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Energiepolitik

Energiewende als Sicherheitsfrage: „Wir dürfen nicht wieder einschlafen“

Erneuerbare Energien sind weit mehr als Klimaschutz: Sie sichern Unabhängigkeit und Stabilität. Stephan Frense von Arge Netz warnt vor politischem Zögern und fordert klare Schritte bei Netzen, Bürgerenergie und Stromnutzung – in Schleswig-Holstein und im Bund.
Interview: Nadine Fischer
24.03.2026 | 5 Min.
Bewertet die aktuelle Energiepolitik: Stephan Frense, CEO von Arge Netz.
Bewertet die aktuelle Energiepolitik: Stephan Frense, CEO von Arge Netz.
Foto: Storyfischer

neue energie: Wie ordnen Sie als eine der führenden Erneuerbaren-Unternehmensgruppe in Deutschland die grundsätzliche Lage ein?

Stephan Frense: Im Jahr des russischen Angriffskriegs sind viele aufgewacht und haben in den Erneuerbaren Freiheit und Unabhängigkeit erkannt. Leider sind dann viele wieder eingeschlafen. Vor dem Hintergrund der geopolitischen Lage und der systemischen Abhängigkeit von fossilen Energieträgern ist der Ausbau Erneuerbarer Energien in Deutschland und Europa von strategischer Bedeutung und weit mehr als ein Beitrag zum Klimaschutz. Wir müssen es immer wieder und noch deutlicher betonen: Erneuerbare reduzieren außenwirtschaftliche Abhängigkeiten, stärken die Versorgungssicherheit und Krisenfestigkeit in Schleswig-Holstein, Deutschland und der Welt.

ne: Schleswig-Holstein plant das „Klimaneutralitätsnetz“. Welche Chancen bietet dieses Konzept für die Bürgerenergie – und wie kann es den Windstrom besser ins Netz bringen?

Frense: Wir sehen Klimaneutralitätsnetze kritisch. Die Diskussion darüber ist angestoßen worden, um „Schlimmeres“ aus Berlin zu verhindern, allein es hat nichts genützt, und hat eher dazu geführt, dass die regional geprägte Energietransformation zu einem ersten Wahlkampfthema zu verkommen drohte. Das hätte insbesondere die Bürgerenergie gefährdet. Dabei zeigt ein Abgleich der Handelsregisterauszüge aus Schleswig-Holstein und den Nachbarländern, den die Unternehmensgruppe Arge Netz vorgenommen hat: Hier gibt es bundesweit die höchste Beteiligungskultur an Energieprojekten. Diese Struktur hat die Energiewende hier überhaupt erst möglich gemacht. Die Diskussion um Klimaneutralitätsgebiete hat diese Erfolgsgeschichte allerdings eher irritiert als gestärkt. Stattdessen braucht es die Beschleunigung und Optimierung der Netze, eine konsequente Umsetzung einer Flexibilisierungsagenda und den nächsten Schritt der Bürgerbeteiligung: Energy SharingDie gemeinschaftliche Erzeugung und Nutzung erneuerbarer Energien durch einen lokalen oder regionalen Zusammenschluss, der dafür das öffentliche Netz verwenden kann.. Bürgerinnen und Bürger sollten lokal erzeugten Strom direkt nutzen können – in regionalen Stromgemeinschaften, über kommunale Energiepools oder in Modellregionen für Energy SharingDie gemeinschaftliche Erzeugung und Nutzung erneuerbarer Energien durch einen lokalen oder regionalen Zusammenschluss, der dafür das öffentliche Netz verwenden kann.. Konkrete Vorschläge dazu wurden von uns gemacht, es fehlen bislang sowohl von Kiel als auch von Berlin die Antworten darauf. Wenn die Politik hier weiter zögert, wird die Branche – mal wieder – erneut selbst vorangehen müssen.

ne: Netze bleiben ein zentrales Thema für den Windkraftausbau. Wie erleben Ihre Mitgliedsgesellschaften derzeit die Situation beim Netz- und Anschlussmanagement – und wo sehen Sie die größten Hindernisse für einen reibungslosen Ausbau?

Frense: Zunächst muss man festhalten: Die Abregelungsmengen an Land sind massiv zurückgegangen. Das NOVA-Prinzip – also Netzoptimierung vor Ausbau – hat Wirkung gezeigt, und auch der Netzausbau ist spürbar vorangekommen. Der in Schleswig-Holstein erzeugte Strom kann heute deutlich besser eingespeist werden. Gleichzeitig sehen wir neue Herausforderungen. Auf der Übertragungsnetzebene wird zunehmend Offshore-Strom abgeregelt. Das fällt uns allen auf die Füße und treibt nun Debatten über Anschlussbegrenzungen an.

Umso wichtiger ist, dass der Redispatch-Vorbehalt endgültig vom Tisch kommt. Der Netzausbau ist über viele Jahre schlicht zu langsam verlaufen und die Digitalisierung wurde verschlafen – diese Verantwortung kann man nicht nachträglich auf die Erzeuger abwälzen. Sie gehört dorthin, wo sie hingehört: zu den Netzbetreibern. 

