viel Grünstrom erzeugt, wie verbraucht. Daher exportiert Schleswig-Holstein sehr viel Grünstrom – 2025 war es der Jahresbedarf von rund 3,5 Millionen Haushalten. Kein anderes Bundesland hat einen so hohen Selbstversorgungsgrad mit grünem Strom. Diese Entwicklung in Schleswig-Holstein wurde unter anderem deshalb möglich, weil SH Netz in den letzten 40 Jahren mehr als 120.000 Erneuerbare-Energien-Anlagen mit einer installierten Leistung von rund 14.000 Megawatt (MW) sowie rund 50.000 Batteriespeicher mit einer Leistung von 500 MW ans Stromnetz angeschlossen hat. Hierzu hat SH Netz allein in den letzten acht Jahren seine Mitarbeiterzahl um über 60 Prozent erhöht (plus 800) und die jährlichen Ausgaben für Netzausbau und Instandhaltung von 200 auf über 400 Millionen Euro pro Jahr gesteigert.