Klimapolitik in Sachsen-Anhalt

Bürger investieren in Windkraft – doch die politische Zukunft ist ungewiss

Der Ökostrom-Ausbau lief in Sachsen-Anhalt zuletzt gut. Sorgen bereitet die Politik der Bundesregierung – und vor allem die Landtagswahl im September.
17.06.2026 | 4 Min.
Erschienen in: Ausgabe 06/2026
Erneuerbar: Bisher läuft der Ausbau von Wind-und Solarenergie in Sachsen-Anhalt gut.
Erneuerbar: Bisher läuft der Ausbau von Wind-und Solarenergie in Sachsen-Anhalt gut.
Foto: AdobeStock

Seit Anfang Mai geistert eine Zahl durchs Land: 41 Prozent. So würde laut einer Umfrage die AfD aktuell in Sachsen-Anhalt abschneiden, wo im September Wahlen anstehen. Die Partei, deren Landesverband der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft, wäre nur ein paar Prozentpunkte davon entfernt, die Landesregierung zu übernehmen. Der amtierende Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) hat dieses Szenario als „absolute Katastrophe“ bezeichnet. Das würde aller Voraussicht nach auch für die Energiewende in Sachsen-Anhalt gelten.

Die läuft gerade eigentlich ganz gut. Beim Solarausbau konnte Energieminister Armin Willingmann (SPD) im Januar einen Rekord vermelden: fast ein Gigawatt (GW) im Jahr 2025. Die Windenergie-Leistung, die zwischen 2018 und 2023 weitgehend stagniert hatte, stieg um knapp 270 Megawatt. Damit belegte Sachsen-Anhalt unter den Bundesländern jeweils Platz fünf. Bis 2028 sind laut Willingmann Windparks mit weiteren knapp 1,9 GW in der Entwicklung. Einer davon soll im kommenden Jahr am Rand von Magdeburg entstehen, nahe der Autobahn A 14. An den drei geplanten Anlagen ist zu einem Drittel die ortsansässige Genossenschaft Helionat beteiligt, die bereits einige Solaranlagen betreibt. 1,17 Millionen Euro will die Genossenschaft an Eigenkapital für ihr Windrad einsammeln. Mehr als die Hälfte war Ende April geschafft. „Ich muss schon sagen, dass ich großen Respekt davor hatte“, sagt Vorstand Martin Hoffmann im Gespräch. Jetzt sei er „ein Stück weit euphorisiert, dass es so gut klappt“.

Neues Beteiligungsgesetz für mehr Beteiligung vor Ort

Zunächst hätten vor allem Menschen aus Magdeburg Anteile gezeichnet, Helionat will aber „auch den ländlichen Raum mitnehmen“ und in den angrenzenden Gemeinden Hohe Börde und Wanzleben dafür werben. Im Anschluss sieht der Plan vor, die Zeichnung von mehreren Anteilen für Nicht-Ansässige zu öffnen. „Wir werden dieses Bürgerwindrad auf jeden Fall an den Start bringen“, sagt Hoffmann. Bis zum Redaktionsschluss Mitte Mai stieg die gezeichnete Summe auf knapp 850.000 Euro.

Damit auch Kommunen stärker von den Einnahmen aus Wind- und Solarparks profitieren, gilt in Sachsen-Anhalt seit vergangenem Oktober ein Beteiligungsgesetz. Es schreibt vor, dass 0,3 Cent je erzeugter Kilowattstunde an die örtlichen Gemeinden fließen, mindestens aber 5500 Euro je Megawatt Leistung bei Windrädern, 2500 Euro bei Freiflächensolaranlagen. Im Bundesrecht ist eine solche Zahlung freiwillig, viele Länder haben daher eigene Gesetze beschlossen. Sie sollen die Akzeptanz erhöhen und so den weiteren Ausbau sicherstellen.

Ausbau gerät mehrfach unter Druck

Der Ausbau gerät in Sachsen-Anhalt nun jedoch gleich aus zwei Richtungen unter Druck. Zum einen durch die Bundesregierung: Energieministerin Katherina Reiche will einen „Redispatch-Vorbehalt“ für Gebiete durchsetzen, in denen aufgrund fehlender Stromnetze häufig Ökostromanlagen abgeschaltet werden müssen. Anlagen, die dort ans Netz gehen, müssten auf ihre Entschädigungen verzichten und wären damit weniger wirtschaftlich. Die Beratungsfirma Enervis hat für den Ökostromanbieter Green Planet Energy mögliche Folgen untersucht. Ergebnis: Ein Viertel bis ein Drittel der demnächst geplanten Wind- und Solarprojekte seien gefährdet. Unter den besonders betroffenen Regionen wäre auch der Norden Sachsen-Anhalts.

Die Grünen im Landtag forderten daraufhin von Ministerpräsident Schulze, den Ausbau gegen seine Parteikollegin zu verteidigen. Der tat das Gegenteil: Reiche genieße seine „volle Unterstützung“, sagte Schulze im ARD-Interview. Unsicherheit beim Erneuerbaren-Ausbau zu verbreiten, sei „ein schwerer Fehler“, kritisierte dagegen der zuständige Minister Willingmann, der für die SPD als Spitzenkandidat antritt. Stattdessen solle sich Reiche auf den Netzausbau konzentrieren.

AfD-Absage an Erneuerbare

Es ist punktuell schwieriger geworden, in den Gemeinderäten das Thema Erneuerbare zu behandeln." Martin Hoffmann, Genossenschaft Helionat
Zum anderen ist da eben die Aussicht auf eine mögliche AfD-Alleinregierung. Für Klimaschutz und Energiewende ist das Wahlprogramm der Rechtsextremen eine einzige Absage. Es enthält – neben vielem, das über Landesrecht weit hinausreicht – unter anderem ein Windkraftmoratorium. Die AfD will die Landesenergieagentur schließen, das Beteiligungsgesetz wieder abschaffen, Anti-Erneuerbaren-Initiativen und Klimawandelleugner unterstützen. Die letzten Urnengänge in Sachsen-Anhalt hat sie gewonnen, 2025 die Bundestagswahl mit 37 Prozent, 2024 die Kommunalwahlen mit 28 Prozent. Der gestiegene AfD-Einfluss in den Gemeinden gehe allerdings nicht einher mit einer durchgehenden Blockade von Ökostrom-Projekten, beobachtet Helionat-Vorstand Hoffmann, der hauptberuflich als Referent für die SPD-Fraktion im Landtag arbeitet. „Ich nehme wahr, dass es punktuell schwieriger geworden ist, in den Gemeinderäten das Thema Erneuerbare zu behandeln. Das ist aber nicht durchweg so.“

Aus seiner Sicht spielen Bürgerenergie und Beteiligungsgesetz eine große Rolle. Viele Kommunen in Sachsen-Anhalt könnten die Einnahmen gut gebrauchen. „Und wenn ich weiß, dass Bürgerinnen und Bürger meiner Gemeinde von einer PV-Anlage oder einem Windrad profitieren, kann ich mir weniger erlauben, die ganze Zeit nur dagegen zu wettern.“

Passende Termine

Kommentar verfassen

Kommentare werden vor der Freischaltung zunächst gesichtet. Das kann unter Umständen etwas Zeit in Anspruch nehmen.

*Pflichtfelder

Bitte berücksichtigen Sie vor dem Kommentieren unsere Community-Richtlinien und unsere Datenschutzerklärung.


Captcha Image
=
Erneuerbar: Bisher läuft der Ausbau von Wind-und Solarenergie in Sachsen-Anhalt gut.
Foto: AdobeStock