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Phantomreservierungen bei Batteriespeichern. Wenn in den letzten Jahren mehr als 80 Prozent der Netzanschlussbegehren nie realisiert werden, blockiert das reale Projekte mittelständischer Unternehmen. Speicherprojekte entstehen im EEG-freien Raum und erfordern erhebliche Vorleistungen. 

Umso irritierender ist es, wenn gleichzeitig über die rückwirkende Aufhebung der Netzentgeltbefreiung diskutiert wird. Hier hat die Bundesnetzagentur einen Vorschlag gemacht, den wir schlicht als Nonsens bezeichnen. Wer nachträglich in Wirtschaftlichkeitsbetrachtung von Projekten hineinpfuscht, gefährdet reale Investitionen und damit regionale Wertschöpfung. Das müsste auch der BNetzA klar sein.

ne: Flexible Netzanschlussvereinbarungen (FCA) – helfen sie den Projekten oder bringen sie Unsicherheit?

Der gesicherte Netzanschluss mit vollem Einspeiserecht ist die Grundlage jeder Investitionsentscheidung."
Frense: FCAs sehen wir zunächst kritisch, vor allem bei einseitiger Auslegung durch die Netzbetreiber. Für Projektierer und Betreiber ist der gesicherte Netzanschluss mit vollem Einspeiserecht die Grundlage jeder Investitionsentscheidung. Darauf bauen Finanzierungen und Geschäftsmodelle auf. Wenn dieses Einspeiserecht durch verpflichtende Kapazitätsbegrenzungen oder dauerhafte Redispatch-Risiken relativiert wird, entstehen unkalkulierbare Erlösrisiken. Projekte werden dann schlicht nicht mehr bankfähig.

Hinzu kommt: FCAs lösen kein strukturelles Netzproblem. Sie adressieren weder Genehmigungsdauern noch fehlende Digitalisierung oder Investitionshemmnisse im Netz. Stattdessen verschieben sie die Folgen eines zu langsamen Netzausbaus einseitig auf die Erzeuger. Sinnvoller wären marktwirtschaftliche Instrumente wie dynamische Netzentgelte, die gezielt Anreize für systemdienlichen Verbrauch setzen. Modellregionen könnten hier als Reallabore dienen und im Kleinen das „ausprobieren“, was dann im Großen ausgerollt werden soll. Die Erfahrungen aus NEW 4.0 haben bereits gezeigt, dass hier massives Flexibilisierungspotenzial liegt. Wir sind dazu bereits mit konkreten Vorschlägen mit der Politik im Austausch.

ne: Windstrom aus Schleswig-Holstein wird zunehmend zum Standortfaktor. Wie stärkt er Wirtschaft und Gemeinden vor Ort?

Frense: Windstrom ist längst ein handfester Standortvorteil für Schleswig-Holstein. Unternehmen orientieren sich zunehmend an Regionen, in denen erneuerbare Energie zuverlässig und wettbewerbsfähig verfügbar ist. Mit einer Vereinfachung der Direktbelieferung könnte die Politik diesen Standortvorteil für die Unternehmen noch stärker nutzbar machen. Noch wichtiger ist jedoch, dass die Wertschöpfung im Land bleibt.

Gerade haben wir neue Zahlen zur Gewerbesteuer aus der erneuerbaren Stromproduktion in Schleswig-Holstein veröffentlicht. Sie zeigen, dass die Branche weiterhin enorme Summen – zuletzt wieder rund 120 Millionen Euro pro Jahr – in die kommunalen Haushalte bringt. Über den kommunalen Finanzausgleich profitieren davon sogar Gemeinden, in denen selbst keine Anlagen stehen.

Hinzu kommt die kommunale Beteiligung nach § 6 EEG. Auch hier steigen die Auszahlungssummen deutlich. Wir erwarten inzwischen einen guten achtstelligen Betrag, der direkt in den Gemeinden ankommt. Damit werden Investitionen vor Ort möglich – von Infrastruktur über öffentliche Einrichtungen bis hin zu Projekten, die die Lebensqualität in ländlichen Räumen spürbar verbessern. In Kürze werden wir die jüngsten Zahlen zu § 6 EEG in Schleswig-Holstein veröffentlichen.

ne: 2026 stehen wichtige Entscheidungen zu EEG, Strommarktdesign und Netzausbau an. Welche Rolle spielen mittelständische und bürgernahe Projekte?

Frense: Wenn die Energiewende funktionieren soll, müssen Mittelstand und Bürgerenergie weiter das Rückgrat bleiben. Große Konzerne allein werden die Transformation nicht stemmen, sie brauchen die Projekte vor Ort. 

Gleichzeitig müssen wir den Blick erweitern: Schleswig-Holstein produziert enorme Mengen Strom. Der nächste Schritt ist deshalb nicht nur mehr Ausbau, sondern mehr Nutzung. Genau daran arbeitet die Arge Netz Gruppe bereits. Gemeinsam mit Partnern werden wir Projekte umsetzen, um den Windstrom aus Schleswig-Holstein verstärkt in der Wärmeerzeugung einzusetzen. Das bringt zwei Vorteile: Erstens sinken Abregelungen. Zweitens bleibt mehr Wertschöpfung im Land. Die nächste Phase der Energietransformation entscheidet sich daran, ob wir den erneuerbaren Strom intelligent nutzen – nicht nur daran, wie viele Anlagen wir bauen.

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