Atomkraft

Wir bauen uns ein Atomkraftwerk: Sind Small Modular Reactors wirklich die Zukunft der Energie?

Small Modular Reactors (SMR) werden als neue, kleinere Generation von Kernkraftwerken diskutiert, die angeblich flexibler und schneller einsetzbar sein sollen. In der Praxis stehen ihnen jedoch hohe Kosten, ungelöste Entsorgungsfragen und erhebliche Sicherheits- und Skalierungsprobleme gegenüber.
Gastkommentar*: Walter Delabar
28.04.2026 | 7 Min.
Unter Volldampf: Kühltürme eines AKW.
Unter Volldampf: Kühltürme eines AKW.
Foto: Markus Distelrath / Pixabay

Weihnachten bei Hoppenstedts

Da geht Opa Hoppenstedt (gespielt von einem gewissen Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow prunkt Wikipedia, oder auch genannt Loriot) zu Weihnachten in den Spielwarenladen, um ein „anständiges“ Spielzeug für seinen Enkel Dicki zu kaufen. Nachdem er herausgefunden hat, dass Dicki wohl ein Zipfelchen hat, verlangt er Spielzeug mit ein bisschen Wumms. Was ihm von der kompetenten Verkaufskraft (vorgestellt von Evelyn Hamann) auch sogleich angeboten wird: „Hier haben wir ein neuartiges Spiel für Jungen und Mädchen im Alter von fünf bis zehn Jahren. Das wird sehr gern genommen. Wir bauen uns ein Atomkraftwerk. Da haben die Kinder viel Spaß dran und die Eltern. Es ist wirklich etwas für die ganze Familie.“

Ist es in der Tat. Aber es geht noch weiter (in der Fassung von 1997, ursprünglich wurde die Loriotfolge schon 1977 gesendet, das merkt man): „Und wenn man einen Fehler macht, dann gibt es eine kleine Explosion. Natürlich nicht richtig. Es ist ja für Kinder. Aber es macht puff und die Kühe fallen um und die kleinen Häuser und Bäume. Da ist dann immer ein großes Hallo.“

Und siehe da, Eltern und Dicki machen einen Fehler und es macht puff, nur ein bisschen, großes Hallo gibts auch, zumal es reicht, um den Nachbarn im Stockwerk drunter persönlich einen kleinen Weihnachtsgruß zu senden: „Familie Hoppenstedt wünscht frohe Weihnachten.“ Heinz Meier als Walter Hoppenstedt grüßt im Namen der ganzen Familie.

Das waren noch Zeiten und lange her. Aber war da nicht was mit der Wiederkehr des Immergleichen? Mal sehen also, was an Hoppenstedts Statt sich deutsche Energiepolitik wieder ausgedacht hat, mit ein bisschen Wumms hoffentlich.

Weihnachten im deutschen Lande

Neue Zeiten, neue Regierungen, neue Spielzeuge für Hoppenstedts und Konsorten (deren Dicki fehlts an nichts, nicht mal an Zucht und Ordnung): Und da einem nichts Besseres einfällt, wenn‘s ums Thema geht, gibt’s ein neues Spielzeug, hübsch klein, passt überall hin und macht bestimmt auch nur einen klitzekleinen Wumms, wenn überhaupt. Das ist dann immer ein großes Hallo.

Denn wie wir alle wissen, sind Erneuerbare Energien schön und gut (und sogar billig), stehen aber nicht immer parat (und machen auch weniger Wumms). Ich würde z. B. gern die Geschirrspülmaschine anschmeißen und noch ‘ne Wäsche machen oben drauf, aber es regnet vom Himmel herab und die Solaranlage auf‘m Dach bringt grad mal 200 Watt, und das reicht vorne und hinten nicht, also warte ich.

Erneuerbare Energien sind schön und gut (und sogar billig), stehen aber nicht immer parat (und machen auch weniger Wumms)"

Was in einigen Fällen nicht wirklich geht – Krankenhäuser, Fabriken, Leben halt insgesamt –, also muss man halt irgendwoher Strom bekommen, entweder durch Kraftwerke, die schnell reagieren können, oder durch Speicher, die überschüssige Energie vorhalten, die dann nach Notwendigkeit abgerufen wird. (Kern-) Kraftwerke im Übrigen, die Grundlast bereitstellen, eignen sich dafür nicht, weil sie sich dadurch ja auszeichnen, dass sie immer fleißig vor sich hintuckern und nicht mal eben Strom liefern, wenn er mal schnell gebraucht wird. 

Wasserstoff war da die Idee der Ampel, die ja von Seiten der Christdemokratie in Grund und Boden polemisiert worden ist, aber das braucht Zeit. Und wie Speicher ist das Potenzial von Wasserstoff als Hilfe in der Stromnot über ein paar Jahrzehnte wohl ein bisschen verbaselt worden. Da kann man dann schimpfen, dass man sowas wie Erneuerbare nicht anfängt, wenn man nicht zugleich Vorsorge trifft, deren schwache Seiten zu kompensieren. Aber so funktioniert unsere Welt nicht. Da geht’s immer nur von einem brennenden Dornbusch zum nächsten. 

Und so ein Prinzip zaubert dann Lösungen aus dem Hut: Siehe da, der Berg kreißt und gebiert ein Atomkraftwerk, wenn auch nur ein kleines, genauer gesagt, ein paar kleine.

