Die Erneuerbaren-Branche ist in der Metropolregion Hamburg längst zu einem relevanten Wirtschaftsfaktor geworden – und entwickelt sich deutlich dynamischer als die Gesamtwirtschaft. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Studie „Erneuerbare Energien und klimaneutrale Energieversorgung“, die Prognos gemeinsam mit cruh21 im Auftrag des Clusters Erneuerbare Energien Hamburg (EEHH) erstellt hat.
Für das Jahr 2025 weist die Untersuchung rund 30.800 Beschäftigte und eine Bruttowertschöpfung von rund 5,3 Milliarden Euro aus, die auf die Erneuerbaren in Hamburg und Umgebung zurückzuführen sind. Die zugrundeliegende Berechnung ist dabei eher konservativ: Erfasst werden vor allem direkt zurechenbare Aktivitäten; indirekte und induzierte Effekte entlang der Wertschöpfungsketten bleiben unberücksichtigt. Die tatsächliche wirtschaftliche Bedeutung dürfte daher sogar noch höher liegen.
Beschäftigung wächst viermal so schnell wie die Gesamtwirtschaft
Noch stärker wuchs die Bruttowertschöpfung in der Metropolregion Hamburg: Sie stieg von rund einer Milliarde Euro im Jahr 2010 auf knapp 5,3 Milliarden Euro im Jahr 2025. Das entspricht einer durchschnittlichen nominalen Wachstumsrate von 11,7 Prozent pro Jahr. Erneuerbare Energien sind damit nicht nur Teil der ökologischen Transformation, sondern auch ein stabilisierender Faktor in einem wirtschaftlich unsicheren Umfeld. „Die Studie macht deutlich, dass die Metropolregion Hamburg heute zu den dynamischsten Standorten der Energiewende in Deutschland gehört“, sagt Prognos-Studienautorin Katharina Wilkskamp.
Dienstleistungen für Windenergie mit stärkstem Wachstum
Daneben gewinnt die Systemseite der Energiewende an Gewicht. Für intelligente Energiesysteme und -netze weist die EEHH-Studie 8.500 Beschäftigte und eine Bruttowertschöpfung von rund zwei Milliarden Euro aus. Damit liegt dieses Segment bei der Wertschöpfung sogar vor der Windenergie mit knapp 1,8 Milliarden Euro. Die politische Einordnung fällt entsprechend eindeutig aus: „Die Energiewende ist längst auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor“, sagt Hamburgs Wirtschaftssenatorin Melanie Leonhard. „Gerade bei erneuerbaren Energien und Wasserstoff haben wir im Norden große Stärken entwickelt. Diese wollen wir nutzen, um Wertschöpfung und Arbeitsplätze zu sichern und neue Chancen zu schaffen.“
Standortvorteile treffen auf Umsetzungsengpässe in Hamburg
Die Studie kombiniert die statistische Auswertung mit einer Befragung von 196 Organisationen sowie Interviews und Workshops mit Akteuren aus Wirtschaft, Wissenschaft, Finanzierung und Clusterumfeld. Das Ergebnis ist ein differenziertes Bild: Die Metropolregion Hamburg verfügt über eine starke Forschungslandschaft, industrielle Erfahrung, einen international ausgerichteten Hafen und ein dichtes Netzwerk relevanter Akteure.
Gleichzeitig gibt es gewichtige Bremsfaktoren: Mehr als 50 Prozent der befragten Organisationen bewerten die Geschwindigkeit von Genehmigungsprozessen als sehr wichtig. Positiv beurteilen diesen Standortfaktor jedoch weniger als 15 Prozent. Eine ähnliche Lücke zeigt sich beim Netzausbau: Er wird von mehr als der Hälfte der Befragten als wichtig oder sehr wichtig eingestuft, aber nur von weniger als 20 Prozent als gut bewertet.
Fachkräftebedarf und Transfer von Forschungsergebnissen sind offene Punkte
Die Fachkräftebasis wird insgesamt besser eingeschätzt. Über 80 Prozent halten die Verfügbarkeit von Fachkräften für wichtig oder sehr wichtig; rund die Hälfte bewertet die Situation in der Region als gut oder sehr gut. Die qualitativen Interviews zeigen allerdings, dass vor allem technisch-handwerkliche Fachkräfte knapp sind. Der Engpass betrifft damit weniger die Attraktivität Hamburgs als die Geschwindigkeit, mit der Ausbildung, Rekrutierung und Wissenstransfer auf den wachsenden Bedarf reagieren können.
Auch der Transfer aus der Forschung in die Anwendung bleibt ein offener Punkt. Zwar konnten Wissenschaftseinrichtungen der Metropolregion zwischen 2021 und 2025 rund 294,5 Millionen Euro an Bundesmitteln für Projekte zu erneuerbaren Energien und klimaneutraler Energieversorgung einwerben. Auf Unternehmen entfielen davon jedoch nur 53,1 Millionen Euro beziehungsweise 18 Prozent. Die Studie sieht deshalb weiteres Potenzial darin, Forschungsergebnisse schneller in marktfähige Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle zu überführen.
Wasserstoff: viele Projekte, aber noch kein selbsttragender Markt
„Der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft ist eine zentrale Voraussetzung für die Dekarbonisierung der energieintensiven Industrie, sowie Schifffahrt, Luftfahrt und Langstrecken-Logistik“, beschreibt EEHH-Studienautor Martin Wilferth die Perspektive. „Mit etwa 50 Projekten verfügt die Metropolregion bereits heute über ein breit gefächertes und dynamisches Wasserstoff-Ökosystem. Hamburg hat das Potenzial, sich als bedeutender Knotenpunkt für Produktion, Import und Verteilung von Wasserstoff und wasserstoffbasierten Energieträgern in Nordeuropa zu etablieren.“ Der Hamburger Hafen spiele dabei eine Schlüsselrolle. Doch der Markthochlauf steckt noch in einer frühen Phase und ohne langfristig abgesicherte Abnahmeverträge bleiben Investitionen in Wasserstoffprojekte riskant.
Vom Technologie- zum Integrationsstandort
Für die kommende Phase ergeben sich daraus klare Prioritäten: Genehmigungs- und Infrastrukturengpässe müssen abgebaut, Investitionsbedingungen verlässlicher und Forschungsergebnisse schneller in die Anwendung gebracht werden. Zugleich braucht es mehr Schnittstellen zwischen Start-ups, Industrie, Kapitalgebern und Wissenschaft. Das Cluster kann dabei als Moderator und Übersetzer zwischen den Akteursgruppen wirken.