Small is beautiful

Soll wohl heißen, was die Franzosen können (Atomkraftwerke betreiben und das als saubere Energie verkaufen), das können wir auch. Und da wir pfiffig und die großen Meiler ja alle halbwegs demontiert sind (selbst ehemalige KKW-Lobbyisten wollen die Abrissruinen, die sie heute sind, nicht wieder in Betrieb nehmen, viel zu teuer, viel zu riskant), denken wir uns so eine Art Smart Meiler aus. Klein ist er auch noch und quasi über Nacht gebaut und besonders sicher: Small Modular Reactor (SMR) heißt so ein Gerät dann und hat eine süße Leistung von maximal 300 Megawatt. Konventionelle Reaktoren haben zwischen 700 und 1.400 Megawatt. Diese Reaktoren sollen dann in Serie und modular gefertigt (quasi wie ein Fertighaus) und damit viel billiger gebaut werden können als konventionelle Atomkraftwerke. Außerdem wären solche kleinen Kraftwerke einfacher und damit billiger zu sichern. Eine Havarie wäre also auszuschließen – versprochen (Indianerehrenwort hat man da früher gegeben). Damit könnte man die Kleinkraftwerke auch näher an ein paar Großstädte rücken … (Berliner Blase), was Kosten weiter senken würde. Dass die Kleinmeiler ein bisschen mehr Abfall produzieren im Vergleich zu ihrer Leistung als größere Kraftwerke, den man die paar Millionen Jahre lagern muss, bis er nicht mehr gefährlich ist, ist eine Petitesse. Kleiner Wermutstropfen in die Weihnachtsbowle: Bis die laufen (irgendwann in den 2030ern), ist das Endlager bestimmt da, bestimmt. 

Nur blöd, dass man 50 bis 100 solcher Smart Meiler braucht, um einigermaßen zur bundesdeutschen Stromversorgung beizutragen, schön über die Republik verteilt, immer in der Nähe von vielen Leuten, weil man sich ja sonst nichts gönnt. Aber immerhin hätte man da immer und zuverlässig Strom, der keine CO2-Emissionen aufweist (was das Problem der Verbrauchsspitzen oder Produktionslücken immer noch nicht löst, aber wir wollen nicht kleinlich sein). Und das ließe man sich was kosten. Die „Tagesschau“ (das ist das, was man früher jeden Abend um acht sehen musste) kommt immerhin auf Stromkosten von 18 bis 50 Cent pro kWh, also deutlich mehr als bei den Erneuerbaren, die derzeit mit 5 bis 11 Cent auskommen müssen.

Bis die laufen (irgendwann in den 2030ern), ist das Endlager bestimmt da, bestimmt."

Sicher, die Netzbetreiber würde das freuen, weil sie dann mit vergleichsweise wenigen Betreibern und Kraftwerken rechnen müssten, statt mit tausenden kleinen Krautern, die von heut auf morgen ihr BKW, ihre Solaranlage oder ihr Windrädlein anschließen wollen, und zwar auch noch irgendwo, wo es ihnen am besten passt. Schöne alte Zeiten, in denen man immer top-down regeln konnte, mit den paar Großkraftwerken gut verteilt. Ach ja!

Und wer is‘ schuld?

Im Grunde genommen Helmut Kohl, was komisch ist, weil ja die Grünen eigentlich an allem schuld sind (O-Ton Professor Dr. Peter Graf Kielmansegg im September 2023 in der Frankfurter Allgemeinen). Nur in dem Fall eben nicht. Woran? Natürlich an dem ganzen Kram mit den Erneuerbaren. Warum Kohl 1991 das Stromeinspeisegesetz wenigstens zuließ und damit den Windparks auch noch eine Festvergütung schenkte, weiß heute keiner mehr. Hätte er gar nicht nötig gehabt, er hätte einfach nur weiter Kernkraftwerke bauen können. Aber wahrscheinlich hat er Angst vor den Grünen gehabt, oder so.

Ach ja, und selbstverständlich ist auch noch Angela Merkel schuld – die ist ja, neben den Grünen und anderen Weltverbesserern, sowieso an allem schuld. Weil sie Abendland, Sozialsystem und deutsche Leitkultur geschreddert habe, aber nicht mit den Erneuerbaren. 

Nur, bei denen hat sie auch was am Stecken: Kaum hat sie, die Frau Merkel, die Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke durchgesetzt, kommt ein Tsunami und lässt diesen blöden Reaktor in Fukushima hochgehen. Kriegt sie weiche Knie und setzt gleich noch das Ende der Kernenergie durch (Söder fand‘s wohl seinerzeit gut). 

Also ein strategischer Fehler nach dem anderen, und es muss eine Kommissionsvorsitzende des Jahres 2026 mit Namen Ursula von der Leyen daherkommen, um zu erkennen, dass das Ende der Kernenergie ein strategischer Fehler war (nachdem sie vorher noch einen Green Deal abgefeiert hat). Das freut Herrn Merz, an dessen zwischenzeitlichem Parteikarriereende Angela Merkel seinerzeit ja auch noch schuld war, eine weitere Kernschmelze gewissermaßen, und so fängt er an, von einer Renaissance der Kernenergie zu plaudern, also von einem anständigen Spielzeug. Und sein lieber Parteifreund Söder im fernen Bayern fällt ihm fast ins Wort und bietet sein schönes Bundesland gleich als Gastgeber für die neuen, niedlichen Minikraftwerke an, an denen sich dann wieder mal deutsche Ingenieurskunst beweisen kann (wenn‘s soweit ist). Also fast wie seinerzeit bei Hoppenstedts zu Weihnachten. Bis zum nächsten Wumms. Schöne Grüße an die Nachbarn.

Dieser Beitrag ist aus dem BWE-BetreiberBrief 2-2026. 

* An dieser Stelle lesen Sie einen Gastbeitrag, der nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wiedergibt. Für den Inhalt sind die jeweiligen Autoren verantwortlich.

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